Das wirkliche Problem der Wirtschaft Griechenlands

4. Januar 2018 / Aufrufe: 868

Das fiskalische Bild und die Handelsbilanz Griechenlands reflektieren nicht die wirkliche Situation seiner Wirtschaft, vielmehr geben Banken und Arbeitslosigkeit zu denken.

Das richtige Bild einer nationalen Wirtschaft wird weder von der Größe eines eventuellen fiskalischen Defizits noch von der Handelsbilanz wiedergegeben, da man ersteres jedwede Sozialleistung streichend einschränken und in Bezug auf letzteres solche Verhältnisse einer Not schaffen kann, dass niemand mehr importierte Produkte zu kaufen vermag.

Wiedergegeben wird es hauptsächlich von dem Zustand der Banken – sprich der „Lunge“ der Wirtschaft – und der Arbeitslosigkeit. Und in Griechenland ist das Bild auf beiden Sektoren tragisch. Bei den Banken besteht weiterhin der Status der Kapitalverkehrskontrollen und die Arbeitslosigkeit liegt im mittlerweile siebten aufeinanderfolgenden Jahr nach wie vor über 20%.

In Amerika wimmelt es von Unternehmern, in Europa von Steuereintreibern

Allem voran wird das Bild einer Wirtschaft hauptsächlich durch ihre Fähigkeit wiedergegeben, neue Unternehmer („Jungunternehmer“) zu rekrutieren. Und hier ist das Bild Griechenlands traurig. Laut einer jüngst durchgeführten und 38 Länder einbeziehenden Studie der „Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“ (OECD) befindet Griechenland sich hinsichtlich der in den Jahren 2012 – 2016 geschaffenen neuen Unternehmer auf Platz 27: Gerade einmal 3,8% der Bürger des Landes im Alter von 18 – 64 Jahren repräsentierten neue Unternehmer.

Die Studie der OECD dementiert auf die kategorischste Weise den in den letzten Jahren von den Befürwortern der Europa-Politik kultivierten Mythos, nämlich dass die Krise die Bürger des Landes in unternehmerische Aktivitäten „schubste“.

Auf den drei ersten Rängen der Studie der OECD befinden sich Chile (Nummer 1), gefolgt von Mexiko und den USA. In Chile bilden 16,1% der Bevölkerung die in den Jahren 2012 – 2016 geschaffenen neuen Unternehmer, in Mexiko 11,1% und in den USA 9,7%. Wie die Auflistung zeigt, unterstreicht die Studie der OECD gegenüberstellend das Bild eines amerikanischen Kontinents, auf dem es von Unternehmern wimmelt, und die Misere eines Europäischen Kontingents, auf dem es von … Steuereintreibern wimmelt.

Besonders bedrückend ist das Bild von dem „harten Kern“ der die Europäische Union bildenden Staaten. So befinden sich Deutschland auf Platz 30 (3,6% neue Unternehmer), Frankreich auf Platz 33 (3,2%), Belgien auf Platz 28 (3,6%) und Italien auf Platz 36 (2,8%).

Die „Ehre“ der Europäischen Union retten die „Stars“ des Baltikums, wie Estland auf Platz 5 (8,9% neue Unternehmer), Lettland auf Platz 7 (8,5%) sowie auch Zypern auf Platz 9 (7,8%).

Neue Unternahmer 2012 - 2016

(Quelle: euro2day.gr, Autor: Takis Michas)

  1. Alfons
    4. Januar 2018, 15:57 | #1

    Wenn auch interessant, lassen sich aus dem Zuwachs an Unternehmensgründungen und sogar aus der Arbeitslosenquote allein nur begrenzte Erkenntnisse gewinnen. Bei der Arbeitslosigkeit ist dies wohl klar. Schließlich enthüllt eine Zunahme der Erwerbstätigkeit nicht, was diese für den Konsum besagt. In Deutschland z.B. kommt der Zuwachs maßgeblich durch Teilung der Arbeit und prekäre Tätigkeit zustande. Bei den unternehmerischen Aktivitäten ist der Maßstab der „Jungunternehmen“ wiederum nur im Zusammenhang mit der Konzentration (Konzerne) wirklich erhellend – und diese agieren häufig global. Grundsätzlich lässt sich wohl sagen, dass in einem Land, in dem viele Wirtschaftsbereiche nicht von internationalen Unternehmen belegt sind, dies Neugründungen fördert. Noch stärker tritt dieser internationale Aspekt bei Bankkrediten auf. Investitionen eher im Ausland als im Inland zu fördern, ist gerade bei marktbeherrschenden Großbanken die Regel. Varoufakis schlug deshalb nicht zufällig eine gewisse Abkopplung von Bankschulden und Staatsschulden vor.

  2. GR-Block
    4. Januar 2018, 17:50 | #2

    … Griechenland … auf Platz 27: Gerade einmal 3,8% der Bürger des Landes im Alter von 18 – 64 Jahren repräsentierten neue Unternehmer.“ – Nun sind aber 3,8% Jungunternehmer mitten in einer Rezession doch eine gewaltige Zahl. Wer mit normierten Daten herumfuchtelt, sollte wissen, womit er faket. Denn die selbe OECD zeigt, wenn man alle winkeligen Interpretationen beiseite legt, ein ganz anderes Bild. https://data.oecd.org/emp/self-employment-rate.htm
    GR ist gleich nach Kolumbien die Nummer zwei der westlichen Welt an der Zahl der Selbständigen/Unternehmer. Trotz aller Anstrengungen hat die EU es nicht geschafft, die entsprechende Rate unter 34,1% der Erwerbstätigen zu drücken. Der Grieche und die Griechin wollen keine Angestellten sein, außer vielleicht beim größten Konzern, dem Staat. Bei der Zahl der öffentlichen Stellen ist GR mit 18% der Beschäftigten deshalb immerhin OECD-Mittelmaß, und zwar seit vielen Jahren.

    In Amerika wimmelt es von Unternehmern, in Europa von Steuereintreibern“ – Nein, zumindest nicht in den USA! Wie in jedem hochindustrialisiertem Land, ist die Bevölkerung auch in den USA damit beschäftigt, einem der wenigen Feudalherren (Arbeitgeber) zu dienen. Das sorgt für den wirtschaftlichen Erfolg … der Feudalherren. Mit nur 6,4% Selbständigen liegt die USA am untersten Ende der OECD-Skala, noch weit unter D mit 10,4%. Und was die Steuereintreiber angeht, die USA sind im Vergleich mit der EU in ihrer Fiskalstruktur eher eine Steueroase. Da braucht man kaum Steuereintreiber.
    Wenn also, wie die Tabelle sagt, in Amerika die höchsten Zahlen von Firmengründern vorherrschen, die Zahl der Selbständigen in den USA aber trotzdem gering ist, dann kann das nur eins bedeuten. Der jugendliche Unternehmergeist wird angefeuert, bis ein Gründer Erfolg hat. Dann wird er wie das Lamm von den grauen Wölfen zerlegt und das Fleisch verteilt. Hatte der Gründer aber keinen Erfolg, dann kann er ja wie Sisyphos von vorne anfangen oder, wenn er darüber zerbrochen ist, aufgeben. Das Lamm dient dem System quasi als Spender für eine organisierte Frischzellenkur der ganz wenigen alteingesessenen Wölfe. Auch das sorgt für wirtschaftlichen Erfolg … der ganz Wenigen.

    Die weit verbreitete griechische Selbständigkeit wird dagegen meist vererbt und deshalb mindestens von zwei Generationen geschützt. Den grauen Wölfen wirft man schließlich nicht sein eigenes Kind zum Fraß vor, nur weil es dem System dienlich ist. So etwas gibt es nur im westeuropäischen fEUdalismus, nicht in einer griechischen Demokratie. Aber selbst die alten Byzantiner mussten erst ihre Erfahrungen machen. Als nämlich die fEUdalen 1204 in ihre Stadt eindrangen, war der Untergang – 250 Jahre später – vorprogrammiert. Heute ging’s nur 10mal schneller.

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