Was man in Griechenland zu Ostern … muss

16. April 2017 / Aktualisiert: 17. April 2017 / Aufrufe: 1.404

Im modernen Griechenland bringt das Osterfest viele Muss mit sich, weil die Menschen wohl die Art und Weise haben, die Freude zur Zwangskür zu machen.

In diesem Jahr beging ich eine Eselei. Ich vergaß, bevor ich zum Osterurlaub ins Ausland aufbrach, meinem Patenkind eine Kerze zu bringen. Es fiel mir ein, während mein Flugzeug sich bereist auf einer Höhe von etlichen tausend Fuß befand, sodass ich nichts mehr tun konnte um das Versäumnis zu korrigieren.

Danach überlegte ich mir (möglicherweise um mich besser zu fühlen?), dass ein 15 Jahre altes Mädchen wohl kaum noch eine Kerze erwarten würde. Jedoch, wenn ich als korrekter Pate gelten wollte, hätte ich mich an die Formen halten müssen und hatte es nicht getan. Ich reiste in die Ferne und ließ unerledigte Angelegenheiten zurück.

Der „Kreuzweg“ der Patenkinder in Griechenland

Die Wahrheit ist, dass ich mich, als ich in ihrem Alter war, jedes Mal schämte, wenn mir eine Kerze gebracht wurde, und wollte sie nicht einmal halten – insbesondere wenn sie mit Schleifen und Blümchen dekoriert war. Vielleicht fühlte mein Patenkind ja das selbe und war sogar erleichtert, dass ich es bzw. sie vergessen hatte. Diese Version gefiel mir und war bequem für mich.

Zusätzlich hatte ich dem Kind den Zwang des „sag Deinem Paten Dankeschön“ – „hab schon“ – „ich habe nichts gehört, sag es noch mal“ – erspart. Wir alle haben das durchgemacht. Als Patenkinder sind wir verpflichtet worden, die – uns im übrigen fast unbekannten – Paten beidseitig zu küssen um ihnen unsere Dankbarkeit für ein Paar Schuhe auszudrücken, die entweder viel zu groß waren oder uns so sehr drückten, dass uns die Tränen aufstiegen, und als Paten wiederum wussten wir nicht, was wir alles kaufen und tun sollten, um weniger unsere Patenkinder, sondern viel mehr deren Eltern zufriedenzustellen.

Ungefähr so haben wir (und zwar beide Seiten!) geschafft, das Fest zu einem „Kampf“ (und einer Stressphase) voller „Muss“ zu machen. Das neugriechische Ostern also hat viele, viel zu viele „Muss“, bzw. haben wir wohl die Art und Weise, die Freude zur Obsession zu machen.

Ostern in Griechenland: feiern oder doch eher … leiden?

Wir müssen Familienessen beiwohnen, die uns unerträglich langweilen werden, wir müssen Eier färben anstatt sie gefärbt zu kaufen, um nicht als Faulpelze zu gelten, wir müssen Hefezöpfe nach dem Rezept unserer seligen Großmutter kneten (die „aufzugehen“ haben, uns jedoch auch in diesem Jahr wieder einmal nicht den Gefallen tun), wir müssen andere Kleidung für die Karfreitags-Prozession und andere für die Auferstehungsmesse kaufen, damit im Dorf nicht über uns getuschelt wird, wir müssen zuerst die „Auferstehung“ hinter uns bringen und dürfen erst danach essen, auch wenn unser Magen sich vor Hunger schon verknotet hat, wir müssen von der „Magiritsa“ (Suppe aus Lamm-Innereien) kosten, weil sie das absolut traditionelle Gericht ist, auch wenn wir uns vor der Leber und den Gedärmen ekeln.

Und am Ostersonntag müssen wir bei Morgengrauen aufstehen um dem Paten beim Anheizen des Grills Gesellschaft zu leisten, und während er den Spieß dreht, müssen wir so tun, als ob wir über seine „kalten“ Witze lachen und uns bei seiner grässlichen Musik amüsieren, und danach müssen wir das Lamm essen – gleich ob es roh oder verkohlt ist – und bekunden, wie toll es ihm gelungen sei, und wenn er aufsteht und „Zeibekiko“ tanzt, müssen wir zu Boden gehen und dazu klatschen. Im Anschluss daran müssen wird den „Kalamatiano“ – oder sei es auch „Hasaposerviko“ – (sprich traditionelle griechische „Ringeltänze) anführen, den wir weder tanzen können noch wollen, aber müssen! Zusätzlich müssen wir in den letzten Jahren auch noch fasten, weil es wieder Mode ist.

Allgemein … „müssen“ wir (Vieles), wenn wir ein authentisches griechisches Ostern begehen wollen. Und ich mag mit all diesen „Muss“ niemals auf gutem Fuß gestanden haben (zumal ich weder die Innereien-Suppe noch das Lamm esse und auch nicht „“Kalamatiano“ tanze), bringe es jedoch nicht über mich, meinem geliebten Patenkind nicht den tieferen Sinn des Festes in Erinnerung zu rufen: nämlich, dass es im Rahmen des „liebt Euch gegenseitig“ den inkonsequenten, jedoch reuigen Paten zu lieben und ihm zu verzeihen hat. Der seinerseits das Patenkind nie wieder vergessen darf.

Soviel für heute, fröhliche Ostern. Ihr müsst es feiern, weil wir unsere Traditionen ehren müssen. Oder nicht?

(Quelle: protagon.gr, Autor: Kosmas Vidos)

  1. SimoneParoglou
    16. April 2017, 10:08 | #1

    Das ist Quatsch. Wer nicht fasten will, fastet nicht. In die Magiritsa kann man auch nur die Dinge rein tun die man mag. Statt Lamm kann es ja auch Ziege sein und wenn man beides nicht mag dann halt Suflaki. Nichts ist ein Muss. Die Lambada fürs Patenkind sollte man wirklich nicht vergessen. Ich finde es schön das die Griechen so an ihren Traditionen festhalten und mann sollte die wenigen gemeinsamen Stunden mit der Familie genießen denn von der gemeinsamen Zeit hat man im heutigen Alltag viel zu wenig. Χριστός ανέστη

  2. Kleoni
    16. April 2017, 11:08 | #2

    Danke für diese Ostergedanken, die mich etwas an das MUSS beim deutschen Weihnachten erinnern 🙂

  3. Uschi Niemann
    17. April 2017, 11:40 | #3

    Auf dem Osterfest meiner griechischen Nachbarn habe ich nichts von all dem erlebt. Nichts war ein Muss, alles war ein Kann und Darf. Ich DURFTE an der Feier wie selbstverständlich teilnehmen. Ich war auch als Deutsche bei den Griechen herzlich willkommen. Ich KONNTE essen, was ich wollte. Ich MUSSTE nicht tanzen. Es war ein lockeres, gemütliches und vor allem sehr fröhliches Beisammensein, so wie ich es hier seit Jahren kenne und schön finde. Es hat nichts, aber auch gar nichts mit kommerzorientierten den in Detuschland üblichen Oster- oder Weihnachtsfeiern zu tun. Ich erlebe es als ungezwungenes Zusammensein mit der Familie und mit Freunden. Es wird viel diskutiert, gelacht, gesungen und getanzt. Es gibt keine Einladungen, den man unbedingt folgen MUSS. Wer kommt, der kommt. Wer nicht kommt, der ist vielleicht bei einer anderen Familie oder anderen Freunden. Niemand bleibt allein zu Hause. Natürlich gibt es – wie bei allen griechischen Festen – immer viel zu viel zu Essen, aber was übrig bleibt, wird aufgeteilt. Jeder kann mitnehmen, was er möchte. Und vor allem: Niemals würde ein Gastgeber seine Gäste nach einer Kostenbeteiligung fragen. Es ist keine Frage des Geldes – es ist eine Frage der Ehre, ein Fest auszurichten und seine Gäste reichhaltig zu bewirten, ohne eine Gegenleistung zu verlangen. Und im nächsten Jahr wird eine andere Familie das Fest ausrichten und auch die wird wie selbstverständlich alles auftischen, was verfügbar ist. Krise… bei griechischen Festen vorübergehend außer Kraft gesetzt! Das Feiern lassen sie sich nicht nehmen, auch nicht in schweren Zeiten! Und das macht sie tausendmal sympathischer als die ewig auf hohem Niveau nörgelnden Deutschen.

  4. GR-Block
    18. April 2017, 03:17 | #4

    Da hast du mal so richtig deinen Familienfrust von der Seele gekotzt, Kosma. So eine traditionschwangere Gesellschaft kann schon ziemlich anstrengend sein. In etwa so als ob man einen flotten Bauernreigen auf schwerem Ackerboden aufführen wollte. Die Beine werden bei jedem Schritt immer träger.

    Ich erinnere mich einst, es war in einem anderen Jahrtausend, da war ich mit meiner deutschen Freundin in meinem Heimatdorf und wir gerieten am 15. August in einen wahren Taufwahn des Dorfes. Gleich mehrere Kinder sollten am selben Tag in geweihtes Wasser getunkt werden.
    Meine Kusine lud uns ein, das Spektakel mit anzuschauen, weil ein Nachbarkind ebenfalls Kandidat war. Meine Freundin fragte misstrauisch zurück, wie lange das denn dauern würde und erhielt selbstverständlich ein „so lange du willst“. Diese äußerst undeutsche aber doch sehr präzise Antwort löste ein gewisses argwöhnisches brummen aus. Man vernahm so etwas wie … Wiege der Demokratie … nicht christliches Patriarchat … . Schließlich überwog die Neugier über das Ausmaß der religiösen Unterdrückung und die Macht des Provinzklerus in Hellas.
    In der Kirche angekommen erleben wir, wie der Pfarrer mit einem Tross von Patenonkeln und -tanten schwitzend und mit einiger Mühe um das Taufbecken prozessiert. Die Umstehenden Verwandten und Freunde oder Gäste plaudern miteinander und schauen ab und zu, ob der Pfarrer alles richtig macht.
    Man trifft Leute, die man seit Jahren verschollen glaubte, an irgendwelche Fließbänder fern von Hellas. Man erfährt, dass die Kuh des Nachbarn gekalbt hat und dessen Tochter in der Stadt demnächst auch dran wäre. Kinder werden ermahnt in der Kirche nicht zu laufen, sondern draußen zu spielen. Man umarmt den alten Freund, der, noch in Arbeitsklamotten, eiligst durch das immer offen stehende Kirchenportal hereinkommt und lautstark dem „Deutschen“ um den Hals fällt. Bis schließlich dem Pfarrer der Kragen platzt und die Erfinder der Demokratie daran erinnert, dass sie schließlich an einem heiligen Ort seien, der Ekklisia, und nicht bei sich zuhause.
    Nun weiß aber der wahre Demokrat schon seit der Antike, dass „Ekklesia“ die Vollversammlung des Wahlvolkes einer Gemeinde meint, nicht die von Göttern oder deren Priester. Weil aber der Dorfpfarrer seinen Dienst gegen ein schmales Gehalt verrichtet, hat man ein Einsehen und verstummt … jedenfalls solange, bis der schwer arbeitende Pfarrer sich wieder der Taufe zu wendet. Die beiden Lautstarken gehen kurz hinaus um sich auszusprechen und kommen dann plaudernd und scherzend wieder rein, um gerade noch zu erleben, wie Kind Nummer 2 ins Taufbecken pinkelt und der schwitzende Pfarrer sich trotz Intervention des nächsten Paten weigert, ein frisches Taufwasser anzusetzen um dessen zeitraubende Weihung zu vermeiden.

    Damals wurde mir klar, welcher Kulturschock dem ausländischen Betrachter der Umgang des Erfinders mit seinen beiden wichtigsten Schöpfungen nämlich der Demokratie und 500 Jahre später dem Christentum verursachen muss. Und da kommst du, Kosma, und schreibst dir deine griechische Provinzialität von der Seele (als ob du ihr entrinnen könntest) ohne dabei an die große Mehrheit derer zu denken, die unbeschwertes, quasi dionysisches Vergnügen empfinden bei der lustvollen Ausübung ihrer Provinzialität mit Tanzen, Trinken und Essen. Und mitten drin ein nunmehr entspannter Pfarrer samt Gattin und Kinder – in einer Hand die Retsina in der anderen eine abgenagte Ziegenkeule. Das gehört traditionell zur Glaubwürdigkeit der „frohen“ Botschaft. Ostern ist schließlich die Party danach.

    Meine Freundin jedenfalls hatte sehr schnell erkannt, dass der Hellene die Götterwelt schafft, nicht umgekehrt, und die Ekklisia zweifelsohne ihren Ursprung in der Demokratie hat. Anders als in der EU entscheidet jeder selbst, ob und wann er rein geht und wie lange er bleibt, egal was der Amtsträger davon hält. Im Gegenteil, wenn der sich stur stellt, fällt seine Keule kleiner aus.

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