Die Hassliebe zwischen Griechenland und dem Westen

25. Juli 2015 / Aktualisiert: 06. Februar 2017 / Aufrufe: 1.077

200 Jahre der Wechselwirkungen zwischen Griechenland und dem Westen hinterließen wertvolle Fortschritte, aber auch schmerzhafte Rückschläge.

2010, in dem Jahr des ersten internationalen Rettungsprogramms der 110 Mrd. Euro für Griechenland, verstanden viele Griechen, dass der Staat und die Bürger jahrzehntelang über ihre Möglichkeiten gelebt hatten. Die Arznei der Austerität und der wirtschaftlichen Reorganisation würde bitter sein, aber sie mussten sie schlucken. Die vorherrschende Notwendigkeit war – wie auch für die vorherigen Generationen – der Verbleib auf einem Weg zur Modernisierung und europäischen Identität.

Heute ist die Stimmung in Athen allerdings anders. Den Platz der Selbstkritik haben die Erschöpfung und die Enttäuschung eingenommen. Es gibt sehr viel Missfallen über die fünf Jahre einer pharmazeutischen Therapie, die außer der Massenarbeitslosigkeit, dem Bankrott der Unternehmen, dem Verfall des Sozialstaates und der nationalen Demütigung nicht viel gebracht zu haben scheinen.

Paradoxe Widersprüche

Trotz allem hat sich der Wunsch nach einem modernen Griechenland, das seine Position in Europa einfordern wird, seit 2010 nicht sehr geändert. Dies erklärt das offensichtliche Paradox, das die Griechen bei dem Referendum des 05 Juni 2015 wählten, sprich gegen Voraussetzungen der Rettung stimmten, die das Ziel hatten, das Griechenland in der Eurozone zu halten, wogegen sie bei Meinungsumfragen erklärten, in der europäischen Währungsunion bleiben zu wollen. Sogar 66% der Wähler der SYRIZA sprechen sich für den Euro aus.

Es erklärt ebenfalls ein Paradox des Alexis Tsipras, des radikalen linken Premierministers und Vorsitzenden der SYRIZA. Er ermunterte in der vergangenen Woche erfolgreich das griechische Parlament, Reformen bei Steuern und Renten zu genehmigen, die für die Sicherstellung der neuen 86-Milliarden-Rettung erforderlich sind – die dritte seit 2010. Im selben Moment wurde geröhrt, dass er „erpresst“ worden sei um die Bedingungen zu akzeptieren, und er selbst nicht an sie glaube. Seine zweideutige Haltung schafft in den Hauptstädten der Eurozone Vorbehalte in Bezug darauf, inwieweit seine Regierung – selbst auch nach der Regierungsumbildung, mit der die rebellierenden Minister entfernt wurden – glaubhaft ist, um die Bedingungen der Rettung zu erfüllen. Warum – fragen sie sich – scheint Griechenland immer alles haben zu wollen, ohne Verzicht zu üben.

Dazu können wir zwei Anmerkungen machen. Die eine bezieht sich auf die Hassliebe zwischen Griechenland und dem Westen, eine komplexe Summe von Verhaltensweisen, die ab dem Krieg um die griechische Unabhängigkeit 1821 – 1932 beginnen. Die andere hat damit zu tun, wie Athen und seine Gläubiger die Ausnahmesituation gehandhabt haben. Beide Punkte stehen damit in Zusammenhang, inwieweit das dritte Rettungsprogramm, so wie es geplant worden ist, funktionieren wird.

Der wirtschaftliche Zusammenbruch verstärkte die Zwiespalt

Für die Griechen ist der Westen eine Gemeinschaft fortschrittlicher Wirtschaften und Demokratien, auf die sie sich zwei Jahrhunderte lang zubewegt haben und die völlige Beteiligung erwarben, als sie 1981 in die Europäische Wirtschaftgemeinschaft, sprich den Vorläufer der EU, und 2001 in die Eurozone eintraten.

Das moderne Griechenland schuldet seine Unabhängigkeit zu einem Teil der Unterstützung Großbritanniens, und den USA schuldet es sein Glück, der einzige Balkanstaat zu sein, der sich nach 1945 nicht dem Kommunismus beugte. Die Griechen jedoch sehen den Westen, wie er sich aus stärkeren Nationen zusammensetzt, die ihr Land manchmal schlecht behandeln, indem sie sich politischen, wirtschaftlichen und sogar auch militärischen Drucks bedienen. Keine Liste westlicher Interventionen in Griechenland ist ohne den Gläubigerausschuss vollständig, der 1898 geschaffen wurde um nach dem fünf Jahre vorher erfolgten Bankrott des Staates die Finanzen des Landes zu kontrollieren. Im weiteren Verlauf gab es die Besatzung durch die Nazis 1941 – 1944, gefolgt von der Einflussnahme der USA, die auch die Unterstützung an die Militärjunta umfasste, die Griechenland von 1967 bis 1974 regierte.

Alle diese Wunden wären mit Griechenland in der EU und der Eurozone verschwunden, also in Gruppierungen, die angeblich den Geist der Einheit und gleichberechtigten Behandlung adoptieren. Stattdessen hat der wirtschaftliche Zusammenbruch die Zwiespältigkeit der griechischen Gefühle gegenüber dem Westen verstärkt. Die Gläubiger sind im selben Moment Befreier und Gefängniswärter. Sie haben die Macht, Griechenland aus seiner Hölle heraus zu bringen. Sie können ebenfalls dafür sorgen, dass es dort für immer und ewig schmort. Indem er die von dem Westen auferlegten Reformen unterzeichnet, jedoch vor ihren Auswirkungen zögert, folgt Herr Tsipras dem Weg, den die linken und rechten Regierungen seit 2010 öffneten – obwohl seine Rede heftiger ist.

Griechenland braucht endlich Licht am Ende des Tunnels

Um zu verstehen, warum die Griechen und ihre Führer die Forderungen der Gläubiger schweren Herzens akzeptieren, haben wir über die nationalen Stereotype hinauszusehen. Wir haben zu respektieren, dass die 200 Jahre der Wechselwirkungen zwischen Griechenland und dem Westen Beispiele kostbaren Fortschritts und schmerzhaften Rückschritts hinterlassen haben, wobei sein Glaube honoriert und verraten wurde.

Natürlich spielen die heutigen Faktoren ebenfalls eine signifikante Rolle. Die totale „Renovierung“ der öffentlichen Verwaltung Griechenland, einschließlich der Beitreibung von Steuern, ist ein signifikantes Element der Rettungsprogramme. Die Gläubiger sind zu Recht verärgert, dass keine Regierung – und sicherlich nicht die des Herrn Tsipras – die Bindung zwischen politischen Parteien und dem Schutz des öffentlichen Sektors durchbrochen hat, die im Jahrzehnt 1980 von Andreas Papandreou geschaffen wurde.

Trotz allem hatte das Rettungsprogramm von 2010 Fehler. Anstatt die Grundlagen für den Aufschwung zu schaffen, versenkte es Griechenland in eine dermaßen tiefe Rezession, dass jede Regierung es schwer gehabt hätte, in dem Moment, wo die gesellschaftlichen Umstände sich verschlimmerten, einen Reformplan umzusetzen, wie ihn die Nation noch nie erlebte. Griechenland braucht zweifellos Reformen auf dem Arbeitsmarkt, offenere Warenmärkte und einen modernen Staat, der sich nicht den etablierten Interessen beugt. Seine Wirtschaft hat jedoch auch einen großen Bedarf an Liquidität, Bankkrediten für die Unternehmen und Investitionen, die Arbeitsplätze schaffen, den Aufschwung in Bewegung bringen und die gesellschaftliche Krise lindern werden.

Die Entlastung der Verschuldung (in Form der Verlängerung der Fristen und großzügigerer Tilgungsprogramme anstatt Streichung) erscheint mit Verspätung am Horizont. Die Gefahr ist jedoch, dass eine verwundete griechische Gesellschaft inzwischen nicht mehr in der Verfassung ist, Reformen vorzunehmen. Es sind Maßnahmen erforderlich, die Wachstum erzeugen und Licht am Ende des Tunnels erscheinen lassen. Anderenfalls wird das dritte Rettungsprogramm scheitern und die Beziehungen Griechenlands zu dem Westen werden wieder durch die gegenseitigen Beschuldigungen und Missverständnisse zerfressen werden.

(Quelle: sofokleous10.gr)

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