Finanzminister Griechenlands: erschießt mich, wenn ich mich ändere

14. Februar 2015 / Aufrufe: 3.588

Griechenlands Finanzminister Yanis Varoufakis erklärte gegenüber dem Stern, wegen seiner Recherche über Skandale bei den Banken Drohungen erhalten zu haben.

Eine Macht, die er nicht haben möchte„, charakterisiert in einem am Donnerstag (12 Februar 2015) in der deutschen Zeitschrift „Stern“ veröffentlichten Interview Yanis Varoufakis seine Möglichkeit, als Finanzminister mit einem Wort die Finanzmärkte bewegen zu können, und kündigt an, die SYRIZA-Regierung werde die erste Regierung in Griechenland sein, die gegen die Kartelle im Land vorgehen wird.

Der griechische Finanzminister spricht unter anderem über Europas Defizit an Demokratie, während er Bundeskanzlerin Angela Merkel als „die derzeit mit Abstand cleverste Politikerin in Europa“ und die Deutschen als „bessere Europäer als die Franzosen und Griechen“ bezeichnet.

Die Krise hat die Einheit und die Seele Europas untergraben

Die neue Regierung Griechenlands braucht Zeit um ihre Vorschläge bezüglich der griechischen Verschuldung zu vollenden, sagt der neue „Wirtschafts-Zar“ und meint bezeichnend:

Ich wünsche, mehr Zeit zu haben. Wir sind eine Regierung ohne Erfahrung und hatten nicht die Zeit, uns mit der Arbeit in unseren Ministerien vertraut zu machen. Wir benötigen einige Wochen um unser Programm zu vollenden, jedoch suchen wir unter dem Druck des Laufs einer Waffe. Nach andauernden schlaflosen Nächten von einer Begegnung zur anderen zu eilen ist eine ein Beweis dafür, wie sehr die Krise die Einheit, die Seele Europas untergraben hat.

Von einem „Demokratie-Defizit“ in Europa sprechend sagt er, niemals große Erwartungen aus politischen Projektierungen gehegt zu haben und dass sich nun die Institutionen ändern, die jene Beschlüsse fassen, die über das Leben der Menschen entscheiden.

Die Macht ist etwas, das ich nicht haben möchte

Die Anmerkung der Journalisten kommentierend, als Finanzminister die Macht zu haben, mit einem Wort die Märkte zu bewegen, antwortet er: „Es ist eine Macht, die ich nicht haben möchte. Die Macht allgemein ist etwas, das ich nicht haben möchte. Das mag heuchlerisch klingen, jedoch meine ich es mit jeder Ehrlichkeit. Und das selbe kann ich auch über die anderen Mitglieder der Regierung sagen. Sie zogen ein Leben in der Opposition vor … außerdem ist es reichlich bequem, der linken Minderheit anzugehören.

Warum haben Sie also den Job angenommen?„, fragen ihn die Jornalisten. „Die letzten fünf Jahre kommentiere und kritisiere ich die Kräfte, die sagten, es gäbe keine Alternative zu unserem vorbestimmten Kurs. Und dann fragte mich ein junger Mann, Alexis Tsipras: ‚Wenn wir an die Macht kommen, willst Du dann versuchen, Deine Pläne umzusetzen?‘ In Momenten wie solchen stellt sich nicht das Thema, ob Du es tun möchtest. Du tust es, weil du es tun musst„, antwortet Yanis Varoufakis und sagt, keinerlei Beziehung zu der Politik und nicht die geringste Idee zu haben, ob er die Arbeit tatsächlich machen zu können. „Ich bemühe mich um das beste, sage jedoch nicht zwangsläufig, es erreichen zu werden. Das würde mich entweder zum Idioten oder zum Lügner machen, und ich bin nichts von beiden. Das einzige, was ich tun kann, ist Tag um Tag zu arbeiten, und wir werden sehen.

Merkel ist die mit Abstand cleverste Politikerin in Europa

Die Behauptung dementierend, häufig Meinung und Richtung zu ändern, charakterisiert Yanis Varoufakis die deutsche Kanzlerin Angela Merkel als „die mit Abstand und zweifelsfrei cleverste Politikerin in Europa„. Wolfgang Schäuble betreffend meint er, dieser sei vielleicht der einzige europäische Politiker mit geistiger Substanz. „Er ist ein authentisch gewidmeter Europäer, im tiefen Inneren ein Föderalist.

Herr Varoufakis bezeichnet sogar die Deutschen als „bessere Europäer als die Franzosen und die Griechen“ und meint, „mit dem Finger zu zeigen ist eine sehr blöde Übung„.

2011 erhielt ich Drohungen

2011, als ich gewissen Journalisten bei ihrer Recherche in Zusammenhang mit Bankskandalen half, erhielt ich Drohungen. Eines abends rief mich ein Unbekannter an und fragte mich, ob mein Sohn nach Hause zurückgekommen sei. Er beschrieb mir die von ihm befolgt Strecke und meinte zu mir, ‚wenn Du ihn zukünftig nach Hause kommen sehen willst, hör auf, über die Banken zu recherchieren.‘ Und das ist auch ein zusätzlicher Grund, aus dem ich nach Texas zog. Ich weiß nicht, wer es war, um mich habe ich niemals Angst gehabt, aber wen jemand Dein Kind zur Zielscheibe macht, hast Du die moralische Verpflichtung, zu reagieren.

Die Banken in Griechenland sind Teil der Elite der Superreichen, die von der Krise profitiert hat„, meinen die Journalisten, worauf er ihnen antwortet: „Ja, aber wir werden sie zerschmettern. Ich weiß noch nicht wie, aber wir werden sie stoppen. Wir werden Hilfe von den Deutschen benötigen. Wir werden die erste griechische Regierung sein, die den Willen haben wird, die Kartelle in unserem Land zu zerschlagen.

Wir haben eine Liste aller Auslandsüberweisungen von allen Banken

Yanis Varoufakis bezichtigt die vorherige Regierung, vorgetäuscht zu haben, sich für die Reformen zu interessieren. „Schauen Sie sich nur die Steuergesetze an. Es wurden Menschen besteuert, die steuerliche Immunität hatten. Es ist, als ob man die Truthähne fragt, ob sie zu Weihnachten geschlachtet werden möchten„, meint er charakteristisch.

Wir haben eine sehr gute Datenbank, die uns gestattet, über das Kapital Bescheid zu wissen, dass von Griechenland auf Konten in Europa oder an anderen Orten des Planeten bewegt wird. Das sagen uns zumindest die Beschäftigten des Finanzministeriums. Ich würde die genauen Zahlen kennen, wenn wir nicht gezwungen wären, Europa zu bereisen und um ein wenig Zeit zu betteln um zu Atem zu kommen. Es gibt Fälle, in denen 2014 jemand 1,5 Mrd. Euro ins Ausland schaffte, jedoch seit 20 Jahren jährlich 5.000 Euro Steuern zahlte. Die Daten lagen vor, sind jedoch niemals genutzt worden.

„Die Lagarde-Liste bezieht auf nur eine Bank. Wir haben eine Liste mit allen Banken und allen Kapitaltransfers. Die in meinem Ministerium beschäftigten Leute sagen mir jedoch, sie seien bis heute davon abgehalten worden, sich auf jegliche Weise mit diesen Fällen zu befassen“, fügt er an.

Ich möchte mein Motorrad nehmen oder zu Fuß nach Hause gehen …

Yanis Varoufakis hat in dem kurzen Zeitraum seit seinem Amtsantritt seine alternative Lebensweise im Vergleich zu seinen „Vorgänger-Zaren“ bewiesen. „Es hat nichts mit Symbolismus zu tun. Vor einigen Tagen waren wir in Rom, uns eskortierte die Polizei. Das ekelt mich, wir waren nicht einmal verspätet. Wir hatten noch eine Stunde um zu unserem Treffen mit dem italienischen Finanzminister zu gelangen. Der Gedanke, dass wir etwas Besonderes sind und der Verkehr gestoppt werden muss, damit wir passieren, bedrückt mich. Ich möchte mein Leben fortsetzen. Ich möchte, wenn mir danach ist, mein Motorrad nehmen oder zu Fuß nach Hause gehen. habe ich unglücklich zu sein, weil ich Minister bin? Einige fragen, warum ich mich so kleide. Ich kleidete mich immer so. Warum sollte ich mich ändern müssen?

Wenn wir jetzt in Griechenland wären, würde ich meine Lederjacke tragen. Ich habe niemals in meinem Leben eine Krawatte getragen. Auch nicht, als ich eingeladen wurde, im britischen Parlament zu sprechen. Habe ich Krawatten zu tragen, weil ich jetzt Minister bin? Wenn man jemandem die Kluft eines Römers anzieht, wird er sich unbequem fühlen und sich anders zu benehmen beginnen. Ich will mich nicht unbequem fühlen und sicherlich möchte ich nicht anders zu denken beginnen„, meint er.

Abschließend erklärte Yanis Varoufakis sich als Verfechter der Sokratischen Dialektik, laut der das Ziel ist, aus der Diskussion mit seinem Gesprächspartner so viel wie möglich zu lernen. „Schauen Sie sich jedoch an, was in den TV-Fenstern und im Parlament geschieht. Oberstes Ziel ist, seinen Gegner zu ‚eliminieren‘. Wenn ich so werde, soll mich jemand erschießen.

(Quelle: news247.gr, Autorin: Sofia Katsareli. Das auf Englisch geführte Interview kann hier nachgelesen werden: „We will smash them“)

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  1. herbert
    15. Februar 2015, 03:33 | #1

    Ich ziehe meinen Hut vor Griechenlands Finanzminister Yanis Varoufakis. Er hat das, was einige andere in der Vorgängerregierung nicht hatten, nämlich „Rückgrat.“ Sollte er seine Vorstellungen durchsetzen, käme das einem Erdbeben – bei einer gewissen Elite- gleich. Der Sohn kann auf jeden Fall stolz auf seinen Vater sein.

  2. LiFe
    15. Februar 2015, 11:10 | #2

    Mittlerweile steigt meine Bewunderung für Yanis Varoufakis. Kompliment, wie er, siehe Artikel analysiert.

  3. Rudi
    15. Februar 2015, 14:32 | #3

    Ich hoffe inständig, dass ihm kein „Unfall“ passiert.

  4. Wildkatze
    16. Februar 2015, 10:29 | #4

    Wenn ich mir im Internet den Film „Economic Hitmen“ ansehe, sorge ich mich auch um die Herren Varoufakis und Tsipras. Vielleicht sollten sie besser den Zug anstelle des Flugzeugs nehmen.

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