Alekos Alavanos zu Krise und Politik in Griechenland

8. April 2012 / Aktualisiert: 13. August 2017 / Aufrufe: 1.383

Offensichtlich weil inzwischen bestätigt worden ist, dass kein Geld existiert, weil wir 2009 den Selbstbetrug und die Illusion lebten, dass es Geld gebe, glaube ich, dass heute allen bekannt ist, dass Geld so wie wir glaubten nicht vorhanden ist, und die Frage – und ich ergreife die Gelegenheit aus dem, was Sie vorher sagten – ist, ob Sie sich den Staat irgendwie anders vorstellen: stellen Sie sich ihn schlichter, organisierter, effizienter, größer, kleiner vor?

Schauen Sie mal. Einerseits existiert das Geld nicht, aber das Geld kann es geben, weil wir das Geld nicht in den Goldminen finden, heutzutage sind wir aus der Goldregel heraus, und das Geld geben die Zentralbanken aus. In diesem Sinn würde ich sagen, dass Griechenland in der Falle des Euro eingeklemmt ist. Es erinnert mich auch an eine Ansicht, die auch viele unserer Mitbürger haben, dass Du Dich in einem abgelegenen Bezirk des Zentrums von Athen befindest, möchtest Dich aus irgend einem Grund in das Zentrum begeben, hast einen 2,5-Liter-BMW, der jedoch nicht funktioniert. Und Du sitzt im BMW, und es vergehen die Tage, die Monate und es sind seit 2009, als sich die Krise zeigte, zwei Jahre verstrichen, während Du im selben Moment ein Moped hättest nehmen können und sehr schnell in Athen angekommen wärst.

Was ich sagen will? Ich will sagen, dass vor einem BMW, wie es der Euro ist, eine nationale Währung ein Moped ist. Sie kann auch ein Fahrrad sein. Sie gibt Dir jedoch die große Möglichkeit, die heute ein Land in der Krise und der Rezession mit einer teuren Währung und einer harten Währung nicht hat, sie gibt Dir eine große Möglichkeit, eine Währungspolitik auszuüben, die produktiven Kräfte zu mobilisieren und auch eine Einladung im europäischen Raum zu schaffen, dass es eine andere Zusammenarbeit geben kann als die der Eurozone, die – wie uns jetzt auch die Situation in Spanien zeigt – sich in einer völligen Sackgasse und einer kontinuierlichen Verschlimmerung der Krise befindet.

Angenommen, wir treffen diese Wahl oder jedenfalls, dass wir uns auf eine solche Entscheidung vorbereiten, muss dann jedoch nicht auch dem Volk mitgeteilt werden, was dies bedeutet? Aus der Eurozone auszutreten und zu unserer nationalen Währung zurückzukehren wird offensichtlich Folgen haben, und die Folgen werden nicht simpel und offensichtlich von Dauer sein. Und die Bemühung der Wiedergeburt, des Wiederaufbaus des Landes wird ebenfalls einen langen Weg haben. Dies wird üblicherweise nicht gebührend gesagt oder beschrieben oder dargestellt.

Darin haben Sie absolut Recht. Dass es nicht gebührend dargestellt, nicht gesagt wird. Häufig wird es auf eine axiomatische Weise gesagt, häufig wird es gesagt, ohne die ernsthaften Folgen zu berücksichtigen, die es geben kann, oder es wird von einem großen Teil der Linken überhaupt nicht genannt. Ich glaube jedoch, dass es heute der Gesellschaft gegenüber nicht fair ist zu sagen, „weißt Du, ich bin die Linke und werde alle Gesetze des Memorandums abschaffen, und wir werden dahin zurückkehren, wo wir waren, und ich werde alle Löhne wiederherstellen, aber ich werde auch in der Eurozone bleiben“. Das geht nicht und es stört mich, dass ein großer Teil der parlamentarischen Linken diese Position inne hat.

Zu dem anderen von Ihnen gestellten Thema, jenem schwierigen, kommt mir ein Kinofilm in den Sinn. Sie werden ihn gesehen haben, der „Schiffbrüchige“ mit Tom Hanks. Du hast also einen Schiffbrüchigen auf einer Insel, er ist allein, es gibt niemand anderen, er überlebt, jedoch ist es ein unerträgliches Leben, und er ergreift dann die Initiative, mit seinen Mitteln ein Floß zu bauen, und macht sich auf und fährt mit seinem Floß davon, Sie haben den Film gesehen. Die zehn Tage, die nötig waren, in denen er auch seine Gesellschaft verlor, jenen Fratz, den er sich gemacht hatte, in denen er auch die Nahrung verlor, die er mitgenommen hatte, in denen das Floß halb auseinandergefallen war, bis er jenen großen vorbeifahrenden Öltanker erreichen konnte, diese zehn Tage waren schwieriger als jene auf der Insel, sie waren sehr viel gefährlicher, sein Leben war weniger sicher, jedoch waren diese zehn Tage notwendig, um in sein altes Leben zurückzukehren, auch wenn er seine Frau nicht mehr vorfand … .

Ja, das Schiff kam jedoch zufällig vorbei. Ist es sicher, dass es ein Schiff geben wird?

Irgendein Schiff wäre vorbeigekommen, auf irgend einer Insel wäre er angekommen.

Können wir jedoch heute so reden? Mit so viel Risiko und Unsicherheit?

Schauen Sie, Sie beobachten die Dinge sehr gut und verbreiten sie über Ihre Zeitung, Sie sehen Stellungsnahmen großer internationaler Wirtschaftswissenschaftler mit Erfahrung, nicht Linker der keynesianischen Schule, welche sagen, dass mit den heute in der EU existierenden Gegebenheiten, also mit der von Deutschland auferlegten restriktiven volkswirtschaftlichen Politik, mit der Tatsache, dass der Inlandmarkt Deutschlands, Hollands usw. nicht in Bewegung gesetzt wird, mit dem zumindest für die in der Krise befindlichen Länder relativ teuren Währung, wie es heute der Euro ist, nicht zu den Exportmöglichkeiten der peripheren Länder beigetragen werden kann. Es kann keinen Ausweg geben, und unser Vorschlag ist, in dem Moment, wo die EU der Sache nicht gerecht werden kann, nach einer nationalen Währung zu suchen.

Diese Argumente höre ich, ich lese sie, wir diskutieren sie andauernd. Es gibt jedoch eine Facette, dass man speziell von der angelsächsischen Presse sagen kann, dass auch eine negative Stimmung gegenüber einer Eurozone existiert, die problematisch sein wird, die verloren sein wird.

Ich weiß nicht, ob das heute zutrifft. Ich habe beobachtet, dass sowohl die Amerikaner als auch die Briten über den Euro beunruhigt sind. Sie wollen den Euro, jedoch haben sie in Verhältnissen einer wirtschaftlichen Instabilität Angst, wo sie aus der Krise 2007-08 noch nicht richtig herausgekommen sind, wo das Finanzsystem zerbrechlich ist. Während wir früher sagten, dass der Euro den Dollar zermürben wird, wobei dies die Amerikaner verärgerte, Du eine zweite Weltwährung entstehen sahst usw., geben heute die Amerikaner ständig Ratschläge in Zusammenhang damit, wie der Euro überleben wird, und ich denke, dass die Engländer das selbe tun. Es kann ein solches Ausscheiden geben, jedoch ist das wirtschaftliche Denken des Establishments selbst bezüglich der Währung oder nicht gespalten. Ich bin nicht der Ansicht, jedes Land soll eine nationale Währung haben.

Ich glaube an die internationale Zusammenarbeit. Ich glaube, dass ein an der internationalen Verteilung der Arbeit beteiligtes Land sehr viel größere Vorteile hat, jedoch sage ich, dass es einen Schnitt mit der EU geben muss, auf eine andere Weise diese Zusammenarbeit gesucht werden muss, weil die EU sie nicht bieten kann, diese Umstände nicht schaffen kann. Es ist nicht nur ein Land, um zu sagen „wir waren die einzigen Korrupten“, es sind alle Länder der Peripherie und sogar auch des Zentrums. Auch Holland hat begonnen, ein Haushaltsthema zu haben.

Einerseits könnte man meinen, dass ein angelsächsischer Wunsch nach einem schwachen Euro besteht, auf der anderen Seite gibt es den Dogmatismus der Deutschen, die sich dem sogenannten „Währungsziel“ hingegeben haben und keinen Zentimeter davon abweichen. Gibt es keinen Mittelweg für Europa?

Derzeit gibt es keine Mittelwege, es ist die Epoche der großen Dilemmata und der großen Entscheidungen. Ich bin zumindest in meinem Denken sehr viele Jahre Abgeordneter gewesen. Obwohl die Position meiner Partei für Maastricht war, hatte ich nicht dafür gestimmt. Danach hatte ich jedoch in einer Situation gelebt, in welcher der Euro eine Währung war. Ich hatte mit kommunistischen, grünen, sozialdemokratischen, linken Kollegen kooperiert, damit das Europa-Parlament diese Situation so positiv wie möglich beeinflussen konnte – und Sie wissen, dass es keine ungeheuren Möglichkeiten hat. Meine Beteiligung an dem europäischen Versuch ist ein weiteres Stück meines Lebens, jedoch beginne ich nicht von dort, ich beginne damit, wie ich eine Antwort auf die Arbeitslosigkeit geben werde. Auf welche Weise die Arbeitslosigkeit nicht nur aufhören wird, die Jungen zu treffen, diejenigen zu treffen, die in einem reifen Alter sind, oder die noch Älteren. Wie der Markt aus der Erhöhung der Beschäftigung, der Aktivität sowohl des öffentlichen als auch privaten Sektors in Bewegung kommen können wird. Wie die Geschäfte zu schließen aufhören.

Von dort beginne ich und sehe keinerlei Hoffnung mit dem existierenden Programm. Also dass man jedes Jahr Rezession und Aussichten auf Rezession sieht, und das selbe gilt auch heute. Manchmal nimmt es auch einen tragischen Charakter an, gestern sah ich diesen Menschen, den Apotheker, der ein politisierter Mensch war, der in Umständen der Verzweiflung angelangte, eine globale Verzweiflung zum Ausdruck brachte, und mich beeindruckten schmerzhaft die angeschauten abendlichen Nachrichtensendungen, welche natürlich eine Realität zum Ausdruck brachten. Sie hatten dies als erste Nachricht, und zur selben Zeit hatten sie, welche Maßnahmen nach den Wahlen zu treffen sind, steuerliche oder bei den Löhnen oder andere, damit wir diesen Verpflichtungen entsprechen können, welche wir an die Troika haben. Du siehst also eine symbolische Handlung, die sagt „hey Leute, es geht nicht mehr, ich sterbe, wir sterben, Griechenland stirbt, die Arbeitnehmer sterben“, und im selben Augenblick sind wir wieder bei diesem Vorgang. Ich denke, das darf nicht sein, ich denke, dass wir riskieren, alle zusammen agieren, einen Weg öffnen müssen.

Wir sollen Schiffbrüchige werden …

Wir sollen Schiffbrüchige werden, die gerettet wurden und wieder in die Gesellschaft eintreten.

Artikel weiterlesen: Seite 1 Seite 2 Seite 3

  1. Yoss Newman
    8. April 2012, 06:05 | #1

    „Wir sollen Schiffbrüchige werden, die gerettet wurden und wieder in die Gesellschaft eintreten.“

    von wem? der bösen troika und anderen ausländischen ausbeutern, die ja ohnehin mindestens so korrupt sind wie die griechischen kollegen? grosser schuldenschnitt und dann zurück zur drachme, damit in ruhe weitergewurschtelt werden kann?

    visionsfreie phrasendrescherei nützt nicht viel. abstellen der korruption und unsinnigen bürokratie, bändigung der gewerkschafts/kirchen/oligarchie-lobbies, ankurbelung der wirtschaft mit konkreten massnahmen anstatt leerer worte, nicht zuletzt die bildung neuer, effizienter politischer kräfte, die tatsächlich das land aus der krise führen, davon ist bei alavanos nichts zu hören.

    @admin: happy easter, carry on! ihr blog bringt viele details und internas, die zusammenhänge klarer werden lassen.

  2. iaourti iaourtaki
    8. April 2012, 19:38 | #2

    @Yoss Newman
    „Bändigung der Gewerkschaften“ ist wirklich süß. Die meisten Gewerkschaften agieren genauso sozialpartnerschaftlich wie anderswo auch. Das einzige, was sie machen, ist ab und zu dem Druck der Basis nachgeben und „Generalstreiks“ organisieren, bzw. sehen sie sich gezwungen, damit ihnen die Basis nicht frustriert weg läuft oder sich selbst organisiert und zu den wachsenden autonomen Basisgewerkschaften überläuft. Dabei ist ein echter Generalstreik unbefristet und nicht auf 24/48 Stunden begrenzt.

  3. iaourti iaourtaki
    8. April 2012, 19:55 | #3
  4. Yoss Newman
    10. April 2012, 00:54 | #4

    @iaourti iaourtaki
    ich glaube nicht, dass sich die eben gerade streikenden seemänner und ihre kollegen, die sonst so woche für woche ihr ding durchziehen, besonders sozialpartnerschaftlich gerieren. wüssten’s denn, wie das geht?
    und verantwortungsbewußte gewerkschaftsführer, die händeringend die blöde basis um staatsbürgerliche vernunft anflehen, um „ab und zu dem Druck“ nachzugeben? geht es nicht viel mehr um pfründe, privilegien, eingebildet wohlerworbene rechte, die auf kosten der gemeinschaft rücksichtslos verteidigt werden?

  5. Babbelnett
    10. April 2012, 12:36 | #5

    Ich finde auch, Griechenland sollte wieder die Drachme einführen und aus der EU austreten.

    Man hat sich über durch Betrug in die EU geschlichen und so mehrere hunderte Milliarden Euro „Gewinn“ machen können.

    Griechenland wird sehen, was es langfristig davon hat.

  6. iaourti iaourtaki
    10. April 2012, 14:34 | #6

    @Yoss Newman
    Organisiere doch einfach ein paar sozialpartnerschaftliche deutsche Kriegsschiffe als Streikbrecher und finde dich wieder neben den Skopelos-Terpen, die versuchen die Streikenden damit zu erpressen, daß sie einfach gefeuert werden. Ihnen zu Folge trägt die Verantwortung dafür, daß die Osterfeierlichkeiten – wobei sich natürlich die Frage aufdrängt, wer sich das überhaupt leisten können wird – behindert werden, die Regierung und die Reeder.
    Der Streik wird doch eh unterbrochen und verboten werden, inklusive Einberufung per Dienstverpflichtung – wurden doch schon so viele Streiks verboten…

Kommentare sind geschlossen