Verrücktheit des Fernsehens in Griechenland

18. Januar 2012 / Aktualisiert: 30. Juni 2013 / Aufrufe: 681

Ist Griechenland eine Gesellschaft armer, bettelnder, verelendeter Bürger oder aber von Sybariten, die sich Tag und Nacht mit ihren Fresslüsten beschäftigen?

Wenn das Fernsehen einen Spiegel der griechischen Gesellschaft darstellt, dann leidet letztere unter fortgeschrittener Schizophrenie … . Schaltet man den Fernseher ein, wird die Hälfte der als „informativ“ (mit etlichen Vorbehalten bezüglich der Korrektheit der von ihnen gebotenen Information) titulierten Sendungen von Reportagen überschwemmt, welche eine Gesellschaft aufzeigen, in der die Bürger dermaßen arm sind, dass sie nicht einmal etwas Obst und Gemüse auf dem Wochenmarkt kaufen können. Daraus resultierend wundern wir uns verständlicherweise, wie heutzutage der Hellenismus überhaupt noch überlebt und die Griechen nicht auf den Straßen vor Hunger zusammenbrechen.

Während der übrigen Stunden, in denen keine – in viele Anführungsstriche gesetzte oder nicht – morgendlichen Informationsmagazine oder Nachrichtensendungen ausgestrahlt werden, wird im Fernsehen … gekocht. Es wird gekocht, getanzt, getratscht, kontinuierlich und systematisch. Es gibt keinen Kanal, der nicht wenigstens zwei, drei derartige Sendungen hat. Und es wird nicht nur einfach gekocht … . Es kochen sogar auch unsere Kinder, als ob dies der Traum ihrer Kindheit ist.

Marinierter Seebarsch mit Johannisbeermarmelade …

Wehe uns! Sie greifen sogar auf meisterhafte und komplexe Fressrezepte zurück, vom Typ „marinierter Seebarsch in Grobsalzkruste, garniert mit Johannisbeermarmelade, kombiniert mit Koriander und Fenchelwurzel (diese beiden Zutaten, speziell der Koriander, sind ein absolutes Muss für jeden Master- oder Top-Chef unserer Epoche) und bestreut mit weißen Alpentrüffeln„.

Was ist Griechenland wohl heute? Eine Gesellschaft armer, bettelnder, verelendeter Bürger, die verzweifelt nach einem Bissen Essen suchen, um ihren fürchterlichen Hunger bei Laune zu halten? Oder möglicherweise eine Gesellschaft von Sybariten, die sich Tag und Nacht den gefräßigen Gelüsten nach expensiven und komplizierten Speisen widmen? Oder rekrutiert sich möglicherweise die griechische Jugend aus Menschen, deren einzige Ambition in ihrem Leben ist, Köche, Sänger, Modelle, Tänzer zu werden?

Offensichtlich ist Griechenland nichts von all dem. Das Fernsehen jedoch, das auf seine extreme Weise den Zusammenbruch der Werbemethoden erlebt, richtet sich ein weiteres Mal an die niederen Instinkte des show-begeisterten Publikums. Mit den Reportagen über angeblich absolute Armut und Hunger kultiviert es den Populismus und den Zorn, aber auch die Besorgnis der Bürger – die (zumindest in der Mehrheit) natürlich nicht buchstäblich hungern – über die Verschlimmerung ihrer wirtschaftlichen Lage.

Katalytische Rolle des Fernsehens im Verfall der Gesellschaft

Mit den vielen Reality-Kochshows wendet sich der Mittelpunkt des Populismus nicht dem Kochen und den Rezepten zu, sondern der Intrige, der Unterminierung, dem unlauteren Wettbewerb, der Bösartigkeit zwischen den Spielern, wozu unmittelbar die illustren Juroren ermutigen, die von Spitzenköchen bewusst zu Rollenträgern mutieren und die kannibalischen Instinkte der Mitspieler und im weiteren Sinn der Zuschauer aufzeigen. Und dies ist ein weiteres tiefes Symptom des gesellschaftlichen Verfalls, der in unserem Vaterland eingetreten ist. Und worin sich die Rolle des Fernsehens leider als katalytisch erweist.

Wir befürchten sehr, dass das Problem, mit dem unser Land derzeit konfrontiert ist, nicht nur wirtschaftlich ist … . Wenn es einzig und allein wirtschaftlich wäre, dann gäbe es eventuell eine Hoffnung, dass wir es bekämpfen und wieder an die Oberfläche gelangen. Leider ist das Problem größer, da wir in dem seichten Sumpf des gesellschaftlichen Verfalls, des Verfalls der Werte, Sitten und Ideale versunken sind. Und das Unglück ist natürlich, dass wir dieser Situation nur sehr schwer entkommen können.

(Quelle: Vradyni, Leitartikel von „BtK“, Übersetzung: www.griechenland-blog.gr)

  1. 18. Januar 2012, 02:02 | #1

    Alles nichts neues… leider. Hier in Deutschland doch das Selbe. Kaputte Dschungelcamper, die sich gegenseitig die Würmer aus’m allerwertesten ziehen und sich dabei von sabbernden, lobotomierten Leuten zuschauen lassen.

    Brot und Spiele! Dem Wahlvieh schmeckt’s!

    http://www.youtube.com/watch?v=4Z9WVZddH9w

    Fasst das Thema eigentlich ganz gut zusammen.

  2. Apateonas
    18. Januar 2012, 11:38 | #2

    Welch erstaunlicher Wandel! Die erste Selbsterkenntnis in der Vradyni:
    „Wenn das Fernsehen einen Spiegel der griechischen Gesellschaft darstellt, dann leidet letztere unter fortgeschrittener Schizophrenie… Wir befürchten sehr, dass das Problem, mit dem unser Land derzeit konfrontiert ist, nicht nur wirtschaftlich ist… Leider ist das Problem größer, da wir in dem seichten Sumpf des gesellschaftlichen Verfalls, des Verfalls der Werte, Sitten und Ideale versunken sind.“
    Folgende Definition habe ich gefunden: Sybarit bezeichnet einen dem Luxus ergebenen Weichling!
    Ich würde das als „Konsumzombie“ definieren! Traurigerweise ist die wichtigste Zielgruppe in den Kinderzimmern zu finden und da die meisten Eltern zu den oben definierten Weichlingen gehören indoktriniert die Industrie mit grossem Erfolg.. besonders auch hier in GR.

    Wenn ich das deutsche Fernsehen mit dem griechischen Vergleiche, kann ich der Aussage zum Griechischen = „kultiviert es den Populismus und den Zorn“ nur voll und ganz zustimmen!
    Das soll nicht heissen, dass es im deutschen Fernsehen keine Negativberichterstattung über Griechenland gibt, aber doch deutlich weniger Populismus als im griechischen.
    Und es sei noch erwähnt, dass sich halb Europa über die Sendungen im griechischen Fernsehen, wo man bis zu 10 (!) Eierköpfe gleichzeitig sehen kann, die wild durcheinander reden und schreien, köstlich amüsiert!

  3. Ottfried Storz
    18. Januar 2012, 12:16 | #3

    War es verrückt, vor 2000 Jahren zehntausenden Menschen Menschen gegen Löwern kämpfen zu lassen ? Ja … und ?

    Der Leitartikel ist belanglos, schwach und vollkommen daneben.
    Der Leitartikler beklagt, das es akut nicht nur ein wirtschaftliches Problem wäre, sondern man auch dem „seichten Sumpf des gesellschaftlichen Verfalls, des Verfalls der Werte, Sitten und Ideale versunken“ wäre.
    Und das macht er an Fernsehsendungen fest.

    Was für ein Quatsch: Die nichtkorrupten Skandinavier (Dänemark, Schweden, Finnland Platz 1-4 im Korruptionsindex) oder wirtschaftlich blühenden Schweiz oder Deutschland schauen genau so gerne „inhaltsschwache“ Kochsendungen, BigBrother, Gerichtssendungen oder Dschungelcamp.

    Griechenland hat bezogen auf die 11,x Mio Einwohner das europaweit dichteste Netz an Fernseh- und Radiosender sowie Printmedien.
    Enthüllungsmedien kann man jedoch an an 2- 3 Fingern abzählen, und selbst diese sind selten und relativ harmlos. Konkrete Berichte über Bestechungszahlungen oder Schweizer Nummernkonten ? Fehlanzeige.
    Berichte über Verwaltungswahnsinn und Ineffizienz von Verwaltungen ? Ich kann mich an keinen erinnern.

    99,99x Prozent der Beiträge in griechischen Medien behandeln andere Themen.

  4. Pulsar
    18. Januar 2012, 15:23 | #4

    Sagt der Fürst zum Bischof: „Halt Du sie dumm, ich halt sie arm.“ Dieser angeblich aus dem Mittelalter stammende Spruch behält im 21. Jahrhundert immer noch seine traurige Gültigkeit. Noch nie waren die Gesellschaften des Westens so offen und so durchlässig. Es mutet paradox an, dass im gleichen Zug Bequemlichkeit, Desinteresse und Vergnügungssucht zum Sinnbild moderner Gesellschaften geworden sind. Politik, Hochfinanz und das korrumpierte Medienestablishment haben ein perfektes System der Ausbeutung und Günstlingswirtschaft geschaffen. Das ist kein rein griechisches Phänomen sondern zieht sich durch alle westlichen und zunehmend auch östlichen Gesellschaften. Nur tritt es momentan in Griechenland, dass sich unter starker internationaler Beobachtung befindet, besonders hervor. Von demokratischen und transparenten Gesellschaften kann man schon lange nicht mehr sprechen. Dafür ist der Einfluß der Medien zu stark geworden so dass diese keine aufklärerische sondern eine rein lenkende Rolle übernommen haben, mit der sie ihren Brötchengebern dienen. Was kommt ist eine Mixtur aus aristokratisch-oligarchisch-technokratischen Zuständen.

  5. Andreas
    18. Januar 2012, 18:42 | #5

    @ Der Zeitgeist – Ja es gibt halt immer diese Leute die eigentlich besser auf einem anderen Planeten, in einer anderen Zeit oder in einem anderen Koerper gebohren worden waeren…
    Anstelle sich in den Turm der Allwissenden Elite zurueck zu ziehen, koennte man ja auch mal die Menschen (und Mitmenschen) als das annehmen was sie sind,- Individien die nach Glueck und einem angenehmen Leben streben. Betrachtet man das ganze dann auch noch etwas durch die Darwinistische Brille (Und einiger ganz excellenter Buecher von Richard Dawkins und Steven Pinker) stellt sich ganz schnell herraus, das all diese verruchten Eigenschaften bei unserer „Tierart“ ganz natuerlich sind. – Respekt – heisst das auf Rastafari.

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