Selbsternannte Hüter der öffentlichen Ordnung in Griechenland

19. März 2012 / Aktualisiert: 13. August 2017 / Aufrufe: 2.913

Die Bürgerwehr der … Nachbarschaft

Auf einer anderen Wellenlänge und mit anderen Parametern agiert das Griechische Zentrum für Waffenkontrolle (EKEO, griechisch: Ελληνικό Κέντρο Ελέγχου Όπλων), das zur Organisation einer Bewegung aufruft, die es als „Bürgerwehr der Nachbarschaft“ (neighborhood watch) bezeichnet.

Wie der Leiter des Zentrums Herr Theodoros Liolios, Assistenz-Professor für Kernphysik und militärische Anwendungen an der Militärakademie Evelpidon erklärt, hat die Kriminalität unkontrollierte Ausmaße angenommen, und deswegen erachtet er „die Bildung von Bürgergruppen für notwendig, die in den Nachbarschaften patrouillieren und mit der Hilfe der Polizei die Kriminalität in ihrem Bezirk unter Kontrolle bringen. Unsere alten und auf Hilfe angewiesenen Mitbürger können sich mit diesen Gruppen in Verbindung setzen, falls sie kriminellen Aktivitäten zum Opfer fallen oder solche feststellen, und die Mitglieder der Gruppen werden umgehend Kontakt zur Polizei aufnehmen oder an der Tür der alten Person anklopfen, um die Ganoven abzuschrecken„.

Laut Herrn Liolios wird es den Mitgliedern der Gruppen untersagt sein, Waffen zu tragen oder sich auf Konfrontationen mit den Kriminellen einzulassen, und ihre Präsenz hauptsächlich abschreckenden Charakter haben. Er führt sogar an, dass „sich an diesen Gruppen auch Immigranten beteiligen können, die ein besseres Verständnis der Kultur und bessere Kontakte zu ihren Landsleuten haben„, und ruft selbst auch die Organisationen der Linken auf, an ihren Aktivitäten teilzunehmen. Weiter vertritt er, dass entsprechende Bewegungen auch an den Schulen organisiert werden könnten.

Wären wir die Regierung, würden wir am Evros wieder Minen auslegen

Die Chrysi Avgis differenziert ihre Position von den „Bürgerwehren“, obwohl Anwohner von „Patrouillen“ ihrer Mitglieder im Athener Stadtviertel Agios Panteleimonas sprechen. Die Erscheinung der Bürgerwehrorganisationen mag Fragen aufwerfen und Ängste wecken, wogegen die Aktivität der Chrysi Avgi die Bürger der Bezirke entzweit, in denen sie intensiv präsent ist. Ihre Vertreter erklären, „in keinerlei Beziehung zu den Bürgerwehren zu stehen„. Wie sie sagen, sind sie eine politische Partei mit konkreter Organisation, Posten und Aktivitäten.

Mittelpunkt ihrer „Operationen“ sind die Gegenden rund um Agios Panteleimonas und den Attika-Platz, die sich in den letzten Jahren in ein eigenartiges Schlachtfeld zwischen Kräften der Rechtsextremen und Organisationen aus dem weiteren Raum der Linken und Organisationen für die Rechte der Immigranten verwandelt haben. Die Tatsache, dass die Chrysi Avgi bei den Kommunalwahlen 2010 einen Stimmenanteil von 5,29% auf sich konzentrierte und einen Sitz im Gemeinderat der Stadtgemeinde Athen gewann, beruht vorrangig auf den Stimmen der Anwohner dieses Gebietes.

„Solidarität“ nur für Griechen

Wie Herr Ilias Kasidiaris, Mitglied des politischen Gremiums der Organisation und kandidierender Abgeordneter im Verwaltungsbezirk Attika erklärt, gibt es in den letzten Jahren einen klaren Wandel in der Art, auf welche die Leute der Chrysi Avgi begegnen. „Wir haben uns überhaupt nicht geändert, sondern die Leute haben sich uns gegenüber geändert. Die Krise fungierte für viele Griechen als ein Mittel zum Erwachen. Mit dem Sinken der Einkommen begannen sie also das wahrzunehmen, was sie so viel Jahre nicht bemerkten, nämlich dass das System korrupt und problematisch ist und zu Lasten der Nation und des Volkes funktioniert„, merkt er an.

Die Wendung eines Teils der Bürger zu Gunsten der Chrysi Avgi führt Ilias Kasisiaris auf das „soziale Werk“ der Organisation zurück und erklärt: „Im letzten Jahr haben wir die Solidaritätsbewegung der Griechen gegründet, über die wir freiwillige Beiträge griechischer Bürger sammeln und an griechische Familien verteilen, welche Problemen des Überlebens begegnen. Dies bezieht sich ausschließlich auf Griechen und nicht auf Ausländer. In diesem Punkt differenzieren wir unsere Position von den entsprechenden Aktivitäten anderer Träger.„. Andererseits hält er das politische System für „gefährlicher als die illegalen Immigranten. Wenn das Land von wirklichen Griechen geleitet würde, hätten wir keinerlei Problem mit den illegalen Immigranten. In dem gesamten Land würde es nicht einen einzigen geben. Wir würden die Gesetze anwenden und die illegalen Einwanderer würden des Landes verwiesen werden“ meint er und fügt an: „Wenn wir jemals an die Regierung kämen, würden wir an unseren Grenzen zu der Türkei wieder Minenfelder anlagen, die sie abgeschafft haben„. Die Tatsache, dass eine weltweite Kampagne zur Abschaffung der Antipersonenminen erfolgt, scheint ihn nicht zu beschäftigen.

Was die Anwohner in Agios Panteleimonas zur Chrysi Avgi meinen

Die Ansichten der in den umliegenden Bezirken lebenden Anwohner über die Chrysi Avgi spalten sich. Sowohl Anwohner des Gebietes, Griechen und Immigranten, als auch linke Organisationen melden, dass Mitglieder der Organisation einen eigenartigen Terrorismus hauptsächlich gegen all jene durchgesetzt haben, denen das Pech widerfährt, dunkler Hautfarbe zu sein und ihnen über den Weg zu laufen.

Wie Herr Giannis G. anführt, der in einer Cafeteria in der Gegend arbeitet, „laufen sie in Gruppen herum und haben – mit der Toleranz der Polizei – das Gebiet praktisch unter ihrer Kontrolle. Hauptsächlich, wenn es dunkel zu werden beginnt, siehst Du sie in schwarzen Jacken herumlaufen und in den Straßen patrouillieren. Sehr häufig hören wir über Angriffe, die sie gegen Immigranten ausüben, die sich inzwischen abends nicht mehr auf die Straße trauen„.

Said ist ein Iraker, der die letzten acht Jahre in dem Bezirk lebt und in einer Grillstube arbeitet. „Abends haben wir Angst, uns auf der Straße zu bewegen. Ich kenne viele Immigranten, die von den Mitgliedern der Organisation schwer verprügelt worden sind„, sagt er. Auf die Frage, warum sie sich nicht an die Polizei wendeten, antwortet er, dass sie, wenn sie es getan hätten, höchstwahrscheinlich ausgewiesen worden wären, da sich illegal hier aufhalten.

Von der anderen Seite meint Frau Maria G., die in einem Kurzwarenladen in der Nähe des Attika-Platzes arbeitet, dass die Präsenz der Organisation dass Gleichgewicht der Kräfte in der Gegend geändert habe, und erklärt: „Vor nicht langer Zeit waren es die Griechen, die sich nicht trauten, sich in den umliegenden Straßen zu bewegen. Wenn Sie nicht hier gewohnt haben, verstehen Sie nicht, was ich ihnen sage. Früher zitterte ich, dass jeden Moment die Tür aufgehen könne und sie hereinkommen, um mich zu überfallen, heute fühle ich mich sicherer.

Auf die Frage, ob sie der Umstand erschrecke, dass die Chrysi Avgi eine Organisation des rechtsradikalen Raumes ist, meint Frau Maria: „Ihre politische Position ist mir gleichgültig. Wären doch die Linken gekommen, um die Immigranten zu vertreiben. Dann würde ich die wählen, so wie ich bei den letzten Kommunalwahlen die Chrysi Avgi gewählt habe.

(Quelle: To Vima)

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  1. Griechin62
    19. März 2012, 00:53 | #1

    Das ist das, was uns in Griechenland noch gefehlt hat, damit unser Glück perfekt wird!!!

    Man schimpft über Deutschland, wir kramen in den alten Geschichten rum, verlangen, dass alte Rechnungen von der Nazizeit bezahlt werden und gleichzeitig lässt die Regierung es zu, dass griechische Neonazis in GR für öffentliche Ordnung sorgen!? Wenn solche Gruppierungen Macht bekommen, dann wäre das Chaos perfekt!!
    Vielleicht sollten wir alle unsere Grenzen mit Minen versehen, damit uns keiner mehr stört und wir in aller Ruhe schön unser eigenes selbstzerstörerisches Süppchen kochen können!! Vielleicht bekommen wir auch eine Hitlerfigur, die uns aus der Krise bringt, das wäre doch passend in dieser Krisensituation!? Oder??

    Ich bin schockiert!! Was passiert hier eigentlich, wann hört es auf und wann kommen wir zur Besinnung????

  2. 19. März 2012, 09:41 | #2

    Der Mensch ändert sich wohl nie. Ersten durchblickt er die wahren Gründe der Krisen nie oder kaum, und zweitens kommt das Fressen bei ihm immer vor der Moral. Jaja. Der Mensch. So ist er halt. Leider. So wird wieder ein Holocaust kommen und keiner will davon gewusst haben. Der Mensch scheint verdammt zu sein sein schreckliches Schicksal auf ewig zu wiederholen.

  3. V99 %
    20. März 2012, 14:07 | #3

    Erschreckend!
    „Erleben wir also, wie das Ei der Schlange ausgebrütet wird?“
    Was soll dabei heraus kommen, wenn rechtsextreme verschwoerungsglaeubige minenlegende „Patrioten“ wie Hr. Anestopoulos in schwarzen „Uniformen“ durch die Strassen patroullieren und wahllos Migranten zusammenschlagen?
    Ist damit der Punkt erreicht, der die eigene Unfaehigkeit, die Grenzen zu sichern, Jagd auf Auslaender machen zu duerfen, legalisiert?
    Lernt aus der Geschichte! Gebt Rechtsextremismus KEINE Chance! Nazis RAUS!

  4. Heinz
    21. März 2012, 11:52 | #4

    Dummheit kennt und hat keine Grenzen, was sich hier wieder bestätigt.

  5. King Balance
    21. März 2012, 15:17 | #5

    „Als nächstes wird der Staatsmann billige Lügen erfinden, die die Schuld der angegriffenen Nation zuschieben, und jeder Mensch wird glücklich sein über diese Täuschungen, die das Gewissen beruhigen. Er wird sie eingehend studieren und sich weigern, Argumente der anderen Seite zu prüfen. So wird er sich Schritt für Schritt selbst davon überzeugen, dass der Krieg gerecht ist und Gott dafür danken, dass er nach diesem Prozess grotesker Selbsttäuschung besser schlafen kann.“ –Mark Twain – ‚Der geheimnisvolle Fremde‘

  6. Fassmann
    21. März 2012, 23:10 | #6

    Und wenn die lieben Gutmenschen sich ein wenig von ihrer absoluten Empörung erholt haben, wollen sie ganz doll feste nachdenken und überlegen wer die Ursache für diese beschriebenen Ereignisse gesetzt hat, ja?

  7. Christian
    22. März 2012, 16:00 | #7

    @Fassmann
    Der beste Kommentar, danke. Aus Gutmenschensicht ist wohl die Bürgerwehr für Überschuldung, Pleite, illegale Einwanderung und Ausländerkriminalität verantwortlich. Wer sich wehrt und für sein Land/Freiheit/Eigentum einsetzt, ist ein Nazi? Soll das Land verlassen? Übrigens hatte Mark Twain leidenschaftliches Verständnis für den amerikanschen Krieg gegen die Indianer (das waren auch alles Nazis, da sie sich ihr Land nicht freiwillig abnehmen ließen).

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