Wenn Du ein türkischer Soldat wärst …

30. Juli 2016 / Aufrufe: 1.349
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Der gescheiterte Putsch zeigte der ganzen Welt das wahre Gesicht der Türkei und wie viel ein Mensch in einem autoritären Regime wert ist.

Misshandelte Soldaten nach dem Putschversuch in der Türkei
Misshandelte Soldaten nach dem Putschversuch in der Türkei

Die Anspannung, die Verzweiflung und hauptsächlich der Schrecken. Wegen der Prügel, die er bezogen hat, aber auch des Ungewissen, das ihn erwartet. Dieser unbekannte Soldat, der mit anderen zusammengepfercht ist, wird niemals eine Ehrung erhalten, sondern nur den Schatten der Historie … (Reuters)

Dieser nichts ahnende Soldat ist der tragische Mensch eines jeden solchen Schattens der Historie. So wie irgendein Landsmann von ihm, der zufällig ums Leben kam, weil die Griechen sein Dorf bei Sakarya anzündeten, oder irgendein Grieche in Smirni, den der türkische Mob bei lebendigem Leib vor seinem Haus verbrannte.

Angenommen, Du bist ein türkischer Soldat …

Nehmen wir an, Du bist ein türkischer Soldat und leistest Deinen Wehrdienst in Istanbul ab. Vielleicht in einer Kaserne auf der asiatischen Seite der Stadt, wie Sancaktepe. Und plötzlich laden sie Dich am Freitagabend um 20:00 Uhr auf einen Lastwagen und bringen Dich zur Bosporus-Brücke. Während der Fahrt bist Du schweigsam und verärgert – welcher Militärschwanz hat Dir den lässigen Abend (!) verdorben? – und nach einer Strecke von einer Stunde laden sie Dich auf der rechten Seite der Brücke ab.

Dort beginnst Du Verdacht zu schöpfen, dass irgend etwas nicht stimmt. Von dort oben siehst Du den Bezirk Beylerbeyi Sarayi und die Lichter von Besiktas. Du schreitest voran und nimmst zwei Panzer wahr, welche die Straße sperren. Erst auf der einen Fahrbahn und danach auch auf der anderen. Dir läuft nun der kalte Schweiß herunter. Dein Hauptmann schaut Dich abrupt an, als ob er Deine Gedanken in der Luft gelesen hätte. Selbst wenn Du Dich verdrücken und entkommen wolltest, würde Dich irgend eine Kugel beim Abstieg erwischen. Es war inzwischen zu spät. Das Schicksal spielte Dir einen bösen Streich, und Du durchlebtest nur erst den Anfang!

Nach 23:00 deutet alles darauf hin, dass die Situation „ruppig“ wird. Keiner der übrigen will Dir etwas sagen. Es gibt keine Informierung und Du kannst auch nicht wissen, ob der, der sich in diesem Moment Deiner bedient, Erdogan oder jemand anderes ist. Das einzige, was Du tust, ist über Dein Gewehr zu streichen und darauf zu warten, dass das Schlimme eintritt. Die Stunden verstreichen und gegen 02:00 morgens erscheint der erste Pöbel, der sich lautstark gegen die Panzer richtet. Die stellst mit Schrecken fest, dass Du nicht nur die Lage nicht kontrollieren kannst, sonder dass Dich – welcher immer der Ausgang der Nacht sein wird – auch niemand schützen wird.

Bis zum Morgengrauen erscheint alles wie ein Albtraum, wobei die Menschenmenge bereits ist, von beiden Seiten der Brücke anzugreifen. Um 06:45 gibt der Offizier seinen Soldaten den Befehl, ihre Waffen niederzulegen und die Hände zu heben.

Die Türkei zeigte der ganzen Welt ihr wahres Gesicht

Der Putsch in der Türkei misslang, schaffte jedoch, der ganzen Welt ihr wahres Gesicht zu zeigen. Er war hinreichend enthüllend in Bezug darauf, welche die Instinkte der türkischen Gesellschaft sind, welche die Mechanismen des türkischen Militärs sind und – allem Voran – welcher der Wert des Menschen in einem autoritären Regime ist, das kontinuierlich Gefühle des Nationalismus, der Primitivität und der Brutalität entfacht.

Was in den nächsten Tagen folgte, mit den Bildern des Menschen köpfenden Pöbels, den im Fernsehen angeprangerten Verhafteten und der über dem Land schwebenden Drohung des wütenden „Sultans“, sind Muster einer primitiven Gesellschaft, die unter Angst und Bedrohung heuchlerisch homogenisiert bleibt!

Niemand weiß, was mit dem türkischen Soldaten nach dem Putsch geschehen ist. Ob er umgebracht wurde, ob er inhaftiert wurde oder ob er Glück hatte und dem Kannibalismus des humanoiden Pöbels entkam. Dieser nichts ahnende Soldat ist jedoch der tragische Mensch eines jeden solchen Schattens der Historie. So wie ein Landsmann von ihm, der zufällig ums Leben kam, weil die Griechen sein Dorf bei Sakarya anzündeten, oder wie ein Grieche in Smirni, den der türkische Mob bei lebendigem Leib vor seinem Haus verbrannte.

Und dieses Motiv wiederholt sich im Verlauf der Zeit. Es wird immer einen Erdogan, ein Heer, einen Soldaten und einen Pöbel geben, der den tragischen „Soldaten“ der Historie lynchen, töten und entwürdigen wird. Den, den sie plötzlich mit einem Lastwagen zur Bosporus-Brücke karren, dem sie niemals erklären, was er tut, und den sie schließlich dem Pöbel ausliefern, damit dieser ihn in Stücke reißt.

Was uns betrifft, die wir noch den Luxus haben, auf dem „Spielplatz“ Europas Gespenster zu jagen, sollten wir einen Blick auf die Karte werfen und sehen, wie nahe bei uns die Türkei liegt. Und wie leicht der „Regisseur“ der Historie die Kamera zu uns hin zu schwenken vermag …

(Quelle: protagon.gr, Autor: Andreas Zampoukas)

  1. 30. Juli 2016, 19:17 | #1

    Vielen Dank für die Übersetzung und Veröffentlichung dieses Artikels.

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