Griechenland und der böse Deutsche

24. Dezember 2016 / Aufrufe: 2.192

Der böse Deutsche, den man in Griechenland zu hassen verehrt.

Schäuble wundert sich, dass Athen nicht begreift, dass außer seiner (Schäubles) Hartnäckigkeit auch noch etwas anderes daran schuld ist, dass Griechenland sich immer noch in einer Krise befindet. Und er hat Recht. Vielleicht ist es an der Zeit, zu begreifen, dass nicht der Deutsche unser Problem ist und unser Problem wir selbst sind …

Wolfgang Schäuble wundert sich, dass die griechische Regierung meint, weil er auf deren großzügigen Gesten an die Rentner und Inselbewohner reagierte, Griechenland nicht zu mögen und ihm schaden zu wollen. In einem Interview an „Die Zeit“ wundert er sich, dass die – ich nehme an derzeitige, aber auch vorherige – Regierung nicht zu begreifen vermag, dass es an etwas anderem außer seiner Hartnäckigkeit liegt, keine großen Sprünge machen zu sollen, solange wir uns immer noch tief in unserer Krise befinden.

Griechenland versteckte sich lange genug hinter seinem kleinen Finger

Schäuble zeigt uns die anderen Länder, Irland, Portugal, Spanien und Zypern, die sich daran hielten, die das auch von ihnen vereinbarte und unterschriebene Programm buchstäblich einhielten und deren Wirtschaft sich nun „zum Teil steil“ entwickelt. Griechenland dagegen „befindet sich im dritten Programm und ohne die Milliardenhilfe wäre es schon lange bankrott. Dann hätten die griechischen Bürger noch sehr viel mehr gelitten„, merkte er an und meinte charakteristisch: „Wenn wir die Regeln nicht einhalten, wird die Eurozone zerfallen.

Und wir wiederum, die wir gegen alle Regeln allergisch sind – angefangen davon, unseren Müll nicht auf Mülldeponien zu vergraben und dafür jeden Tag Geldstrafen aufgebrummt zu bekommen, bis hin, zu parken und zu rauchen wo wir wollen – regen uns über den deutschen Finanzminister auf und beharren darauf, dieser sei an all unseren Leiden schuld. Und trotzdem werde ich unbeschwert (und in Kenntnis der … Konsequenzen) sagen, dass jedes seiner Worte von Logik gekennzeichnet ist. Gesundem Menschenverstand. Common sense.

Das Griechenland des „ich zahle nicht„, des „ich gehe mit 45 und 50 in Pension und arbeite anderswo weiter„, des „ich lebe über meine Verhältnisse„, kann nicht und hat nicht das Recht, diesen Menschen für ein Programm zu unseren Ausgang aus einer Krise verantwortlich zu machen, die wir selbst verursachten. Dieses Märchen hat lange genug gedauert. Wir haben uns lange genug hinter unserem kleinen Finger versteckt. Wir probierten es mit Nützlichen und Taugenichtsen, zogen letztere vor, weil sie uns zärtlich die Ohren streichelten.

Die Rechten setzten linke Politiken und die Linken rechte Politiken um, um es sich alle nicht mit uns zu verderben. Sie machten auf sich selbst zugeschnittene Steuergesetze. Hinter jeder nachts im Parlament ratifizierten Novelle befindet sich die Fotografie irgend eines Begünstigten. Beispielsweise hat die Schnellstraße Athen – Korinth unzählige verstrickte und korrupte Bauernfürsten reich gemacht, die selbst bis heute beim Anblick von Geld wie unersättliche Hunde lechzen.

Griechenland ist am Ende. Ein Spielplatz nur für alle, die rechtzeitig schafften, hier und im Ausland Vermögen anzuhäufen, und einige Wenige, die sich mit Würde und aus uneigennütziger Liebe zu dem Land widersetzen.

Die gefährlichste Clique, die Griechenland je regierte

Als die Kapitalverkehrskontrollen verhängt wurden, sah ich um mich herum verzweifelte Gesichter. Menschen, die sich schwarz ärgerten, nicht geschafft zu haben, Geld ins Ausland zu schaffen. Die selbst im Schlaf in Panik gerieten. Die wirklich in Seele und Geist Reichen ertrugen mit Würde auch diese Entgleisung – geschaffen von der gefährlichsten Clique, die je dieses Land regierte. Jener, die ihren Aufstieg an die Macht denen verdankt, die sie beschuldigt, Griechenland geplündert zu haben. Die meisten von ihnen beherbergt sie in ihrer Partei, sie gab ihnen auch Geschäftsbereiche. Folglich hat sie denen dankbar zu sein, „die das Land zerstörten„, anderenfalls wäre sie nicht in den Genuss der Freude gekommen, heute an der Regierung zu sein. Eine Freude, die in ihren Gesichtern strahlt.

Schäuble hat Recht. Wie viel Geld werden sie uns noch leihen, während wir sie obendrein beschimpfen werden? Was würden wohl all jene sagen, die ihm und Frau Merkel „haut ab“ zurufen, wenn sie uns pleite gehen lassen hätte? Dass sie die Wiege der Kultur in den Abgrund stürzen ließen? Sind wir noch richtig im Kopf?

Natürlich nicht. Wie auch, wenn wir immer noch glauben, Deutschland bereicherte und bereichere sich an unserem Rettungsprogramm? Aber auch selbst, wenn es so wäre, was hat das zu sagen? Dass sie uns umsonst Geld zu leihen sich nicht dafür zu interessieren gehabt hätten, ob wir den Kredit abzahlen können werden? Gibt es einen solchen Kreditgeber, der uns unbekannt ist? Werden wir ihnen vorwerfen, sie haben uns in die Krise geführt? Dass sie zügel- und bedenkenlos ganze Heere von Nichtsnutzen auf dem öffentlichen Sektor einstellten? Dass sie allen Griechen beibrachten, von geliehenem Geld zu leben?

Schäuble ist vielleicht die einzige Stimme der Vernunft

Schäuble hat Recht. Wir erachten, die Austeritäts-Politik sei falsch und die Deutschen haben uns in diese gedrängt, weil jene sie umsetzten und sie dort funktionierte. Hier eröffnet sich tatsächlich eine riesige und interessante wirtschaftspolitische Diskussion. Nämlich ob wirklich die Austerität die die richtige Medizin ist oder Obamas Rezept, Geld auf den Markt zu werfen und dem Zusammenbruch der Banken zuvorzukommen, besser ist. Bevor wir sie jedoch führen, haben wir zuerst die grundsätzlichen Dinge in Ordnung zu bringen.

Der Zwischenfall mit der außerordentlichen Beihilfe für die Rentner, noch bevor wirklich Geld in der Kasse zu sehen ist, zeigt, wie oberflächlich und gefährlich wir in der Handhabung ernsthafter wirtschaftlicher Angelegenheiten sind. Er zeigt, dass wir wieder bereit sind, links und rechts Geld zu verschleudern zu beginnen anstatt uns an die Arbeit zu begeben und umgehend radikale, tiefe Reformen zur Umsetzung zu bringen. Welcher logische Mensch vermag uns zu vertrauen? Sie werden uns keine weiteren Gelder leihen. Und wir werden auch keine ernsthaften Investoren in einem Land mit politischer Instabilität und sich bei jedem Neumond ändernden Steuergesetzen zu sehen bekommen.

Die Mär, Europa werde den Bach hinuntergehen, wenn Griechenland ausscheidet, gilt nicht mehr. Ein ganzes Britannien scheidet aus und die EU wird, selbst wenn ihm auch andere (Länder) folgen sollten, aufrecht bleiben. Mit weniger – und speziell problematischen – Mitgliedern wird sie sogar noch besser auf ihren beiden Beinen stehen werden. Es ist also an der Zeit, wahrzunehmen, dass nicht Schäuble unser Problem ist. Vielleicht ist er sogar die einzige zu Gehör kommende vernünftige Stimme. Unser Problem sind wir selbst.

(Quelle: protagon.gr, Autor: Christos Michailidis)

  1. Rudi
    24. Dezember 2016, 10:49 | #1

    Selbsterkenntis ist der erste Weg zur Besserung.

  2. Denis Stogiannidis
    24. Dezember 2016, 12:05 | #2

    Endlich lese ich, was schon lange gesagt sein müsste … wir sind also schon zu zweit … gibt es noch mehr Griechen die so denken oder eben Umdenken können? Dann kann es langsam aufwärts gehen. Motto: erst dienen, dann verdienen.
    Frohe Weihnachten

  3. Herbert Braun
    24. Dezember 2016, 12:57 | #3

    Der beste und ehrlichste Beitrag den ich je hier zu diesem Thema gelesen habe. Wenn ich im täglichen Frühstücksfernsehen, vor allem am Wochenende mit einem „Starjournalisten“ Aftias, höre wie unflätig Tag für Tag über den „Krüppel“ Schäuble gesprochen wird, dann muß ich diesen Leuten leider Folgendes sagen: OK, da ist ein körperlich Behinderter, über 70 Jahre alt, der arbeitet nicht nur Tag für Tag für sein eigenes Land um die Finanzen in Ordnung zu halten, sondern kann sich auch noch jeden Tag um Probleme kümmern, die er nicht verursacht hat.

  4. windjob
    24. Dezember 2016, 15:19 | #4

    Die Wahrheit liegt immer in der Mitte. Ja, die Griechen leben „teilweise“ über ihre Verhältnisse. Man sollte allerdings nicht vergessen, dass das Rettungspaket wieder mal für die Banken geschnürt wurde. Wir brauchen nur nach Italien zu schauen. Faule Kredite in Milliardenhöhe, und was passiert jetzt? Der Staat springt ein. Dass die Austerität Spanien, Portugal usw. geholfen hat, sieht man an den dortigen Verhältnissen. Nichts hat sich geändert. Lasst doch mal ein, zwei Banken pleite gehen. Hört auf die Banken ständig zu unterstützen. Sonst wird sich nichts ändern.
    Ja, die griechische Abfallwirtschaft ist eine Katastrophe. Dies ist insgesamt eine Frage der Mentalität, die ich auf der einen Seite sehr schätze, manchmal aber trotzdem schwer verstehen kann. Hauptsächlich wenn ich sehe, wie leichtfertig hier Plastik weggeworfen wird. Ich stimme mit dem Schreiber überein. Es muss ein Umdenken stattfinden. Aber dies erfordert viel Zeit und ich glaube, eine Generation wird kaum reichen. Leider ist das Thema so umfangreich, es würde den Rahmen hier sprengen. Man kann und sollte ein Volk nicht einfach umkrempeln wollen. Ich befürchte, da haben wir im Moment ganz andere Probleme.
    Ich bin kein Freund von Schäuble, finde es aber unmöglich, ihn wegen seiner Behinderung, die so schon schwer genug ist, zu diskriminieren. Nach meiner Einschätzung ist er verbittert und sollte endlich in den wohlverdienten Ruhestand gehen. Das einzige Problem ist, die Spitzenpolitiker beissen alle, die ihnen ob ihrer Qualifikation gefährlich werden können, konsequent weg. Beispiele gibt es genug. Übrig bleiben Speichellecker und Mittelmaessige.

  5. HJM
    24. Dezember 2016, 16:00 | #5

    Soviel Ehrlichkeit ausgerechnet am Heiligabend ist kaum zu verkraften!

  6. G. P
    24. Dezember 2016, 23:25 | #6

    Schäuble ist und bleibt ein überheblicher und arroganter A****, der kein Recht hat, sich in die internen Angelegenheiten anderer Länder einzumischen.

  7. karnapas
    25. Dezember 2016, 18:07 | #7

    Schäuble wundert sich vielleicht bis heute, dass er, der Mann mit dem 100.000 DM-Geldkoffer, Finanzminister geworden ist. Ansonsten lässt er wundern, im Sinne von: jemand wird sich noch wundern, d.h. jmd. wird noch etwas Unangenehmes erleben. Er ist so ziemlich der ganz Falsche, der anderen (Ländern) einen moralischen Spiegel vorhalten könnte.

  8. Werner Titz
    25. Dezember 2016, 18:19 | #8

    Über die Ursachen der Krise soll man in Griechenland diskutieren wie man will.
    Dass wissen die Griechen am besten. Aber die Schäuble’sche Austeritätspolitik betrifft die ganze Euro-Zone, darunter leiden alle Mitgliedsländer. Griechenland am meisten, weil das Land als erstes mit dieser sinnlosen Kurpfuscherei behandelt wurde, aber auch die anderen Länder Südeuropas und jetzt auch immer weitere Länder, die heute eine höhere Staatsverschuldung haben als Griechenland sie 2010 hatte, als die große Katastrophe ausgerufen wurde.
    Die Austeritätspolitik trägt Mitschuld, dass die EU insgesamt von der Weltwirtschaft abgehängt wurde. Seit 2000 ein Wachstum von 16 % und die EURO-Länder eines von nur 12 %, was über die Jahre so viel wie Stagnation bedeutet. Die EU-Länder, und hier am meisten die EURO-Länder, leiden nicht nur an der Fehlkonstruktion der gemeinsamen Währung, die die Wirtschaften noch weiter entzweit, sondern auch an der Starrköpfigkeit alter Politiker wie Schäuble, die nicht einsehen können oder wollen, dass die Rezepte von vor 30 Jahren heute nicht mehr taugen, sofern sie jemals getaugt haben.

  9. GR-Block
    26. Dezember 2016, 03:06 | #9

    Oh Gott so viel Rechts-Populismus zu Weihnachten ist ja kaum auszuhalten. Die Schäuble-Verehrer hätten wohl am liebsten eine Prozession von 11 Mio sich selbst Geißelnder auf den Weg nach Brüssel geschickt.

    Schäuble wundert sich…“ – Nein, ein Schauspieler wie Schäuble wundert sich nicht. Wundern tun sich nur seine EU-Kollegen in Athen darüber, wie schnell sie abserviert werden, damit Brüssel seinen nächsten Finanztransfer zur Subventionierung der EU-Privatwirtschaft durch kriegt. Die anderen Opfer PT, ES, IR, CY hatten stabile politische Verhältnisse, sodass die EU deren Politiker nicht gegeneinander ausspielen konnte, wie im Fall Papandreou, Samaras, Tsipras.

    Wenn wir die Regeln nicht einhalten, wird die Eurozone zerfallen.“ – Wie peinlich! Die EU ist gerade dabei an ihren eigenen verknöcherten Regeln (des Binnenmarktes seit 1993) zu zerbrechen und Schäuble jammert immer noch seinem EURO nach.

    … Nützlichen und Taugenichtsen, zogen letztere vor, weil sie uns zärtlich die Ohren streichelten.“ – Die Heuchelei der Erzkonservativen und Taugenichtse! Als GR nach der Junta von den korrumpierte Konservativen (unter Karamanlis) in die EWG gedrängt wurde, hat der bedrohte griechische Geschäftsmann verzweifelt den Sozialismus gewählt, um aus der EWG wieder auszusteigen. Der war aber in Amerika konstruiert und blieb wider erwarten drin. Als GR 1993 auch noch der ungeschützte Verkehr (Finanzen, Waren, Arbeitskräfte) mit Weltkonzernen verordnet werden sollte, gab die PASOK für kurze Zeit den Konservativen das Ruder in die Hand, weil ihre Parteibasis nicht mitspielte. Dazu waren 1989/90 immerhin gleich vier Wahlen innerhalb 12 Monate notwendig. Dann klappte es, Mitsotakis unterschrieb Maastricht und verabschiedete sich gleich wieder, wie zuvor sein Parteikollege Karamanlis.

    … Heere von Nichtsnutzen auf dem öffentlichen Sektor … ?“ – GR hat nachweislich keine Nichtsnutze im öffentlichen Sektor. Die ist laut OECD seit Jahrzehnten nur EU-Durchschnitt und in der Zahl der Mitarbeiter in der Staatsverwaltung sogar das Schlusslicht. Es gibt kein EU-Land in dem weniger „Beamte“ die Verwaltung bewältigen.

    Dass sie allen Griechen beibrachten, von geliehenem Geld zu leben?“ – A…loch! Im Kapitalismus lebt nur der gemeine Industriemensch von geliehenem Geld, nämlich um das BIP hoch zu halten. Die griechischen Haushalte wurden dagegen erst durch die Maßnahmen der Troika in eine Schuldenfalle gelotst, um nämlich ihren Wohlstand abzugeben. Davor hatte sich nur die Athener EU an ihrem eigenen Übergewicht verhoben.

    Die gefährlichste Clique, die Griechenland je regierte“ – Oh, Gott! Daher weht der Wind …

    Schäuble ist vielleicht die einzige Stimme der Vernunft“ – … Die ND möchte wieder ans Ruder und schleimt sich wie einst unter Samaras bei der CDU ein. Und ja, die Schäuble’sche Mär …

    „… Europa werde den Bach hinuntergehen, wenn Griechenland ausscheidet…“ hatte noch nie gegolten. Das war ja nur eine Lüge des „einzigen Vernünftigen“ und seiner Klone in der Kommission und der EURO-Group um die 500 Mio zu verarschen.

    Aber was erwartet man schon von einem Politiker, der seine Karriere damit begann, während der EWG-Süderweiterung als Jurist und Minister für „besondere Aufgaben“ die deutschen Korruptionsgesetze zu verschärfen, sodass Schmiergelder vollkommen maßlos vom deutschen Steuerzahler kofinanziert werden mussten. Später erhielt der Jurist dafür ebenfalls einen Koffer mit 100.000 DM Schmiergeld, der ihm schließlich als CDU-Vorsitzender den Kopf kostete und der Physikerin die Kanzlerschaft auf einem silbernen Tablett servierte.

    Wahrlich, es ist an der Zeit, „wahrzunehmen, dass nicht Schäuble unser Problem ist … Unser Problem sind wir selbst,“ die wir seit Jahrhunderten (Wiki: Griechenfeindlichkeit) Betrügern und ihren Handlangern in Athen auf den Leim gehen.

  10. Götterbote
    27. Dezember 2016, 20:34 | #10

    Das ein oder andere in dem Artikel mag zutreffen, die größte und lächerlichste Lüge ist aber mal wieder, das Austeritätsprogramm würde in den anderen Ländern Früchte tragen. Alleine diese Lüge / Aussage macht den Artikel und Herrn Schäuble so unsympathisch und zum Hassobjekt.

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