Wie verrückt ist der türkische Sultan?

9. April 2018 / Aufrufe: 897

Ist der türkische Sultan Tayyip Erdogan wirklich wahnsinnig oder nutzt er gegenüber Griechenland einfach nur die Gunst der Stunde?

Nach der Rückführung der türkischen koordinierten Aggressivität zu Lasten Griechenlands auf die angeblichen Schwierigkeiten des Feldzugs in Afrin und auf inländische politische Bedürfnisse und Spielchen Erdogans dringt die griechische Analyse der Situation in … tiefere psychologische Niveaus ein und stellt fest: „Erdogan ist wahnsinnig“ …

Die besagte „Analyse“, der sich Regierung und fast die gesamte Opposition anschließen und sie in der öffentlichen Meinung verbreiten, mag eine leichte Lösung sein, jedoch ist das einzige, was sie analysiert, das Unvermögen des griechischen politischen Systems, Tragweite und Tiefgang der Züge des „Verrückten“ zu begreifen und ihnen zu begegnen.

Spannungen zwischen Griechenland und Türkei eskalieren seit 1973

Von Seite der griechischen Regierung – da faktisch diese die heiße Kartoffel in ihren Händen hält – wird bereits Geflüster bezüglich der falschen Einschätzungen vernommen, mit denen jene den Premierminister beruhigten, die für seine umfassendere Informierung zuständig sind. Von Seite der Opposition (spezieller der sogenannten „amtierenden Opposition, sprich Nea Dimokratia / ND) wiederum ist das, was man feststellt, ihre Absicht, die politischen Kosten zu genießen (und auszunutzen, wie sie hofft), welche die Regierung wegen eines „Unfalls“ im griechisch-türkischen Thema bezahlen könnte.

Jedenfalls beschreibt das, was der (soweit möglich) unparteiische Beobachter feststellen kann, die Unfähigkeit zu einer koordinierten griechischen Reaktion: die Regierung sucht immer noch herauszufinden, was und warum es geschieht, und die Opposition findet Befriedigung an dem Verschleiß der Regierung, der im Fall eines griechisch-türkischen „Zwischenfalls“ sogar total sein könnte.

Für die „flache“ Analyse im griechisch-türkischen Thema sind die Verantwortungen jedoch bereits verteilt und zugewiesen worden, da die explosive Lage, die sich in den Beziehungen zum Nachbarland gestaltet hat, kein Werk der SYRIZA-ANEL ist. Erdogans „Verrücktheit“, die sich im Großen und Ganzen in seinem Wunsch zusammenfasst, die Situation in der Ägäis zu Gunsten seines Landes zu ändern, ist eine Geschichte, die seit 1973 begonnen hat, also noch lange bevor er sich vorstellen konnte, auch „Sultan“ zu werden.

Mit dieser Situation, welche die beiden Länder nach der türkischen Invasion auf Zypern (1974) 2 – 3 Mal an die Schwelle des Kriegs führte (1976, 1987, 1996), haben sich alle griechischen Regierungen abgefunden und dabei die Illusion kultiviert, das „starke Griechenland„, Mitglied der EU und der NATO, sei geschützt.

Erdogan wäre wirklich verrückt, Griechenlands Lage nicht auszunutzen

Es war nicht erforderlich, ein Experte für internationale Beziehungen zu sein, um die heutige Regierung Griechenlands rechtzeitig vor dem zu warnen, womit das Land heute konfrontiert wird. Die Absichten der Türkei bezüglich der Revision des Status quo (Vertrag von Lausanne) in den griechisch-türkischen Themen sind lange vor dem Erscheinen des Tayyip Erdogan an der Macht zum Ausdruck gebracht worden. Und auf Basis dieser Absichten bewegten sich all die Jahre, seit 1973 bis heute all die türkischen Regierungen, analog zu den Umständen mit langsamen oder intensiven Rhythmen.

Die heutigen Umstände, die von der offensichtlichen (Krieg in Syrien) Neuordnung der Karte in der Region gekennzeichnet sind, haben die türkischen Züge zur Schaffung einer neuen Situation auch in der Ägäis verstärkt und beschleunigt.

Erdogan also ist nicht wahnsinnig, er ist der Sultan (oder versucht es zu sein), der erneut die osmanische Pracht wiederaufbauen wird, dabei für sein Land in der neuen Szenerie die Rolle der peripheren Supermacht sicherstellend, die er eines Tages betonen werden wird. Und in diesem seinem Bestreben äußern sich seine „Verrücktheiten“ aus sicherer Position, weil ihm mehr als jedem anderen das bekannt ist, was Griechenlands politisches System (und die griechische Gesellschaft) nicht sehen wollen:

  • Zerschlagene Wirtschaft
  • Untergrabene operative militärische Abschreckungsmöglichkeiten (wegen wirtschaftlicher „Klammheit“ und krimineller Entscheidungen in der Vergangenheit)
  • Bankrott des politischen Systems, das darin fortfährt, das … Orchester zu genießen – trotz des Umstands, dass das Schiff mit einem Eisberg kollidierte und sinkt
  • Wirtschaftliche / politische Unterwerfung, die nicht nur nicht schützt, sondern die Gefahren für das Land vervielfacht

Der Sultan wäre wirklich verrückt, wenn er die Lage des Gegners nicht ausnutzen würde. Leider – für Griechenland – ist er es nicht …

(Quelle: topontiki.gr, Autor: Dimitris Milakas)

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  1. Kleoni
    9. April 2018, 15:26 | #1

    Und das Beschämende daran ist, dass weder die NATO noch die EU in keinster Art und Weise bereit sind, den faschistischen Sultan am Bosporus zu stoppen, ganz nach dem St. Floriansprinzip. Ausserdem muss sich Griechenland weiter schwer durch Rüstungskäufe z.B. in Frankrei u. Deutschland verschulden, so dass die wirtschaftliche Okupation Griechenlands für die nächsten 300 Jahre oder noch länger gesichert ist.
    Griechenland hat im Moment die Wahl zwischen erneuter osmanischer Besatzung oder weiterer westlicher Besatzung. Für einen Grossteil der Griechen bleibt die Sitution so oder so die gleich unerträgliche.

  2. BlauAuge
    10. April 2018, 00:49 | #2

    Griechenland wird zwar von aussen bedroht (nichts neues), zerstört sich aber eher selbst von Innen. Grund: Korruption, Vetternwirtschaft, Egoismus und und und … . Sie sind nun Mal kein einig Volk.

  3. CrankShit
    10. April 2018, 00:51 | #3

    Gewisse NATO-Partner feiern insgeheim den Erdogan, da seine bedrohliche Art kräftig für Waffenkäufe seiner Gegner sorgt und das Rüstungsgeschäft wieder ordentlich floriert …

  4. GR-Block
    11. April 2018, 01:50 | #4

    Weder NATO noch EU haben ein Interesse daran, dass sich kleine Völker sicher fühlen. Und Weltkriege sind den Bürgern nicht mehr plausibel zu machen.
    Die militärische und wirtschaftliche Einbindung in den westeuropäischen fEUdalismus muss aber immer wieder intensiviert, die Demokratie geschwächt werden, sonst driftet das System auseinander. So werden die Regierungen der Völker in eine ungeliebte Militär- und Wirtschaftskonkurrenz gegen andere hineingezogen.
    Die eingesetzten Mittel sind einerseits Säbelrasseln eines Nachbarn und andererseits seit dem Binnenmarkt Korruption und Klientelwirtschaft. Mit viel Schmiergeld, und zwar in einem Ausmaß, dass lokale Eliten nicht konkurrieren können, die Judikative mit der Bekämpfung heillos überfordert ist.
    Es hat lange gedauert bis die Griechen erkannt hatten, dass eine gesunde Portion nationaler Egoismus für das Überleben im fEUdalismus notwendig ist. Während es früher zum guten Ton gehörte, den eigenen Staat zu diskreditieren – „die korruptesten Politiker, die ineffizienteste Verwaltung, der teuerste Sozialstaat“ – sieht man jetzt, dass solche Parolen gezielt lanciert wurden und dem Gegner innerhalb der EU in die Hände spielten.
    Und, die die selbst sofort den nationalen Schulterschluss üben, wenn man „ihre“ Eliten kritisiert, egal ob sie die Korruptionsexportmeister sind. Gerade diese Leute „wissen“, dass die griechischen Probleme selbst gemacht sind. Angriffe (militärische oder finanzwirtschaftliche) von außen seien unwesentlich. Es zähle nicht, dass GR im Vergleich der EU den kleinsten Staat (und Jurisdiktion) pro Kopf der Bevölkerung hat, dass die Explosion der Korruption nicht in GR sondern der Athener EU grassierte, die Schmiergeldquellen in Staaten sprudelten, wo die Korruption ins Ausland explizit juristisch erlaubt und steuerlich kofinanziert wurde. Die selben Staaten beliefern den Sultan mit hochmodernen Waffen – auf Pump – damit dieser seinen Job als Schreckgespenst spielt.

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