Griechenland hat einen neuen Besen

27. Januar 2015 / Aktualisiert: 10. Februar 2015 / Aufrufe: 1.901

Die Griechen haben einen neue Besen und hoffen, dass er besser kehrt als der alte – leicht wird es für Alexis Tsipras, die Syriza und ihre Koalitionspartner nämlich nicht werden!

Im Jahr 2005 hat mich eine befreundete Unternehmerin gefragt, was ich vom neuen Griechenland in der Eurozone halte. „Leider nicht viel„, war meine Antwort, „das System eines Wohlstands auf Pump fliegt Euch absehbar um die Ohren!

Heute wie damals geht es schlicht darum, die Leistungsfähigkeit der griechischen Volkswirtschaft an einen (zu) starken Euro anzupassen. Dazu sind niedrige Lohnkosten nicht der Weisheit letzter Schluss. Das Land braucht vor allem Ideen, Produkte und Dienstleistungen, die Europa und die Welt auch kaufen! Der aktuell niedrige Eurokurs und der Ölpreis bieten beste Voraussetzungen. Wer dazu noch die Bürokratie der alten „Besitzstands-Wahrer“ rasch ausgemistet, bringt frische Luft ins alte System, das bisher immer wieder nur die Erwartungen der jungen Leute enttäuschte und die resignierten Alten zur falschen Vorstellung verleitet, man könne ohnehin nichts bewegen.

Die altbekannten „Baustellen“ in Griechenland

Dann wären da noch die altbekannten Baustellen im Land: das Gesundheits- und Rentensystem, die Arbeitslosen und die frustrierte Jugend. Diese Probleme kann nur jemand stemmen, der die Ideen und Mittel dazu hat. Der Weg dahin führt eindeutig auch über die Stärkung der Binnennachfrage, sprich mehr Geld für Menschen mit niedrigen und mittleren Einkommen. Dazu bedarf es vor allem der Einsicht der Reichen, die es als Ihre selbstverständliche Verpflichtung sehen müssen, mehr der Staatskosten auf ihre starken Schultern zu laden … und dies als Ehre zu empfinden! Niedrige, auf das künftig Sinnvolle bemessene Staatsausgaben und nachhaltige Investitionen in die Zukunft des Landes begünstigen eine solche Einsicht.

Und befreit Griechenland endlich von der „Türkenphobie“! Die Osmanen sind seit hundert Jahren tot. Wer sonst als das griechische Volk kann auf eine derartige Fülle identitätsstiftender, kultureller und wissenschaftlicher Leistungen verweisen?! Dafür braucht es keinen „äußeren Feind“.

Weiter gibt es noch immer die alten Pfründe, also was sich einzelne Bürger nach dem Motto „Pfeif drauf, wie es den anderen geht!“ selbst zuerkannten. Hier wurde Einiges begonnen, nicht zuletzt durch ambitionierte Staatsanwälte und Richter. Dies sollte aber nicht die heroische Einzelleistung, sondern der gewöhnliche Standard eines modernen Rechtsstaats sein! Bringt endlich Gerichte und Ermittlungsbehörden auf Vordermann und stellt ihnen qualifiziertes Personal und zeitgemäße Technik zur Verfügung. Korrupte und Steuerhinterzieher braucht man nicht gleich an die Wand zu stellen. Es genügt, ihnen das wieder zu entziehen, was sie sich genommen haben. Hinsichtlich jener, die ihre Schätze im Ausland gebunkert haben, wie z. B. bei schweizerischen Banken oder in Londoner Immobilien, braucht es auch das Einsehen und die Kooperation der „Nehmerländer“. Das gilt es sich jetzt rasch zu holen!

Dann bleibt noch, diesen – einzig der individuellen Machtentfaltung und Korruption dienenden – Sumpf sinnloser Gesetze, Verordnungen und Erlässe trocken zu legen. Ein schlanker, auf das künftig Wesentliche beschränkter Bestand allgemein verständlicher Rechtsnormen verschafft dem Staat die notwendige und dem Gemeinwohl verpflichtete Lenkungskompetenz, die ihm zusteht. Und diese lässt sich so auch rasch durchsetzen, ohne juristische Winkelzüge durch alle Instanzen und wieder zurück!

Das Ergebnis wäre Rechtssicherheit! Das wünschen sich nicht nur jeder normale griechische Bürger, sondern auch die „ausländischen Investoren“. Überdies wirkt es dem entgegen, was einzelne Ferienhausbesitzer in letzter Zeit vermehrt aussprechen: „… Griechenland ist wunderschön, aber Griechen braucht man nicht unbedingt zu seinem Glück!

Bringt Euren Saustall in Ordnung …

Sie sehen, man kann stundenlang über „die Krise“ sprechen, ohne ein einziges Mal das Wort „Troika“ in den Mund zu nehmen. Einen Verdacht möchte ich jedoch noch anfügen:

Wenn die „europäischen Freunde“ den griechischen Staat kollektiv zum Sparen verdonnern, auf dass „die Balken krachen“, ist dies vielleicht nur die diplomatische Umschreibung von „bringt Euren Saustall in Ordnung„, ohne dabei die alten Machteliten und damit jeden einzelnen griechischen „Parteifreund“ persönlich an den Pranger zu stellen.

Ich denke, wer diesen Wink mit dem Zaunpfahl versteht, wird leicht das Verständnis der übrigen Europäer finden, wenn man sinnvolle Auswege aus der Krise sucht – als Alternative zu der an und sich beschämend uninspirierten Austeritätspolitik! „Strenge“ und „Barschheit“ würden rasch einer gemeinsamen Suche nach intelligenten Lösungen weichen. Vielleicht entstünde so ein zukunftsweisendes Modell und der wesentlichste Beitrag, den Griechenland trotz seiner Not dem übrigen Europa jemals schenkte.

In diesem Sinn: möge die Übung gelingen!

(Autor: Christian Schramayr)

Relevante Beiträge:

  1. wildkatze
    27. Januar 2015, 13:10 | #1

    Dieser Artikel spricht mir aus der Seele – 100%ig! Dem ist nichts hinzuzufügen.

  2. windjob
    27. Januar 2015, 13:34 | #2

    Ich kann hier nur 100% zustimmen und hoffe, Tsipras bleibt hier standhaft. Ich wünsche den Griechen, die ich seit dreissig Jahren so liebe, dass es ihm gelingen wird.

  3. Kleoni
    27. Januar 2015, 13:57 | #3

    Es wäre ganz leicht, die ganzen „Ergänzungen“ zu einem reformierten Steuergesetz wieder abzuschaffen – es waren lauter Ausnahmen, um die die wohlhabenden Günstlinge zu entlasten, den ambitionierten Steuerfahnder, der erste Erfolge aufweisen konnte, bevor ihn die Regierung „in die Wüste“ schickte, weil er regierungsfreundliche Günstlinge aufspürte, die ihrer Steuerpflicht nicht nachgekommen sind, wieder einzusetzen und diese Behörde effizient personell und technisch auszustatten, dazu die entsprechenden Richter, die gerecht und vor allem schnell ein Urteil fällen, dann könnten erste Schritte sein, die unteren und mittleren Einkommen zu entlasten. Ich hoffe und wünsche Alexis Tsipras viel Kraft und Ausdauer, dazu gute loyale Mitarbeiter / Mitstreiter, damit das griechische Volk wieder Luft zum Atmen bekommt, denn die alte Nomenklatura hat nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die Menschen dem Erstickungstod ausgeliefert.

  4. h.kuebler
    27. Januar 2015, 15:31 | #4

    Das beste an diesem Wahlergebnis ist, dass es eine Aufbruchstimmung in Griechenland auszulösen scheint. Keine Macht der Welt und keine Troika oder sonstwas kann ein Land von aussen reformieren. Wenn jetzt die Griechen die Sache selbst in die Hand nehmen – womit ich meine, dass sie es als ihre eigene, ureigene Angelegenheit ansehen, ihr Land nach vorn zu bringen, dann ist das ein toller Anfang. Also, ran an den Speck. Seht zu, dass alle (alle!) ihre Steuern zahlen und dass effiziente Institutionen (Steuerbehörde, Katasteramt…) mit fähigen (!) Mitarbeitern besetzt sind. So dass endlich Vertrauen und Verlässlichkeit entstehen, im Land bei den Bürgern und im Ausland. So können dann auch Investitionen entstehen und damit eine Zukunft für das gebeutelte Griechenland. Auf geht’s, Griechen! Es ist euer Land! Ihr tut es für euch!

  5. Mark
    27. Januar 2015, 18:23 | #5

    Ich hoffe auch, dass es diese erste Linke Regierung endlich schafft, etwas zu ändern, und zwar in positiver Hinsicht. Griechenland hat zwar einen neuen „Besen“, jedoch gibt es dann immer wieder Zeitungen wie die Bild, die den Besen als einen … bösen Hexenbesen ansehen. Die Bild-Zeitung hat sich mal wieder selbst übertroffen. Wir Griechen wissen, was für einen Staat wir momentan haben, doch das Volk verdient es nicht, auf so eine Art und Weise zu leben. Auch hat wirklich kein Grieche ein Problem damit, Steuern zu zahlen. Doch sie wollen nur zahlen, wenn sie wissen, dass diese Steuern auch wirklich von Nutzen sein und ALLE besteuert werden und nicht nur die untersten Schichten – die mittlerweile die ganze Zeche für alles bezahlt haben.
    Was die Bildzeitung angeht, tja, die wird auch in GR nicht mehr geschätzt, die meisten wissen auch hier nun, um was für eine Zeitung es sich handelt, obwohl sie die meistverkaufte Zeitung Deutschlands ist. Was die heutige Bild angeht, so kann man sagen, dass vieles von den angeblichen Verpsrechungen Syrizas Lügen sind (z.b. ja Syriza hat vor die Putzfrauen in Ministerien wieder halbtags einzustellen, doch nicht mal annährend mit nem 1000 Euro Lohn!). Ausserdem werden die Versprechungen so präsentiert, als ob die Griechen (als wären sie keine Menschen oder so) solche Maßnahmen gar nicht erst verdienen (was bitteschön ist denn falsch bei: Strom und Arztkosten für 300.000 oder weniger arme Haushalte, Besoldung der Schulen und Krankenhäuser usw. – das nennt sich Sozialpolitik und den „kleinen“ Menschen eine Verschnaufpause zu verschaffen). Und letztens, all diese Maßnahmen (keine Ahnung ob Syriza all diese oder zumindest ein paar von denen realisieren kann) will Tsipras nicht mit deutschem Geld finanzieren (hat er auch nie behauptet oder verlangt), sondern per eigener finanzieller Mittel, mittels Steuereinnahmen, Fahndungen, Steuersünden und Korruptionbekämpfung usw. Den Deutschen wird so etwas nix kosten. Auch all das Deutsche Geld ist zwar in GR angekommen, jedoch nur für griechische und ausländische Banken – das Volk lebt also nicht im Luxus oder so. Deutschland als Staat profitiert auch bisher von der ganzen Sache. Komischerweise bekommt der alltägliche Deutsche aber nichts davon mit und mit Griechenland werden die Deutschen auch von ihren Problemen, aber auch potentiellen finanziellen Gefahren abgelenkt, und auch werden so häufig mehr Steuern usw. gerechtfertigt „wir brauchen mehr Einnahmen die Krisenländer schaffens nicht nur mit so wenig Geld gerettet (hier lacht man) zu werden“. Zeit dass viele Deutsche endlich begreifen, dass die einfachen Griechen, aber auch Tsipras nicht ihr wahrer Feind sind …

  6. herbert
    28. Januar 2015, 00:21 | #6

    Besser kann man es nicht beschreiben. Hoffentlich werden auch die griechischen Unternehmer endlich belohnt, mit kürzeren Genehmigungsverfahren von der neuen Regierung, wie heute im Fernseher z. B. ein griechischer Bierproduzent moniert, dass er seit 4 Jahren auf die Zulassung auf Erweiterung von Limonadenabfüllung wartet. Das sind Zustände die man nicht weiterhin so akzeptieren kann. Die Liste ließe sich beliebig auch auf den Hotelsektor fortsetzen. Das mögen 2 Beispiele von Vielen sein, aber es zeigt verheerend, wo die Baustellen liegen.
    Am meisten hat mich überrascht, dass unter der neuen Regierung ein neues Ministerium für „Korruption“ aufgestellt wird. Hut ab, Herr Tsirpas, der Besen kann gar nicht groß genug sein, um mal richtig zu kehren und aufzuräumen.

  7. Thomas Eisenbeiss
    28. Januar 2015, 09:18 | #7

    Es ist wie bei Obama. Ist man in einer hoffnungsloser Situation, neigt man dazu, riesige Erwartungen an den neuen Chef zu stellen. Nun ist die Lage Griechenlands um einiges schlechter als die der USA. Demnach erhofft man von Tsipras auch sehr viel mehr, und beim Versprechen war er auch nicht gerade zurückhaltend.
    Man bendenke aber eines: Korruption, Wissensmangel, die Neigung zum Günstlingswirtschaft, sitzen tief in den Köpfen der Leute. Da sind nicht nur die Regierung betroffen, sondern ganz viele Normalbürger. Tsipras‘ Besen hat da nur eine begrenzte Wirkung. Es ist das griechische Volk, jede(r) einzeln, der einsehen muss, dass er sein Verhalten ändern soll. Erfahrungsgemäß ist das sehr-sehr schwierig, dafür gibt es Beispiele in der Welt mehr als genug. Ich wünsche den Griechen trotzdem, dass das gelingt.

  8. Heinz
    28. Januar 2015, 14:50 | #8

    Nun, was die Verbesserung im Bereich Zulassungen und Genehmigungen angeht, habe ich meine Zweifel. Denn die lange Dauer lag doch nicht an Gesetzen oder Vorschriften, sondern an der Unfähigkeit oder dem Willen der Genehmiger. Manche würden vielleicht auch Faulheit sagen.
    Nein, nein, es wird alles sehr viel schwerer werden, als viele, viele Griechen sich das heute vorstellen und es wird Tsipras schneller an den Kragen gehen, als es sich dieser vorstellen kann. Leider! Ich würde ihm wünschen, dass es anders kommt, doch die anonyme Masse kann grausam sein. Weltweite Beispiele gibt es genug.

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