Angst vor sozialen Explosionen in Griechenland

29. Februar 2016 / Aufrufe: 1.865

Enttäuschung und Verzweiflung der Bürger in Griechenland lassen den Aufstieg extremer Stimmen und unkontrollierbare gesellschaftliche Explosionen befürchten.

Griechenland – und hauptsächlich seine Gesellschaft – sind an einem gefährlichen Wendepunkt angelangt. Die Sackgassen der Regierung und das Fehlen eines Plans zur Bewältigung der Krise, die Verlegenheit und das Fehlen eines alternativen Vorschlags der Opposition und der allgemeine Verlust der Hoffnung und der Perspektive bei den Bürgern zeichnen sich bei der Gesamtheit der aufgetretenen kritischen Themen ab und verursachen eine logische Beunruhigung bezüglich des nächsten Tags.

Fügt man zu diesem komplexen und Unheil verkündenden Puzzle das auf europäischer Ebene verzeichnete allgemeine Bild eines Babels und der Unfähigkeit zur Verständigung hinzu, sind leicht die Gefahren, für die eine solche Situation verantwortlich ist, aber auch die Beunruhigung über unvorhersehbare gesellschaftliche Explosionen zu begreifen.

Chaos und Angst vor einer unkontrollierbaren Lage

Die wirtschaftliche Krise und die kontinuierlichen Sackgassen in den Verhandlungen mit den Gläubigern, welche die Lebensbedingen der Bürger, aber auch den reibungslosen Betrieb der Unternehmen in Griechenland verschlimmern, sind ein inzwischen jahrelang bestehendes Fakt. Es ist charakteristisch, dass die Bürger sich an dieses ganze „Katz-und-Maus-Spiel“ zwischen der jeweiligen Regierung und der Troika bzw. nun dem Quartett gewöhnt zu haben scheinen.

Und während die Gewöhnung an die wirtschaftliche „Misere“ bzw. das herrschende Gefühl der „Kapitulation“ – da die meisten glauben, das noch Schlimmeres kommt, und sich damit arrangieren – zu erwarten ist, war das, womit niemand rechnete, die Flüchtlings-Bombe. Das in dem ganzen Land entstandene Szenarium eines Chaos und die Ängste vor einer unkontrollierbaren Lage belasten das Klima sowohl auf politischer als auch auf gesellschaftlicher Ebene noch mehr.

Im übrigen ist es kein Zufall, dass die Stäbe der Parteien seit langer Zeit aufgehört haben, ihre Aufmerksamkeit einzig und allein auf die „quantitativen“ Ergebnisse der Meinungsumfragen – sprich die zu den Gegnern verzeichneten demoskopischen Abstände – fokussieren, sondern ihren Blick auch auf die sogenannten qualitativen Charakteristika richten, die Gefühle und Absichten des Wahlkörpers wiedergeben. Deren aufmerksames Studium gestattet außerdem, nützliche Schlüsse über die Haltung der öffentlichen Meinung und sichere Prognosen über deren Reaktionen in nächster Zukunft zu extrahieren.

Heftige Enttäuschung über Regierung und Opposition

Seit dem Beginn der Krise und nachfolgend war in den einschlägigen Demoskopien die Enttäuschung der Bürger hauptsächlich hinsichtlich der Handhabungen der politischen Führungen immer präsent, wobei der einschlägige Index während der letzten sechs Jahre sogar einen konstant ansteigenden Verlauf zeigt. Die Mehrheit der Wähler antwortete negativ auf die Frage, wer die großen Probleme des Landes besser zu handhaben vermöge, und benotete sowohl die jeweilige Regierung als auch Opposition außerordentlich niedrig. Es war sogar dieses Element, das die Regierungen sich jahrelang in falscher Zuversicht entspannen ließ, da das Fehlen eines starken Gegners den Verbleib – noch etwas länger – an der Macht gestatte.

Der Aufmerksamkeit der Regierenden entging jedoch, dass das beständige Fehlen einer Perspektive und eines substantiellen Vorschlags zum Ausgang aus der Krise explosive Reaktionen mit unvorhersehbaren Folgen hervorzurufen und die Enttäuschung in viel heftigere Gefühle zu wandeln vermag – wie den Zorn, der sich jederzeit gegen „Gerechte und Ungerechte“ äußern kann und undifferenziert und global Regierungen, Parteien und Machtzentren trifft.

Aufzeigend für diese gegenwärtige Wende der Psychologie der öffentlichen Meinung sind auch die jüngsten Befunde einer von der MRB durchgeführten Erhebung bezüglich der Tendenzen. Auf Basis der Ergebnisse der Demoskopie sind die herrschenden Gefühle, die sogar horizontal alle gesellschaftlichen Schichten durchziehen, primär die Wut, die einen Prozentsatz von 63,9% erreicht, gefolgt von Scham (49,3%) und „Angst“ (46,9%). Für die Situation bezeichnend ist der Umstand, dass 93,2% der Befragten sich eines negativen Begriffs bedienen um die von ihnen durchlebte Lage zu beschreiben, gegenüber einem Anteil von gerade einmal nur 14,6%, die etwas Positives zu sagen hatten!

Diese negativen Gefühle scheinen jedenfalls untrennbar mit den Problemen verknüpft zu sein, denen die Bürger begegnen und die sich rein auf Themen ihres Alltags und Überlebens beziehen. Es ist kein Zufall, dass die Befragten als erste Quellen ihrer Beunruhigung das Thema der Arbeitslosigkeit stellen (62,7%), gefolgt von dem Steuersystem (42,6%) und dem Immigrantenproblem (24,7%). Es ist anzumerken wert, dass das Flüchtlingsthema als Problem im letzten Jahr um 20% emporstieg, welcher Umstand die Spannung belegt, mit der die Bürger die Folgen empfinden. Rechnet man zu diesem Element auch die Tatsache hinzu, dass 75% der Befragten die Lösung des Immigrantenproblems im kommenden Jahr als unwahrscheinlich einschätzen, sind leicht die bei der öffentlichen Meinung verzeichnete Verzweiflung und die Spannungen zu verstehen, welche diese speziell in Gebieten zu zünden vermag, die auch den größten Druck durch die Flüchtlingsströme erfahren.

Steuersystem an zweiter Stelle der Beunruhigungen

Interesse zeigt ebenfalls ein weiteres Ergebnis, das sich auf das Thema der Besteuerung bezieht und zeigt, mit einem Anstieg von ungefähr 5% auf Platz zwei – und damit auf dem bis heute höchsten Punkt – angelangt zu sein, wobei es die Beunruhigung und das weitgehende Unvermögen der Griechen belegt, den immer größeren Steuerforderungen eines bankrotten Staats zu entsprechen.

Das am meisten Beunruhigende ist jedoch, dass die Bürger sich nicht nur in der gegenwärtigen Phase in Verzweiflung befinden, sondern erklären, auch in Zukunft keinerlei Verbesserung zu erwarten. Aufzeigend sind die sogenannten „Zuversichts-Indizes“. Nicht nur, dass 93,5% der Befragten die derzeitige wirtschaftliche Lage des Landes als schlecht charakterisieren, sondern zusätzlich 81,4% einschätzen, dass diese Lage sich innerhalb der kommenden 12 Monate verschlimmern wird.

Wahrscheinlicher Anstieg extremistischer Stimmen

In diesem Szenarium der Verzweiflung wegen der zunehmenden Probleme ist auch von Bedeutung, wem die Bürger die „Verantwortungen“ anzulasten wählen, wobei sie mittels ihrer Antworten heftige anti-europäische Elemente abzeichnen. Beispielsweise erklären sich auf dem Sektor der Verhandlungen mit den Gläubigern die Bürger in ihrer überwältigenden Mehrheit zu neuen Opfern zwecks des Verbleibs im Euro unwillig (gerade einmal 12% wünschen, dass die Regierung die Maßnahmen akzeptiert, damit die Bewertung zum Abschluss kommt).

Ins Visier geraten inzwischen Europa und die internationalen Organismen wegen ihrer Handhabungen, wobei die Bürger zu 72,7% über den Internationalen Währungsfonds (IWF), zu 65,5% über die Europäische Zentralbank (EZB) und zu 63,3% über die Europäische Union (EU) eine negative Meinung äußern. Entsprechende riesige Verantwortungen lasten die Befragten Europa auch wegen seiner Handhabungen im Flüchtlingsproblem an, da 39% einschätzen, für die Situation sei die EU verantwortlich, während 28% die Haltung der Türkei verantwortlich machen.

Obwohl in vielen der vorstehend angeführten Themen die Verantwortungen des europäischen und internationalen Faktors für die heutige Realität in Griechenland unbestreitbar sind, vermögen jedoch der kontinuierliche Anstieg des Empfindens der Griechen, zum Opfer gemacht zu werden, und ihre anti-europäischen Gefühle nur Beunruhigung bezüglich eines eventuellen Vorherrschens extremer und fremdenfeindlicher Stimmen hervorzurufen …

(Quelle: Imerisia)

  1. LiFe
    1. März 2016, 10:50 | #1

    Trotzdem muss die Bevölkerung in Griechenland diese schwere Zeit noch durchhalten. Die EU muss handeln. Sie muss die Probleme lösen. Chaos und Unruhe werden die Sache verschlimmern. Es kommen Vorwürfe, denn Schäuble hat in der Tat wenig Empathie für die Menschen bewiesen. Griechenland hätte man viel früher den Schuldenschnitt ermöglichen müssen und Konjunkturhilfe anbieten sollen. Diese Chance hat man verpasst. Sie hätten Griechenland geholfen mit dem Flüchtlingsstrom fertig zu werden.

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