Neue Minister in Griechenland „zerreißen“ Memorandum

30. Januar 2015 / Aktualisiert: 22. März 2015 / Aufrufe: 5.414

„Geleimte“ Beutegeier rühren die Kriegstrommeln

Ob, wann und in welchem Umfang die Versprechungen der frischgebackenen Regierung / Minister letztendlich realisierbar sind, mag dahingestellt bleiben –  zumal speziell die Lobbys und „Interessenkreise“, die ihre von der Regierung Samaras zugesicherten Pfründe nun dahinschwinden sehen, bereits die Kriegstrommeln rühren und zweifellos jedes verfügbare Geschütz auffahren werden, um die schon sicher geglaubte Plünderungsbeute möglicherweise doch noch zu retten.

Von Seite der SYRIZA war zwar seit spätestens Sommer 2014 unmissverständlich klargestellt worden, speziell die praktisch in letzter Minute vor dem bereits damals als sicher geltenden Regierungswechsel in Griechenland unter Dach und Fach gebrachten skandalösen Vereinbarungen mit sich jetzt scheinheilig auf „Kontinuität“ und „Verpflichtungen“ berufenden „Partnern“ annullieren zu werden, die Hoffnung stirbt jedoch bekanntlich zuletzt … .

In Erwartung des üblichen Shitstorms wird nachstehend ein von Yanis Varoufakis am Tag seiner Vereidigung zum neuen Finanzminister Griechenlands auf seinem persönlichen (griechischen) Blog veröffentlichter Beitrag in deutscher Übersetzung wiedergegeben, der möglicherweise den einen oder anderen doch noch nachdenklich stimmen bzw. überhaupt zum Nachdenken anregen könnte:

Anstatt von Danksagungen und Versprechungen

Vor einigen Tagen fand ich mich zu einem Interview mit einer Journalistin aus Spanien ein, die – wie üblich – ein griechischer Helfer begleitete.

Letzterer sagte während der gesamten Dauer des Interviews kein Wort, hörte jedoch gespannt und interessiert zu. Zum Schluss, als wir uns mit der Journalistin verabschiedeten, bat ihr Helfer sie auf Spanisch um Verzeihung, dass er zu mir auf Griechisch sprechen werde. Dann näherte er sich mir und fasste mich bei beiden Händen.

Zuerst röteten sich seine Augen, bevor dann die erste Träne rann. Seine Stimme zitterte, während er mir erklärte, er sei obdachlos, ehemaliger Fremdsprachenlehrer, der alles verlor und sich Tag und Nacht bemüht, nicht zu zeigen, obdachlos zu sein. Der sein Kind einmal im Monat sieht, jedoch nur, wenn er es geschafft hat, sich zu waschen und „normal“ zu erscheinen, wofür er Gelegenheitsjobs annimmt, wie z. B. ausländische Korrespondenten zu begleiten.

Er schloss mit folgenden Worten: „Ich bitte Sie nicht, etwas für mich zu tun. Ich bitte Sie, alles Ihnen Mögliche für diejenigen zu tun, die noch nicht durch die Lücken der Gesellschaft hierher abgestürzt sind, wo ich mich befinde.“

Wenn ich demnächst in das Finanzministerium gehe, werde ich an diese Worte denken. Weder an die Spreads, noch an die Schatzbriefe, noch an die geschlossenen „Vorvereinbarungen“. Ich werde an diese Worte denken … .

(Quelle: Yanis Varoufakis)

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  1. Ronald
    30. Januar 2015, 08:57 | #1

    Normalerweise lässt man einer neuen Regierung die berühmten „100 Tage“ Zeit um sich zu sortieren. Ich glaube nicht, dass die Regierung Tsipras‘ so viel Zeit hat. Das Agieren der Regierung finde ich ausgesprochen ungeschickt. Wäre Politik eine Seeschlacht so würde ich sagen Sie haben alle Kanonen abgefeuert, bevor der Gegner in Schussweite war.

  2. normalo
    30. Januar 2015, 10:05 | #2

    Ganz mutig. Wird aber nicht durchsetzbar sein.

  3. hubi stendahl
    30. Januar 2015, 12:58 | #3

    Tsipras ist mutig, keine Frage. Andererseits hat er wenig (einschl. sich selbst) Personal zur Verfügung, die das Problem, analog des derzeitigen kreditgeschöpften Geldsystems und seiner Wirkungen, ausreichend beurteilen können. Die Doktrin der Linken, innerhalb eines a priori fehlerhaften Geldsystems Rückverteilungen von oben nach unten vornehmen zu wollen, funktioniert genauso wenig, wie die Plünderung der Neoliberalen durch IWF, Weltbank, ZB und ESM. Prinzipiell hätte Griechenland 2 Möglichkeiten dem Bankrott zu entgehen:

    1) Austritt aus dem Euro, Insolvenz und Neutralitätsstatus. Etwa 4 Jahre und Griechenland könnte aufgrund der Rohstoffvorkommen, Landwirtschaft, Touristik und Logistik ein es neues Geschäftsmodell etablieren.

    2) Abwendung vom neoiliberalen Kurs der EU in dem parallel eine goldunterlegte Drachme eingeführt wird, die als Freigeld organisiert ist. Hat es in der Geschichte schon xmal mit Erfolg gegeben als Parallelwährung. Aushandlung eines Schuldenschnitts von 70%.

    Der reine Versuch der Umverteilung funktioniert nur für eine kurze Zeit, dann wäre Tsipras am Ende. Dies ist aber das Kalkül, dass die Handlanger des Systems “ EU-Junta “ als Marionetten der internationalen Hochfinanz favorisieren: AUSSITZEN.

  4. H.Trickler
    30. Januar 2015, 14:41 | #4

    Varoufakis hat sich einmal mehr sehr klug geäussert. Aber es wird ein weiter Weg, bis der Griechische Staat solide finananziert und politisch stabilisiert sein wird. Nach meiner unmassgeblichen Einschätzung nur nach einem Staatsbankrott und Grexit.

  5. HJM
    30. Januar 2015, 18:57 | #5

    Tsipras und Varoufakis spielen offenbar im Moment good cop und bad cop. Seine weiteren neu ernannten Minister kann Tsipras schon jetzt nicht mehr einfangen. Was für ein Start!

  6. 30. Januar 2015, 20:32 | #6

    Es wird im Wesentlichen auf das langfristige Zusammenspiel mit Russland ankommen. Das Erschließen der mutmaßlichen Bodenschätze wurde jahrelang behindert, um Griechenland schwach und abhängig zu halten. Und zum Schluß machen wir uns natürlich noch Gedanken darüber, warum Griechen keine Deutschen sind.

  7. Manfred
    30. Januar 2015, 20:51 | #7

    Wenn sie die Reichen tatsächlich zur Steuerzahlung veranlassen wird das auch alles finanzierbar sein.

  8. windjob
    30. Januar 2015, 21:22 | #8

    Ich finde es toll, dass endlich jemand dieser unverschämten Politikerklasse der EU die Stirn bietet und kann Herrn Tsipras nur wünschen, dass er durchhält.

  9. Thomas
    31. Januar 2015, 01:34 | #9

    Jetzt ist eindeutig der Punkt gekommen, an dem Deutschland die Reißleine ziehen muss. Griechenland hat gewählt und eine Entscheidung getroffen, alles legitim. Wenn man sich aber nicht an Verabredungen hält, so darf man wohl nicht im Ernst erwarten dass der Gläubiger noch mehr Geld freigibt. Die EU darf sich nicht erpressen lassen sonst werden in anderen Staaten ebenfalls radikale Kräfte an die Macht kommen.

  10. zeitzeichen
    31. Januar 2015, 11:46 | #10

    Radikal kommt von Radix, die Wurzel, dort wo bekanntlich jede Lösung ansetzen muss, die nachhaltig sein soll. Das Hinterfragen der allem zugrunde liegenden Kapitalverhältnisse ist hier der erste Schritt. Es kann nicht sein, dass ein paar Oligarchen mit dem Geld für das Essen der Kinder ihre Yachten volltanken können.

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