Krankenhäuser in Griechenland bleiben auf Leichen sitzen

31. Oktober 2014 / Aufrufe: 1.786

Immer mehr Menschen in Griechenland vermögen die Kosten der Bestattung ihrer Verstorbenen nicht aufzubringen.

Die wirtschaftliche Krise hat irreversibel Millionen Griechen heimgesucht, die seit geraumer Zeit die Grenzen der Armut erreicht und überschritten haben. Wer hätte jedoch erwartet, dass diese tragische Situation nicht nur die Lebenden, sondern auch die Toten betreffen würde?

Eine große Anzahl Verstorbener bleiben in Krankenhäusern und Kühlschränken der Leichenhallen zurück, da ihre Verwandten nicht vermögen, ihnen selbst das zu bieten, was bis jüngst als selbstverständlich erschien: ihre Beerdigung. Die Ausgaben für die letzte Verabschiedung von ihren Menschen sind für sie unerschwinglich, zumal auch laufenden Verpflichtungen nachzukommen ist und das Geld einfach nicht reicht.

Stetiger Anstieg von Krankenhäusern übernommener Bestattungskosten

Panagiota Nikoloudi, Leiterin der Pflegeabteilung im Allgemeinen Krankenhaus Nikäa, erklärt, die Anzahl der Familien, die wirtschaftlich nicht in der Lage sind, ihre Verwandten zu beerdigen, nehme in den letzten Jahren zu. „Ab dem Moment, wo die wirtschaftliche Lage der Leute sich verschlimmerte, war dies zu erwarten„, meint sie und erinnert sich an einen schwierigen Vorfall, der neulich das Krankenhaus beschäftigte. Ein Einwohner einer Provinzstadt hatte telefonisch mitgeteilt, die Leiche seines Bruders nicht abholen und beerdigen zu können, und danach antwortete er nicht mehr auf die Anrufe des Krankenhauses. Nachdem das zuständige Pflegepersonal die Nichte des Verstorbenen ausfindig gemacht hatte, verlangten sie das Eingreifen der Staatsanwaltschaft und die Nichte unterschrieb schließlich die erforderliche rechtsverbindliche Erklärung, die Beerdigung nicht bezahlen zu können.

Die meisten Krankenhäuser führen jährliche Ausschreibungen durch und tragen Bestattungsunternehmen die Beisetzungen der unverlangten – mittellosen Toten an, berichtet die Zeitung Kathimerini. Als „Unverlangte“ werden abgesehen von Personen ohne Anhang oder unbekannter Identität auch jene charakterisiert, deren Familien wirtschaftliches Unvermögen erklären. Als Mittellose wiederum alle, die ein Wohlfahrtsheft hatten.

Einige Krankenhäuser führen Ausschreibungen fallweise durch, wenn sich genug Leichen angesammelt haben. Statistische Daten über diese Beisetzungen werden nicht überall geführt und das Bild, das die Zuständigen über das Thema haben, ist nicht überall vollständig. In einigen Krankenhäusern, die ihre Verträge systematisch über das Diavgia-System bekanntgeben, zeigt sich jedenfalls in den letzten Jahren ein Anstieg des jährlichen Etats für Beisetzungen zurückgelassener und mittelloser Toter.

„Armenbegräbnisse“ für unter 1.300 Euro

Beispielsweise gab 2012 das Krankenhaus Evangelismos 30.000 Euro für die Bestattung Zurückgelassener und Mittelloser auf, während 2013 der einschlägige Betrag 45.000 Euro erreichte. Aus den Ausschreibungen und Verträgen im Diavgia-System zeigt sich, dass dieser Anstieg nicht auf höheren Vergütungen der Bestattungsunternehmen für eine solche Beisetzung beruht, die üblicherweise 1.300 Euro nicht übersteigt.

Noch aufschlussreicher sind die Daten in Archiven der Bestattungsunternehmen, die mit großen Krankenhäusern zusammenarbeiten. Beispielsweise erklärten 2010 bei einem von diesen bezüglich 13% der übernommenen Bestattungen die Verwandten, aus wirtschaftlichen Gründen nicht zur Bestattung in der Lage zu sein. 2011 stieg der entsprechende Anteil auf 15% an und im Jahr 2012 erreichte er 31%. Zusammenfassend lagen in der Periode 2007 – 2011 bei dem selben Bestattungsunternehmen 14,8% der von Krankenhäusern übernommenen Leichen rechtsverbindliche Erklärungen über das wirtschaftliche Unvermögen von Verwandten bei. In den letzten drei Jahren stieg dieser Anteil jedoch auf 25% an.

Unvermögen zur Zahlung der Ausgaben für die Abholung und Bestattung meiner verstorbenen Ehefrau. Aus dem vorstehenden Grund wird die Verstorbene im Krankenhaus zurückgelassen„, schrieb im vergangenen Jahr in einer rechtsverbindlichen Erklärung an ein Krankenhaus der Ehemann einer 82-Jährigen, die an einem Lungenödem starb. Bis zur Einreichung der Erklärung war die Leiche seiner Frau fünf Tage lang als „unverlangt“ im Krankenhaus liegen geblieben. In entsprechenden – der „Kathimerini“ bekannten – Unterlagen erklärten die Tochter einer 84-Jährigen, der Bruder einer 55-Jährigen, die Schwester und die Tochter eines 76-Jährigen, die Beisetzung ihrer Verwandten nicht übernehmen zu können.

Etliche Leichen enden in der Anatomie

Bis 1981 landeten etliche der Leichen mittelloser oder alleinstehender Personen in der Anatomie der Medizinischen Schule Athen. Bis gesetzlich die Körperspende etabliert wurde und man seitdem vor seinem Tod bewusst eine einschlägige Erklärung unterschrieben haben muss. „Ich bin den Menschen dankbar, die auf Basis ihrer Spende die Ärzte lehren, wie sie bei ihrem Werk mit den Lebenden richtig zu handeln haben„, sagt Panagiotis Skandalakis, Professor für chirurgische Anatomie, über die Spender.

Heute warten in den Lagerräumen der Sezierungsabteilung der Medizinischen Schule Athen 52 Leichen auf ihre Reihe, auf die Marmortische des Anatomiesaals zu kommen. Wie in der Anatomie bestätigt wird, gab es immer eine kleine Anzahl durch die hohen Kosten einer Beisetzung motivierter Spender. Assistenzprofessor Antonis Mazarakis erklärt, ihn bedrängen in letzter Zeit Verwandte, die der Anatomie die Leichen Verstorbener übergeben wollen: „Sie sagen, kein Geld für die Beerdigung übrig zu haben. Sozialarbeiter der Krankenhäuser schicken sie in ihrem Versuch zu uns, den Leuten zu helfen.“ Die Leichen werden jedenfalls nicht akzeptiert, da die Verstorbenen eine Schenkungserklärung zu unterschreiben gehabt hätten.

Minderbieter-Ausschreibungen für die Bestattungen

Das Verfahren der Beisetzung der „unverlangten“ Toten beginnt üblicherweise 10 Tage nach ihrem Tod. In Athen ist nur auf dem 3. Friedhof ein spezieller Bereich für diese Leichen in Betrieb. Früher beherbergte er Familiengrüfte, nach dem Erdbeben im Jahr 1981 entstand jedoch ein Problem mit der Statik. 2011 wurde der Bereich auf Beschluss des Gemeinderats für „unverlangte“ und mittellose Tote bereitgestellt. In diesem Jahr wurden dort 85 zurückgelassene Leichen begraben (darunter befinden sich nicht nur die Verwandten wirtschaftlich schwacher Familien, sondern auch verstorbene Unbekannte, Alleinstehende oder Immigranten ohne Anhang in Griechenland). Dies ist die höchste Anzahl der letzten 7 Jahre.

Das Prozedere bleibt unverändert. Der verwendete Sarg ist schlicht, wird mit Bettlaken, Kissen, Leichentuch ausgekleidet, also was von der Religion vorgesehen ist„, erklärt Stratos Voulamandis, Eigentümer eines Bestattungsinstituts, und zeigt die gewählten Materialien. Er arbeitet seit Jahren mit Krankenhäusern in Piräus bei der Bestattung unverlangter und mittelloser Toter zusammen. Sein Vertrag mit dem Staatlichen Krankenhaus Nikea sieht vor, dass er für die Beisetzung nicht von dem Krankenhaus, sondern von den Kassen bezahlt wird, sofern der Tote versichert war. „In der Periode 2005 – 2010 übernahm ich 31 Beisetzungen Zurückgelassener und Mittelloser, in den letzten vier Jahren dagegen 50 Bestattungen„, erklärt er.

Konstantinos Kornarakis, Assistenzprofessor an der Theologischen Schule Athen, kommentiert, dass im Gegensatz zu heute in Byzanz den Betrieben, die Bestattungen Mittelloser übernahmen, Steuerbefreiungen gewährt wurden. „Sie zeigten so, dass der von uns gegangene Mensch nicht als Fremdkörper, sondern als ein Mitglied der Gesellschaft betrachtet wird, um das wir uns kümmern müssen“, meint er. „In Byzanz gaben sie Anreize, und heute suchen wir, wer am wenigsten zahlt. Wir sehen, dass Minderbieter-Ausschreibungen für die Beisetzungen erfolgen. Dies ist von sich allein ein Verfall.

Nummern anstatt Namen

Der 36. Abschnitt des 3. Friedhofs unterscheidet sich im Bild von den anderen. Die meisten Gräber dort sind nicht eingefasst, ohne Marmorverkleidung. Sie sind nur mit Erde bedeckt. Die meisten sind auch anonym. Sie tragen einfach nur Nummern, sogar auch, wenn die Identität des Toten bekannt ist. Auf einigen wenigen dieser Gräber haben Verwandte und Freunde Holzkreuze platziert. Wie auf dem Grab einer 83-Jährigen, die in diesem Jahr an einer Lungenembolie starb. Ihr Name ist mit Filzstift auf ein weißes Holzkreuz geschrieben worden. Ihre Tochter hatte eine eidesstattliche Erklärung abgegeben, die Kosten der Beerdigung nicht decken zu können …

(Quelle: protothema.gr, basierend auf einem Artikel der Zeitung „Kathimerini“)

Relevante Beiträge:

  1. V 99%
    31. Oktober 2014, 10:31 | #1

    Da die griechische Kirche auf bestimmte Bestattungsbräuche pocht, kann sie doch dafuer aufkommen, am Kleingeld fehlt es ja wohl nicht, wohl eher an der Naechstenliebe und am Glauben. Ansonsten, dafuer laufe ich jetzt Gefahr als Ketzer, in die Hoelle zu kommen, waere die Loesung doch so einfach, ein Krematorium.

Kommentare sind geschlossen