Wir im Westen und die moralische Erblindung

27. März 2016 / Aufrufe: 1.105
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Die moralische Blindheit des Westens stellt sicherlich nicht den einzigen, jedoch einen signifikanten Hintergrund der derzeitigen Terrorwelle dar.

Wenn wir, wir im Westen, heutzutage von Barbarei sprechen, kommen uns die islamistischen Fundamentalisten von der Art der Al Qaida oder des „Islamischen Staates“ in den Sinn.

Wir denken an junge Terroristen, die den Menschen provokant vor laufender Kamera mit sadistischem Vergnügen die Kehle durchschneiden, mit ikonoklastischer Manie antike Monumente zerstören und sich nach einer konstruierten Vergangenheit, also einem antiken Kalifat sehnen. Wir denken an gewisse Fanatiker, die Flugzeuge gegen die Zwillingstürme in New York fliegen. Wir denken an Vergewaltigungen und Morde.

Der Islamische Staat macht uns die eigenen Gräueltaten vergessen

Der „Islamische Staat“ ermordet viel mehr Moslems als Christen, jedoch bewegt es uns, die wir es uns sicher in unserer Zivilisation bequem machen, viel mehr, wenn sie Menschen wie uns töten, als wenn sie Ihresgleichen töteten. Einen Tag vor dem Massaker des 13 November 2015 in Paris ermordeten zwei Selbstmord-Attentäter des „Islamischen Staats“ 43 Menschen in Beirut. Es braucht nicht gesagt zu werden, dass über dieses Ereignis minimal berichtet wurde. Dem Massaker in Belgien gingen die fürchterlichen Terroranschläge in der Türkei voraus, die zweifellos nicht die Beachtung der Bestialität in Brüssel erreichten.

Die Toten in der Türkei und in Beirut riefen im Westen nicht die Introspektion, den Aufruhr, das Getöse und die Wut hervor, wie sie die Ereignisse in Paris und jetzt in Brüssel auslösten. Diese moralische Erblindung ist von David Hume unterstrichen worden. Im „Traktat über die menschliche Natur“ merkt er an: „Wir bemitleiden mehr unseresgleichen [die uns Nahestehenden] als jene, die sich fern von uns befinden. Alle, die uns vertraut sind, als die Fremden.“ Jedoch fügt er sofort an, die moralische Beurteilung dürfe nicht auf solchen irrationalen Gefühlen basieren. Wenn etwas in England moralisch ist, ist es ebenfalls auch in China moralisch.

Auf eine paradoxe Weise müssten wir im Westen eigentlich Dankbarkeit für den „Islamischen Staat“ empfinden, weil er das Gefühl unserer Überlegenheit stärkt und uns dazu bringt, uns zivilisierter zu fühlen als wir in Wirklichkeit sind. Der „Islamische Staat“ macht uns Auschwitz, zwei Weltkriege, die Gulags, die Sklaverei und die Kolonialherrschaft vergessen. Er macht uns die ungeheure Anzahl Toter im Kongo vergessen, dem privaten Eigentum des belgischen Königs Leopold, wo zwischen 1885 und 1905 bei der Gewinnung des für die zivilisierte Welt bestimmten Kautschuks zehn Millionen Menschen starben (in Wirklichkeit hatten wir es so wie so bereits vergessen und nicht einmal die Schüler erinnern sich daran).

Letztere Historie ist in Adam Hochschilds Buch „Schatten über dem Kongo“ (King Leopold’s Ghost) hinreichend belegt. Viele starben, wurden ermordet, vergewaltigt und gefoltert, während Dörfer von Todeskommandos abgebrannt wurden, die geschickt wurden, um die Dorfbewohner zu zwingen, mehr Kautschuk zu produzieren. Ein Missionar berichtete, dass er die Leichen im See treiben sah „… denen ihre rechte Hand abgehackt worden war“. Ihre Saat verbrannte, ihre Tiere wurden getötet und es folgte die Hungersnot.

Vision vom „Kalifat des Nahen Ostens“ ist verrückt … und sehr westlich

Der „Islamische Staat“ zerstörte Statuen und den größten Teil der von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärten archäologischen Stätte Palmyra, während zwischen den Ruinen der geköpfte und gefolterte Körper des tapferen Archäologen Khaled al-Asaad gefunden wurde, der sich sein Leben lang für die Erhaltung Palmyras einsetzte. An seinem Leib hing ein weißes Schild, auf dem in roter Schrift „Abtrünniger“ geschrieben stand.

Eine solche ikonoklastische Manie ist barbarisch, speziell in der fürchterlichen Form, die sie angenommen hat. Ist sie jedoch in der westlichen Geschichte so sehr fremd? Diese Manie erfanden „wir“, als auf Basis des Zweiten Gebots gegen die „plastischen Abbilder“ (Exodus 20) die byzantinischen Bilderstürmer während der Dauer des 8. und 9. Jahrhunderts die Ikonen in Kirchen und öffentlichen Gebäuden zerstörten. Später entfernten diverse protestantische Reformatoren wie Calvin die Ikonen aus den Kirchen.

Die Anhänger des „Islamischen Staates“ träumen ebenfalls davon, wieder das sogenannte Kalifat des Nahen Ostens (des östlichen Mittelmeers) zu errichten. Es soll sich um einen islamischen Staat handeln, der von religiösen Institutionen unter dem höchsten Führer (Kalif) als Nachfolger des Propheten Mohammed regiert werden wird. Es hört sich verrückt an, ist jedoch ebenfalls auch sehr modern, sehr westlich. Der Nationalismus des 19. Jahrhunderts basierte auf einer „Wende“ zu einer imaginären oder fast imaginären Vergangenheit, in der das – als das (unter Ausschluss der „anderen“) wahre und wirkliche definierte – Volk schließlich Souverän seines Bodens werden würde. Das war es, was die italienischen und deutschen Nationalisten im 19 Jahrhundert und schon immer die Nationalisten jeder Art wollten.

In Wirklichkeit hat die religiöse Vielfalt des Zionismus auf eine ironische Weise etwas mit dem Traum vom Kalifat gemeinsam: er wollte die Neugründung des Gelobten Landes des hebräischen Volks, das Gott Abraham und Moses versprach. Der weltliche Zionismus – einschließlich seines Anführers Theodor Herzl – war bereit, jedes beliebige Stück Land zu akzeptieren, sogar auch Uganda. Der Traum des religiösen Zionismus wurde jedoch hauptsächlich wegen des von den zivilisierten Deutschen verübten Genozids an den Juden zur Wirklichkeit. Das unmittelbare Resultat war die Vertreibung eines Teils der einheimischen arabischen Bevölkerung und ihre Umwandlung zu Flüchtlingen.

Diese zweierlei Maßstäbe stellen natürlich nicht den einzigen Anlass der heutigen Terrorwelle dar, wenn wir im Westen sie jedoch nicht mutig eingestehen, laufen wir in Gefahr, sie noch mehr zu stärken.

(Quelle: Zeitung der Redakteure / EfSyn, Autor: Donald Sassoon, emeritierter Professor für vergleichende europäische Geschichte an der Universität London. Vorstehender Artikel wurde exklusiv für die „Zeitung der Redakteure“ geschrieben. Übersetzung ins Griechische – Lektorat: Tasos Tsakiroglou)

  1. Delta120
    27. März 2016, 14:57 | #1

    Der Autor beschreibt die Kampfhandlungen dieses Kulturkampfes des Fußvolkes und geht den Ursachen und Zielrichtungen der Akteure aus dem Wege. 70 Jahre nach dem großem Krieg scheinen viele vergessen zu haben, was Krieg ist und wie dieser mit dem Schwert und nicht mit der Feeder ausgetragen wird,

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