Ist Griechenlands Schicksal gottgewollt?

30. Mai 2016 / Aktualisiert: 01. Juni 2016 / Aufrufe: 1.118
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Die von dem Neoliberalismus angestrebte Auslieferung der Weltbevölkerung an die Interessen der Finanzindustrie klappt in Griechenland schon ganz gut.

Populus vult decipi, ergo decipiatur“ – das Volk will betrogen sein, also werde es betrogen – Ausspruch eines Papstes (Paul IV.) aus den 50er Jahren des 16. Jhdts. Der wusste, wovon er redete, nämlich von der katholischen Religion.

Und einer seiner Vorgänger im 13. Jhdt. (Bonifatius VIII.) verhöhnte sein geistliches Gefolge, als diese Leute in seiner Gegenwart von einem Leben nach dem Tod faselten – das gäbe es für sie genau so wenig wie für „sein vorgestern krepiertes Pferd“!

Ausdruck der Gerechtigkeit Gottes …

Der Chefideologe Augustinus von Hippo wiederum, der im 4. Jhdt. die Grundlagen der katholischen Religion – unter anderem durch die Erfindung der ‚Erbsünde‘, weshalb alle Frommen stets zerknirscht zu sein haben – schuf, hat sich sogar zu dem Satz verstiegen: „Der katholische Glauben ist derart, dass er die Gerechtigkeit Gottes selbst in den Leiden und Qualen der kleinen Kinder bejaht.

Was heute wie ein zynischer Kommentar auf die systemimmanenten sexuellen Übergriffe gegenüber Schutzbefohlenen wirkt (nach der Vergewaltigung also kein Herumplärren, sondern Hose hoch ziehen und frohen Mutes ein „Te deum laudamus“ anstimmen!), wirkt auch heute: dass es den Griechen so dreckig geht, ist nämlich ebenfalls Ausdruck der Gerechtigkeit Gottes. Und wer sollte dem schon in den Arm fallen?

Politische Religionen und angelsächsischer Raubtierkapitalismus

Die Historiker freunden sich so langsam mit dem Begriff „politische Religion“ an. Darunter werden alle Ideologien betrachtet, die dieselben totalitären Züge aufweisen wie die klassischen Religionen: es geht um Macht und Kontrolle, Unterdrückung und Ausbeutung im Interesse einer kleinen Elite. Die dumpfe Masse betäubt und tröstet sich mit leeren Versprechungen auf eine paradiesische Zukunft, die noch nie eingelöst wurden. So der Nationalsozialismus, Stalinismus, die Ideologie Nordkoreas usw.

Eine der gesellschaftlich weithin akzeptierten politischen Religionen ist der Neoliberalismus, der die Weltbevölkerung den Interessen der Finanzindustrie ausliefern will. In Griechenland klappt das ja schon ganz gut. Da ist eine Regierung so blöd, „Reformen“ zu beschließen, die zweierlei bewirken: die Bevölkerung verarmt weiter und die Staatsschulden steigen dafür mal eben um läppische 10 Milliarden Euro, pro Kopf also um rund 1000 Euro – Peanuts! Wie sollten sich da die Gläubiger nicht ins Fäustchen lachen?

Der Soziologe Max Weber hat in seinem berühmten Buch „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ (1904) aufgezeigt, wie die Prädestinationslehre des Reformators Calvin zu dem geführt hat, was wir heute gerne als angelsächsischen Raubtierkapitalismus bezeichnen. Der Auserwählte stopft sich die Taschen voll, und der Rest mag zum Teufel gehen. In einer Zusammenfassung am Ende seines Buches beklagt der Autor, den meisten Menschen sei überhaupt nicht klar, welch tiefgreifenden Einfluss „religiöse Bewusstseinsinhalte auf die Lebensführung, die Kultur und die Volkscharaktere“ ausüben.

Einstein hat mal gesagt, „die Definition von Irrsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten“ (Insanity means doing the same things over and over again and expecting a different result). Armes Griechenland!

(Autor: Dr. Jens Wildgruber, Deutschland)

  1. Zambo
    30. Mai 2016, 07:30 | #1

    Danke für diesen Artikel – wunderbar!

  2. Rudi
    30. Mai 2016, 09:32 | #2

    Mit Ideologie und Religion wird das Volk systematisch verblödet und mit Telenovelas, Fußball, ESC, DSDS wird es an die Couch gefesselt, damit es bloß nicht auf die Idee kommt auf die Straße zu gehen, um dem neoliberalen Spuk ein Ende zu bereiten. Erst wenn Cola und Chips zur Neige gehen und die Glotze schwarz bleibt, gibt es vielleicht eine Revolution.

  3. Carlo
    30. Mai 2016, 14:55 | #3

    Geld ist ebenfalls ein Glaubenssystem. Ein Euro ist ebenso wenig definierbar wie ein Gott. Beide kommen aus dem Nichts.

  4. V 99%
    30. Mai 2016, 21:26 | #4

    Der Kapitalismus ist eine Religion. Der freie Markt ist das „übersinnliche Wesen“ (Hl. Geist). Die Kirchen sind die Banken und die Börsen. Wie oft hört man beim Anblick eines Kontoauszuges den Ausspruch: Oh mein Gott! Die Propheten sind die Ratingagenturen, der Jahresbericht der Wirtschaftsweisen oder … für die Fundamentalisten, der IFO Index. Die Dogmen lauten: Der Teufel ist die Staatsverschuldung. Die schwäbische Hausfrau ist der Messias (Zitat: W. Schäuble), weil Sie niemals Schulden machen würde …

  5. Kleoni
    30. Mai 2016, 22:24 | #5

    … und zum obigen Artikel passt die Antwort vieler Griechen auf die Krise: ti na kanoume; was etwa bedeutet: was bleibt uns übrig – dann oft noch mit dem Zusatz: „wenn wir nur gesund bleiben“. So sprechen Menschen, denen über Jahrhunderte nichts anderes übrig blieb als resigniert bis zum Umfallen zu schuften.

  6. Freigeist
    2. Juni 2016, 00:50 | #6

    Gott ist nur eine Vorstellung, mehr nicht, kommt nicht aus dem Nichts. Man hätte genausogut Schneewittchen als Götting hochloben können. So würden heute die meisten an Schneewittchen glauben.

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