Provozierung gesellschaftlicher Spannungen in Griechenland

13. September 2011 / Aktualisiert: 30. Juni 2013 / Aufrufe: 974

In Griechenland drohen sich soziale Spannungen zwischen Gruppen der Gesellschaft abzuzeichnen, die möglicherweise gezielt provoziert und gegeneinander gelenkt werden.

Angefangen von der in Griechenland inzwischen zu einem geflügelten Wort umgemünzten kollektiven Schuldzuweisung des Regierungsvertreters Theodoros Pangkalos „Μαζί τα φάγαμε“ (Wir haben es – also das Geld – zusammen durchgebracht“) über kernige Parolen gegen „συντεχνίες“, sprich auf Kosten der Gesellschaft schmarotzende „Zünfte“, bis hin zu mehr oder weniger unverblümten populistischen „Sticheleien“ gegen berufliche und soziale Gruppen könnten all diese Angriffe seitens der griechischen Regierung auf diverse Kategorien der Gesellschaft als Versuch gewertet werden, das gesellschaftliche Gefüge aufzubrechen und zweckdienliche soziale Spannungen zu provozieren.

Unter Bezugnahme auf die in den USA zwischen den beiden Weltkriegen und in England zu Beginn der 80er Jahre verzeichneten Entwicklungen interpretiert Jorgos Papasotiriou, Direktor der griechischen Zeitung „Vradyni“, aus seiner Sicht das aktuelle Geschehen in Griechenland in einem am 09. September 2011 unter der Kolumne „Zeichen der Zeit“ publizierten Artikel, der nachstehend in deutscher Übersetzung wiedergegeben wird.

Die Regierung provoziert einen gesellschaftlichen Bürgerkrieg

Für die Verschuldung des Landes, für das volkswirtschaftliche Defizit, für die barbarischen Sparmaßnahmen, die Unternehmensschließungen und Arbeitslosen, für die … Strapazierung 10 Millionen griechischer Bürger sind die eine Million öffentlicher Bediensteter verantwortlich. Also die Professoren, die Lehrer, die Bediensteten der Ministerien, Kommunen und Servicezentren (KEP), all sie verschwendeten laut der Regierung die gemeinschaftlichen Hilfsmittel, sie und … ihre Banken häuften in den Jahren des unechten und geliehenen Konsumwohlstands ungeheuren Reichtum an, sie sind verantwortlich für die heutige Heruntergekommenheit des Landes, für die Plünderung, die Verarmung und die Arbeitslosigkeit der Arbeitnehmer auf dem privaten Sektor!

In dieser Logik bewegt sich – wenn wird auch noch das faschistische Element der Verallgemeinerung hinzufügen – der Plan der Regierung, die eine Kategorie der Arbeitnehmer gegen die andere zu wenden, um die Voraussetzungen für den sogenannten gesellschaftlichen Automatismus und die Provokation eines eigenartigen Bürgerkriegs in der Gesellschaft zu schaffen, damit sich in der neuen Welle kannibalischer Sparsamkeit, welche die Regierung aufzuzwingen versucht, die gesellschaftlichen Reaktionen selbst eliminieren.

Die Regierung denkt, auf diese Weise dem Aufstand der Gesellschaft, der Arbeiter und der Rentner zu entgehen, welche die mit Blut errungenen Löhne und Rechte verlieren, der Schüler, ihrer Eltern und der Lehrer, der Studenten, der Arbeitslosen, die laut dem Institut für Arbeit der GSEE (INE/GSEE) demnächst 26% erreichen werden, und der jungen Griechen, die Anno Domini 2011 den Weg in die Fremde antreten!

All diese sind laut den Ministern der PASOK-Partei gegen die Gesellschaft! Welche ist dann jedoch die Gesellschaft?

Policy of the worst und Thatcherismus in Griechenland

Die Politik der Provozierung eines eigentümlichen „Bürgerkriegs“ … wurde in der Geschichte als „policy of the worst“ verzeichnet, als gesellschaftlicher Automatismus, der in den USA zwischen den beiden Weltkriegen und in Europa zum ersten Mal von Margaret Thatcher umgesetzt wurde. Die selbe „thatcheristische“ Politik befolgt die PASOK-Partei, begleitet von … Appellen bezüglich gesellschaftlicher Verantwortlichkeit.

Glückt diese Politik, wird sie der Gesellschaft den Gnadenschuss versetzen und jede Faser ihres zusammenhaltenden Gewebes zerstören. Hass und Schuld schleichen sich bereits überall ein, in jeder gesellschaftlichen und beruflichen Kategorie, zwischen den Spitzenverdienern und den Niedrigverdienern, zwischen den Paaren, und zerstört Familien, in den Klassen der Arbeitslosen und der Verzweifelten, deren einzige Zuflucht das Dorf ist, wenn sie eins haben – oder die Kalaschnikow, wenn sie können.

Überall Hass. Überall Chaos. Sollten Unzufriedenheit und Verzweiflung nicht politisch organisiert werden, wird die Stunde der vollständigen Auflösung der Gesellschaft, aber auch der extremen Konfrontation mit der Heuchelei einer Demokratie, die von Gerechtigkeit, Freiheit und Gleichheit spricht und Elend, Verarmung und Depression verteilt, nicht lange auf sich warten lassen.

In einem solchen chaotischen Umfeld können die Mechanismen zur Beaufsichtigung und Kontrolle der disziplinierten Gesellschaft unmöglich funktionieren. Angesichts der Tatsache des Sumpfes, der vergeblichen Opfer und der allgemeinen Zersetzung ist deswegen zu diesem Zeitpunkt die einzige Lösung der Gang zu den Urnen.

(Quellen: Vradyni)

  1. kreon
    13. September 2011, 11:54 | #1

    Man möge sich die Aussage eines Henry Kissinger über Griechenland und die Griechen nochmals ins Gedächtnis rufen (> google) und dann möge man sich bitte erinnern, was sich in den letzten Jahrzehnten an Entwicklungen auf dem Balkan aufgetan haben (YU-Krieg, Kosovo, Fyrom-Krise), wie sich die USA und Europa in diesen Fragen verhalten haben, wie der Nachbar Türkei international hofiert und aufgerüstet wurde und welche Begehrlichkeiten Öl und Gas in Ägais und östlichem Mittelmeer international wecken. Nun braucht man nur noch eins und eins zusammenzählen und es keimt ein böser Verdacht. Und es ist sicher kein Zufall, das Griechenland vor der Krise umfassend von US-Finanzinstituten “beraten“ wurde und nun ein in den Staaten Ausgebildeter MP das Land lenkt. Fragt sich nur wohin…
    Wenn Griechenland nicht politisch gebrochen werden kann, dann eben wirtschaftlich. Oder irre ich hier?

  2. Monalisa
    13. September 2011, 16:56 | #2

    Herr Jorgos Papasotiriou,

    sagen Sie mir doch bitte, wo die 300.000.000.000€ hingekommen sind? Ist es für Sie uninteressant, wer die Verantwortung für die Misere träg und wer sich die Taschen vollgestopft hat? Ich möchte schon wissen, für was ich höhere Steuern bezahle und wer mir das eingebrockt hat. Mit Friede, Freude, Eierkuchen kommt die griechische Gesellschaft nicht weiter. Die Abrechnung mit den Verursachern ist schon lange fällig. Ohne die Beantwortung dieser Fragen wird es in unserem Land weitergehen wie bisher. Wollen Sie das? Sagen Sie uns doch mal Ihren Kontostand bevor Sie die Faschismuskeule schwingen. Bei mir sieht es jedenfalls immer düsterer aus.

    Mit freundlichem Gruß

    Monalisa

  3. Ottfried Storz
    13. September 2011, 21:33 | #3

    @ kreon

    Ist schon immer wieder amüsant, auf was für neue kuriose Verschwörungstheorien Griechen kommen.
    „Öl und Gas in der Ägais“ ??? Im ganzen Mittelmeer gibt es kaum „Öl und Gas“, warum sollte es dann davon viel in der Ägais geben ?

    Nein, nein. Nicht die bösen Amerikaner oder sonstwer im Ausland ist an der Situation in Griechenland schuld. Auch wenn es schwer fällt, sich das einzugestehen: Es sind sind die Griechen in Griechenland, die für die Situation verantwortlich sind.

  4. Jannis
    13. September 2011, 22:20 | #4

    Eine einfache Dartellung wie eine Kapitalistische Wirtschaft womöglich läuft :

    Verkäufer : Kaufen Sie doch 10 U-Boote für 300 Mio. Ihre Nachbarn haben auch 10 bestellt.
    Käufer : Tatsächlich. Hhmmm. leider haben wir nicht soviel Mittel frei
    Verkäufer : Kein Problem, wir leihen ihnen die 300 Mio. zu einem marktüblichen Zins
    Käufer : Ich weiss nicht.
    Verkäufer : Kein Problem, zukunft ist rosig blabla…. wir nehmen einfach 1-Prozent zinsen mehr und bedanken uns bei ihnen Persönlich noch mit 5 Mio.
    Käufer : 5 MIO, oh na wenn das so ist !

    Der Gauner ist bei Gläubiger genau so wie bei Schuldner vorhanden.

  5. admin
    13. September 2011, 22:53 | #5

    Ottfried Storz :

    @ kreon

    “Öl und Gas in der Ägais” ???

    Kavala Oil nahm Anfang 2011 im Fördergebiet Prinos eine weitere Bohrung (und zwar auf einem neu endeckten Vorkommen von geschätzten 1,8 Millionen Barrels) in Betrieb, um die Tagesproduktion von schon bis dahin über 3.000 Barrels auf über 5.000 Barrels zu erhöhen.

  6. Ottfried Storz
    14. September 2011, 09:45 | #6

    @kreon:
    Teil mal 300 Mrd. durch Öl im Wert von 0,15 Mrd (von denen nur ca. 2/3 gefördert werden kann), dann hast eine Relation.

    Gibt es eigentlich keinen Fliegenschiß, den Griechen nicht als Anlaß/Grund für eine neue Verschwörungstheorie nehmen ?!?!

  7. Jannis
    14. September 2011, 22:47 | #7

    Verschwörungstheorie ???

    Siemens, Telekom, Postbank …… sind nur ein Fliegenschiß der aufgeflogen ist, Rest der Maden nährt sich noch sehr gut am Speck der Steuergelder.

  8. zigeuner
    22. September 2011, 16:38 | #8

    Wenn ich schon den griechischen Beamten oder öffentlich Bediensteten, der von Steuergeld bezahlt wird, für jeden Dreck nochmals mit Fakelaki schmieren muss, damit dieser seinen Aufgaben nachkommt, dann sagt das doch eigentlich schon alles über den Zustand in dieser Gesellschaft.

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