Doppelte Moral, Wahrheit und Buchführung in Griechenland

19. Juli 2011 / Aktualisiert: 22. November 2013 / Aufrufe: 621

Die Bürger in Griechenland verlieren zunehmend das Vertrauen in ihre Politiker und Regierung und fühlen sich nach Strich und Faden an der Nase herum geführt.

Jorgos Papasotiriou, Direktor der Zeitung Vradyni, publizierte in der Kolumne “Zeichen der Zeit” am 18. Juli 2011 unter dem Titel “Doppelte Wahrheit” einen Beitrag, der nachstehend in deutscher Übersetzung wiedergegeben wird.

Die Politiker, verschmäht von den Griechen, verschmäht auch von dem kubanischen Schriftsteller Pedro Juan Gutiérrez, verschmäht von allen. Warum wohl? Weil zuerst die Politiker mittels einer elitären und häufig aristokratischen Konfrontation die Welt verachteten, den Menschen verschmähten, den Bürger und das Volk, an seiner Stelle Massen oder höchstens eine Menge sehend. Die demokratischen Idole verblassten somit. Der demokratische Geist, der das Subjekt Mensch respektierte, wich der demokratischen Manipulation des Objekts Mensch, des Massenmenschen, des Breibürgers.

Auf diese Weise beschränkte sich die politische Auseinandersetzung auf die demokratischen und die antidemokratischen Manipulatoren, die rechten und die linken politischen Vermittler und die beiderseitigen Inhaber der absoluten Wahrheit, sprich zwischen den verschiedenen Priestern – und in Abwesenheit des Volkes.

Das Idol der Demokratie wich der Professionalisierung

Was geschah jedoch mit dem „Idol der Demokratie“? Es ging in der professionalisierten Demokratie verloren. Es verschwand zusammen mit den Inseln der Beteiligungsdemokratie, wie im Fall der lokalen Selbstverwaltung, die sich in einen Hort der Korruption verwandelte. Es ging die direkte Demokratie verloren, es gingen die Utopie und das Gedächtnis verloren. Bald werden sie auch die Häuser des Palamas, des Balzac abreißen, vielleicht werden sie sogar das Grab des Kavafis verschwinden lassen. Damit nur die Gegenwart übrig bleibt. Die Gegenwart als heilige Inquisition. Und die Massen, die Menschenobjekte werden dazu gedrängt, sich in falscher Zuversicht in einer kontinuierlichen Gegenwart zu entspannen. Nicht einmal in eine beständige Erwartung, wie jene, die auf Godot warteten, auf irgend etwas, auf ein besseres Morgen. Jetzt erwartet niemand mehr etwas. Nur Verzweiflung. Und Angst.

Wenn allerdings etwas die Ordnung der Dinge durcheinander bringt, dann lassen die Anführer und Manipulatoren Jeremiaden los gegen die „verantwortungslosen Stimmen, welche die Furcht schüren, auf den Misserfolg setzen und die Wahrheit verdrehen“ (Interview des heutigen Premierministers Jorgos A. Papandreou in der Zeitung „Kathimerini“).

Wer verdreht jedoch die Wahrheit? Wer behauptete „Geld ist da“ und kürzt nun immer wieder die Löhne und Renten? Die Antwort gab dem Premierminister allerdings der Minister Andreas Loverdos, der ihn substantiell als Lügner bezeichnete – wobei der Minister möglicherweise hoffte, bei der Zuweisung der Verantwortungen selbst davonzukommen.

Die Bürger in Griechenland wollen Klarheit

Wer schürt jedoch schließlich die Furcht bei den tausenden Unternehmern, die ihre Geschäfte schließen, aber auch bei den zehntausenden Arbeitslosen? Wer verursacht Hoffnungslosigkeit bei den jungen Menschen, die keinerlei Perspektive haben? Hier geht es nicht um Furcht, sondern um Überlebensangst und Undurchsichtigkeit. Warum also sollte jemand der Regierung vertrauen, wenn ihre Politik bis heute noch tiefer in die Rezession führte? Alle, die nicht unter Gedächtnisverlust leiden, werden sich daran erinnern, dass vor einem Jahr diejenigen, die heute die „Verursachung von Angst“ beklagen, vor der falschen Politik des Moratoriums warnten.

Auch damals predigte Herr Papandreou die Unfehlbarkeit der zu befolgenden Politik seiner Regierung und verspottete deren Kritiker. Heute praktiziert er das selbe im Namen der „schwierigen und komplexen Verhandlung“. Die Bürger haben aber nicht den Luxus, einen Blankoscheck zu erteilen. Die Griechen und Griechinnen wollen wissen, was sie erwartet, sie wollen die Wahrheit. Vor allem wollen sie eine Regierung und einen Staat, wo es für die Bürger keine Geheimnisse gibt und in dem endlich damit aufgehört wird, die doppelte Moral, die doppelte Wahrheit und die Führung „doppelter“ Bücher zu kultivieren.

(Quelle: Vradyni)

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