Apotheker in Griechenland treten in Dauerstreik

25. März 2014 / Aufrufe: 919

Aus Protest gegen die Liberalisierung des Apotheken-Systems in Griechenland treten die Apotheker ab 26 März 2014 in einen unbefristeten Dauerstreik.

Die Apotheker in Griechenland schreiten ab Mittwoch (26 März 2014) zu einem Dauerstreik und antworten damit auf „die Überrumpelung von Seite der Regierung, die auf hinterhältige Weise in dem mit der Troika vereinbarten Gesetzentwurf im letzten Augenblick Änderungen im Apotheken-System herbeiführt und den Zweig der 12.000 Apotheken in eine Katastrophe führt und die öffentliche Gesundheit in Gefahr bringt„.

Bei einer außerordentlichen Pressekonferenz des Panhellenischen Pharma- bzw. Apotheker-Verbands (PFS) führte dessen Vorsitzender Kyriakos Theodosiadis an, es werden Bestimmungen vorangetrieben, die durch die Hintertür die Apotheken in die Supermärkte und Zockerbuden bringen, die gestatten, dass ein einziger Apotheker Lizenzen für 100 und mehr Apotheken inne hat, dass die Apotheken öffnen und schließen wann und zu welcher Zeit sie wollen, und die Mindestabstände zwischen den Apotheken mit der Folge der Konzentrierung der Apotheken in den Stadtzentren abschaffen, während das Medikament mit der Preisfreigabe ab 01-01-2017 zur Handelsware wird.

Wer Medikamente braucht, soll sie sich bei den Abgeordneten besorgen

Der griechische Versicherte verliert die Apotheke in seiner Nachbarschaft. Es handelt sich um Zustände jenseits jeder Logik, die eine Handvoll Starker begünstigen, damit diese die Pflege beherrschen„, führte Herr Theodosiadis an und forderte den Premierminister, den Regierungsvertreter und den Gesundheitsminister auf, einzugreifen und „die Autoren der Gesetzvorlage zur Ordnung zu rufen„.

Die Apotheken werden nicht wie Schafe zur Schlachtbank gehen. Wer Medikamente haben will, soll sie sich im Büro des Herrn Chatzidakis besorgen. Sollen doch die Abgeordneten, die für diese Bestimmungen zu stimmen beabsichtigen, auch Medikamente für die Leute sicherstellen„, meinte bezeichnend der Vorsitzende des PFS. Die Apotheker erklären sich entschlossen, ihre Apotheken nicht zu öffnen, bis die konkreten Bestimmungen zurückgenommen werden, und meinen charakteristisch: „Wir werden auf den ‚Barrikaden‘ und den Straßen sein.

Gesundheitsminister Adonis Georgiadis brachte dagegen die Hoffnung zum Ausdruck, dass bei den Apothekern Logik und Gelassenheit vorherrschen werden. Wie es in einer Bekanntmachung des Ministeriums lautet, „schritt die Regierung zu harten Verhandlungen mit der Troika„, welcher Umstand zum Resultat hatte, dass:

  • es einen Aufschub bei der Umsetzung der Verpflichtung zu einer horizontalen Senkung der Gewinnspanne der Apotheker auf 15% gibt,
  • die nicht obligatorisch verschreibungspflichtigen Medikamente nicht in die die Supermärkte kommen,
  • die Bevölkerungskriterien beibehalten werden, damit der unkontrollierte Anstieg der Anzahl der Apotheken verhindert wird, und
  • die Möglichkeit zu Kauf und Verkauf von Apotheken ausschließlich und allein durch Apotheker und nicht durch Dritte geboten wird.

Trotz der zweifellos erfolgreichen Ausgangs der Verhandlungen zwischen der griechischen Regierung und der Troika richtet der Panhellenische Apotheker-Verband sich auf einen Dauerstreik ein und fordert die Nichtumsetzung von Bestimmungen zweitrangiger Bedeutung„, lautet es von Seite des Ministeriums.

Veränderungen führen die Branche in die absolute Vernichtung

Im Gegensatz zu dem Gesundheitsminister scheinen die Apotheker die strittigen neuen Bestimmungen allerdings alles andere als „sekundär“ zu betrachten. Laut ihrem Verband schreitet diesem bekannt gewordenen Informationen zufolge die griechische Regierung unter anderem zu nachstehenden Veränderungen, welche die Apotheken-Branche in die absolute Vernichtung führen:

  1. Mit Artikel 2 werden Bestimmungen mit dem Ergebnis abgeschafft, dass:
    1. ein Apotheker so viele Genehmigungen zur Gründung von Apotheken inne haben kann, wie er will: 1, 10, 100 oder noch mehr (geltende Bestimmung: Artikel 8 des N. 5607/1932),
    2. Apotheken zusammen mit jedem beliebigen Unternehmen in den selben Geschäftsräumen, also auch Supermärkten usw. untergebracht sein können (geltende Bestimmung: Artikel 13 des N. 5607/1932).
  2. Mit Artikel 1 wird gestattet, dass jemand, der kein examinierter Apotheker ist, jeden beliebigen Beteiligungsanteil an einer Gesellschaft zur Nutzung einer Apotheke inne haben kann, also er sogar auch 99% und der Apotheker nur 1% der Gesellschaft besitzt – womit wird de facto die Verpachtung von Apotheken „legalisiert“ wird.
  3. Mit Artikel 4 werden die obligatorischen Mindestabstände zwischen den Apotheken mit dem offensichtlichen Resultat abgeschafft, dass alle Apotheken in die jeweiligen Stadtzentren und in die unmittelbare Nachbarschaft von Krankenhäusern verlegt werden. Ebenfalls ergibt sich mit der globalen Abschaffung der Bestimmungen der wie novellierten und geltenden Artikel 20 des N. 5607/1932 und 7 des N. 328/1976 ein großes Problem, wenn den Apotheken gestattet wird, ihren Sitz von einer Gemeinde in eine andere zu verlegen. Das in einem solchen Fall auftretende Chaos ist sonnenklar.
  4. Mit Artikel 5 werden die Kriterien der räumlichen Verteilung mit dem offensichtlichen Ergebnis abgeschafft,  dass jeder neue Apotheker nur im Zentrum jeder Stadt und neben den Krankenhäusern eine Apotheke eröffnet (geltende Bestimmung: Artikel 36 Par. 1 des N. 3918/2011).
  5. Mit Artikel 6 werden praktisch die Nacht- / Notdienste annulliert und außer Kraft gesetzt, da jeder Apotheker seine Apotheke nach Belieben und ohne Kontrolle öffnen und schließen kann.
  6. Mit Artikel 3 wird jede Kontrolle der Öffnungszeiten der Apotheken abgeschafft, da sie fortan nach Belieben und ohne Vorankündigung öffnen und vor allem auch so lange schließen können wie sie wollen, ohne sich um die einschlägige Informierung der Bürger zu kümmern (geltende Bestimmungen: Par. 1 – 4 des Artikels 11 des N. 5607/1932).
  7. Mit Artikel 7 wird die Möglichkeit zur Gründung von Apotheken gegenüber von Krankenhäusern unabhängig von deren Kapazität gegeben.
  8. Mit Artikel 8 kann die Medikamenten-Verkaufsstelle eine Fläche von sogar nur 5 Quadratmetern haben, gegenüber den bisherigen minimal 30 Quadratmetern.

(Quelle: in.gr, euro2day.gr)

Relevante Beiträge:

  1. Ronald
    25. März 2014, 12:23 | #1

    Apotheker sind unternehmer. Und Unternehmer streiken nicht. Sie versuchen lediglich in erpresserischer Art und Weise ihre Privilegien und ihre Pfründe zu verteidigen.

  2. Kleoni
    25. März 2014, 19:32 | #2

    die bisher Privilegierten und zum Klientel gehörenden meinen immer noch, dass die Reformen nur für die Masse der kleinen Bürger bestimmt sind. Es geht doch nicht an, dass die alten Seilschaften ihre Pfründe behalten dürfen während inzwischen ein Grossteil der griechischen Bevölkerung hungert.

  3. Bluebird
    30. März 2014, 21:27 | #3

    Die angeblichen „Beguenstigten“ der Klientelwirtschaft haben auch schwer zu schlucken. Wer weiß schon, dass die meisten hoch verschuldet sind, weil die Kassen jahrelang fast nichts gezahlt haben und viele Kredite aufnehmen mussten, um Medikamente zu kaufen? Wer weiß schon, wie hoch die Steuerlast inzwischen ist? Und das die Apotheker seit Jahren strengstens kontrolliert werden? Nicht erst, seitdem die Krise herrscht! Geld von den Kassen gab / gibt es nur gegen Vorlage eines Steuerbescheides, dass keine offenen Zahlungen ausstehen. Das sollten sich mal andere Regierungen in Westeuropa leisten, und man wuerde sich wundern wie schnell Apotheker in Dtl. / Fra / Oesterreich / Schweiz auf der Strasse waeren. Das gleiche gilt fuer die sogenannten Reformen, die eingefuehrt werden sollen. Warum macht man das nicht in anderen Eu-Laendern? Alle wuerden streiken!

  4. GR-Block
    31. März 2014, 02:24 | #4

    Es wird immer ein verzerrtes Bild geben, wenn Menschen aus hochindustrialisierten Ländern, wo das „Unternehmertum“ eine verschwindende Minderheit von Bonzen ist, versuchen ein normales Land nach ihren Maßstäben zu beurteilen. In GR ist berufliche und damit finanzielle Selbständigkeit, ein Ziel, das immerhin jeder dritte Erwerbstätige erreicht. Anders in D, wo 90% der Erwerbstätigen totunglücklich sind, wenn sie nicht mindestens ein oder zwei Chefs über sich haben. Freie Apotheker sind der EU der Konzerne genauso ein Dorn im Auge, wie seinerzeit die Tante-Emma-Läden in D. Sie alle sollen weichen und Konzernen den Markt überlassen. Dass die vielen Apotheken in GR die Volksgesundheit im Auge behielten, vor allem auch da, wo kein ärztliches Rezept notwendig war, übersieht man. Wenn jetzt Schmerztabletten bei LIDL & Co verkauft werden, dann Gnade uns Gott Asklepios.
    Eine „Liberalisierung“ soll nur EU-„Investoren“ Gelegenheit geben, den Rahm abzuschöpfen. Samaras hat GRs Unternehmerseele an den Teufel verkauft, um Kredite zu bekommen. Demnächst werden Apotheken, Taxis, Bäckereien … nur noch von Großanlegern oder Banken betrieben. Der ehemalige Selbständige wird mit einem geringen Gehalt angestellt, sodass die Familie den Weg allen Europäischen geht: beide Ehepartner müssen arbeiten, um vernünftig zu leben. Aber wo sollen die Jobs her? Noch mehr Tourismus?

  5. Hexe
    1. April 2014, 10:22 | #5

    Eigentlich war ich der Meinung, dass Supermärkte sich nicht in alle Bereiche einmischen sollen. Jetzt aber, wo ich seit Tagen nicht einmal eine Packung Aspirin kaufen kann, denke ich doch, dass solche Dinge in Supermärkten erhältlich sein sollten. Denn auf Apotheken kann man sich ja, wie man sieht, nicht verlassen. Wie kann man(n) nur so doof sein, und sich so ins eigene Fleisch schneiden?

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