Grexit kostet Deutschland mehr als Griechenlands Bankrott im Euro

31. Januar 2015 / Aktualisiert: 08. Februar 2017 / Aufrufe: 3.820

Warum Deutschland ein Grexit letztendlich wesentlich teurer zu stehen kommen würde als ein Bankrott Griechenlands innerhalb der Eurozone.

Neulich publizierte das ifo Institut eine kurze Studie, die andeutet, Griechenlands Bankrott innerhalb der Eurozone würde Deutschland 77,1 Mrd. Euro, ein griechischer Bankrott in Kombination mit dem Ausscheiden aus dem Euro dagegen Euro 75,8 Mrd. Euro kosten.

Die beiden Zahlen sind ungefähr gleich hoch, aber wie zu erwarten war, betonten die Medien, ein Grexit werde für Deutschland um 1,3 Mrd. Euro billiger sein.

3 wesentliche Faktoren blieben unberücksichtigt

Die Veröffentlichung solcher Zahlen suggeriert irrig, direkte Verluste können exakt berechnet werden. Noch signifikanter ist allerdings, dass die in Rede stehende Berechnung drei grundlegende Faktoren nicht berücksichtigte:

  • Die unterschiedlichen „Schnitte“, die für die beiden Szenarien wahrscheinlich sind
  • Die privaten Ansprüche
  • Sonstige Sekundärverluste

Alle drei Faktoren deuten an, dass die Verluste für Deutschland sehr viel größer sein würden, wenn Griechenland aus dem Euro ausscheiden würde. Bevor wir die Details der Berechnungen betrachten, lassen wir uns jedoch Folgendes klarstellen: wir halten den Bankrott und das Ausscheiden Griechenlands gleichermaßen unwahrscheinlich wie unnötig.

Eine Einigung liegt im Interesse aller Seiten

Es liegt sicherlich im Interesse sowohl Griechenlands als auch der Partner und der Eurozone, dass eine zufriedenstellende Lösung gefunden wird, damit Bankrott und Ausscheiden – was die Lage aller erschweren würde – vermieden werden. Griechenland würde in eine weitere tiefe Rezession geraten, welche die Arbeitslosigkeit verschlimmern und die Einnahmen des Haushalts reduzieren und damit einen neuen Zyklus fiskalischer Austerität notwendig machen würde. Die Gläubiger in der Eurozone würden viele ihrer griechischen Ansprüche verlieren und die privaten Ansprüche in Griechenland würden ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen werden. Die neue abgewertete Drachme könnte die griechische Wirtschaft nicht so sehr (wie erhofft) wiederbeleben. Ebenfalls kann ein Grexit abgesehen von den wirtschaftlichen Themen breitere Auswirkungen haben.

Welche die Perspektiven einer globalen Einigung sind:

  • Was die Tragfähigkeit der griechischen Verschuldung betrifft, gibt es relativ schmerzlose Optionen.
  • Die Einigung über die Fiskalpolitik dürfte ebenfalls nicht so sehr schwer zu erzielen sein. Griechenland hat in den letzten Jahren sehr gelitten und signifikante fiskalische Angleichungen realisiert. Trotz der Tatsache, dass die Aussichten nicht ehr rosig sind, ist der bisherige „Durchhänger“ in der wirtschaftlichen Aktivität vielleicht vorbei und es wird ein gewisses Wirtschaftswachstum erwartet. Dies wird bei den fiskalischen Rechnungen helfen und es ist möglich, dass keine zusätzlichen fiskalischen Angleichungen nötig sein werden. In Wirklichkeit erwartet die Europäische Kommission allerdings, dass der zyklisch angeglichene primäre Fiskalüberschuss Griechenlands von 8% des BIP im Jahr 2014 um ungefähr 1 Prozentpunkt in den Jahren 2015 – 2016 sinken wird, welcher Umstand eine fiskalische Lockerung andeutet – also genau das, was die Parteien der griechischen damaligen Opposition bzw. jetzigen Regierung verlangen. Anders gesagt, die neue griechische Regierung wird in der Lage sein, von dem Nutzen aus den in den letzten Jahren erfolgten Angleichungen zu profitieren.
  • Der vielleicht schwierigste Schritt ist die Sicherstellung einer Einigung in Zusammenhang mit der Strukturpolitik, da sich viele der gegenwärtigen Pläne der griechischen Oppositions- bzw. jetzigen Regierungsparteien in einem diametralen Gegensatz zu den Reformen befinden, die im Rahmen des Finanzierungshilfsprogramm stehen. Es muss jedoch eine Vergleichslösung gefunden werden: beide Seiten haben starke Motive, sich zu einigen, und die strukturellen Reformen müssen Teil der Gesamtvereinbarung sein.

Während sehr starke Motive für eine Kooperation bestehen und deswegen ein Grexit nicht sehr wahrscheinlich ist, dachten wir, zugunsten des geistigen Austausches sei es nützlich, die Berechnungen des ifo zu kommentieren, welche die Auswirkungen des Bankrotts bewerten.

Die wirklichen Kosten eines Grexit sind schwer zu berechnen

Die Berechnungen des ifo Instituts berücksichtigen den deutschen Anteil der offiziellen Hilfe an Griechenland (bilaterale deutsche Kredite, Anteil Deutschlands an den Krediten der EFSF und des IWF) und diverse Forderungen der Europäischen Zentralbank. Sie fassten alle diese Forderungen in der Annahme zusammen, dass sie im Fall eines Bankrotts alle gestrichen werden. Während wir diverse Fragen in Zusammenhang mit den einschlägigen Forderungen der Zentralbank haben (welche die Differenz von 1,3 Mrd. Euro bei den Ergebnissen des ifo erklären), gibt es jedoch drei signifikantere Themen.

Das erste große Problem mit diesen Berechnungen ist, dass sie in beiden Fällen die völlige Streichung der offiziellen Forderungen an Griechenland voraussetzen. Wir bezweifeln allerdings, dass dies geschehen wird: in den letzten Jahrzehnten hat es viele Umschuldungen gegeben, jedoch sind die Ansprüche niemals völlig gestrichen worden. Sehen Sie beispielsweise die Angaben von Juan Cruces und Christoph Trebesch, die 187 Umstrukturierungen staatlicher Verschuldungen ab 1970 bis 2013 zusammenfassen. Der durchschnittliche „Cut“ war 38%. Zusätzlich wäre zwischen den beiden Szenarien (Bankrott innerhalb der Eurozone oder nebst Ausscheiden) der „Schnitt“ wahrscheinlich größer, wenn Griechenland aus der Eurozone ausscheiden sollte – und zwar angesichts der Tatsache, dass die neue griechische Drachme höchstwahrscheinlich erheblich abgewertet und das griechische BIP signifikant schrumpfen werden und somit die Fähigkeit Griechenlands mindern wird, seine Verbindlichkeiten und speziell jene zu begleichen, die in fremden Währungen ausgedrückt sind (der Euro wird in diesem Fall eine Fremdwährung sein). Die Abwertung des Wechselkurses des argentinischen Peso im Jahr 2002 könnte für die neue griechische Drachme im Fall des Grexit ein Beispiel für eine hypothetische Abwertung einer Nennwährung sein.

Zweitens untersuchen die Berechnungen des ifo Instituts nicht die Forderungen des privaten Sektors (wenn auch die Arbeit der ifo diese Unterlassung anerkennt). Ein Grexit könnte also wieder zu viel größeren Verlusten für den deutschen privaten Sektor führen als ein griechischer Bankrott innerhalb der Eurozone, angesichts der Tatsache, dass die meisten griechischen Banken und Nicht-Banken wegen einer möglichen Massenabwertung der neuen Währung und der Schrumpfung des griechischen BIP pleite gehen würden. Eine einschlägige Tabelle zeigt, dass die deutschen Ansprüche des privaten Sektors an Griechenland seit 2009 zwar signifikant gesunken sind, sich jedoch immer noch auf ungefähr 16 Mrd. Euro aus Verschuldung und ungefähr 3 Mrd. Euro aus Aktien belaufen.

Drittens muss mit weiteren sekundären Auswirkungen gerechnet werden, wie beispielsweise dem Rückgang der deutschen Exporte nach Griechenland. Zusätzlich werden andere Länder der Eurozone Verluste erleiden, was sich ebenfalls negativ auf Deutschland auswirken könnte.

Insgesamt gelangen wir zu der Schlussfolgerung, dass es schwierig ist, die – von vielen Voraussetzungen abhängenden – Verluste im Fall eine griechischen Bankrotts zu berechnen, und die wirtschaftlichen Verluste für Deutschland und andere Länder der Eurozone höchstwahrscheinlich größer sein würden, wenn Griechenland aus dem Euro ausscheidet, als wenn es in der Eurozone verbleibt.

(Quelle: sofokleous10.gr)

Relevante Beiträge:

  1. Ronald
    31. Januar 2015, 01:46 | #1

    Diese Zahlen hören sich gewaltig an. Aber bedenkt man, dass 80 Millarden Euro für jeden Bundesbürger 1000 €, zudem verteilt über mehrere Jahre bedeutet … der Aufbau Ost kostete bereits in den ersten 5 Jahren fast das Zehnfache. Mich kann das Kostendrohszenario eines Grexits oder eines Bankrotts Griechenland jedenfalls nicht wirklich schocken.

  2. GR-Block
    31. Januar 2015, 11:18 | #2

    Nun hätte der Rückzug GRs vor 5 Jahren aus dem Binnenmarkt und die damit einhergehende Wiedererlangung seiner Souveränität keinem EU-Bürger etwas gekostet. Lediglich „Investoren“ hätten ihre Jagdgründe dort abgeben müssen. Dadurch bekämen lokale Unternehmen etwas zu tun und die Bürger würden für Geld arbeiten. Damit würden auch die Staatskassen gefüllt. Das genau hatte die Troika allerdings nicht beabsichtigt. Wenn man seine griechischen Jagdgründe erweitern möchte, dann muss eine Rezession her, die Arbeitsplätze d.h. lokale Unternehmen zerstört werden. Ohne lokale Konkurrenz lohnt eine „Investition“ in Verkaufsräume. Gleichzeitig verschuldet man den Staat der Griechen soweit, dass für viele Jahrzehnte die Jagdgründe „verpachtet“ bleiben. Man erinnere sich an die beiden Schiffe, die der noch nicht gegründete Staat GR vor 1821 kaufte und erst in den 1970ern abbezahlen durfte. Durch „kluges“ Umschulden wurde daraus eine dauernde Einnahmequelle für die damaligen „Hilfskredit“-Geber, und das ganz ohne spreads.

    Nein, der westeuropäische Geldadel wird nicht zulassen, dass GR aus dem EURO, dem Binnenmarkt, der EU oder der NATO austritt. Dafür dirigiert sie ihre Lobbyisten und lässt Politiker tanzen. Die müssen sich verbiegen, um den Griechen mit Austritt zu drohen und gleichzeitig einen Austritt als EU-Katastrophe auszuschließen. Sie müssen ihren Völkern weiß machen, dass es sinnvoll ist, Arbeitsplätze in GR abzubauen, um die eigene Produktion noch mehr anzukurbeln (Schäuble 2014: wir haben einen Rekord von 43 Mio Arbeitsplätzen in D erreicht). Stattdessen sollen die so generierten Produkte auch in GR verkauft werden (Maastricht) und dort gleichzeitig „Hilfskredite“ der FUKG-US-Staaten akzeptiert werden.
    Es ist Zeit, dass die Griechen den Sinn des deutschen Sprichworts verstehen: beim Geld hört die Freundschaft auf. Sie sind Gegner! …also bekämpft sie, mit allen Mitteln. Wer keine Ohrfeigen und Fußtritte verteilt wird nicht geachtet (alte germanische Weisheit)

  3. Egon Göbel
    31. Januar 2015, 19:24 | #3

    Hoffendlich geht wieder einmal von Griechenland etwas Neues aus. Das Volk nimmt sich die Macht über sein Land zurück und jagt die Kapitalisten und ihre verlogenen und korrupten Banditen aus Berlin und Brüssel zum Teufel. Prima !!! 240 Millarden Schulden werden dem grieschichen Volk angelastet. Über viele Jahre mussten sie Zwangsmassnahmen bei ihrem Volk vornehmen (halbierung der Rente von Löhnen entlassungen usw.) nur, um angeblich Milliarden aus dem Hilfsfond der EU zu bekommen. Das Geld aus diesen Fond kam nur nie bei der Bevölkerung an, denn damit wurden die Verbindlichkeiten der grieschichen Banken beglichen (Investoren, vor allem aus Deutschland, hatten dort Stattsanleihen gekauft, die wurden durch die Politik ihrer Helfer in Berlin und Brüssel richtig wertvoll, denn 7 – 8 % Verzinsung, kein schlechter Schnitt, oder. Wir haben, oder bezahlten wenn überhaubt, nix an irgendwelche Griechen ( auser den weiterhin previlligierten Reedern und Oligarchen) sondern an unsere ach so lieben Landsleute, die aus ihrem Geld noch viel mehr machten. Das kann man alles nachlesen (nein in der Bild und Propagandapresse nicht) Hier wurden dem Land Griechenland nur die Schulden auf´s Auge gedrückt. Ich hoffe, dass die anderen (vor allem südlichen Länder) dem Beispiel Griechenland folgen, und diese Verbrecher zum Teufel jagen. Es reicht, dass wir hier in unseren Land uns von diesen Verbrechern und „Wachunden“ das Leben bestimmen lassen. Sehr viele Menschen haben das schon erkannt, aber die haben halt keine Medien (Zeitung, Fernsehen) die das permanent veröffentlichen. Nur hier im Netz, und ab und an bei Spätsendungen sind die belegten Argumente zu sehen bzw. zu lesen. Von wegen Verschwörungstheoretiker und Gutmenschen — alles offiziell belegte und beweisbare bzw. bewiesene Fakten, aber es kommt anscheinend darauf an, wer das sagt. Und in 20 Jahren, wenn das alles in irgendwelchen historischen Büchern nachzulesen ist, wird behauptet, : Ach davon wussten wir aber nix, oder es wird nicht mehr beachtet, weil es ja aus der Tagespresse raus ist.,

  4. Reinhard
    31. Januar 2015, 22:07 | #4

    Nach dem jetzigen Verhalten der neu gewählten griechischen Politiker, ist es zum Wohle ALLER Euro Länder jetzt leider notwendig, dass die TROIKA die Zahlungen für Griechenland einstellt und Griechenland in einigen Wochen zahlungsunfähig ist bzw. den Euro verlässt! Ansonsten werden verständlicherweise alle anderen hoch verschuldeten Euro-Länder wie z.B. Portugal, Spanien, Italien, etc. sich genauso unkooperativ wie jetzt Griechenland verhalten und dann ist der Euro so wieso nicht mehr existenziell! Deshalb stellt sich nicht die Frage, ob es etwas teurer kommt, wenn Griechenland den Euro verlässt oder im Euro bleibt. Somit darf zum Wohle der Gemeinschaftswährung Euro keine Zahlung an diese neue griechische Regierung mehr erfolgen!

  5. Gunni
    1. Februar 2015, 00:57 | #5

    Es ist unerträglich, wenn die anderen europäischen Steuerzahler für die griechischen Schulden bürgen müssen – nur weil die Griechen bisher keinen funktionierenden Staat organisieren koinnten. Daher sollten die Europäer sich komplett finanziell zurück ziehen – Griechenland soll einfach seine Schulden zahlen und die SYRIZA für den Aufschwung in Griechenland sorgen. Die stolzen Griechen mit ihren cleveren Wirtschaftskonzepten schaffen das ganz alleine, ohne sich von ausländischen Renditejägern ausrauben lassen zu müssen oder selbst Europa auszubeuten.

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