Griechenland: Warum zahlen wir Steuern?

19. Dezember 2018 / Aufrufe: 551

In einem Staat, in dem die fast Hälfte der Steuerzahler dem Fiskus Geld schuldet, muss etwas nicht in Ordnung sein.

Wenn in Griechenland fast jeder zweite Steuerpflichtigen fällige Verbindlichkeiten an das Finanzamt hat und über 1,15 Millionen Bürger mit Pfändungen und Zwangsmaßnahmen konfrontiert sind, stimmt etwas nicht. Sowohl nicht für jene als auch nicht für die übrigen.

Die Geschichten sind nicht wenige.

Steuerhinterziehung in Griechenland – Notwehr oder Volkssport?

Vor etlicher Zeit hatte uns der Leiter einer Landwirtschaftskooperative in Mittelgriechenland berichtet, der Genossenschaft drohe die Schließung, weil viele Landwirte ihre Produkte nicht dorthin brachten. Der Grund? Sie hätten Belege ausstellen und folglich die eingenommen Gelder deklarieren müssen. Sie zogen also vor, ihr Produkt an Dritte – z. B. Händler – zu verkaufen, weil dies für sie offensichtlich vorteilhafter war, sie also schlechthin Steuern hinterzogen, anstatt ihre Produktion zur Genossenschaft zu bringen. Während einer Konfrontation zwischen Regierung und Bauern vor einigen Jahren war aus offiziellem Mund angeführt worden, dass 90% und mehr der Landwirte ein Jahreseinkommen von unter 5.000 Euro deklarierten.

Neulich erzählte uns ein hochrangiger Funktionär einer großen Firma in Griechenland, was auf dem Bereich der Gastronomie mit „Unternehmern“ läuft, die kleine Ketten, z. B. mit 4 – 5 Läden aufbauen, die sie für einige Jahre mit doppelten Registrierkassen usw. „verwerten“ und danach schließen, um anderswo unter einem anderen Namen andere zu öffnen. „Sie vermögen sich nicht vorzustellen, was in der Gastronomie läuft„, war sein Refrain. Und sicherlich haben wir alle im Sommer auf irgendeiner Insel oder in einem Strandort oder in einer Küstenstadt Urlaub gemacht und gesehen, was dort mit der Ausgabe von Quittungen läuft.

Manche meinen, dies geschehe, weil die Besteuerung hoch sei und der Staat sie in Kombination mit den Sozialabgaben in die Schattenwirtschaft treibe, um zu überleben. Andere schätzen jedoch ein, es sei Thema der Kultur und in allen Branchen allgemein verbreitet, in manchen weniger und in anderen mehr.

Steuern als Entgelt für staatliche Gegenleistungen oder als „Bestrafung“?

Praktisch haben analog zum Fall alle recht. Die steuerliche Belastung ist in Griechenland speziell in den letzten Jahren tatsächlich steil angestiegen, wie OECD und andere bestätigen. Die griechische Wirtschaftskrise und die Erhöhung der Steuern gehen Hand in Hand. Und wenn die hohen Primärüberschüsse die eine Seite der Münze sind, sind die andere Seite die aufeinander folgenden Pfändungsrekorde und der Umstand, dass in Griechenland die Hälfte der Steuerzahler fällige Schulden an das Finanzamt haben.

Die von den Zwangsbeitreibungsmaßnahmen herbeigeführten Auswirkungen auf die psychische und physische Lage dieser Menschen sind schwer messbar, existieren jedoch. Wie auch die Auswirkungen auf die „verknüpften“ Schulden an Dritte, wie z. B. Versicherungsabgaben, Stromrechnungen usw., da sie diesen nicht zu entsprechen vermögen, wenn sie dem Finanzamt Vorrang geben.

Es stellt sich also die Frage, die uns alle betrifft: Warum zahlen wir Steuern? Zahlen wir Steuern aus Gründen der Äquivalenz, damit uns der Staat diverse Güter und Dienste gratis oder zumindest bezuschusst bietet? Oder werden die Steuern vielleicht erhoben, damit jene, die Einkommen, und andere, die Vermögen haben, also die Wohlhabendsten, „bestraft“ werden und der Staat zu einer Umverteilung schreiten kann?

Die von der Mehrheit auf die vorstehende Frage gegebene Antwort charakterisiert auch unsere Gesellschaft.

(Quelle: euro2day.gr)

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