In der Wunde Griechenlands

23. Januar 2015 / Aufrufe: 1.527

Eine im Guardian publizierte Reportage vermittelt eine schockierende Momentaufnahme der in den letzten 5 Jahren für die Bürger in Griechenland eingetretenen Änderungen.

Eine Reise zur Wunde des Landes – Begegnung mit dem bloßstellenden Bild einer Stadt, die in den letzten fünf Jahren Hintergrund, Struktur und Gewohnheiten änderte. Während Elena Smith, Journalistin der britischen Zeitung „Guardian“ mit ihrem Begleiter auf dieser Erkundungsreise in Athen voranschreitet, fühlt sie in der Luft der Stadt, dass sich etwas zum Schlimmeren verändert hat.

Komm, ich bringe Dich zur Wunde Griechenlands„, sagt zu ihr Antonis mit einer Wut, die er nicht verbergen will und kann. „Was im Land geschah, war katastrophal. Unsere Politiker, Europa, der IWF, alle machten unsere Träume zunichte.“ Seine Worte sind asthmatisch und manchmal bitter und geflüstert, wie ein Groll, der sich allmählich entlädt.

Ich hasse mein Land

Antonis ist ein Photograph, der immer nach dem „schrägen“ Blick auf die Alltäglichkeit sucht. Er führt Elena Smith in eine abgelegene Straße, wo ein anderer Puls schlägt. Männer und Frauen durchsuchen den Müll, die Bürgersteige sind kaputt, die Häuser verlassen, die Geschäfte entweder geschlossen oder geplündert, die Wände rundherum sind von einer dicken Graffiti-Schicht bedeckt.

Es ist der Verlust der Hoffnung„, erklärt er ihr, „ich sehe das jeden Tag. Es ist eine Wunde, die nicht heilbar ist. Schreib das wie ich es Dir sage, ‚ich, der Antonis, hasse dieses Land. Ich hasse alles an ihm‘.“ Elena Smith schreibt es mit einem unbestimmten Nicken auf.

Eine statistische Nummer

Die Wut dieses 43-jährigen Mannes liegt jenseits der Worte, sie deckt sich mit seinem Schicksal. Dem selben, welches das Leben von 1,3 Millionen Griechen bestimmte, die wegen der wirtschaftlichen Auflösung unter hässlichen Bedingungen leben. 2010 arbeitete Antonis in einem Photo-Atelier, das der Krise nicht standzuhalten vermochte und schloss. Über Nacht fand er sich von der einen auf der anderen Stufe wieder: von dem Arbeitsmarkt in der Arbeitslosigkeit. Er wurde zu einer weiteren Nummer in der mit geometrischen Fortschritt ansteigenden grauen Arbeitslosenstatistik.

Etwa in diesem Punkt schaltet sich ein Taxifahrer in das Gespräch ein und meint zu der Journalistin: „Nur wer reich oder ein Idiot ist, setzt in Griechenland noch Kinder in die Welt. Ich wollte ein zweites Kind, aber wie Du siehst, haben es mir die Umstände verweigert … .

Für die Griechen – sagt Elena Smith – kam alles auf eine unvorhersehbare Weise; im Jahr 2009, als auch die Krise ausbrach. Bis dahin waren sie Flüchtlinge in einem Zug. Sie lebten ein angenehmes Leben und der Zug wurde manchmal schneller, manchmal wurde er langsamer, jedoch bestand niemals die Gefahr, dass er stehen bleibt. Nun bereiten sie sich auf Wahlen vor, die möglicherweise viele Dinge in Europa klären, während ihr Zug vollständig sichtbar ist und sich an einer kritischen Wende befindet.

Welchen Kurs auch immer sie wählen werden, er wird eine lautstarke Auswirkung auf Athens Fähigkeit haben, in der Eurozone zu bleiben. Für Antonis Samaras – merkt sie an – existiert nur ein Weg: zu tun, was ihm die Gläubiger sagen, im Euro zu bleiben und zu beteuern, dass Griechenland kein kommunistischer Staat unter der SYRIZA werden wird.

Für Alexis Tsipras, dessen angenehme Versprechungen der SYRIZA Schub verliehen, ist die Hoffnung in der Verdrängung begründet. Die Parole ist nicht, dass sie kommt, sondern dass sie gekommen ist. Die Demoskopien zeigen, dass der exotische Mix aus Trotzkisten, Maoisten, Grünen, Marxisten und Sozialisten um einiges vorn liegt. Die Logik der Anti-Austerität Tsipras‘, der von einem Schuldenerlass spricht, ist wie ein Intermezzo aus der Vergangenheit, jedoch sind es wenige, die darauf setzen, was dies für die Zukunft bedeutet.

Es reicht nicht einmal für die Beerdigung …

Der Alltag zeigt wieder einmal das harte Gesicht der Wirtschaft. Die Menschen zahlen mit den Maßnahmen „Blutzoll“ und die Bürger sind an einem Wendepunkt angelangt. Wie in der Reportage angemerkt wird, gibt es Menschen, die nicht einmal Geld haben, um ihre Verstorbenen würdig beizusetzen.

Die Reichen mögen unbestraft geblieben sein und ihr Leben in den grünen Vorstadtbezirken im Norden Athens fortsetzen, die überwältigende Mehrheit führt jedoch einen Verschleißkrieg. Der Mittelstand ist durch die von den Gläubigern durchgesetzten Kürzungen und Steuern dezimiert worden. Das Rückgrat der griechischen Gesellschaft, sprich die Familie, versucht zu überleben, der Wohlfahrtsstaat ist absent, immer mehr karitative Organisationen treten in Erscheinung um die Lücken zu decken, in etlichen Straßen stehen Menschen bei Tafeln und mobilen medizinische Einrichtungen schlange, da mehr als eine Million Menschen nicht versichert sind.

Kostas Fountas, der ein Bestattungsinstitut betreibt, sagt: „Und ja, es gibt Menschen, die inzwischen nicht mehr die Ausgaben für eine Beerdigung aufzubringen vermögen. Neulich hatte ich einen Rechtsanwalt, der von der Krise getroffen wurde, und als sein Mutter verstarb, konnte er nicht die 300 Euro für die Kommunalgebühren bezahlen. Von den monatlich 15 Bestattungen lassen 9 Schulden bei dem Institut zurück.

Ohne Identität

Es gibt Menschen, die um Hilfe bitten, und dabei ein Stigma tragen. Vielleicht deswegen möchten sie keinerlei Angabe machen, die ihre Identität bescheinigt. Das Drama ist genau diese Erniedrigung. Der Goldschmied Dimitris Kalatzis bricht das Tabu und spricht: „Wenn wir so weitermachen, werden wir zum Schluss verrückt werden. Alle sind ausgelaugt, es geht nicht, weitere Steuern zu zahlen. Vergiss auch, was die SYRIZA sagt. Niemand glaubt ihren Versprechungen über Beschäftigung und Steuersenkungen, jedoch müssen wir zur Ruhe kommen. Sogar auch, wenn dies bedeutet, dass wir mit den Eventualitäten spielen müssen. Sogar auch, wenn dies bedeutet, dass wir bei der Drachme angelangen werden.

Elena Smith merkt an, dass die SYRIZA zum Rezeptor dieser Wut wurde, da sie eine Reaktion auf die traditionellen Parteien formierte, die Griechenland in den letzten 40 Jahren regierten und letztendlich in die Knie zwangen. Das Gefühl der Hoffnung bleibt natürlich noch trügerisch.

Fotini Tsalikoglou, Dozentin an der Panteion-Universität und Autorin, meint, „Tsipras bietet die Hoffnung auf die Hoffnung. Fünf Jahre lang war Griechenland wie der Patient, der langsam verblutet. Es gibt einen so großen Verlust an Hoffnung, und ohne Hoffnung vermag niemand zu leben.

Die Chrysi Avgi / Goldene Morgenröte

Frau Tsalikoglou ist auch über den zunehmenden Hang der Griechen zu extremen Gefühlen wie Gewalt und Feindlichkeit beunruhigt. Einer wendet sich gegen den anderen. Die Politiker dämonisieren und polarisieren, die Menschen nehmen an diesem Spiel teil und begeben sich an die Grenzen, während im selben Augenblick Menschen in den Suizid geführt werden. „Die Nachrichten haben diese Tatsachen entdramatisiert, und das ist schlecht. Mein Bangen ist, dass die SYRIZA die Hoffnung nicht verraten wird. Ich bin beunruhigt über die Gewalt und den Hass, die die jungen Kinder aufzieht und zur Chrysi Avgi treibt„, merkt sie an.

Es folgt ein klassisches Beispiel: Marios Chronopoulos ist ein Rentner, der sich beschwert, in seiner Wohnung keine Heizung zu haben und eingesteht: „Natürlich werde ich die Chrysi Avgi wählen. Ich bin mir sicher, dass wir mit denen einen Lichtblick sehen werden. Mann wacht auf und weiß nicht, was einem der übrige Tag bringen wird. Vielleicht eine neue Steuer, einen neuen Gesetzentwurf, eine neue Maßnahme, die dein Portmonee leert. Meine gesamte Verwandtschaft, 135 Personen, wird Chrysi Avgi wählen.

In Griechenland hat sich alles geändert, merkt die Journalistin an, und niemand wünscht, zu dem vorherigen Zustand der Verderbtheit und der Vetternwirtschaft zurückzukehren. Wenn die Krise – sei es im Guten oder im Bösen – etwas gelehrt hat, ist es, dass das Land voranschreiten und sich widersetzen muss.

Antonis fährt darin fort, sie zu begleiten und sagt zu ihr: „Auch ich bin schuld, dass korrupte Politiker gewählt wurden. Ich nehme die Demokratie sehr ernst.“ Er wird auch diesmal wählen gehen, im Hinterkopf hegt er jedoch Pläne, mit seiner Familie nach Neuseeland auszuwandern. Wie es auch viele andere Griechen taten, die nach woanders weggingen. Dorthin, wo es noch Hoffnung gibt …

(Quelle: iefimerida.gr)

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