Sieben Szenarien der Umschuldung für Griechenland

24. April 2011 / Aktualisiert: 12. August 2017 / Aufrufe: 963

Die Zeitung To Vima publizierte die Exposition einer internationalen Rechtskanzlei, die sieben Szenarien bezüglich einer möglichen Umschuldung der Schulden Griechenlands erörtert.

Die griechische Tageszeitung To Vima publizierte in der Ausgabe vom 23. April 2011 die Folgerungen des von einer (bezeichnenderweise nicht konkret benannten) internationalen Rechtskanzlei erstellten Berichts, der sieben möglichen Szenarien bezüglich einer Umschuldung für Griechenland darlegt und auch Parallelen und Unterschiede zu anderen Staaten feststellt, die in der Vergangenheit in vergleichbare Situationen geraten waren.

Der Artikel wird nachstehend in möglichst wortgetreuer (also zugunsten der Übertragung auch unterschwelliger Andeutungen nicht immer unbedingt „elegant“ ausformulierter) Übersetzung wiedergegeben.

DAS OFFIZIELLE SZENARIUM

1. Griechenland geht auf die Märkte

Dieses von den Funktionären der EU, des IWF, der EZB und der griechischen Regierung in ihren offiziellen Erklärungen vertretene Szenarium sieht vor, dass Griechenland unter Umsetzung des Moratoriums wenn nicht bereits im Jahr 2012, dann immerhin gegen Ende des Konjunkturprogramms im Jahr 2013 in der Lage sein wird, sich auf die Märkte zu begeben. Laut diesem Szenarium werden dann der in Griechenland verzeichnete volkswirtschaftliche Fortschritt und die realisierten strukturellen Änderungen dem Staat erlauben, auf den Finanzmärkten wieder Kredite zu vernünftigen Zinssätzen aufnehmen zu können.

Die Gefahren
Mit einer für 2013 erwarteten Entwicklung der Staatsverschuldung auf 160% oder mehr des BIP werden die Märkte schwer von der „Lebensfähigkeit“ der Verschuldung überzeugt werden können. Zusätzlich setzt dieses Szenarium noch zwei weitere Jahre harter Sparsamkeit voraus, was wiederum die Frage bezüglich der Belastbarkeit des politischen Systems aufwirft. Ebenfalls stellt sich die Frage, was geschehen wird, wenn Griechenland die Ziele des Moratoriums nicht zu erreichen schafft, also EU und IWF die Kriterien für die Gewährung der Raten lockern werden oder das deutsche Parlament eine Verhärtung der Haltung Deutschlands verlangt. Und falls die Kriterien gelockert werden, wird das selbe dann auch für die anderen Staaten der Eurozone (Irland und Portugal) gelten, die adäquaten Problemen begegnen? Und was wird geschehen, wenn Irland oder Portugal zu einer Umschuldung zu schreiten beschließen, weil das Beispiel Griechenlands zeigt, dass das Moratorium keinen Erfolg garantiert?

UMSCHULDUNG VOR 2013
Falls Griechenland das Thema der Staatsverschuldung vor 2013 angehen möchte, bedarf es der der Zustimmung der EU und des IWF, weil Angela Merkel und Nicolas Sarkozy sich bei ihrem Treffen in Deauville darauf festgelegt haben, dass es vor 2013 keine Umschuldung geben wird. Es wird angenommen, dass dieses Thema überwunden werden kann, wenn die Umschuldung freiwillig – also mit Zustimmung der Gläubiger – erfolgt.

2. Die Verlängerung der Tilgungszeit

Eine Version besteht darin, dass den Anleihen-Inhabern des privaten Sektors (hauptsächlich nordeuropäische Banken) vorgeschlagen wird, eine Verlängerung der Tilgungszeit ihrer Titel vorgeschlagen wird. Somit wird es keinen „Schnitt“ geben und sich der Nennwert der im Besitz dieser Gläubiger befindlichen Titel nicht ändern. Daher werden keine Verluste zu verbuchen sein. Dieses sogenannte „reprofiling“ erfolgte 2003 auch in Uruguay. Um die höchstmögliche Akzeptanz zu erreichen, wird den Gläubigern sogar die Möglichkeit geboten werden, ihre gehaltenen Titel gegen neue umzutauschen, für die sich internationale Organismen wie EU und IWF verbürgen (wie bei den Brady Bonds). Auf diese Weise werden die Gelder aus der Hilfe von 110 Mrd. Euro, die nicht für die Tilgung von Anleihen verwendet werden, für Aufkauf und Löschung von Schulden eingesetzt werden.

Die Gefahren
Es ist zweifelhaft, ob und in welchem Umfang diese Lösung zur „Überlebensfähigkeit“ der griechischen Staatsverschuldung führen wird, da die Regierung die Bemühungen um die volkswirtschaftliche Sanierung und die Erzielung eines primären Überschusses fortsetzen und das Privatisierungsprogramm mit einem Volumen von 50 Mrd. Euro zur Minderung der Schuldenlast realisieren müssen wird. Diese Zweifel werden Behauptungen hervorrufen, dass diese Verlängerung das erste Stadium einer allgemeineren Umschuldung darstellen wird, die in einer zweiten Phase auch den „Schnitt“ umfasst.

Die Banken mit großen Positionen in griechischen Anleihen, welche sie in ihrem Portefeuille führen, um diese bis zum Ablauf zu halten und somit mit ihrem Nennwert bewerten, werden Zusicherungen verlangen, dass ein solcher Zug sie nicht zur Abwertung des Marktwertes der neuen Titel verpflichten wird.

3. Die vollumfängliche Umschuldung

Die letzte Option bezieht sich auf die vollständige Umschuldung vor 2013, damit die Verschuldung möglichst schnell „überlebensfähig“ und der Staat von dieser Last befreit wird. Eine solche Umschuldung umfasst einen erheblichen „Schnitt“ und gleichzeitig die Verlängerung der Tilgungszeit mit dem Ziel, dass die volkswirtschaftliche Sanierung fortschreiten und Griechenland nach einigen Jahren auf die Märkte zurückkehren kann.

Die Gefahren
Der Gedanke der freiwilligen Umschuldung wird aufgegeben und ein anderer zur Umschuldung führender Weg wie das Unvermögen Griechenlands gesucht werden müssen, auslaufende Anleihen ablösen zu können.

Die europäischen Führer, die bisher Milliarden Euro der Steuerzahler aufgewendet haben, um die Umschuldung der Verbindlichkeiten eines Landes der Euro-Zone zu verhindern, werden in das andere Extrem verfallen müssen, wozu jedoch Europa (noch) nicht in der Lage bereit zu sein schein. Eine derartige Entwicklung wird eine ungeheure Auswirkung auf Lissabon, Madrid und andere Randstaaten der Euro-Zone haben.

UMSCHULDUNG 2013
Falls Griechenland es nicht schafft, mit dem Auslaufen des wirtschaftspolitischen Programms 2013 auf die Märkte zurückzukehren, gibt es vier Szenarien, von denen sich drei auf auf eine Umschuldung und das vierte auf kontinuierliche „Finanzspritzen“ und wirtschaftliche Vormundschaft seitens der EU und des IWF für einen unbestimmten Zeitraum beziehen.

4. Umschuldung der Kredite von EU – IWF

Mit dem Auslaufen des Moratoriums im Juni 2013 werden sich ungefähr ein Drittel der Schulden in den Händen der EU und des IWF befinden. Ebenfalls einen großen Teil der sich heute auf etwa 50 Mrd. Euro belaufenden Verbindlichkeiten wird die EZB inne haben. Durch eine Umschuldung dieses Segments wird die Schuld handhabbar und Griechenland kann auf die Finanzmärkte zurückkehren.

Die Gefahren
Politisch gilt es als sehr schwer bis unmöglich, die Steuerzahler in die Pflicht zu nehmen, ohne dass Banken, Investoren und Finanzsystem das „Portmonee öffnen“.

5. Umschuldung der Kredite des privaten Sektors

Gemäß diesem Szenarium wird ein erheblicher „Schnitt“ der in Händen von Privatleuten befindlichen Anleihen vorgeschlagen.

Die Gefahren
Selbst auch die gesamte Annullierung der Verbindlichkeiten gegenüber dem privaten Sektor garantiert nicht die Rückkehr Griechenlands auf die Märkte, da der Staat aufgrund der Missachtung seiner Verpflichtungen als insolvent betrachtet werden wird. Die (von den geprellten Gläubigern) erlittenen Konsequenzen werden sich auf die europäischen Banksysteme auswirken und die Seriosität der Eurozone in Mitleidenschaft ziehen, was sich auch auf die Kreditaufnahme anderer Staaten niederschlagen wird.

6. Umschuldung der Kredite der EU, des IWF und des privaten Sektors

Diese Option bezieht sich auf die Umschuldung der Forderungen, die sowohl die EU und der IWF als auch der private Sektor zu einem Zeitpunkt nach Mitte 2013 inne haben. Auf diese Weise werden die auf dem privaten Sektor hinzunehmenden Verluste begrenzt und somit die Konsequenzen für das System gemindert werden.

Die Gefahren
Diese Lösung ist nur akzeptabel, wenn die die Lasten gleichermaßen zwischen dem privaten und öffentlichen Sektor aufgeteilt werden.

7. Griechenland wird unter internationale Aufsicht gestellt

Es kommt ein neues wirtschaftliches Hilfsprogramm von EU und IWF mit neuen Moratorien zur Anwendung und das Land wird einer internationalen Aufsicht unterstellt. Die Verbindlichkeiten gegenüber dem privaten Sektor werden schrittweise beglichen und gehen in die Hände der EU und des IWF über.

Die Gefahren
Dieses Szenarium kann von Griechenland politisch nicht akzeptiert werden, weil von gewissen Seiten behauptet werden wird, dass die anfängliche Hilfe von 110 Mrd. Euro nur ein Köder war, um das Land unter (Zwangs-) Verwaltung zu stellen.

Pro

Die griechische Staatsverschuldung weist die selben Charakteristika der Verschuldung zu einer Umschuldung geschrittener Staaten wie Argentinien (2001 – 2005), Ecuador (2000) und Ungarn (2003) auf. Daher ist nicht mit komplexen Themenstellungen wie beispielsweise bei dem Irak zu rechnen, dessen Gläubiger eine homogene Gruppe von Banken, Lieferanten, Baugesellschaften, Handelsunternehmen, Privatleuten usw. war. Im Fall von Griechenland geht es um Inhaber von Anleihen.

Griechenland hat gute Beziehungen zu internationalen Organismen (EU, IWF usw.), die für die neuen Anleihen bürgen könnten, welche die bestehenden ersetzen werden. In den Händen privater Anleger befindet sich nur ein geringes Volumen griechischer Anleihen.

Der größte Vorteil für Griechenland ist der Umstand, dass 90% der Anleihen auf Basis des griechischen Gesetzes emittiert wurden, was bedeutet, dass Griechenland zur Lösung im weiteren Verlauf auftretender Probleme das Gesetz ändern kann. Während der Dauer der Umschuldung änderten Russland im Jahr 1998 und Ungarn im Jahr 2003 das Gesetz.

Kontra

Ein großer Teil der Anleihen (ungefähr 30%) befindet sich in den Händen institutioneller Anleger (Banken, Versicherungen, Investment-Fonds usw.). Eine eventuelle Umschuldung wird erhebliche Verluste im Finanzsystemen verursachen. Den größten Teil der griechischen Anleihen halten die europäischen Banken, und die eventuelle Umschuldung wird die Finanzsysteme der großen europäischen Staaten zum Knirschen bringen.

Schließlich ist die griechische Staatsverschuldung in der gemeinsamen europäischen Währung des Euro fdefiniert, und die eventuelle Umschuldung eines Mitgliedstaats wird erwartungsgemäß den Euro in Mitleidenschaft ziehen.

(Quelle: To Vima, Ausgabe vom 23.04.2011)

Kommentare sind geschlossen