Entging Griechenland 2015 einem Putsch?

2. Juni 2017 / Aufrufe: 1.531

Dem ehemaligen Finanzminister Yanis Varoufakis zufolge befürchtete Griechenlands Premierminister Alexis Tsipras 2015 sogar auch einen Putsch und seine Hinrichtung.

In seinem von Daily Telegraph in Auszügen veröffentlichten Buch „Adults in the room“ ** vertritt Griechenlands ehemaliger Finanzminister Yanis Varoufakis, Premierminister Alexis Tsipras habe ihm nach dem Ergebnis des Referendums und dem „Nein“ im Juni 2015 wenige Stunden nach Schließung der Wahlurnen anvertraut, einen Putsch zu befürchten.

In dem Kapitel seines Buchs in Zusammenhang mit der Unterredung, die er am Abend des Referendums (bzw. danach um 01:30 Uhr) mit dem Premierminister hatte, behauptet Yanis Varoufakis, Alexis Tsipras habe ihm – anfänglich sogar drohend – gesagt, wobei offensichtlich war, dass er einen Kompromiss eingehen wollte:

Tsipras befürchtet ernsthaft einen Putsch in Griechenland

Das erste Mal, wo er (Tsipras) in der konkreten Unterredung entschlossen zu mir sprach, war, als er mir sagte ‚Schau Yanis, Du bist der einzige, dessen Prognosen sich bewahrheiteten. Sieh jedoch das Problem: Wenn jede beliebige andere Regierung ihnen (den Gläubigern) so viel gegeben hätte, wie ich ihnen gab, hätte die Troika die Vereinbarung zum Abschluss gebracht. Ich gab ihnen mehr als ihnen Samaras jemals gegeben hätte, und sie wollen mich immer noch abstrafen, wie Du sagtest, dass sie es tun werden. Seien wir ehrlich. Sie wollen uns stürzen. Trotz allem können sie mich mit den 61,3% nicht anrühren. Sie können jedoch Dich vernichten.‘

Ich antwortete ihm, „Alexis, mach Dir um mich keine Sorgen. Du solltest Dich jedoch sorgen und den Leuten Ehre erweisen, die sich draußen befinden und feiern – zur Stunde, wo Du planst, Dich zu ergeben.“ Wie Varoufakis in dem selben Auszug ergänzt, sprach Tsipras ihm gegenüber im weiteren Verlauf offen die Möglichkeit eines Putsches an, und zwar nicht im übertragenen, sondern im wörtlichen Sinn, wobei er ihm seine Befürchtungen bezüglich einer Wiederholung all dessen enthüllte, was sich 1922 nach der Kleinasiatischen Katastrophe ereignet hatte, und deren Hinrichtung in Goudi!

Hinrichtung à la Goudi oder bedingungslose Kapitulation?

Yanis Varoufakis schreibt in dem einschlägigen Auszug weiter:

In jener Phase gestand Alexis ein, ein Schicksal wie jenes zu fürchten, das die Geschichte den 6 bereithielt, die nach der Kleinasiatischen Katastrophe 1922 in Goudi hingerichtet wurden. Ich lachte und sagte zu ihm, wenn sie uns hinrichten würden, obwohl wir 61,3% der Stimmen gewonnen hatten, dann sei uns eine Position in der Geschichte sicher.

Alexis Tsipras spielte darauf an, den Fall eines Putsches zu fürchten, und sagte zu mir, der Präsident der Republik, Stournaras (Chef der Griechischen Bank), die Geheimdienste und Mitglieder der Regierung stehen in Bereitschaft. Und wieder entgegnete ich: „Lass sie ihr schlimmstes Ego herauskehren! Begreifst Du, was 61,3% bedeuten?“ Ich sagte zu ihm: „Schau, heute Abend stimmten die Menschen ab. Sie wählten nicht „Nein“, damit Du es in ein „Ja“ umwandelst.“ Ich sagte zu ihm, er müsse hinausgehen und das sagen, was auch ich in einer vorherigen Presseerklärung meinerseits gesagt hatte, nämlich dass die Stimme für das „Nein“ der von ihm verlanget Auftrag war, in Zusammenarbeit mit den europäischen Partnern eine Vereinbarung herbeizuführen.

Laut dem selben Auszug und den Darstellungen des ehemaligen griechischen Finanzministers war, als er Tsipras fragte, „ob er den erhaltenen Auftrag ehren würde„, dessen Antwort „mangelhaft, jedoch die von ihm eingeschlagene Richtung offensichtlich: nämlich zu einer bedingungslosen Kapitulation.

Eine Regierung stürzte … ihr Volk

Yanis Varoufakis fährt zu dem selben Thema fort.

Ich sagte Tsipras, wir müssen klar erklären, dass wir uns bezüglich unserer Liquidität vorbereiten, wie es ab dem Moment unsere Pflicht war, als die EZB unsere Banken geschlossen hielt.“ Er sagte zu mir, „Yanis, für jene wird es sehr schwierig sein, uns eine Lösung zu geben„. Ich antwortete ihm, „Du fährst darin fort, den Fehler zu begehen, die Lösung für etwas zu halten, das sie uns geben werden. Die Weise, wie Du darüber senkst, ist nicht richtig. Sie brauchen die Lösung eben so sehr wie wir.

Alexis meinte zu mir, sie würden die Umbildung der Regierung erwägen, damit vermieden wird, dass die Troika, die Gläubiger und die Massenmedien mich zur Zielscheibe machen. „Ich möchte, dass Du das Finanzministerium übernimmst„, sagte er zu mir. Ich antworte ihm: „Nein Alexis, ich bin nicht interessiert. Erinnerst Du Dich, warum ich aus den USA herkam? Weil Du mich batest, Dir zu helfen, damit wir Griechenland aus den Fesseln der Verschuldung befreien. Ich kandidierte nicht, um auf Deubel komm raus Abgeordneter zu werden, sondern weil ich nicht wollte, zur Stunde, wo wir über eine Umstrukturierung unserer Verschuldung verhandeln werden würden, ein nicht gewählter Finanzminister zu sein. Ab dem Moment, wo Du dieses Ziel aufgabst, habe ich keinerlei Grund, Minister im Gefängnis unserer Verschuldung zu sein. Es ist ok. Lass es jemand anderen tun.

Als ich zu Danai (Anmerkung: Danai ist Varoufakis‘ Ehefrau) kam, fragte sie mich, was geschehen war. Ich sagte zu ihr: „Heute hatten wir ein merkwürdiges Phänomen einer Regierung, die … ihr Volk stürzt„.

(Quelle: imerisia.gr, basierend auf einem von Daily Telegraph publizierten Buchauszug)

** In deutscher Übersetzung ab 20 September 2017 lieferbar: „Yanis Varoufakis: Die ganze Geschichte: Meine Auseinandersetzung mit Europas Establishment“ (ISBN 978-3-95614-202-4)

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