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Griechenland: 165 Jahre Absurdität

19. Mai 2015 / Aufrufe: 2.522 4 Kommentare

Edmond About gab Mitte des neunzehnten Jahrhunderts eine Beschreibung der Situation in Griechenland wieder, die eben so gut auch heute geschrieben worden sein könnte.

Griechenland stellt das einzige Beispiel eines modernen Staates in totaler Pleite seit dem Tag seiner Entstehung dar. […] Die Steuerpflichtigen zahlen ihre Verpflichtungen an den Staat nicht, der wiederum seine Gläubiger nicht bezahlt.

In diesem Moment, wo wir uns unterhalten, exportiert Griechenland an Waren ungefähr die Hälfte von dem, was es importiert – mit dem Ergebnis, dass es arithmetisch jedes Jahr Millionen an Devisen verliert […]. Wenn wir wollen, dass das Land sich wieder erholt, sind die Exporte mit den Importen in Balance zu bringen … .

Das (un-) moderne Griechenland …

Wann diese Texte geschrieben wurden? In den Jahren unter König Otto! Im Buch des französischen Schriftstellers Edmond About „Das moderne Griechenland“ (1854), das sein neuer Übersetzer Michalis I. Volaris zurecht in „Das unmoderne Griechenland“ umbenannte. Er hätte es auch „Das ewige Griechenland“ nennen können, so sehr passen die Beschreibungen aus dem Jahr 1850 auf unsere heutige Situation.

Ich erkannte bei den Griechen zwei politische Tugenden an: die Liebe zur Freiheit und das Gefühl der Gleichheit. Ich schulde auch eine dritte anzufügen: den Patriotismus. Sie sind ohne Zweifel berechtigt, mit viel Stolz ihre unauflöslichen Bindungen mit ihrem Land zum Ausdruck zu bringen, jedoch verschließen sie die Augen hinsichtlich der Wichtigkeit Griechenlands für die übrige Welt. Laut ihnen selbst hat alles, was in Europa geschieht, Griechenland zum Zentrum und finalen Ziel.

Jede Münze hat auch ihre andere Seite: Bei den Griechen verstärkt die Liebe zur Freiheit die Verachtung der Gesetze sowie auch jeder rechtmäßigen Behörde, die Liebe zur Gleichheit äußert sich häufig in blindwütigem Hass gegen alle, die aufsteigen oder vermögend sind. […] Fragen Sie einen Griechen über die großen Männer seines Landes, er wird nicht einen in seinen Mund nehmen ohne ihn zu beschmutzen. Es gibt keinen Griechen, der in seinem eigenen Land Achtung genießt.

Das Chaos des Jahres 1850 verewigt sich

Edmond About beschreibt nicht nur das beständige Haushaltsdefizit, sondern auch den (noch beständigeren) Mangel an Rationalität. Diesem verdanken wir unser kontinuierliches Elend. In zwei Jahrhunderten brachten wir es nicht fertig, unser Leben, unsere Gesellschaft und unsere Wirtschaft rational zu organisieren. Das Chaos des Jahres 1850 verewigt sich. Die Kluft zwischen uns und den Partnern beruht auf dem selben Mangel. Sie sprechen die Sprache der Logik und wir begegnen ihnen mit der Sentimentalität. Unserem Melodram über die Rentner stellen sie eine Statistik entgegen, die zeigt, dass wir (als Prozentsatz des BIP ausgedrückt) immer noch mehr als alle anderen Länder der EU für Renten ausgeben!

Neid und Boshaftigkeit verfolgen uns seit 1821. Spaltung, Teilung, Kollision. Die neue boshafte Differenzierung: „Pro- und Anti-Memorandische“. Sogar auch die Menschen, welche die lächerlichen Anachronismen des (derzeitigen Kultusministers) Baltas abzuwenden versuchen, wurden „Memorandisten der Bildung“ genannt. Als ob das Memorandum auch nur einen einzigen Bezug zur Bildung hätte! Wie vertraut About das merkwürdige Ensemble, das uns regiert, und seine noch merkwürdigeren Bürger doch wären …

(Quelle: protagon.gr, Autor: Nikos Dimou)