Alekos Alavanos zu Krise und Politik in Griechenland

8. April 2012 / Aktualisiert: 13. August 2017 / Aufrufe: 1.406

Alekos Alavanos spricht sich für eine nationale Währung in Griechenland aus und hält die heutige Linke für unfähig, die Zukunft des Landes zu garantieren.

Der bekannte griechische Politiker Alekos Alavanos präsentierte in einem Interview am 06 April 2012 mit dem Direktor der Zeitung „To Vima“ Antonis Karakousis seine Vorschläge für den Ausweg aus der Krise und spricht ebenfalls über die Linke in Griechenland und die Eurozone. Er merkt unter anderem an, dass „die Linke die Größe der Krise nicht begriffen habe“ und „das Wort der Linken nicht nur anklagend sein kann, weil in dem Garten, in dem gegraben wird, sehr viele Dornen sprießen werden, wenn keine alternative Lösung geboten wird„.

Ebenfalls beklagt Herr Alavanos „die von der Situation mit der Troika geschaffene Degeneration der demokratischen Institutionen„, unterstreicht, dass „ein Land, das aus der Krise heraus will, sein Volk nicht verängstigen darf“ und fügt an, dass „die griechische Linke, so wie wir sie kennen, die Zukunft nicht garantieren kann„.

Das Interview wird nachstehend in deutscher Übersetzung wiedergegeben, wozu anzumerken ist, dass es sich um eine möglichst wörtliche (Roh-„) Übersetzung des gesprochenen Wortes handelt, die keiner weiteren Nachbearbeitung unterzogen wurde.

Interview von Alekos Alavanos mit dem Direktor der Zeitung „VIMA“ Antonis Karakousis vom 06. April 2012

Früher glaubten die Kommunisten, dass die objektiven und subjektiven Umstände reif geworden sein müssen, damit eine Revolution erfolgt. Glauben Sie, dass wir heute solche Umstände der Reifung haben, ist das Umfeld für etwas sehr Unterschiedliches von dem reif geworden, was wir bisher im Land erleben?

Ich muss sagen, dass meiner Meinung nach unter einem gewissen Aspekt die Umstände verrottet sind und wir die Revolution – wenn Sie wollen – nicht notwendigerweise mit den Bildern sehen sollen, die wir aus den Dokumentarfilmen oder Kinowerken darüber haben, wie der Sturm auf den Winterpalast erfolgte oder wie die Bastille fiel, sondern ich glaube, dass alle anerkennen, dass in Griechenland eine Zäsur benötigt wird, eine große Zäsur, dass wir nicht auf die selbe gewesene Weise fortfahren können, dass sich sehr Vieles ändern muss, und ich würde sagen, dass das Schlimme darin liegt, dass nicht nur die Umstände verrotten, es verrotten auch die Menschen. Ich fürchte, dass wir einen großen Teil des Gesellschaft haben, der verrottet, und speziell eine Generation verrottet und, während sie die Flügel ausgestreckt haben müsste um zu fliegen, nicht zu tun hat.

Was meinen Sie mit dem Begriff „verrotten“? Dass sie also bewegungsunfähig sind, sie schwach sind, sie nicht ihre Möglichkeiten aufzeigen können?

Natürlich. Ein immer größerer Teil der Gesellschaft befindet sich in elenden Verhältnissen. Man sieht, wie sich die UNICEF meldet und sagt „eine halbe Million Kinder in Griechenland leben unter der Armutsgrenze“, oder ich lese heute in der Financial Times, dass es Probleme mit Griechenlands Teilnahme an den Olympischen Spielen in London gibt, weil wie von dem Hellenischen Verband der Amateurathleten SEGAs beklagt keine Finanzierung existiert.

Das ist nicht korrekt. Zumindest die olympische Mannschaft wird hingehen. Dies bedeutet nicht, das der Sport keine Themen und Probleme hat.

Es gibt Themen, aber sie schrieben dort auch – weil ich das Sportgeschehen nicht sehr intensiv verfolge -, dass Chondrokoukis in Istanbul Weltmeister würde, und dann lautet es, dass sie sich in Zimmern ohne Heizung befinden. Ich führe dies als Bilder einer Situation an, die extrem ist, würde ich sagen, und ich denke sehr viel auch an die eine Generation, die jungen Menschen, 25, 30, 35, lassen wir sagen unsere Kinder, auf die wir Druck ausübten, zur Schule zu gehen, Englisch und wenn möglich auch eine zweite Fremdsprache zu lernen, wenn es ein Mädchen ist, auch etwas Ballettunterricht zu nehmen, Unterricht außerhalb der Schule zu besuchen, ein Diplom zu erwerben, das EDV-Formular auszufüllen, wenn möglich auch ein postgraduales Studium zu absolvieren, ins Ausland zu gehen, sofern die Eltern diese ihre Kinder unterstützen konnten, und heute sind sie ohne Daseinsgrund in Griechenland, und alle mit der Möglichkeit dazu oder Verbindungen suchen ihr Glück im Ausland. Diesen Zustand können wir nicht hinnehmen. Speziell können wir ihn auch nicht als Dauerzustand hinnehmen, weil es scheint, dass er dauerhaft ist.

Es gibt jedoch auch die Ansicht des Schäuble, wie immer sie uns auch klingen mag. Was Schäuble sagt? „Ihr seid 11 Millionen, habt Euch 500 Mrd. Dollar geliehen, und jetzt, wo die Stunde eintrat, Euch etwas zusammenzunehmen, reagiert Ihr dagegen und tut es nicht.“ Wie antworten wir darauf?

Wir antworten, dass die Regierungen Griechenlands mit Herrn Schäuble und den deutschen Sozialdemokraten zusammenhingen, sie hingen nicht mit der griechischen Gesellschaft zusammen. Wir antworten „erteilt uns keine Belehrungen.

Die griechische Gesellschaft genoss jedoch. Niemand kann sagen, die griechische Gesellschaft habe dreißig Jahre nicht gelebt.

Ein Teil dieser Verschuldung, ich würde sagen, nicht der größere, wurde in Umlauf gebracht und schaffte einen künstlichen Wohlstand und bei sehr vielen Schichten, auch bei Schichten des Volkes, einen höheren Lebensstandard als die griechische Wirtschaft in Wirklichkeit aushielt. Ich würde jedoch sagen, dass einerseits wir verantwortlich sind, andererseits all jene verantwortlich sind, die uns unbedingt Kredite geben wollten. Es ist kein Zufall, dass sich alle peripheren Staaten vor Strömen von Krediten sahen, die kamen, damit ein außer Kontrolle geratenes europäisches und weltweites Finanzsystem funktioniert. Ich würde jedoch sagen, Herr Schäuble sollte aufhören, Griechenland Belehrungen zu erteilen. Wer sind heute die Pfeiler der deutschen Kultur und der deutschen Wirtschaft? Die großen Firmen, Siemens, MAN, alle sind verwickelt. Meiner Meinung ist es auch inakzeptabel, dass wir ein – sagen wir außergerichtliches – Vergleichsverfahren machen, anstatt alles ans Licht zu bringen.

Ich erinnere mich seit Jahren an Sie, von der Vereinigung der Linken zu sprechen. Angenommen, dass gemäß dieser Diagnose das Problem sehr groß ist, unser Land verrottet, das Land handlungsunfähig ist, hätte die Linke geschuldet, oder jedenfalls ein großes sich in ihrem Raum bewegendes Segment von ihr gewollt, vereint zu sein, und ich habe Sie in Erinnerung, kontinuierlich einen solchen Ausgang anzustreben. Kann dies geschehen, und wenn es geschieht und wir schließlich annehmen, dass sie bei einem großen Teil der Bevölkerung den Vorzug gewinnen wird, kann diese Linke, so wie wir sie kennen, die Zukunft garantieren?

Diese Linke, so wie wir sie kennen, nein. Niemand darf so bleiben, wie wir ihn kannten. Weil eine solche Krise Lehren schafft, aus Schaden wird man klug. Auch der Linken ist die Größe nicht bewusst geworden. Sie stellte das Thema der Verschuldung, jedoch muss man das Ausmaß des Problems, welches die Verschuldung und sehr viele Dinge geschaffen haben, wie auch den öffentlichen Sektor auf eine andere Weise erneut betrachten. Die Linke hätte heute eine Macht sein müssen, lassen wir es sagen, mit einem äußerst dokumentierten Programm zur völligen Neuorganisation des öffentlichen Sektors, das der Troika eine Antwort geben wird. Also, während die Troika dies mit Schrumpfung und Auflösung macht, hätte die Linke der Korruption, der Ineffizienz und der Intransparenz mit Kreativität, neuen Tätigkeitsbereichen, Nutzung des intellektuellen Reichtums unsere Landes entkommen müssen.

Folglich muss die Linke sich ändern und die Linke muss sich vereinigen, und dies ist der traurige Punkt, es ist, würde ich sagen, der Kummer eines großen Teils der Gesellschaft und die Verwunderung, warum die Linke keine gemeinsame Aktivität finden kann. Ich sage Ihnen, dass wir nun an einem Tisch sitzen und diskutieren. Obwohl wir von der Front der Solidarität und des Umsturzes vielfältige Initiativen ergriffen haben, ist es jedoch nicht möglich geworden, dass sich alle Kräfte der Linken an einen Tisch setzen und wir die großen Themen des Landes besprechen.

Es ist eine große Notwendigkeit, ich sage Ihnen etwas, vielleicht tangiert es die Grenzen der Anekdote. Am vergangenen Sonntag – es war 1. April – war unsere – nennen wir es so – Lüge eine angebliche Begegnung, welche von Nikos Konstantopoulos organisiert wurde, an der Frau Papariga, Herr Tsipras, Sie und Herr Kouvelis teilnahmen. Dieser unschuldige Aprilscherz machte die Runde, und viele Menschen, offensichtlich weil sie eine solche Begegnung der Linken sehr wünschen, begannen zu fragen, ob es wirklich stattgefunden habe – was, wie ich glaube, anzeigt, dass es bei einem Teil der Bevölkerung und speziell des Kreises der Linken eine Forderung darstellt und man sich fragt, warum es nicht jetzt geschehen kann. Wenn es nicht jetzt geschehen kann, wann wird es dann geschehen?

Ihre Frage ist sehr zutreffend und ich stimme absolut mit ihr überein. Auf diese symbolische Weise, wie auch Sie sagten, glaube ich, dass sie einen Wunsch zum Ausdruck brachten, der außerhalb der Grenzen der Linken und des Publikums liegt, dass traditionell bei der Linken war. Heute haben wir also eine solch große Anzahl Bürger, die ND und PaSoK – also die beiden sich abwechselnden Parteien – wählten und dort ihre Hoffnungen stützten, welche sich abwenden und denen wir keine alternative Lösung bieten, und was das Volumen der Kräfte betrifft, werden – nennen wir es – ernsthafte Kräfte und eine alternative Lösung bezüglich des anderen Programms benötigt, welches die Linke umsetzen wird, welches sich in keiner Weise mit dem Memorandum und der Troika identifiziert, weil es nicht ausreicht, „Nein“ zu Memorandum und Troika zu sagen. Heute musst Du einen konkreten Vorschlag haben, anderenfalls kannst Du keine Seriosität gewinnen und der andere kann nicht hoffen, dass etwas geschehen wird.

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  1. Yoss Newman
    8. April 2012, 06:05 | #1

    „Wir sollen Schiffbrüchige werden, die gerettet wurden und wieder in die Gesellschaft eintreten.“

    von wem? der bösen troika und anderen ausländischen ausbeutern, die ja ohnehin mindestens so korrupt sind wie die griechischen kollegen? grosser schuldenschnitt und dann zurück zur drachme, damit in ruhe weitergewurschtelt werden kann?

    visionsfreie phrasendrescherei nützt nicht viel. abstellen der korruption und unsinnigen bürokratie, bändigung der gewerkschafts/kirchen/oligarchie-lobbies, ankurbelung der wirtschaft mit konkreten massnahmen anstatt leerer worte, nicht zuletzt die bildung neuer, effizienter politischer kräfte, die tatsächlich das land aus der krise führen, davon ist bei alavanos nichts zu hören.

    @admin: happy easter, carry on! ihr blog bringt viele details und internas, die zusammenhänge klarer werden lassen.

  2. iaourti iaourtaki
    8. April 2012, 19:38 | #2

    @Yoss Newman
    „Bändigung der Gewerkschaften“ ist wirklich süß. Die meisten Gewerkschaften agieren genauso sozialpartnerschaftlich wie anderswo auch. Das einzige, was sie machen, ist ab und zu dem Druck der Basis nachgeben und „Generalstreiks“ organisieren, bzw. sehen sie sich gezwungen, damit ihnen die Basis nicht frustriert weg läuft oder sich selbst organisiert und zu den wachsenden autonomen Basisgewerkschaften überläuft. Dabei ist ein echter Generalstreik unbefristet und nicht auf 24/48 Stunden begrenzt.

  3. iaourti iaourtaki
    8. April 2012, 19:55 | #3
  4. Yoss Newman
    10. April 2012, 00:54 | #4

    @iaourti iaourtaki
    ich glaube nicht, dass sich die eben gerade streikenden seemänner und ihre kollegen, die sonst so woche für woche ihr ding durchziehen, besonders sozialpartnerschaftlich gerieren. wüssten’s denn, wie das geht?
    und verantwortungsbewußte gewerkschaftsführer, die händeringend die blöde basis um staatsbürgerliche vernunft anflehen, um „ab und zu dem Druck“ nachzugeben? geht es nicht viel mehr um pfründe, privilegien, eingebildet wohlerworbene rechte, die auf kosten der gemeinschaft rücksichtslos verteidigt werden?

  5. Babbelnett
    10. April 2012, 12:36 | #5

    Ich finde auch, Griechenland sollte wieder die Drachme einführen und aus der EU austreten.

    Man hat sich über durch Betrug in die EU geschlichen und so mehrere hunderte Milliarden Euro „Gewinn“ machen können.

    Griechenland wird sehen, was es langfristig davon hat.

  6. iaourti iaourtaki
    10. April 2012, 14:34 | #6

    @Yoss Newman
    Organisiere doch einfach ein paar sozialpartnerschaftliche deutsche Kriegsschiffe als Streikbrecher und finde dich wieder neben den Skopelos-Terpen, die versuchen die Streikenden damit zu erpressen, daß sie einfach gefeuert werden. Ihnen zu Folge trägt die Verantwortung dafür, daß die Osterfeierlichkeiten – wobei sich natürlich die Frage aufdrängt, wer sich das überhaupt leisten können wird – behindert werden, die Regierung und die Reeder.
    Der Streik wird doch eh unterbrochen und verboten werden, inklusive Einberufung per Dienstverpflichtung – wurden doch schon so viele Streiks verboten…

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