Griechenland und die Apokalyptischen Reiter

22. März 2015 / Aufrufe: 2.973

Deutschland verletzt bereits seit 2002 systematisch die Regeln

Zuletzt ein Blick auf das „Land der Dichter und Denker“ – dessen Beitrag zur Geschichte Europas allseits bekannt ist. Allerdings sonnen sich „die Deutschen“ seit Beginn des 19. Jahrhunderts auch gerne im schmeichelhaften Vergleich mit den Griechen der Antike. Goethe, Schiller, Wolff, Kant und manch anderer Zeitgenosse sind anerkannte Säulen europäischer Kultur- und Geistesgeschichte – doch wer ist Franz Emanuel Geibel, der Spät-Romantiker (1815 bis 1884)? Sein flehentlicher Ruf „… und es mag am deutschen Wesen, einmal noch die Welt genesen …“ (in „Deutschlands Beruf“, 1861) klingt allerdings vielen vertraut – meist als nationalistisch verkürztes Zitat und gefährliche Drohung!

In den letzen Jahren der Finanzmarkt-, Banken- und Staatsschuldenkrise fällt vermehrt das Beharren der konservativen Regierungsparteien (CDU / CSU) auf der Austeritäts-Verpflichtung – sprich disziplinierter Bereitschaft zur fiskalischen Entbehrung und Sparsamkeit – der EURO-Staaten auf. Mancher fragt sich, woher dieses Sendungsbewusstsein kommt. Ist es den strengen protestantischen Moralvorstellungen der CDU geschuldet, der den ökonomischen Reichtum mit gottgefälligem Lebenswandel in kausalen Zusammenhang bringt?

In den letzten Monaten können aber selbst die katholisch-gemütlichen Bayern (CSU) vor lauter Spargesinnung und Selbstüberhebung kaum mehr an sich halten. Dabei gehört der Freistaat Bayern – im deutschen Länderausgleich – erst seit 1993 zu den „Geberländern“. In den Jahren 1950 – 1987 war man als „Nehmer“ auf die „Almosen“ der damals reichen Länder angewiesen.

Das Schweigen der Sozialisten (SPD) in der aktuellen schwarz-roten Regierungskoalition und ihre Koalitionstreue sind schnell erklärt: Die letzte rot-grüne Regierung unter Kanzler Schröder (1998 – 2005) verstieß bereits in den Jahren 2002 ff gegen die Defizit-Obergrenze des Euro-Stabilitätspakts von 3%. Infolge entzogen sich die listigen Genossen dem drohenden Defizitverfahren und den EU-Sanktionen. Doch bereits damals unterlief dies den deutschen Anspruch, den EURO „hart wie die Deutsche Mark“ zu machen und schwächt so bis heute das konservative Sendungsbewusstsein der Christdemokraten.

Jedoch reicht zum vollständigen Verständnis eine parteipolitische Betrachtung nicht aus. Dazu wären wohl noch parteiübergreifende, gesamtdeutsche Befindlichkeiten beachtlich: Die internationale Staatengemeinschaft hat der wiedererstarkten „Wirtschaftsgroßmacht Deutschland“ die uneingeschränkte Anerkennung bisher verweigert, der angestrebte ständige Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen wurde noch immer nicht erreicht. Deutschland gehört unzweifelhaft zu den Gründungsvätern der EU, doch selbst die „schwarze Null“ im Budget 2014 reicht nicht aus, die zweifelnden „Südländer“ von fiskalischer Disziplin und wirtschaftlicher Effizienz zu überzeugen.

In die Europäische Wirtschafts- und Währungsunion (1990) wurde die damalige Kohl-Regierung von den „französischen Freunden“ quasi am Nasenring geführt, als Bedingung der Zustimmung zur Wiedervereinigung. Doch die damals dem deutschen Volk „verkaufte“ Vorstellung eines EURO „hart wie die Deutsche Mark“ konnte man bis heute nicht durchsetzen, im Gegenteil, sie wird andauern konterkariert. Zudem wurde Deutschland seit der Wiedervereinigung zum „Zahlmeister Europas“ – vom Abzug der ehemaligen Sowjettruppen über die Finanzierung der Europäischen Union bis hin zur „Rettung der PIIGS-Staaten“. Das allerdings vergelten die „Nehmerländer“ mit zunehmend offener Aggression (Russland) oder aufsässiger Penetranz (Griechenland, Ungarn).

Verständlicherweise scheinen die Verbitterung und das verstärkte deutsche Festhalten an den geschätzten eigenen Prinzipien und andererseits die Tsipras-Regierung, ihre Wahlversprechen und ihr „respektloses Auftreten“ kaum geeignet zu sein, den Starrsinn und das Sendungsbewusstsein der Deutschen aufzuweichen.

Die griechische Apokalypse

Wenn es so weitergeht, verbleiben dem griechischen Volk absehbar nur mehr die Alternativen „Leiden mit Euro“ oder „Leiden mit Drachme“! Mehr wird für die Tsipras-Regierung bald nicht mehr zu gewinnen sein. Dass die Griechen leiden werden, scheint bereits jetzt festzustehen! Wo also bleibt das plausible Konzept intelligenter Politik, das die kurzfristig wirksame Unterstützung einer verarmten Bevölkerung, den überfälligen Aufbau eines – am Gemeinwohl orientierten – modernen Staatswesens, die überfällige Sanierung der griechischen Wirtschaft und Entlastung von bürokratischen Hemmnissen, die Sanierung der staatlichen Sozialsysteme, die Einsicht in die Realität eines – nach wie vor maroden – Budgets zusammenführt und darauf abgestimmte, nachvollziehbare Vorschläge für einen angepassten Schuldendienst (ggf. mit Schuldenschnitt) an die Gläubiger übermittelt?

Langsam wäre es Zeit dafür! Warum hört man nichts vom längst überfälligen, griechischen Ersuchen an die europäische Staaten, um jene Vermögen, die widerrechtlich, durch Korruption und / oder Steuerbetrug erworben und außer Landes geschafft wurden, umgehend einzufrieren und – nach rechtsstaatlichen Verfahren – dem Staatshaushalt und infolge einer künftigen Besteuerung zuzuführen? Das wäre beispielsweise ein positives Signal, das sowohl die Menschen in Griechenland als auch in der Europäische Union ungeduldig erwarten! Denn Provokation allein – als taktisches Verhandlungsinstrument – wirkt nur äußerst kurzfristig. Mittelfristig wird sie zur hohlen Phrase, die maximal Widerwillen, bestenfalls mitleidiges Amüsement erweckt.

Kommt nicht bald mehr nach, bestätigt dies nur die Unterstellung, auch der SYRIZA fehle es an der notwendigen Qualität, der hohen Anforderung als Krisenmanager zu entsprechen. Dann könnte sich mancher daran erinnern, dass Griechenland, die „Wiege der Demokratie“, offenbar zu keiner Zeit seiner dreitausendjährigen Geschichte vermochte, einen funktionierenden Gesamtstaat zu organisieren und die Demokratie bisher bestenfalls in einzelnen, überschaubaren Stadtstaaten funktionierte – also zuletzt vor gut 2.300 Jahren.

Damit wären letzte Hemmungen beseitigt und es ist zu erwarten, dass man als nächste Stufe der Eskalation skurrile, ultimative Endlösungen der griechischen Krise fordert: Stellt Griechenland unter die direkte Kuratel der Europäischen Kommission, zerstückelt es in kleine Einheiten und finanziert es aus Mitteln der EU-Regionalförderung! EU-Präsident Junker wäre sicher bereit dazu und verfügt auch über die notwendigen Mittel. Zudem wäre dies nicht nur rasch organisiert, sondern auch kostengünstig, und hat bereits bei den Römern – 600 Jahre lang – bestens funktioniert.

Selbst die Griechen waren damit offenbar zufrieden, die Europäische Union versteht sich eh als Nachfolger des Imperium Romanum! Nicht zuletzt wären jedenfalls gebildete griechische Hauslehrer damals wie heute als Bereicherung europäischer Haushalte willkommen!

(Autor: Christian Schramayr)

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  1. Jeunesse doreé
    22. März 2015, 12:06 | #1

    Mit der Eledigung des Problems Griechenland wäre gar nichts verändert. So aber sind die Griechen (Bevölkerung) nur Zielscheibe europäischer Haßtiraden gegen die „faulen“ Griechen. Das lenkt den Volkszorn in gewünschte Bahnen, weg von den politisch Verantwortlichen und ihren Handlangern, den Banken. Es werden immer neue Klimmzüge unternommen (gestern der sensationelle Fund von 2 Mrd.) die an Blödheit kaum noch zu überbieten sind, um nicht zugeben zu müssen, dass die Schulden der Staaten (Regierungen) nie mehr ohne Kriege zurückzuführen sein werden. Da man aber die Banken als Staatsfinanziers braucht wie die Luft zum Atmen, kann man sie nicht einfach in die Pleite schicken. Die Schulden unseres Staats- und Bankesystems sind die Guthaben solcher Verbrecher wie Rotzschild und Co. Ohne diese Schulden und die endlosen Zinseszinszahlungen wäre deren Wohlstand nur Makulatur. Sogar Kriege werden dafür gerne geführt. Ukraine läßt schön grüßen und wir schauen seelenruhig zu. Bis wir auch dran sind.

  2. jensen
    23. März 2015, 10:48 | #2

    Wirtschaftssysteme sind bewegliche Systeme die immer ein Gleichgewicht anstreben. Der Wert einer Währung eines Landes nimmt einen Wert an, in Relation zu anderen Währungen, die der wirtschaftlichen Kraft desjenigen Landes entspricht. Schwächelt die Wirtschaft eines Landes sinkt die Währung des Landes solange, bis sich die Wirtschaft durch günstiger werdende Exporte stabilisiert und ein neues Geichgewicht hergestellt wid. Damit geht natürlich ein Sinken der Lebensstandards einher. Daneben gibt es noch die Konjunkturprogramme der FED und EZB, die künstlich versuchen das Erreichen eines neuen Gelichgewichtszustands zu beschleunigen. Alle Schulden aller Länder (auch Deutschlands bis zur Agenda 2010) beruhen doch darauf, dass sich Regierungen/ Wähler geweigert haben die wirtschaftliche Realität anzuerkennen.

    Die Eurozone hat diesen Mechnismus in der Form nicht, da die wirtschaftlich starken Länder den Eurokurs so hoch halten, dass die schwächeren Länder kein Gleichgewicht auf natürliche Weise herstellen können. Eine Stabilisierung des Systems muss also von außen durch die Politik kommen. Dafür gibt es verschiedene Wege.
    1. Die Politik sorgt für mehr Wirtschaftlichkeit mit allen unangenehmen Nebenwirkungen. Und wird gegebenenfalls durch andere Parteien ersetzt, die diese Probleme ignoriert (Griechenland) oder verschiebt (Frankreich).
    2. Die Politik setzt einen Länderfinanzausgleich durch (Schuldenschnitt). Damit begibt man sich allerdings in ein Abhängigkeitsverhältnis und muss staatliche Souverenität abgeben, da die Gläubiger immer mitreden. Außerdem nimmt der Reiz für die Geberländer ab sich an einer Gemeinschaftswährung zu beteiligen.
    3. Beteiligung aller Marktteilnehmer in gerechter Form überfordert die politische Macht europäischer Kleinstaaten.

  3. george
    24. März 2015, 13:58 | #3

    Faule Griechen? Bödsinn! Unfähige Politiker JA! Ich denke, dass griechische Menschen gleiches leisten können, wenn man ihnen die selben Möglichkeiten wie den Menschen in den anderen Ländern der EU. Dazu gehört, dass das Land ordentlich regiert wird, dass echte Leistung mehr Erfolg bringt als Vetternwirtschaft, Korruption und Steuerhinterziehung. Außerdem haben die Politiker obwohl viel Geld aus Europa nach GR geflossen ist, dieses nicht ausgegeben, um die griechische Wirtschaft zu entwickeln damit diese Produkte herstellen kann, mit denen man auf dem Weltmarkt gute Preise erzielen kann. Solange sie Geld leihen konnten, haben sie keine Notwendigkeit gesehen den Staat ordentlich zu führen ( man denke an mehr als 10000 Renten, die an Tote gezahlt wurden). Damit haben sie dem griechischen Bürger suggeriert, dass man auch ohne größere Leistung gut leben kann. (Uneffektive Bürokratie) Wenn dieses Problem ordentlich angegangen wird und gelöst wird, hat gibt es für GR auch wieder Hoffnung!

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