Alekos Alavanos zu Krise und Politik in Griechenland

8. April 2012 / Aktualisiert: 13. August 2017 / Aufrufe: 1.383

Ich will Sie etwas fragen, das mich beschäftigt, und ich denke, dass es auch andere beschäftigt. Während des ganzen vorherigen Zeitraum entwickelten die Linke und viele andere Kräfte eine sehr intensive, sehr aggressive Rhetorik gegen das Memorandum und beteiligten sich an dieser gesellschaftlichen Konfrontation, andere begünstigten sie. Wir sahen aus dieser jedoch auch Kräfte aufsteigen, von denen wir bis vor kurzem annahmen, dass sie dem Rand angehören, nicht existieren, versteckt sind. Heute sind viele beunruhigt oder denken, dass die Linke emporsteigen mag, schneller steigen jedoch die Rechtsradikalen empor. Das wir Phänomene haben oder Dinge hören, die vor fünf Jahren niemand zu beschreiben wagte. Wie begegnen Sie der Bedrohung sowohl des Parlamentarismus als auch allgemein der Demokratie?

Dies ist ein ernstes Thema, welches Sie stellen, und deswegen glaube ich, dass die Rede der Linken, jedoch nicht nur der Linken, nicht nur die des Richters sein darf, also dass sie nicht nur Klagen erhebt und sich darauf beschränkt, die sehr schweren Anschuldigen zum Ausdruck zu bringen, welche bezüglich der Regierung Papandreou, die diese Dinge handhabte, und der heutigen Regierung, die diesen Kurs fortsetzt, tatsächlich existieren. Es ist ein großer Fehler, dass sie sich darauf beschränkt, nur weil dies bei der Bevölkerung auf Widerhall stößt, da in dem Garten, den Du umgräbst, sehr viele Dornen sprießen werden, wenn Du nicht auch die alternative Lösung bietest. Und das, was wir auch im Fall der Chrysi Avgi sehen, ist kein Zufall. Und ich würde Ihnen sagen, dass dies der sichtbare Teils des Eisbergs ist.

Es gibt etwas anderes, das mich sehr viel tiefer beunruhigt. Also, dass die Bürger, sogar auch manche, die sich der Linken zuwenden, von hier oder zu Kammenos gehen, von hier oder von dort, sie sind an einem solchen Punkt der Verzweiflung angelangt, sind bei einem solchen Grad der sich bei ihnen einstellenden Geringschätzung des Parlamentarismus angelangt … . Speziell die Jungen haben nicht die Erfahrung, die meine Generation aus Diktaturen usw. hat, und dir wird gesagt, „es wird jemand mit einer Faust benötigt, um Griechenland zu regieren“. Dies ist der Wurm, der die Basis des Parlamentarismus und der Demokratie zerfrisst, und deswegen glaube ich, dass Optionen benötigt werden, welche diesen Zustand – nennen wir es – des Leidens, der Armut und der Verelendung, den die Bürger im Land erleben, nicht verewigen, die eine Vision und ein Programm bieten, damit sich die Gesellschaft auf einer wieder demokratischen, jedoch radikalen Basis reorganisieren kann. Es ist eine große Gefahr.

Wir sehen sie, wir stellen sie fest …

Aber auch die Möglichkeit, ihr zu begegnen.

Voraussetzung ist die Begegnung auch der Linken, jedoch meine ich, auch eine integrativere und besser organisiert Diskussion mit allen politischen Kräften. Und das ist etwas, von dem ich nicht glauben kann, dass es nicht möglich ist.

Raum der Diskussion ist das Parlament.

Offensichtlich, jedoch das Ergebnis der Wahlen selbst kann die Basis und die Notwendigkeit einer solchen Diskussion schaffen.

Möglicherweise. Ich möchte jedoch zwei Dinge sagen. Grundsätzlich glaube ich, dass diese Degeneration der demokratischen Institutionen, die wir gesehen haben, diese Situation mit der Troika und mit Gesetzen geschaffen hat, als der Minister auftrat und dir sagte, „ich habe das (Memorandum) nicht einmal gelesen“, welches das Leben in Griechenland um 180 Grad wendete. Als in Wirklichkeit die Gesetze auf Englisch und nicht oder nur schlecht übersetzt passierten, wenn die elementaren parlamentarischen und grundgesetzlichen Verfahren missachtet werden, wird der Raum des Dialogs abgeschafft. Alle politischen Kräfte müssen sicherlich diskutieren, jedoch glaube ich heute, dass gegenüber einer Bereitschaft, die ich sehe und die ich auf menschlicher Basis verstehe, also wir alle zusammen ernsthaft die Zukunft unseres Vaterlandes sehen müssen, wie es früher eine Sippe getan hätte, die ein Problem im Dorf hatte. Sie hätten sich versammelt, sie hätten sich um einen Olivenbaum gestritten, wenn es jedoch im Dorf ein Problem gab, hätten sie sich alle zusammen gesetzt.

Trotz allem glaube ich, dass es heute nötig ist, das bestehende Dilemma in Klarheit zu gestalten. Ob wir auf diese Weise weitermachen, ob eine Möglichkeit in der Eurozone existiert, und in dieser Position sind leider auch die Kräfte der Linken beteiligt, die sagen „es gibt keine Möglichkeit, jedoch werden wir gut sein und alles tun“. Ich verstehe nicht, wie dies gehen wird. Entweder wir werden einen anderen Weg einschlagen, es mit möglichst breiten Kräfte versuchen, damit Griechenland auf den Füßen stehen bleibt, aber auch eine Vorlage für Europa wird. Ich glaube, dass wir einen anderen Weg im europäischen Raum zeigen können, weil wir Nachbarn sind, uns verbindet die Geschichte, uns verbindet die Geographie, Europa wird gemeinsam benötigt, aber auf Grundlagen, welche Maastricht und die Eurozone nicht bieten konnten.

Das Dilemma wird jedenfalls gestellt werden. Ich nehme an, von einer anderen Warte, aber es wird gestellt werden. Venizelos wird es stellen, Samaras wird es stellen.

Sie stellen es bereits ohne jegliche Differenzierung, weil sie sich auch Kräften zuwenden, welche sagen „ich bin zwar anderer Meinung, aber“, sie stellen ein Thema der Eurozone und versuchen, bei den Leuten eine Verängstigung zu schaffen. Ein Land, das aus der Krise heraus will, darf jedoch sein Volk nicht einschüchtern, es muss ihm die Möglichkeit geben, zu hören, man soll nicht versuchen, das von dem anderen Gewünschte in einen Nebel des Schreckens zu stellen und ihn wählen lassen.

Dies höre ich manchmal auch als Argument, dass alles, was abweichend über die Komplikationen und Gefahren zum Ausdruck gebracht wird, Terrorismus darstelle. Sowohl die eine als auch die andere Seite diskutiert immer hinter ihren Wällen verschanzt.

Andererseits durchleben wir einen Schrecken, einen Terrorismus. „Sie konnten, ich konnte nicht“. Hätten Sie vor fünf Jahren jemals damit gerechnet, dass Griechenland sich an diesem Punkt befinden würde, an den es heute mit diesen Politiken, mit dieser Annullierung der Souveränität des Volkes gekommen ist, dass die Ausländer entscheiden, wer sich in der Regierung befinden wird, dass die Ausländer entscheiden, wann wir Wahlen durchführen werden, dass die Ausländer für das Kabinett Entscheidungen treffen?

Es gab jedenfalls Stimmen, welche warnten. Es gab Personen der Politik, aber auch der Medien, der Intelligenz, welche zu unverfänglicher Zeit, seit 2007 und sogar seit 2006 das Problem zu beschreiben begonnen hatten, sie hatten es rechtzeitig erkannt.

Sicherlich. Ich erinnere mich auch an Unterhaltungen mit Ihnen und Ihre seit damals gehegte Ansicht über das Thema der Verschuldung, natürlich trotz der Tatsache, dass es eine internationale trügerische Zuversicht gab. Ich las das Buch „This time is different“ des hochangesehenen Harward-Professors Rogoff, es ist ein ausgezeichnetes Buch über die Geschichte der Verschuldung in vergangenen Jahrhunderten, es ist ein statisches Buch. In sehr Vielem wird es bestätigt, und es ist 2009 geschrieben worden, es wurde Anfang 2009 herausgegeben.

Und das von Ferguson ebenfalls, der von unüberwindlichen Schuldenbergen spricht.

In dem Buch von Rogoff gibt es aber – während es sehr gut ist, seine Warnungen, seine Prognosen usw., natürlich innerhalb der Logik des konventionellen Denkens – ein Kapitel, in dem gesagt wird, welche Länder in Zusammenhang mit ihrer Fähigkeit ihre Hausaufgaben gemacht haben, keine staatlichen Bankrotte mehr zu haben. Und es beeindruckte mich ungeheuer, dass es Mexiko, Südkorea, vier – fünf Länder, darunter auch Griechenland hat. 2009 prognostiziert dieser hochangesehene und seriöse und interessante amerikanische Harward-Professor, dass Griechenland der Gefahr des Staatsbankrotts entkommen isei. Wie die Art der Funktion der Märkte und die von ihnen gebrachten künstlichen Rhythmen der Entwicklung die bedeutendsten Gehirne mitreißen konnten … .

Viele nahmen an, dass unsere Verschuldung – weil es so bis vor nicht langer Zeit war – finanzierbar war, niemand hatte den Zweifel erhoben, dass ein Mitgliedstaat der Eurozone einem Finanzierungsproblem begegnen würde.

Und war finanzierbar aus neuer Verschuldung. Folglich bedarf die Verschuldung des großen Schnittes.

Ich erinnere mich ebenfalls auch an einen Unternehmer, der meinte, dass ab dem Moment, wo die Verschuldung in öffentlichem Vermögen, also Infrastrukturen, Staatsvermögen gedeckt ist, stellt sich keinerlei Problem. Auch dies erwies sich als nicht ausreichend …

Sicherlich, und ich fürchte, dass wir auch eine Verschlimmerung auch bei der Verschuldung selbst haben, abgesehen von ihrer Größe, die in sehr großer Höhe liegt, wir haben inzwischen die qualitative Änderung mit einer Verschuldung, die nicht bei Hedgefonds oder anderen Kapitalgruppen liegt, sie liegt bei internationalen Organismen, ist auf internationales Recht gestützt, was uns noch größere Schwierigkeiten bereitet.

Einige sagen, dass dies mehr Gelegenheiten für weitere Regelungen und mit mehr Großzügigkeit bietet.

Wenn Sie die Weise betrachten, auf welche Sarkozy und Merkel ihre Wahlkampagne führen, ist so etwas nicht in Sicht.

Vielen Dank.

(Quelle: To Vima)

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  1. Yoss Newman
    8. April 2012, 06:05 | #1

    „Wir sollen Schiffbrüchige werden, die gerettet wurden und wieder in die Gesellschaft eintreten.“

    von wem? der bösen troika und anderen ausländischen ausbeutern, die ja ohnehin mindestens so korrupt sind wie die griechischen kollegen? grosser schuldenschnitt und dann zurück zur drachme, damit in ruhe weitergewurschtelt werden kann?

    visionsfreie phrasendrescherei nützt nicht viel. abstellen der korruption und unsinnigen bürokratie, bändigung der gewerkschafts/kirchen/oligarchie-lobbies, ankurbelung der wirtschaft mit konkreten massnahmen anstatt leerer worte, nicht zuletzt die bildung neuer, effizienter politischer kräfte, die tatsächlich das land aus der krise führen, davon ist bei alavanos nichts zu hören.

    @admin: happy easter, carry on! ihr blog bringt viele details und internas, die zusammenhänge klarer werden lassen.

  2. iaourti iaourtaki
    8. April 2012, 19:38 | #2

    @Yoss Newman
    „Bändigung der Gewerkschaften“ ist wirklich süß. Die meisten Gewerkschaften agieren genauso sozialpartnerschaftlich wie anderswo auch. Das einzige, was sie machen, ist ab und zu dem Druck der Basis nachgeben und „Generalstreiks“ organisieren, bzw. sehen sie sich gezwungen, damit ihnen die Basis nicht frustriert weg läuft oder sich selbst organisiert und zu den wachsenden autonomen Basisgewerkschaften überläuft. Dabei ist ein echter Generalstreik unbefristet und nicht auf 24/48 Stunden begrenzt.

  3. iaourti iaourtaki
    8. April 2012, 19:55 | #3
  4. Yoss Newman
    10. April 2012, 00:54 | #4

    @iaourti iaourtaki
    ich glaube nicht, dass sich die eben gerade streikenden seemänner und ihre kollegen, die sonst so woche für woche ihr ding durchziehen, besonders sozialpartnerschaftlich gerieren. wüssten’s denn, wie das geht?
    und verantwortungsbewußte gewerkschaftsführer, die händeringend die blöde basis um staatsbürgerliche vernunft anflehen, um „ab und zu dem Druck“ nachzugeben? geht es nicht viel mehr um pfründe, privilegien, eingebildet wohlerworbene rechte, die auf kosten der gemeinschaft rücksichtslos verteidigt werden?

  5. Babbelnett
    10. April 2012, 12:36 | #5

    Ich finde auch, Griechenland sollte wieder die Drachme einführen und aus der EU austreten.

    Man hat sich über durch Betrug in die EU geschlichen und so mehrere hunderte Milliarden Euro „Gewinn“ machen können.

    Griechenland wird sehen, was es langfristig davon hat.

  6. iaourti iaourtaki
    10. April 2012, 14:34 | #6

    @Yoss Newman
    Organisiere doch einfach ein paar sozialpartnerschaftliche deutsche Kriegsschiffe als Streikbrecher und finde dich wieder neben den Skopelos-Terpen, die versuchen die Streikenden damit zu erpressen, daß sie einfach gefeuert werden. Ihnen zu Folge trägt die Verantwortung dafür, daß die Osterfeierlichkeiten – wobei sich natürlich die Frage aufdrängt, wer sich das überhaupt leisten können wird – behindert werden, die Regierung und die Reeder.
    Der Streik wird doch eh unterbrochen und verboten werden, inklusive Einberufung per Dienstverpflichtung – wurden doch schon so viele Streiks verboten…

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