Mittelalterliche Arbeitsbedingungen im Tourismus in Griechenland

21. Juli 2014 / Aufrufe: 2.276

Hinter den in Griechenland bejubelten Rekorden im Tourismus verbergen sich mittelalterliche Arbeitsbedingungen und Zustände wie in Manolada.

Im Zweig der Gastronomie und der touristischen Berufe liegt in Griechenland die Beschäftigung ohne Sozialversicherung bei 50%, da veranschlagt wird, dass die Anzahl der ohne Versicherung beschäftigten Arbeitnehmer mehr als 230.000 Personen beträgt.

Bei einer vorhergegangenen Pressekonferenz des Panhellenischen (Gewerkschafts-) Verbands des Gastronomie-Personals und der Beschäftigten Touristischer Berufe (POEE – YTE) wurden die mittelalterlichen Arbeitsumstände hervorgehoben, welche tausende Beschäftigte im Tourismus durchleben – einer Branche, die als „Lokomotive“ der griechischen Wirtschaft gilt.

Illegale Beschäftigung und schamlose Ausnutzung

Wie charakteristisch angeführt wurde, gibt es ein Hotel in Thessaloniki, das die Beschäftigten zwang, einen Unternehmenstarifvertrag zu unterschreiben, den es sogar bei der Arbeitsaufsicht einreichte, und im Punkt der Bezüge erklärt, fast allen Kategorien des Personals Löhne von 500 Euro zu zahlen. Ebenfalls stellte sich in einem anderen Hotelunternehmen in Achaia bei einer von der Arbeitsaufsicht (SEPE) durchgeführten Kontrolle heraus, dass von insgesamt 45 Beschäftigten kein einziger versichert war, und gegen das Unternehmen wurde natürlich eine Geldstrafe in Höhe fast einer halben Million Euro verhängt. Aus von dem Verband selbst durchgeführten Kontrollen geht hervor, das fast in dem gesamten Land „Enklaven à la Manolada“ entstanden sind.

Die größten Probleme werden auf den Kykladen und speziell Mykonos und Santorin ausgemacht, wo Beschäftigte vorgefunden wurden, die zu zweit und zu dritt in fensterlosen Kellerräumen untergebracht sind. Ebenfalls unter Verhältnissen eines Arbeitsdschungels … konkurrieren miteinander touristische Unternehmen auf Euböa, in Achaia, Epirus und Thessaloniki. Auf Euböa wurde bei einer in einer Hotelanlage durchgeführten Kontrolle sogar festgestellt, dass die Beschäftigten ins Meer sprangen um zu entkommen, weil sie nicht versichert waren. In Epirus gibt es große Hotelanlagen in Preveza und Ioannina, die Löhne für sogar auch über 12 Monate schulden …

Der Verband moniert, dass die Hoteliers nicht den Branchentarifvertrag umsetzen und entweder zu Haustarifverträgen oder – noch schlimmer – Einzelarbeitsverträgen schreiten. Es gibt sogar Meldungen über Saisonarbeiter, die nicht wieder eingestellt wurden, weil die Unternehmen sie illegal durch Arbeitslose „Praktikanten“ aus Osteuropa oder Arbeitslose ersetzen, die von der Arbeitsbehörde (OAED) per Beschäftigungseintritts-Coupon (Voucher) bezahlt (sprich bezuschusst) werden. Nur dass somit die Unternehmen für einen Zeitraum von bis zu 5 Monaten völlig kostenlos Arbeitnehmer ausnutzen, ohne selbst die Höhe der Bezüge bis zu den Mindestbezügen aufzustocken, die mit dem Branchentarifvertrag festgesetzt worden sind, der systematisch unterlaufen wird.

Provokante Missachtung von Arbeitsgesetzgebung und Tarifverträgen

Zu den Beschwerden der Arbeitnehmer kam auch ein weiteres extremes Phänomen hinzu, nämlich gezwungen zu werden, eine eidesstattliche Erklärung zu unterschreiben, sich nicht gewerkschaftlich zu organisieren. Viele Hotelunternehmen verpflichten die Beschäftigten unter Androhung der Entlassung, derartige Formulare zu unterschreiben. Wie der POEE – YTE moniert, ist der Grund dafür, dass der Verband den Träger für Mediation und Schiedsverfahren (OMED) angerufen hat, um eine Vereinbarung über einen neuen Branchentarifvertrag mit menschenwürdigen Bedingungen zu fordern. Falls der OMED – wie er berechtigt ist – einseitig über eine Änderung des Branchentarifvertrags entscheidet, ist es sehr wahrscheinlich, dass die Arbeitgeber zu rückwirkenden Zahlungen verpflichtet werden. Indem sie jedoch die Beschäftigten zu erklären zwingen, nicht gewerkschaftlich organisiert zu sein, hoffen sie, zukünftigen rückwirkenden Zahlungen zu entgehen, die für alle gelten werden, die dem Verband angehören …

Von den 120.000 in der Hotelbranche beschäftigten Arbeitnehmern werden schätzungsweise gerade einmal 60.000 – also die Hälfte – auf Basis ihres Branchentarifvertrags entlohnt. Die übrigen erhalten sehr viel geringere Bezüge, entweder wegen Haustarifverträgen oder Einzelarbeitsverträge oder wegen eines Berufs anderer Natur (z. B. Buchhalter, Techniker). Die Gesamtverluste für die Versicherungskassen sind ungeheuer, da in etlichen Fällen die Arbeitgeber die Beschäftigten zwingen, z. B. zu unterschreiben, dass sie den Mindestlohn erhalten, und ihnen mehr zahlen – nur dass alles über 586 Euro „schwarz“ ist und folglich Versicherungsbeiträge verloren gehen.

In der Tourismusbranche wird ein Verlust von Arbeitsplätzen beobachtet, da allein wegen der Kürzungen bei den (bezuschussten) Sozialtourismus-Programmen ungefähr 8.000 Arbeitsplätze verloren gingen, die aus ungefähr 1.000 Hotels herrührten, die ausschließlich in der Sparte der konkreten Leistung betrieben wurden. Beispielsweise wird auf Ebene der Versicherten der Fürsorgekasse des privaten Sektors (TAPIT) geschätzt, dass sie gegenüber 98.000 Personen vor drei Jahren heutzutage weniger als 95.000 Personen zählen.

Der Verband zeigte offiziell den Präsidenten des GSEVEE, Giorgos Kavvathas, als Hauptverantwortlichen für die Tatsache auf, dass im Gastronomie- und Konditoreibereich der Arbeitsmarkt durch die provozierende und unnachgiebige Haltung der Arbeitgeber vollständig aus dem Takt gebracht worden ist. Charakteristisch ist, dass der Verband – obwohl er wiederholt die Zahlung der Löhne per Bank verlangt hatte, damit Phänomene „schwarzer“ Beschäftigung abgewendet werden – moniert, dass Herr Kavvathas, der auch Vorsitzender des Verbands der Restaurantbetreiber (POESE) ist, wenigstens zwei Mal interveniert hat, damit das konkrete Verfahren nicht voranschreitet.

(Quelle: Dikaiologitika.gr)

Relevante Beiträge:

  1. Roberta
    21. Juli 2014, 08:13 | #1

    Billig, billiger, am billigsten … Griechenland zum Schnäppchenpreis! Dank der hochgepriesenen Investoren werden immer mehr Massenabfertigungsanlagen aus Marmor mit vergoldeten Armleuchtern in die Landschaft gebaut. „All inclusive“ ist das Zauberwort und alle diese Paläste mit wunderschön klingenden Namen umweht der zauberhafte Geruch von Gülle und Kloake. In einstmals hübschen Ferienorten müssen Cafes, Tavernen und Geschäfte schließen, dafür gibt es massenweise Schmuck- und Pelzpaläste. Luxusbusse rattern über durchlöcherte, kaputte Straßen, die von Abfall und vernagelten Geschäften umsäumt sind, hier und dort gibt es noch eine intakte Straßenlampe, die meisten sind jedoch kaputt. Schönes, neues Griechenland

  2. Lentz
    21. Juli 2014, 21:47 | #2

    Das alles ist der Preis des EURO.

  3. Ronald
    22. Juli 2014, 13:56 | #3

    Viele machen es sich zu einfach: Diese Mißstände werden einfach auf den Preisdruck oder den Euro ??? geschoben. Tatsächlich habe ich aber auf vielen Reisen erlebt, dass gerade in GR und auch in hochpreisigen Anlagen, in denen ausschließlich Individualtouristen verkehren, die – seinerzeit meist bulgarischen – Angestellten schlecht behandelt, schlecht und schwarz bezahlt, mies untergebracht und schlecht verpflegt werden. Auch die Behandlung durch griechische Gäste ist absolut unangemessen; hier tut sich übrigens der alternde weibliche Anhang griechischer Offiziere besonders unangenehm hervor. Die vielbeschworene griechische Gastfreundschaft gilt – und auch das ist osmanisches Erbe – nur dem interessanten Fremden oder dem, der wirtschaftliche Vorteile bringt. Ausländische Arbeitnehmer werden behandelt wie Vieh.

  4. nikos
    22. Juli 2014, 13:59 | #4

    das soll wieder einmal typisch griechisch sein? schauen wir uns doch einmal die fleischverarbeitenden betriebe in deutschland an. rumänen und bulgaren arbeiten für hungelöhne und hausen in erbärmlichen wohnungen.und das IN DEUTSCHLAND!
    ich finde die themen und berichte sehr interessant jedoch viel zu einseitig! ich würde mir mehr sachlichkeit wünschen!

  5. Ronald
    22. Juli 2014, 21:39 | #5

    In vielerlei Hinsicht ist Deutschland sicherlich nicht musterhaft. Aber wir sind ja hier auf einem Blog, dass sich mit Griechenland und Nachrichten aus Griechenland beschäftigt. Wenn jetzt die griechische Presse ausgräbt, dass im Tourismus in großen Teilen schwarz gearbeitet wird und die Angestellten schlecht behandelt werden, dann ist das irgendwie strange, weil das jeder Tourist und jeder Grieche schon immer wusste. Diese gespielte Überraschung im Hinblick auf Mißstände, die seit Jahrzehnten JEDEM bekannt sind ist etwas, was mir auf die Nerven geht. Bald wird noch herauskommen, dass die Besitzer von Periptera überwiegend mit schwarzen Kassen wirtschaften … Und das Taxis Fahrgäste einsammeln und die Taxameter abstellen … Oh, Skandal!

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