Abschied von der kostenlosen Plastiktüte in Griechenland

8. Januar 2018 / Aufrufe: 841

Seit Anfang 2018 müssen in Griechenland alle Ladengeschäfte ihren Kunden sogenannte Plastiktragetaschen obligatorisch in Rechnung stellen.

In Griechenland kam mit dem Jahreswechsel die Stunde, sich von den kostenlosen Plastiktüten zu verabschieden, zusammen mit dem ausgeklungenen Jahr gehören auch sie nunmehr der Vergangenheit an (siehe auch Griechenland führt Abgabe auf Plastiktüten ein).

Die allgegenwärtigen Plastiktragetaschen reflektierten viele Jahre lang einen Teil unseres ökologischen Banausentums. Vielleicht werden wir uns nun bessern.

Konsumfrust, Plastiktüten, Sammelwut …

Es ist eine der Szenen, die sich in unserem kollektiven Unterbewusstsein gespeichert hat: an der Supermarkt-Kasse stopft man die zwei eingekauften Artikel in eine Plastiktüte und greift sich danach fünf weitere und nimmt sie mit – einfach nur so, um welche zu haben … . Wer hat das nicht schon getan? Wer hat nicht schon die Hand ausgestreckt um sich ein paar zusätzliche Tüten zu nehmen? Speziell jetzt, wo man nicht mehr so viel einkaufen kann, war es, wie den eigenen Konsumhunger zu befriedigen, als ob man an der Supermarkt-Kasse all seinen unterdrückten Konsumfrust an jenen Tüten abreagieren würde.

Und man sammelte Plastiktüten zuhause und suchte nach einem Platz um sie unterzubringen: „wir haben extra einen Schrank für die Tüten, sie passen nirgendwo anders mehr rein„, erzählte mir eine Kollegin. Und ich, habe nicht ich auch einen Aufbewahrungsplatz für Tüten? Ich schaffte sogar einen Wäschekorb an, um sie unterbringen zu können, und legte sie darin zusammengefaltet ab: ganz oben liegen die Tüten von 2017, darunter von ’16, von ’15 und so weiter, wie die Schichten der Erde. Auf dem Boden des Korbs habe ich vielleicht auch noch Tüten aus der Epoche der Drachme. Diese alten Tüten sind nicht einmal biologische abbaubar, sie bleiben lebenslang, werden von den Eltern an die Kinder und Enkelkinder weitergegeben. Wohl in jedem griechischen Haushalt gibt es eine – von einer Oma und einer Tante vererbte – Tüte „Strickwaren-Kreationen Litsa„.

Nun könnte man fragen, brauchten wir all diese Tüten, die wir sammelten? Natürlich nicht, sie habend empfand man jedoch eine Sicherheit. Würde man einmal 351 Tüten brauchen, wären sie da. So ist das – sagte man – mit den Tüten, es ist besser, viele zu haben, man könnte sie ja einmal genau dann benötigen, wenn man nicht damit rechnet: beispielsweise um sie über die Schuhe zu ziehen, wenn man ein Moped fährt, um die Pantoffeln im Koffer zu verstauen, um die (Essens-) Behälter der griechischen Mutter hin und her zu bringen.

Abgabe auf Plastiktüten soll Griechenlands Bürger … „erziehen“

Ganz zu schweigen von dem Müll. Der Grieche hatte die Supermarkt-Tüten zu Mülltüten umfunktioniert. Wenn die Arbeiter der Müllabfuhr streikten, quollen die Müllcontainer von Tüten über und wurden zu einer „lebendigen“ (und stinkigen) Reklame für alle Supermärkte des Landes. Nun wird der Grieche gezwungenermaßen lernen müssen, seinen Müll in große Müllbeutel zu füllen. Man wird warten, bis die Tüte voll wird, um sie dann zum Müllcontainer herunterzubringen (während mit den anderen, sprich Supermarkt-Tüten, Sportfans auch schon mal Basketball spielten und sie vom Balkon aus in den Müllcontainer „einkorbten“).

Laut Greenpeace werden in Griechenland jedes Jahr ungefähr 4,3 Mrd. Tüten in Umlauf gebracht. Eine Million hat logischerweise jeder Grieche in seiner Wohnung gesammelt. Ein Schrank voll Tüten, die wir uns ohne Maß an den Kassen abzugreifen angewöhnt hatten – so wie sich die Kinder Bonbons aus dem Glas greifen. Und wir mokierten uns sogar, wenn wir in einen Laden gerieten, der die Tüten in Rechnung stellte und wir nicht so viele mitnehmen konnten, wie wir wollten. Sagten wir nicht … was für Knauser?

Die „Knauser“ also standen in Einklang mit dem europäischen Rahmen, mit dem sich zum Schutz der Umwelt fortan alle in Einklang zu bringen haben. Schluss mit lustig, es ist die Stunde gekommen, uns von den kostenlosen Plastiktüten zu verabschieden, zusammen mit dem ausgeklungenen Jahr gehören auch sie der Vergangenheit an. Sie gaben viele Jahre lang einen Teil unseres ökologischen Banausentums wieder. Vielleicht werden wir uns nun bessern. Nicht etwa, weil wir so empfinden, sondern weil wir fortan für das Banausentum zahlen werden.

PS: Geht’s noch, Schränke für … Tüten? Wir haben es aber wirklich übertrieben. Nicht mehr lange und wir hätten in unseren Wohnungen gar Zimmer für Tüten geschaffen, etwa so wie Kleiderschrank-Zimmer.

(Quelle: protagon.gr, Autorin: Lila Stampouloglou)

  1. Götterbote
    8. Januar 2018, 16:22 | #1

    In meinen Augen der falsche Weg. Ein generelles Verbot, so wie es das auch schon in anderen Ländern gibt, wäre richtig gewesen. Stattdessen sollte man kostenpflichtige Papiertüten und Stoffbeutel anbieten.
    Die paar Cent, die eine Tüte jetzt kostet, interessiert die wenigsten. Wer wirklich darauf verzichten muss, sind die ganz Armen, die jeden Cent zweimal umdrehen müssen, bevor sie ihn ausgeben können. Aber die, die sich sowieso noch nie groß um ein paar Cent Restgeld gekümmert haben – und das sind die meisten – wird es nicht interessieren, ob auf dem Kassenbon 4 Cent drauf kommen oder nicht. Gut, die mögen jetzt nicht noch zusätzlich einfach so welche einpacken. Aber dafür werden im Einkaufskorb wie in Deutschland auch, Rollen an Einkaufstüten landen.

  2. Barbarundi
    9. Januar 2018, 17:41 | #2

    Es ist zumindest ein erster Schritt. Jetzt wird wohl nicht mehr jede Tomate, jeder Apfel usw. in einer Extratüte landen. Bei uns haben die Supermärkte inzwischen Papiertüten für Obst und Gemüse hingelegt. Und vielleicht wird man jetzt im Supermarkt auch nicht mehr milde angelächelt, weil man keine Tüte haben will, die einem sonst eilfertig geradezu aufgedrängt wurde. Ich glaube, viele Griechen würden ihre Hände von dem ganzen Plastik lassen, wenn sie wüssten, dass sie das Zeug mit jedem Fisch auf Ihrem Teller mit fressen. Wenn ich mich recht erinnere wurden gerade in 1000 getesteten Fischen in ganz GR Plastikrückstände entdeckt. Na dann: Guten Appetit!

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