Private Versicherer kapern Gesundheitssystem in Griechenland

11. Juni 2014 / Aktualisiert: 02. Oktober 2017 / Aufrufe: 1.567

Nach der systematischen Demontage des Gesundheitssystems in Griechenland zugunsten unternehmerischer Interessen wollen nun private Versicherer die Kontrolle übernehmen.

Die privaten Versicherungsgesellschaften streben in Griechenland inzwischen unverhohlen eine beherrschende Hauptrolle auf dem Bereich der Erbringung von Gesundheitsleistungen und die Substituierung der (gesetzlichen) Sozialversicherung im Zweig der Gesundheit an, zumal der Staat (mittels jüngst erfolgter Erklärungen des Gesundheitsministers) den Forderungen der Gesellschaften nicht nur „das grüne Licht“ gegeben hat, sondern anstrebt, die privaten Versicherungsgesellschaften zu Hauptanbietern von Gesundheitsleistungen zu machen, da er selbst nicht im Stande ist, die öffentlichen Krankenhäuser zu unterhalten.

Private Versicherer erobern den Gesundheitssektor

Die privaten Versicherer befinden sich den Entwicklungen auf dem Gebiet der Gesundheitsleistungen inzwischen einen Schritt voraus, da sowohl der Leiter des Gesundheitsausschusses im Verband der Versicherungsgesellschaften Griechenlands (EAEE), Dimitris Mazarakis der Metlife, als auch Georgios Kotsalos der Interamerican, aber auch der Vorsitzende des Verbands, Alexandros Sarrigeorgiou, der Meinung sind, dass die Lebensversicherungsgesellschaften mit Gesundheitszweig inzwischen direkt die Rolle des Hauptanbieters und nicht – wie bisher bekannt – die Rolle des Zusatzanbieters beanspruchen.

Was die Privatkliniken betrifft, werden inzwischen 40% der eingewiesenen Patienten nur noch von den privaten Versicherungsgesellschaften gedeckt, während der Rest in Kombination der (gesetzlichen) Sozialversicherung (Kassen) und einer privaten Gesellschaft gedeckt wird. Die Versicherungsgesellschaften sind inzwischen auf allen drei Ebenen des Gesundheitssystems zu zwei großen Schritten der Substituierung des Staates geschritten. Der erste Schritt erfolgte mit den Öffentlich-Privaten Partnerschaften (ÖPP), die als erste die Interamerican begann, indem sie mit speziellerem Erfolg die (Insel-) Gemeindeverbände Serifos, Tinos, Sifnos, Istiea – Edipsou, Hydra abdeckte, und zwar in Ausnutzung des sich sowohl in den Wintermonaten als besonders auch im Sommer zeigenden Unvermögens der „Nationalen Notfallzentrale“ (EKAB), den Bedürfnissen zu entsprechen. Das System (sprich die global garantierte Versorgung) bezieht sich allerdings natürlich nur auf die (ständigen) Einwohner (der in Rede stehenden Inselbezirke) und nicht etwa die Besucher (sprich speziell Touristen).

Gezielte Übernahme von Kontingenten und ganzen Abteilungen

Der zweite Schritt des Eindringens privater Gesellschaften in den Bereich der gesetzlichen Gesundheitsversicherung ist die von den Versicherungsgesellschaften angestrebte Übernahme und Verwaltung ganzer Abteilungen öffentlicher Krankenhäuser und Universitätskliniken oder zumindest die Abtretung von Betten / Zimmern an sie.

Die Gesellschaften werden praktisch die Geschäftsführung konkreter Kliniken und analog zu der Anzahl der ihnen überlassenen Betten die Finanzierung des Betriebs der Beherbergungsstrukturen und die Kontrolle des medizinischen Materials übernehmen. Die Nachfrage nach hochqualitativen Beherbergungsstrukturen – die nicht den griechischen Steuerzahler belasten werden – in den öffentlichen Krankenhäusern ist in den fernab der Landeshauptstadt gelegenen, aber auch öffentlichen Spezialkliniken besonders hoch. (Anmerkung: Gemeint ist die Nachfrage nach Unterkünften in oder in unmittelbarer Nähe von Krankenhäusern / Kliniken.)

Informationen der „Imerisia“ zufolge sind Kontakte zu „Georgios Gennimatas“ (allgemeines öffentliches Krankenhaus in Athen), „Sotiria“ (allgemeines öffentliches Krankenhaus Athens für Brustkorberkrankungen), „Laiko“ (Allgemeines Universitätskrankenhaus Athen), „Erythros Stavros“ (Poliklinik ‚Rotes Kreuz‘ in Athen) und „Attiko“ (Krankenhaus Attikon in Athen) aufgenommen worden. Ebenfalls suchen die Versicherungsgesellschaften die Kooperation mit dem Universitätskrankenhaus Ioannina, dem ACHEPA (Universitätskrankenhaus) und dem Papageorgiou (allgemeines öffentliches Krankenhaus) in Thessaloniki, der Universitätsklinik Heraklion (Venizelio) und dem Universitätskrankenhaus Larisa.

(Quelle: Imerisia, Auror: Nikos Sakellariou)

  1. Ronald
    11. Juni 2014, 08:27 | #1

    Normalerweise würde ich sagen „Gott sei dank, dieser korrupten Bande im staatlichen Gesundheitssystem in GR wird der Boden entzogen“. Aber so einfach ist es in GR nicht. Die privaten Anbieter werden tatsächlich die lukrativen Regionen in und um Athen und Thessaloniki bedienen und die kleinen Dörfer, erst recht die Inseln nicht versorgen. Das wird am Staat hängen bleiben. Das staatliche Gesundheitssystem in GR hätte reformiert werden müssen um – aufgrund der geographie Griechenlands – eine flächendeckende Versorgung einigermaßen bezahlbar sicherzustellen. Aber der Staat kapituliert hier vor sich selbst und zeigt seine Reformunfähigkeit…

  2. GR-Block
    11. Juni 2014, 18:23 | #2

    „Gezielte Übernahme von Kontingenten und ganzen Abteilungen“
    Was hier passiert ist schon vor Jahren mit dem Bildungssystem passiert. Ein Teil der Leistungen des Staates werden in private Hände gegeben. Jedes Schulkind weiß, dass es neben der staatlichen Schule noch zusätzlich ein paar Stunden Privatunterricht erhalten muss, um z.B. eine zweite Fremdsprache zu lernen. Man begnügt sich nicht mit der öffentlichen Bildung, wenn man sich mehr leisten kann, auch wenn man für den Arbeitsmarkt hoffnungslos überqualifiziert ist. Das gleiche galt bis jetzt auch mit den ärztlichen Kassenleistungen. Die, die es sich leisten konnten oder wollten legten aus eigener Tasche etwas drauf (φακελάκι, auf deutsch IGEL-Leistungen) und erhielten exklusiveren Service. Da diese Zahlungen von der Kasse nicht kontrolliert wurden, bestand immer die Gefahr, dass sie nicht versteuert wurden.
    In der Krise eröffnet sich jetzt eine Chance dieses zu bekämpfen. Der Wirtschaftsminister kürzt die Einkommen der Bürger und der Gesundheitsminister lässt die Heuschrecken rein. Wenn jetzt bisherige Kassenleistungen nicht mehr von den Kassen bezahlt werden, aber die Menschen kein Geld mehr übrig haben, um ihre Versorgungswünsche selbst zu finanzieren, dann kommen die Zusatzversicherer aller Herren EU-Länder auf den Plan. Soweit der Memoranden-Deal.
    Das Problem dabei: Nicht der korrupten Bande wird der Boden entzogen, sondern Patienten und Ärzten. Die in der Vergangenheit exklusive, flächendeckende Versorgung wird einer finanzoptimierten Medizin weichen. Die finanzielle Optimierung wird aber in private ausländische Taschen gehen. Seit den Memoranden wird (ähnlich wie in D) die Anzahl der Kliniken und der Ärzte auf dem Land stark reduziert und damit die Sterblichkeitsrate steigen.

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