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Artikel Tagged ‘arbeitlosigkeit’

Arbeitslosigkeit in Griechenland wird noch viele Jahre hoch bleiben

27. September 2015 / Aufrufe: 691 1 Kommentar

Laut einer Analyse der Eurobank wird die Arbeitslosigkeit in Griechenland nicht einmal in 10 Jahren auf europäische Mittelwerte sinken.

Damit die Arbeitslosigkeit in Griechenland in 6 Jahren auf dem Niveau der Arbeitslosigkeit in der übrigen Eurozone angelangt, hat der Anstieg der Beschäftigung sich zu verdoppeln und die Arbeitslosigkeit auf die Hälfte zu sinken, wird in einer Analyse bezüglich der griechischen Wirtschaft in der letzten Ausgabe des Journals „7 Tage Wirtschaft“ der Eurobank betont, jedoch auch angemerkt, dass ein solches Szenarium nicht realistisch und wahrscheinlicher ist dass mehr als 10 Jahre nötig sind.

Falls konkret gemäß der Analyse der Eurobank Research in den nächsten 6 Jahren (72 Monaten) auf monatlicher Basis die Anzahl der Beschäftigten um 0,31% steigt und die Anzahl der Arbeitslosen um 1,06% sinkt, wird erwartet, dass dann die Arbeitslosenquote in Griechenland im Juni 2021 den entsprechenden Wert der Eurozone erreicht.
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Griechenland: Grecovery und die Politik der Selbsttäuschung

5. Dezember 2014 / Aufrufe: 1.726 10 Kommentare

Politikwissenschaftler Emmanuel Mavrozacharakis analysiert das politische System, die Entwicklungen und die aktuelle Situation im Griechenland der Krise.

Griechenland steckt derzeit in einer Obsession der Rückgewinnung des internationalen Vertrauens und somit der Rückkehr in die Vergangenheit. Doch die Wirklichkeit ist ganz anders. Die griechische Gesellschaft ist buchstäblich zerrissen und es bestehen minimale gesellschaftliche Erwartungen. Das soziale Mosaik in Griechenland ist derzeit gekennzeichnet durch das Risiko der Arbeitslosigkeit, das Risiko der Armut und der neuen Migration, also insgesamt den Absturz des Lebensniveaus. Ein Bild, das keineswegs einen Aufschwung andeutet. Der Hauptgrund hierfür ist eine aufdiktierte Sparpolitik, die von einer Logik der inneren Abwertung beseelt ist.

Die griechische Gesellschaft sucht verzweifelt nach Auswegen aus der sozialen Misere und ist dementsprechend anfällig für kuriose politische Versprechungen. Doch das große Problem ist, dass die politischen Parteien in Griechenland im Prinzip keine bestimmten Politikinhalte verkörpern, keine zusammenhängende programmatische Prioritäten und folglich keine reife Strategie für einen Ausweg aus der Krise.

Die Auswirkungen des Klientelismus und der Vetternwirtschaft

Haushaltspolitisch untragbare soziale Zusagen sind in Griechenland das effektivste Vehikel für den Aufstieg politischer Parteien an die Macht. Dennoch kalkulieren die griechischen Mainstream-Medien unnötigerweise die programmatischen Zusagen der Parteien bei ihrer öffentlichen Präsentation mit mathematischer Exaktheit, als würde dies von allein automatisch die Implementierung garantieren.

Jedem politischen Laien ist in Griechenland allerdings bekannt, dass die etablierten Machtparteien seit jeher eine Politik des scheinbaren haushaltspolitischen Rationalismus verkörpern, die in Wirklichkeit in ein irrationales System klienteler Zusagen und Gegenleistungen eingebettet ist. Auf diese Art und Weise erringen die etablierten Machtparteien das Vertrauen der Öffentlichkeit. Letztere wiederum vertraute den Zusagen der Machthaber um Vorteile, Konzessionen und Privilegien zu erringen und den schwierigen Weg der Rationalisierung von Staat und Gesellschaft zu umgehen.

Mit einem ausgedehntem System der Vetternwirtschaft reservierte sich die griechische Gesellschaft den eigentlich selbstverständlichen Anspruch auf soziale Sicherheit und Wohlstand. Dieser Tatbestand verzehrte allerdings einerseits die Funktionsweise des Staates insgesamt und zehrte andererseits erheblich an den Staatsfinanzen. Mit anderen Worten war in historischer Hinsicht in Griechenland der Anspruch auf „individuelles Glück“ mit dem Anspruch auf kollektives Wohlergehen nicht unbedingt verkoppelt.

Die Vetternwirtschaft ist zwar keine griechische Erfindung, aber sie wird nirgendwo so systematisch praktiziert wie in Griechenland. Die jeweiligen Regierungen stellen ihre Anhänger in der Hoffnung auf Gegenleistungen zufrieden, und oft schrieben sie sogar die Gesetze zu deren Gunsten um. Anders als in den kontinentaleuropäischen Ländern entwickelten sich in Griechenland Strukturen eines wilden Korporatismus, die kaum die einzelnen Partikularinteressen zähmen konnten. Vielmehr entwickelte sich ein bürokratischer Klientelismus in Form ausgedehnter und zerstreuter Klientelnetzwerke, mittels derer die beiden großen Volksparteien (PASOK und Nea Dimokratia) die Verwaltung kontrollierten (1).

Jede politische und soziale Gruppe bemüht sich durch ihre Beziehungen zu den Parteiennetzwerken in der Verwaltung ihre Einzelinteressen durchzusetzen. Das Ergebnis ist ein deformierter Staat, der kaum den Weg einer umfassenden Europäisierung gehen kann, aufgrund seiner institutionellen Schwächen, die auf die nachhaltigen soziokulturellen Praktiken des Klientelismus, des Personalismus und der Rentiersmentalität zurückzuführen sind (2).

Auf die Wirkung gewachsener Netzwerke organisierter Interessen in und um den Staat verwies bereits Mancur Olson (3). Er definierte diese Netzwerke als „redistributive Allianzen“, die ihrer eigenen Interessenlogik folgen. In der machtheoretischen Konstruktion Olsons prägt der Abhängigkeitsgrad der politischen Führung von kompakten Interessengruppen den politischen Entscheidungsprozess. Je mehr gewisse Interessengruppen der Lage sind, ihre individuellen Nebeninteressen zu verfolgen und dabei etwaige negative Auswirkungen ihrer Bestrebungen auf die Gemeinschaft ignorieren, desto geringer ist die Möglichkeit einer politischen Entscheidungsfindung, die dem Gemeinwohl dient. Umso schädlicher für die gesamte Gesellschaft können die resultierenden Politikoptionen sein. Dementsprechend reagieren die machtvollen Interessengruppen in Zeiten des Wandels und der verbreiteten Unsicherheit in der Regel defensiv und versuchen Reformen – trotz externer Imperative – zu verhindern. Ein andauerndes Wachstum dieser redistributiven Allianzen kann u. U. den Staat in enorme Bedrängnis bringen und lang ersehnte Modernisierungsprozesse verhindern. Geradezu ein Paradebeispiel dafür ist Griechenland.

Wie Lavdas / Chatzigianni treffend betonen (4), hat die „begrenzte Reformfähigkeit Griechenlands auch eine durchgreifende Europäisierung behindert„. Daher verbleibt als „wichtigste Herausforderung im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts bestehen, … Verbände und Interessengruppen dafür zu nutzen, Reformen zu forcieren statt diese weiter zu behindern. Aber schon die Art der Reform – ausgehandelt oder auferlegt – ist gegenwärtig Ursache für Konflikte und Auseinandersetzungen. So lies der Schock eines extern formulierten Austeritäts-Programms, das Stabilisierung durch Deflation zu erreichen versucht, 2010-11 wenig Spielraum für andere Optionen. Zudem wird die gewerkschaftliche Beteiligung an nationaler Politik durch das Negativbeispiel der Umsetzung des von IWF, EU und EZB diktierten Memorandums und der darin festgelegten Reformvorgaben geprägt. Maßnahmen, die daraufhin 2010 implementiert wurden, beschränkten unmittelbar und zu einem erheblichen Ausmaß Arbeitnehmerrechte und schwächten die Gewerkschaften.

Dies ist jedenfalls ein fatales Ergebnis eines ungezügelten Korporatismus, der in klientele Strukturen eingebettet ist. Diejenigen, die so tun als wüssten sie nichts von den strukturellen Defiziten der Wirtschaft, der Gesellschaft und des Staats in Griechenland, sind bestenfalls als naiv zu bezeichnen. Denn die verhängnisvolle Komplizenschaft zwischen Gesellschaft und Macht zeitigte tragische Folgen, die sich gegenwärtig in Form einer horrenden Staatsverschuldung manifestieren. Ein Blick auf die Entwicklung der Schulden in Griechenland zeigt, dass die griechischen Politiker in aller Regel zur dauerhaften Haushaltsdisziplin unfähig sind. Der Staat gab immer mehr aus als er einnimmt. Auch in den besten Zeiten. Das Resultat offenbart sich im Schuldenstand, der immer neue Höchststände erreicht.

Das politische System reproduzierte sich lange unbehelligt unter Bedingungen der Verschleierung der realen politischen, wirtschaftlichen und finanziellen Zwänge. Es war jedoch vorauszusehen, dass diese Zwänge unter den geeigneten Umständen umso massiver zum Vorschein treten würden.

Quellangaben:

  1. (1) Lavdas, K. A., Interest Groups in Disjointed Corporatism: Social Dialogue in Greece and European ‚Competitive Corporatism‘, in: WEP 28 (März 2005) 2, S. 297-316
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  2. (2) ebda
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  3. (3) Olson, Mancur (1971), The Logic of Collective Action: Public Goods and the Theory of Groups. Cambridge, MA: Harvard University Press, 2nd ed.
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  4. (4) Kostas A. Lavdas und Efthalia Chatzigianni: Griechenland – Interessengruppen und Politik im Zeitalter der Europäisierung. In: Werner Reutter (Hrsg.), Verbände und Interessengruppen in den Ländern der Europäischen Union, 2. aktualisierte und erweiterte Auflage, VS Verlag für Sozialwissenschaften | Springer Fachmedien Wiesbaden 2012, S. 247 – 274
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