Griechenland eliminiert Kleinunternehmer und Selbständige

15. März 2014 / Aktualisiert: 02. Oktober 2017 / Aufrufe: 6.057

Die wichtigsten Änderungen bei der Besteuerung Selbständiger

Das mit der Abgabe der Steuererklärungen aktivierte neue Steuersystem für Selbständige und mittelständische Gewerbetreibende sieht unter anderem vor:

  1. Streichung des pauschalen Steuerfreibetrags von 5.000 Euro und der bisherigen zusätzlichen Freibeträge, die sich analog zu der Anzahl der (finanziell abhängigen) Kinder staffelten.
  2. Erhebung einer Steuer von 26% ab dem ersten Euro auf das gesamte Jahreseinkommen, das aus einer unternehmerischen Tätigkeit herrührt (persönliches Handels- oder Dienstleistungsunternehmen, selbständiges Gewerbe usw.), sofern dieses Einkommen 50.000 Euro nicht übersteigt. Wenn das Einkommen höher als 50.000 Euro ist, wird der Teil des Einkommens bis 50.000 Euro mit 26% und der über das Niveau von 50.000 Euro hinausgehende Teil mit 33% besteuert.
    Die jeweiligen Steuersätze ermäßigen sich um 40% für Gewinne, die sich aus Aktivitäten ergeben, die auf Inseln mit einer Bevölkerung gemäß der letzten Volkszählung von unter 3.100 Einwohnern ausgeübt werden.
  3. Mit der neuen Steuerskala ergeben sich große Steuerbelastungen für die Selbständigen mit Einkommen von bis zu 55.000 Euro, während alle, die höhere Einkommen haben, im Verhältnis zum vergangenen Jahr eine Senkung der Steuerlast feststellen werden.
  4. Geringere steuerliche Belastung für neue Gewerbetreibende, die ihren Geschäftsbetrieb ab dem 01 Januar 2013 begannen. Für die neuen Gewerbetreibenden wird während der ersten drei Jahre der Ausübung ihrer Tätigkeit ein ermäßigter Steuersatz von 13% für die ersten 10.000 Euro des Jahreseinkommens gelten. Die darüber hinausgehenden 40.000 Euro werden mit einem Satz von 26% besteuert werden und auf den Teil des Einkommens, der 50.000 Euro übersteigt, wird eine Steuer von 33% erhoben werden. Außerdem werden die neuen Gewerbetreibenden für die ersten fünf Jahre ihrer unternehmerischen Tätigkeit von der 650 Euro betragenden Gewerbeabgabe befreit.
  5. Auf Basis von Dienstleistungsrechnungen bezahlte („quasi- / scheinselbständige“) Arbeitnehmer werden mit der Steuerskala der Lohnempfänger besteuert, sind jedoch zu keinerlei Abzug von Ausgaben berechtigt. Diese Regelung gilt jedoch nur, sofern sie für maximal maximal 3 Arbeitgeber (natürliche oder juristische Personen) tätig sind und darüber jeweils einen schriftlichen Vertrag haben oder 75% ihrer Bruttoeinnahmen von nur 1 Arbeitgeber herrühren.
  6. Beibehaltung der „beißenden“ Lebenshaltungsindizien, die für ausnahmslos alle Selbständigen, die über eine Wohnung verfügen oder in einer Mietwohnung leben und auch einen PKW haben, fiktive Einkommen von über 5.700 Euro festsetzen.
    Für jeden Steuerpflichtigen beträgt das minimale fiktive Einkommen 2.500 Euro (Verheiratete) bzw. 3.000 Euro (Ledige). Zu diesem Betrag kommen weitere 1.200 – 3.200 Euro für jede von ihm genutzte Wohnung ab 30 qm bis 80 qm und zusätzlich 2.000 – 4.000 Euro für ein privates Fahrzeug mit einem Hubraum von bis zu 1.200 cm³ hinzu. Für Wohnungen mit mehr als 80 qm, Einfamilienhäuser und Fahrzeuge mit mehr als 1.200 cm³ sind die veranschlagten Indizien noch höher und führen in den meisten Fällen zur Feststellung fiktiver jährlicher Gesamteinkommen von über 10.000 Euro.
    Sogar auch all jene Selbständigen, die ihre Unternehmen inzwischen geschlossen haben oder zu schließen beabsichtigen oder aus der Ausübung ihrer Aktivitäten Verluste hatten, werden somit in diesem Jahr für jährliche „Reingewinne“ in Höhe von weit über 3.000 Euro besteuert werden, weil das Finanzamt ihre steuerpflichtigen Nettoeinkommen auf Basis der Lebenshaltungs-Indizien feststellen und darauf eine Steuer von 26% erheben wird.
  7. Streichung aller Steuerbefreiungen, die bis heute zur Minderung der Steuer führten (Mieten, Arztkosten, Baukredit, Schulgelder usw.).
  8. Die gesetzlichen Sozialversicherungsbeiträge kommen in voller Höhe von den Bruttoeinkommen der Selbständigen und Personenunternehmen (anstatt wie bisher mit 10% des Gesamtbetrags von der Steuerschuld) zum Abzug.
  9. Abschaffung der Verpflichtung zur Sammlung von Zahlungsbelegen über Konsumausgaben in Höhe von 25% ihres Einkommens. (Anmerkung: Der Nachweis der Konsumausgaben war für die Inanspruchnahme des pauschalen Steuerfreibetrags, der nun jedoch für Selbständige so wie so gestrichen worden ist.)
  10. Beibehaltung der Solidaritäts-Sonderabgabe mit einem Satz von 1% – 4% auf die Einkommen von über 12.000 Euro.
  11. Auf den Betrag der festgestellten Einkommensteuer wird eine Steuervorauszahlung für das kommende Jahr mit einem Satz von 55% aufgeschlagen.
  12. Außer dem Basisformular E1 der Steuererklärung haben die Gewerbetreibenden zusammen mit diesem auch das Formular E3 auszufüllen und einzureichen, auf dessen Basis die Reingewinne bestimmt werden.
  13. Ehegatten füllen getrennte Formulare E3 aus, wenn beide von Berufs wegen zu seiner Abgabe verpflichtet sind.
  14. Die Gewerbetreibenden haben auch in diesem Jahr die Möglichkeit, das Verfahren der sogenannten „Selbstveranlagung“ zu befolgen, also das Geschäftsjahr 2013 ohne Steuerprüfung abzuschließen. Für alle, die mit diesem Verfahren die Selbstveranlagung durchführen, besteht die Verpflichtung, dass ihre Steuererklärungen von einem Steuertechniker unterschrieben werden, und zwar unabhängig von der Höhe ihrer Bruttoeinnahmen.
  15. Für die Steuerpflichtigen mit einem Behinderungsgrad von 67% und mehr ist eine Steuerermäßigung von 200 Euro vorgesehen.
  16. Die Steuererklärungen sind ausschließlich elektronisch ab dem 20 März bis zum 30 Juni 2014 einzureichen.
  17. Die Gewerbeabgabe in Höhe von 650 Euro für Personenunternehmen und Selbständige bleibt bestehen. Für jede Filiale beträgt die Gewerbeabgabe 600 Euro. Eine Gewerbeabgabe in Höhe von 500 Euro haben die Arbeitnehmer zu entrichten, die auf Basis von Dienstleistungsrechnungen bezahlt werden („Quasi- / Scheinselbständige“), sofern sie für maximal maximal 3 Arbeitgeber (natürliche oder juristische Personen) tätig sind und darüber jeweils einen schriftlichen Vertrag haben oder 75% ihrer Bruttoeinnahmen von nur 1 Arbeitgeber herrühren.

Gewerbliche Ausgaben sind „Schlüssel“ zur Senkung der Steuerbelastung

Die gewerblichen Ausgaben, welche die Selbständigen und Gewerbetreibenden gegenüber dem Finanzamt ausweisen, stellen den „Schlüssel“ für eine Senkung ihrer steuerlichen Belastung dar. Jeder Gewerbetreibende kann seine Gewinne mittels der in seinen Büchern verbuchten Ausgaben reduzieren, jedoch natürlich unter der Voraussetzungen, dass er nicht in die „Zange“ der fiktiven Veranlagung gerät, weil er dann der 26%igen Steuer sogar auch dann nicht entgehen wird, wenn er in seinem Unternehmen Verluste hat.

Grundvoraussetzung für die Anerkennung des Ausgabe ist das Vorhandensein des entsprechenden Belegs (Rechnung, Zahlungsbescheid usw.). Die grundlegenden Ausgaben, welche das Finanzamt anerkennt, sind:

  1. Sozialversicherungsbeiträge (O.A.E.E. – TSMEDE usw.).
  2. Die Mieten für den Laden oder das Büro und die Ausgaben für DEI, OTE, EYDAP usw. Hat der Gewerbetreibende seine Wohnung als Sitz, kann er die Ausgaben dieser Kategorie zum Abzug bringen, jedoch in einem Verhältnis, das üblicherweise 1/3 der Gesamtausgabe beträgt.
  3. Mobiltelefone. Als Ausgabe werden 50% der Gesamtausgabe und bis zu der Anzahl der in dem Unternehmen beschäftigten Arbeitnehmer angerechnet.
  4. Aufwendungen für ein Privatfahrzeug. Der Selbständige kann Ausgaben wie Treibstoff, Wartung usw. zum Abzug bringen, jedoch kann er natürlich nicht die MwSt. dieser Ausgaben zum Abzug bringen und analog zu dem Hubraum des Fahrzeugs wird die Ausgabe nicht anerkannt. Hat das Fahrzeug bis zu 1.600 cm³, verliert er 30% der Aufwendung, während bei einem Hubraum von über 1.600 cm³ 65% der Aufwendung nicht anerkannt werden. All dies gilt sogar auch dann, wenn das Fahrzeug gemietet ist oder der Gewerbetreibende es per Leasing in seinem Besitz hat.
  5. Ausgaben für Zweiräder können in ihrer Gesamtheit zum Abzug gebracht werden.
  6. Reisekosten: Wenn der Gewerbetreibende einen Kunden oder Lieferanten im Ausland oder in einer anderen Stadt in Griechenland hat, kann er die Kosten der Reise unter seinen Ausgaben verbuchen.
  7. Käufe von Betriebsmitteln. Die Aufwendung für den Kauf eines Betriebsmittels (PC, Laptop, Fahrzeug, Fotokopierer usw.) des Unternehmens kann von den Einnahmen des Unternehmens zum Abzug gebracht werden. Natürlich gilt hier das Verfahren der Abschreibung, das analog zu der Art des Betriebsmittels variiert, jedoch gewährt das Gesetz dem Unternehmen das Recht, dass die gesamte Abschreibung innerhalb des laufenden Jahres erfolgen kann, wenn der Wert der Anschaffung bis zu 1.500 Euro beträgt.
  8. Sonstige Ausgaben: Schreibmaterial, Papier, Portokosten, Wegekosten, Verbrauchsmaterial, Lohnzahlungen und Ausgaben für Arbeitgeberbeiträge und allgemein alle beliebigen Ausgaben, die als Grundausgaben des Unternehmens charakterisiert sind und dessen Interessen dienen.

Epilog

Abschließend sei betont, dass die vorstehend gebotenen (und möglicherweise zum Teil bereits schon wieder hinfällig gewordenen) Informationen nur zu Vermittlung eines groben Überblicks gedacht sind. Weiter ist anzumerken, dass die zahlreichen Unklarheiten der aktuellen Steuergesetzgebung sogar versierte Fachleute zur Verzweiflung bringen und auf jeden Fall weiterer Klärung bedürfen, sei es mittels einschlägiger Ministerial- / Runderlasse oder im Rahmen anstehender Novellen, die gegebenenfalls zum x-ten Mal sogar wieder alles auf den Kopf stellen werden.

Obwohl die Fristen für die diesjährigen Steuererklärungen inzwischen zu „laufen“ begonnen haben, spricht derzeit alles dafür, im Zweifelsfall die Abgabe der jeweiligen Erklärungen im Rahmen des Vertretbaren hinauszuzögern. Eins scheint jedenfalls schon jetzt sicher zu sein: die mehr oder willkürlich veranschlagten – sprich im Haushaltsplan 2014 festgeschriebenen – Steuereinnahmen werden unmöglich realisiert werden können!

(Quelle: Imerisia.gr)

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  1. Kleoni
    15. März 2014, 11:11 | #1

    Die kleinen und mittleren Einkommen werden geschröpft, die Grossen (= Klientel der Regierenden) wie Reeder und Oligarchen, lässt man laufen

  2. völlig absurd
    15. März 2014, 14:42 | #2

    Das jemand, der 10.000 Euro im Jahr verdient noch 2600 an Steuern abdrücken soll gibt es sicherlich nirgendwo sonst auf der Welt, in Europa defintiv nicht. Das ist völlig absurd und unlogisch, entweder wurde da falsch recherchiert oder die verantwortlichen Poltiker haben irgendein riesengroßes (psychisches?) Problem. Sollte dieses Steuergesetz Realität werden, wäre es eine der krassesten Benachteiligungen von Geringverdienern und eine Bevorteilung der Besserverdiener. Extreme Umverteilung von Unten bzw. der Mitte nach Oben.

    • Team
      15. März 2014, 18:48 | #3

      @völlig absurd
      Zu den 2.600 € Einkommensteuer kommen noch die obligatorische Vorauszahlung (55% der EK, sprich hier 1.365 €) und die pauschale Gewerbeabgabe (im Normalfall 650 €) hinzu, womit insgesamt 4.615 € fällig werden.
      Und nein, die Zahlen sind nicht falsch recherchiert, die entsprechenden Bestimmungen wurden im Sommer 2013 ratifiziert – und zwar mit wückwirkender Wirkung ab 01.01.2013!

  3. GR-Block
    15. März 2014, 17:52 | #4

    „Griechenland eliminiert Kleinunternehmer und Selbständige “ Das ist der Deal: „Hilfskredite gegen Märkte. Die Märkte werden von Kleinanbietern befreit, sodass Konzerne leichtes Spiel haben. Was in D vor 30 Jahren geglückt ist, wird jetzt in GR versucht. Nur, dass Konzerne keine inländischen sind, also keine Arbeitsplätze in der Produktion anbieten werden, sondern nur freie Märkte zum „Investieren“ suchen, am besten als Monopolist.
    Die 32% Selbständige sind dem Kapitalismus ein Dorn im Auge. Zielvorgabe sind lediglich 10% und dafür 90% Lohnabhängige (vgl. D). Herr Samaras zollt der Realität nach Maastricht seinen Tribut. Die Kleinunternehmer hatten in diesen 20 Jahren immer verschwindendere Einkommen. Jetzt kann man nur noch mit fiktiven Einkommen rechnen, um durch Steuern den Unternehmer klein zu kriegen. Steuerfrei bleibt hingegen laut der Tabelle nur noch der Angestellte Kleinverdiener. Also die EU wünscht Verkäufer für ihre Waren, und natürlich Kunden, aber keine Produzenten. Mal sehen ob es klappt wie in D.

  4. Roditisa
    17. März 2014, 22:08 | #5

    Zu den lustigen Steuergesetzen kommen auch noch die Beiträge für die Krankenkasse, die man sich nicht frei wählen kann und die jedes Jahr steigen, egal wie viel man verdient. Es kann also passieren, dass man netto im Monat 1000 Euro reinbekommt und davon 500 Euro an die Krankenkasse zu zahlen hat, dann noch Miete, Strom, Wasser und auf das was übrig bleibt dann 27% Steuern.
    Ein weiteres Problem, viele Kunden sind säumig oder direkt zahlungsunfähig. Man hat also eigentlich gearbeitet und eigentlich auch was verdient, aber praktisch hat man gar nichts verdient. Die griechische Wirtschaftspolitik scheint einer Satirezeitschrift entnommen. Wahrscheinlich liest man im Finanzministerium ausschließlich Arkas …

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