Warum in Griechenland nie wie in Rumänien reagiert wurde

18. Februar 2017 / Aufrufe: 1.433

In Rumänien gingen jüngst eine halbe Million Bürger auf die Straßen und protestierten gegen die Korruption, in Griechenland jedoch noch nie.

Die Rumänen gingen auf die Straßen und demonstrierten gegen die Korruption. In Griechenland ist so etwas nie geschehen. Die Griechen protestieren nur vom Sofa, im Kaffeehaus oder auf Facebook und mokieren sich über die verdorbenen Politiker …

In den vergangenen Tagen überschwemmten in Rumänien wenigstens 500.000 Menschen die Straßen, um trotz des Rückzugs der Regierung und der Rücknahme der Verordnung in Bezug auf Korruptionsfälle zu demonstrieren. In Bukarest waren es ungefähr 250.000 und weitere hunderttausende in anderen Städten in ganz Rumänien.

Griechenlands Bürger ärgert in Wirklichkeit, nicht (mehr) selbst von der Kleptokratie profitieren zu können

Am 08 Februar schaffte die rumänische Koalitionsregierung (Sozialdemokraten, Allianz der Liberalen und Demokraten – ALDE und die ungarische Partei UMDR) es, den von der Opposition gestellten Misstrauensantrag zu überleben. Trotz allem zeigten die Massenkundgebungen das in dem politischen System Rumäniens existierende ungeheure Problem auf und offenbarten die Absichten der Gesellschaft für die Zukunft.

Die Nachricht beschäftigte natürlich die griechischen Massenmedien, jedoch weiß ich nicht, inwieweit sie in ihrer Essenz und ihrem Symbolismus wahrgenommen wurde. Das Wahrscheinlichste ist, dass der durchschnittliche Grieche sich sehr schwer tat um zu verstehen, wie es möglich ist, dass so viele Leute gegen die Korruption demonstrieren … . Während wir (hier in Griechenland) also diachronisch viele Gelegenheiten hatten, empfanden wir niemals das Bedürfnis, wegen des größten uns quälenden Problems auf die Straßen zu gehen. Im Gegenteil, alle gesellschaftlichen „Kämpfe“ beschränkten sich auf die Forderungen an den Fiskus, der den Bürgern immer etwas mehr schuldet und es nicht hergibt …

In Wirklichkeit stört uns das korrupte politische System, weil es uns nicht genug an den „Gewinnen“ beteiligt, und nicht, weil es die Korruption verstärkt! Wir ärgern uns, weil wir nicht (auf dem öffentlichen Sektor) eingestellt wurden, weil wir nicht mit 50 pensioniert wurden, weil der Staat uns nicht den Schwarzbau legalisierte, weil wir keine Gehaltserhöhung oder irgend eine Beihilfe erhielten. Und weil in den letzten sieben Jahren die Memoranden die vorherigen „Erleichterungen“ beim Zugang zur Kleptokratie einschränkten.

Die überwältigende Mehrheit der Bürger Griechenlands ist direkt oder indirekt in die staatliche Korruption verstrickt

Unser Unterschied zu den Rumänen ist offensichtlich: Die überwältigende Mehrheit der griechischen Gesellschaft ist direkt oder indirekt mit der Korruption verbunden. In Rumänien jedoch machte – wegen des alten Regimes – nur eine Minderheit (alte und neue Eliten) als Erben des Systems weiter. Kurz gesagt, ich weiß nicht, was die auf die Straßen gegangenen 500.000 Rumänen getan hätten, wenn sie in die „generösen“ Strukturen eines korrupten Staats eingegliedert geworden wären. Ich bin mir nicht sicher, inwieweit sie bereit gewesen wären, die Rolle des „Zensors“ zu spielen, wenn sie – wie wir – einen Teil des Systems dargestellt hätten …

Seit 1974 erfolgte niemals irgendeine Demonstration wegen der Korruption! Nicht einmal 1989, als die Enthüllungen bezüglich der PASOK-Partei dermaßen ohrenbetäubend waren, dass sie die beispiellose Zusammenarbeit zwischen der ND und der Linken schufen! Auch damals gingen die Leute nicht auf die Straßen um gegen die Skandale zu protestieren, die das öffentliche Leben überschwemmt hatten. Und auch nicht mit dem Krach der Börse, noch mit dem Gesetz „über Ministerhaftung“ und auch nicht mit den Anlässen, die das Land in den Bankrott brachten. Die berühmten „Wutbürger“ waren nichts anderes als ein smarter Trick des Systems um den neuen Schub der „Anwärter“ an die Macht zu bringen.

Dieses Land wird sich nur ändern, wenn wir auf dem Syntagma-Platz sei es auch nur 100.000 Menschen für die Aufhebung der Unkündbarkeit auf dem öffentlichen Sektor, die Reformen, die Liberalisierung der Berufe, die Renten mit 65 für alle und die Abschaffung des „Gesetzes über Ministerhaftung“ demonstrieren sehen. Nur wenn die Griechen selbst beschließen, die Nabelschnur zu dem korrupten Staat und den ihnen von diesem gewährten tumorösen „Erleichterungen“ zu durchtrennen.

Dann werden wir jedoch nicht von Griechenland, sondern von irgend einer anderen Gesellschaft sprechen. Von einer neuen Gesellschaft, in der jene, die von ihr träumen werden, noch gar nicht geboren wurden …

(Quelle: protagon.gr, Autor: Andreas Zampoukas)

  1. Anton
    18. Februar 2017, 13:20 | #1

    Hier sollten man jedoch berücksichtigen, dass auch in Rumänien Widerstand gegen Korruption ein eher neues Phänomen darstellt. Ansonsten hat sich bezüglich Korruption auch in Rumänien bisher nichts getan. Außerdem richten sich die aktuellen Proteste nicht primär gegen Korruption, sondern gegen eine Legalisierung der Korruption. Auch aus anderen Gründen habe ich meine Zweifel, ob sich die Situation in Griechenland mit der in Rumänien so einfach vergleichen lässt. Schließlich gab es auch in Griechenland in den letzten Jahren massenhaft Proteste, die es in Rumänien bisher überhaupt nicht gab (z.B. bezüglich der neoliberalen EU-Wirtschaftspolitik)

  2. karnapas
    18. Februar 2017, 19:33 | #2

    Mir scheint, dass es recht verschiedene Arten der Korruption gibt. Vom Klientelismus berichtet Heinz A. Richter – lohnt sich (durchaus auch kritisch) zu lesen: Die politische Kultur Griechenalnds. Die hat sich in GR wohl nach Jahrhunderten türkischer Besetzung etabliert. Als Grieche wäre ich heute (hallo Konjunktiv: ich bin Deutscher) doch auch bescheuert, Steuern in ein System zu zahlen, das mir nichts (o. k., kaum etwas) zurück gibt. Beispiele: Wenn die Oma am Zebrastreifen mit Herzattacke umfällt und gegenüber fahren die Cops auf ihren Motorrädern schnell weg – es könnten ja Hilfestellung / Arbeit / Unannehmlichkeiten anstehen – (alles genau so erlebt), oder im Blick auf ein schon immer marodes Gesundheitswesen (dabei kein Vorwurf an die dort Tätigen: ich bin immer zuvorkommend behandelt worden, weiss aber auch von fehlendem, nicht fortgebildetem und unterbezahltem Personal, mangelndem Material, Inkompetenz und Machtmissbrauch), oder ganz simpel und aktuell: bei bei der Installation von Leitplanken auf der Insel, wo ich lebe, die da, wo sie aufgestellt werden, niemand (zumindest nicht vordringlich) braucht – aber irgendwer wird schon dabei profitieren oder jemand seinen Job legitimieren). Hiho!

  3. Konstantin
    19. Februar 2017, 22:33 | #3

    Die Griechen haben sich zum großen Teil an die Korruption gewöhnt. Viele meinen, dass sie ohne entsprechende „Spende“ eine schlechte Gegenleistung erhalten würden. Sie sind zum Teil selbst motiviert, etwas zusätzlich zu geben um eine Leistung zu erhalten in dem Glauben, sie wäre dann besser als wenn sie nichts geben würden.
    Gutes Beispiel ist ein Krankenhaus in Kreta. Da hat der Krankenhausleiter den Besuch der Patienten vor einigen Jahren zu den OP-Zeiten verboten. Sein Anliegen war, dass die Ärzte dann nicht geschmiert werden können, wenn keiner da ist, der ihnen was geben kann. Und wer ist da Amok gelaufen und hat protestiert, bis die Anordnung wieder rückgängig gemacht wurden? Die Besucher, weil sie der Meinung waren, ohne „Fakelaki“ wird ihr Angehöriger schlecht opperiert. Dieses Denken zieht sich durch ganz Griechenland in unzählig vielen Bereichen. Und natürlich gibt es auch Leute, die ohne „Fakelaki“ keine Hand rühren um ihre Pflicht zu erfüllen.

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