Noch mehr Touristen? Nein, danke!

17. August 2017 / Aufrufe: 2.219

Der Tourismus mag Griechenlands Schwerindustrie darstellen, jedoch werden zunehmend Stimmen laut, die vor den negativen Auswirkungen des Massentourismus warnen.

In Barcelona und Venedig fordern die Einheimischen mittlerweile die Touristen auf, aus ihren Städten zu verschwinden. Welche ist die Lage in Griechenland? In Kavos auf Korfu und in Malia auf Kreta wurde bereits gesagt „es reicht!„. Ist es jedoch möglicherweise schon zu spät?

Tourismus-Phobie“ (tourism-phobia) ist möglicherweise das Wort des diesjährigen Sommers. Die Einwohner vieler europäischer Städte sind vielleicht zum ersten Mal dermaßen bereit, an Demonstrationen, Versammlungen und Aktionen gegen den Massentourismus teilzunehmen, der ihnen zufolge „unsere Städte zerstört„.

Britische Trunkenbolde sind auf Korfu und Kreta fortan unerwünscht

In Barcelona und Venedig – zwei der bedeutendsten touristischen Ziele Europas, wenn nicht gar der Welt – haben sich die Bewegungen gegen die Touristen auf Ebenen der aktivistischen Agitation entwickelt. Sogar auf den Inseln Griechenlands – wo die Einwohner bis in die heutigen Tage unüberlegt Touristen niedrigen Niveaus willkommen hießen und dabei akzeptierten, dass das Produkt langsam zerstört wird – beginnen jedoch Stimmen bezüglich der negativen Folgen des Massentourismus laut zu werden.

Letzte Nachricht? In Kavos auf der Insel Kerkyra / Korfu – wegen der Horden englischer Trunkenbolde einer der schlimmsten Plätze, wo man sich im Sommer einfinden kann – beschlossen die Einwohner, gewisse Grenzen zu setzen. Der Kulturverein von Kavos teilte mittels der weit verbreiteten Daily Mail mit, die jungen Engländer, die sich betrinken und nichts anderes machen, seien fortan unerwünscht. Vorausgegangen war ein entsprechender Schritt aus Malia auf Kreta. „Diese Menschen schlafen den ganzen Tag lang, kaufen nichts, besuchen keine Restaurants, essen ein Souflaki und verbringen die ganze Nacht in den Bars, wo sie sich bis zum Umfallen besaufen. Diesen Tourismus wollen wir nicht, wir wollen die älteren Briten, die sich kultiviert benehmen und die besten Besucher sind„, erklärte gegenüber der Daily Mail der Vorsitzende des Kulturvereins, Vasilis Aspiotis.

Es ist ein entscheidender Moment. Die touristischen Zielorte begreifen vielleicht zum ersten Mal, dass die Zahlen keine Bedeutung haben – allein die Tourismusministerin Elena Kountoura und der Kommunikationsmechanismus des „Maximou“ (sprich der Regierungszentrale) fahren zu jubilieren fort. Von Bedeutung ist der qualitative Tourist. Der wird jedoch keinen von Menschen oder – noch schlimmer – Betrunkenen überschwemmten Ort besuchen.

Ist es zu spät? Für einige Orte wird es das sein. Es werden Jahre nötig sein, damit der Schaden repariert wird. Es ist jedoch ein kritischer Moment der Selbsterkenntnis für Länder und Orte, die von dem Tourismus leben. Dem Selben begegnen außerdem auch andere.

Barcelona, Venedig und die Position der Weltorganisation für Tourismus

Würde man nur die Zahlen hören, scheint der Tourismus für Spanien ein wahrer Segen zu sein. In einer Epoche, in der das Land nach der Wirtschaftkrise auf seinen Füßen zu stehen versucht, trägt die Tourismus-Industrie in einem sehr großen Grad zur Entwicklung vieler Gebiete bei. Es ist charakteristisch, dass der Tourismus 11% zu dem BIP des Landes beiträgt, während er den signifikantesten Faktor darstellte, damit die hohe Arbeitslosenquote – sei es auch saisonal – gesenkt wird. In Spanien, das im vergangenen Jahr 75,6 Mio. Touristen hatte, vertreten jedoch Etliche, der Massentourismus schade dem Land.

Das heutige touristische Modell vertreibt die Einheimischen aus ihren Heimen und schädigt die Umwelt„, äußert gegenüber der britischen Zeitung „Guardian“ ein Sprecher der Jugendorganisation der linken Partei CUP (Popular Unity Candidacy), Mitglieder von der Videoaufnahmen gemacht hatten, wie die Reifen gemieteter Fahrräder und touristischer Busse platzten. Der spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy spricht von Extremisten – zur Stunde, wo für den 17 August 2017 auch in Mallorca Antitourismus-Demonstrationen geplant sind.

Ähnlich ist die Lage in Venedig, das jedes Jahr unter Touristen „versinkt“. Konkret empfängt die Stadt der 55.000 ständigen Einwohner über 20 Mio. Touristen im Jahr. Die Einwohner der wunderschönen italienischen Stadt erklären, sie störe alles, angefangen von dem Lärm, der nicht zum Umfeld der Stadt passt, bis hin zu den riesigen Kreuzfahrtschiffen, die alltäglich in der Region eintreffen. Ähnlich ist die Situation auch in dem wunderschönen Dubrovnik Kroatiens, wo die Kreuzfahrtschiffe jeden Tag tausende Touristen ausspucken. Dort beschloss die Bürgermeisterin, Kameras aufzustellen, welche die Anzahl der Touristen verzeichnen, die das historische Zentrum der Stadt besuchen, das als kulturelles Gut Kroatiens anerkannt worden ist, während es 1979 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt wurde.

Dieser in vielen Regionen Europas gigantische Ausmaße annehmenden anti-touristischen Bewegung sind die Regierungen diverser Länder, aber auch die Weltorganisation für Tourismus (UNWTO) zu begegnen aufgerufen. Der Generalsekretär der Organisation, Taleb Rifai, sprach von „einer sehr ernsten Situation, der zum Wohl aller mit Ernsthaftigkeit zu begegnen ist„. Die von der UNWTO vorgeschlagenen Methoden haben mit der Ermunterung der Touristen, weniger bekannte Sehenswürdigkeiten zu besuchen, einer Ausweitung der touristischen Aktivitäten und einer Verlängerung der touristischen Saison zu tun. Die Organisation möchte aber auf keinen Fall die touristischen Ströme stoppen oder einschränken.

Wird Griechenland der Anti-Tourismus-Bewegung folgen?

Vor nicht langer Zeit bezog sich ein Artikel der französischen Zeitung Le Figaro auf die ungünstigen Auswirkungen, die der Massentourismus auch für Regionen Griechenlands haben wird. „Venedig, Barcelona, Santorin … ihre Wirtschaft ist von den ausländischen Besuchern abhängig, wird jedoch durch die Überpopulation bedroht„, kommentierte der Beitrag. Der strittige Artikel wurde von einem charakteristischen Foto begleitet: nämlich des wunderschönen Sonnenuntergangs an der Caldera von Santorin, wobei die französische Zeitung betonte, dass ihn jedes Jahr 70.000 Touristen genießen.

Der Tourismus mag also die „Schwerindustrie“ Griechenlands darstellen, jedoch werden bereits in vielen Gebieten Befürchtungen bezüglich der Auswirkungen seiner Massenvariante zum Ausdruck gebracht. Ein Beispiel ist Mala auf Kreta, wo sich in den letzten Jahren Horden junger Touristen ansammeln, die ohne Grenzen die Sau herauslassen wollen. Dieser zügellose und massenhafte Tourismus scheint die Einheimischen zur Verzweiflung gebracht und etliche Unternehmer zu dem Entschluss geführt zu haben, ein „Stopp“ zu setzen und eine Wende zu einem „kontrollierten“ Tourismus zu vollziehen, der sich hauptsächlich an Familien richtet.

(Quelle: protagon.gr)

  1. Curt Ebeling
    17. August 2017, 18:29 | #1

    Bloß keine Panik, denn das Problem gab es doch schon mal, als auf den Kykladen sogar die Hausdächer vermietet wurden – das war Ende der 80 Jahre. Einfach die Preise für Alkohol ordentlich rauf und schon ist Ruhe und den Griechen tut es nicht weh, denn die betrinken sich nicht, und wenn sie trinken, dann essen sie etwas dazu!

  2. windjob
    18. August 2017, 13:57 | #2

    Es sind nicht nur die britischen Trunkenbolde. Es sind die Briten allgemein. Sie behehmen sich wie Kolonialherren. Wir waren 10 Jahre in der Türkei und Griechenland segeln. Jede Marina ist voll in britischer Hand. Sie organisieren alles und es geht so weit, dass die Marineros sogar fragen müssen ob sie ein anderes Boot neben ihnen einparken dürfen. Ich verstehe nicht, warum die EU sich beim Brexit so ziert. Schreibt die 60MRD ab und lasst sie raus und macht dann den Eurotunnel dicht. Danach Visapflicht mit hohen Kosten.

  3. Barbara F.
    18. August 2017, 17:32 | #3

    Das ganze wird sich wieder legen, derzeit fallen einfach zu viele andere Ziele für die Touristen aus, insbesondere die Türkei. Wenn das britische Pfund weiter fällt, können sich die Saufbolde das bald nicht mehr leisten. Preise für alkoholische Getränke hoch, und keinen kostenlosen Alkohol in den Anlagen

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