Merkel und Schäuble sagen nicht die Wahrheit über Griechenland

19. Juli 2015 / Aufrufe: 3.233

Angela Merkel und Wolfgang Schäuble sollten endlich ernsthaft über einen Schnitt oder sogar auch die Streichung der Verschuldung Griechenlands nachdenken.

Rolf Wenkel von der Deutschen Welle meint, in dem „griechischen Drama“ sagten alle Seiten die Wahrheit analog zu ihren Interessen. Und das gilt nicht nur für die linke Regierung in Athen, sondern auch für das Zwillingsgespann Merkel – Schäuble.

Die deutsche Kanzlerin, der deutsch Finanzminister und ihre Kollegen in der EU sind Experten in der Technik der öffentlichen Verneinung der Realität. Sie beharren mit Nachdruck darauf, dass eine Entlastung oder Beschneidung der Verschuldung für Griechenland nicht nötig ist, und tun so, als ob Athen die Schulden angeblich irgendwann in ferner Zukunft abzahlen könnte.

Sehr dumme Ideen

Auf der anderen Seite sind der Internationale Währungsfonds sowie auch viele renommierte Wirtschaftswissenschaftler gegensätzlicher Meinung und äußern das, was den steuerpflichtigen Bürgern in ganz Europa bereits gut bekannt ist: die 11 Millionen Griechen werden die geschuldeten 323 Mrd. Euro, also einen wirklichen Berg von Schulden, niemals abbezahlen können. Eine Beschneidung in Kombination mit einer signifikanten Verlängerung der Tilgungszeit der verbleibenden Kredite könnte diesem strapazierten Land eine neue Perspektive geben.

Unter diesem Prima käme bei den Wählern und den Steuerzahlern etwas mehr Aufrichtigkeit von Seite der Politiker gut an. Sie hätten bereits eingestanden haben müssen, dass es von Anfang an eine absurde und dumme Idee war, eine Währungsunion zu schaffen, ohne vorher zur Vollendung einer gemeinsamen Wirtschafts-, Fiskal- und Sozialpolitik geschritten zu sein. Sie hätten eingestanden haben müssen, dass es ebenfalls eine außerordentlich idiotische Idee war, Länder des europäischen Südens mit schwachen Währungen in diesen mächtigen „Währungsclub“ einzuladen und ihnen auf diese Weise die Möglichkeit zu nehmen, wirtschaftliche Fehler mittels der Abwertung der nationalen Währungen zu korrigieren.

Mehr Aufrichtigkeit würde ebenfalls bedeuten, dass die Politiker den Steuerzahlern eine weitere Wahrheit sagen würden: nämlich, dass die Gelder der beiden ersten Hilfspakete an Griechenland verflogen sind, was auch mit den Geldern des dritten Pakets geschehen wird. Unter dem Strich wäre es ehrenhaft, dass zumindest die Gelder des dritten Pakets an Griechenland nicht als Kredit, sondern als Transfer von Beträgen an ein leidendes Volk charakterisiert werden.

Technische Hilfe

Ungefähr 70% der Griechen sprechen sich für den Verbleib des Landes in der Eurozone aus, und sei es nicht zuletzt, damit die jeweilige herrschende Elite nicht ihre Klientel bedienen kann, indem sie unkontrolliert Geld druckt. Dieser Mut der Mehrheit der Griechen muss honoriert werden, und zwar nicht nur mittels der Zahlung der wirtschaftlichen Unterstützung, sondern auch mittels technischer Hilfe.

Wenn beispielsweise Athen den wasserköpfigen öffentlichen Sektor nicht beschneiden kann oder will, wird es ihn wenigstens umschulen müssen. Ich bin überzeugt, dass Griechenland mit der Hilfe hinreichenden Know-how’s aus dem übrigen Europa in der Lage sein wird, eine rationale logistische Verwaltung, eine vernünftige Steuerverwaltung und sogar auch ein modernes Kataster zu organisieren. Vorher müssen jedoch die griechischen Banken rekapitalisiert werden. Ohne ausreichende Finanzierung und ohne Vertrauen in die Banken würde sogar die gesündeste Wirtschaft zusammenbrechen.

Das wichtigste von allem ist jedoch, dass die deutsche Kanzlerin und der deutsche Finanzminister ernsthaft über einen Schnitt oder sogar auch die völlige Streichung der griechischen Verschuldung nachdenken. Dies geschah außerdem in der Geschichte bereits einmal. Nach dem Zweiten Weltkrieg schuldete die damals junge Bundesrepublik Deutschland ungefähr 30 Mrd. Deutsche Mark an 70 Staaten. Mit dem Londoner Abkommen von 1953 beschnitten ihre Gläubiger diese Verschuldung auf die Hälfte. Und schufen so die Voraussetzungen für das nachfolgende deutsche Wirtschaftswunder.

(Quelle: tvxs.gr, Autor: Rolf Wenkel)

  1. HJM
    19. Juli 2015, 19:24 | #1

    Ich hoffe, der Optimismus des Autors ist berechtigt. Selbstverständlich wird der griechische Staat niemals diesen Schuldenberg auch nur annähernd tilgen können. Damit rechnet auch niemand. Zuallerletzt Herr Schäuble. Nun gibt es allerdings die im Moment wohlweislich in den Hintergrund gedrängte Reparationsforderung des griechischen Staates, von der zB Frau Konstantopoulou behauptet, sie sei mitnichten erledigt. Es wird keinen Gläubiger geben, der angesichts einer behaupteten (Gegen-)forderung des Schuldners gegen ihn, freiwillig auf seine eigene Forderung ganz oder teilweise verzichtet. Das wäre sensationell dumm.

  2. Jens
    20. Juli 2015, 07:59 | #2

    Es gibt viele kleine Stücke an Wahrheiten die zusammen ein Bild erzeugen. Deutschland hat in der Eurozone am meisten Profitiert. Das Geld was wir eingenommen haben muss ja irgendwo her kommen und das bedeutet im Gegenzug das andere Länder an Wirtschaftsleistung verloren haben. Mit diesen Mehreinnahmen tuen wir dann auch noch so als ob wir sozial sind das wir helfen dabei ist es eigentlich von uns verursacht, diese Misere.
    Man könnte jetzt sagen das die ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben aber die Wahrheit ist das wir unseren Vorsprung nutzen um Geld zu verdienen. Was mich jetzt Persönlich stört ist das dann die reichen Länder auch noch auf einkaufstour gehen und sich die Betriebe unter den Nagel reißen die noch Gewinne abwerfen. Die reichen dürfen immer reicher werden und die armen immer ärmer. Wir verschlimmern die Situation immer weiter und der Pareto-Effekt, 80-zu-20-Regel kann seinen Lauf nehmen.
    Vielleicht sollte man über ein DExit nachdenken. Was würde den dann Passieren? Deutschland würde eine Währung bekommen die sehr viel stärker ist wie der Euro und was dann mit den Exporten passiert muss ich hoffentlich nicht erklären. Nicht immer nur die schwachen anschauen bzw. die schwächer werdenden Länder sondern vielleicht mal das Augenmerk auf die Länder richten die viel zu stark sind für den Euroraum.
    Ich kann verstehen das das jetzt einige denken das kann doch nicht sein das die starken jetzt die schuldigen sind aber wenn ein Supermarkt auf macht gehen halt die Tante Emma Läden im Umfeld kaputt. Und wenn man sich dann auch noch nicht um die Arbeitslosen kümmert die dadurch entstehen sind wird irgendwann sich eine Gruppierung bilden die ärger machen.

  3. Ronny
    20. Juli 2015, 21:20 | #3

    Ich sehe die Schuld Deutschlands rein darin, dass man Gehälter nicht entsprechend der Wirtschaftsleistung und Produktivität angepasst hat. Dadurch hat Deutschland einen Vorteil der anderen das Leben schwer macht und gleichzeitig den Konsum abwürgt. Andere Länder welche sich der 2% Inflation mehr verpflichtet fühlen leiden unter billigeren deutschen Produkten. Wenn alle sich daran halten würden, wären all die im Beitrag genannten Punkte nichtig.

Kommentare sind geschlossen