Das deutsche Rätsel

25. Januar 2014 / Aufrufe: 3.345

Das Bismarcksche Wachstumsmodell kann für Deutschland nur so lange funktionieren wie Länder wie Griechenland es nicht schaffen, wie Deutschland zu werden.

Als der Tsunami, der das nordöstliche Japan heimsuchte, den Atommeiler in Fukushima zerstörte und die japanische Industrie für viele Monate in die Knie zwang, traf die deutsche Kanzlerin in kurzen Verfahren einen mutigen Beschluss: Die deutsche Regierung würde nicht nur die Pläne für den Ausbau der Atomkraftwerke ad acta legen, sondern zusätzlich alle existierenden Atommeiler im ganzen Land schließen. Obwohl dieser Beschluss von der Partei der Grünen begrüßt wurde, traf er voll die Pläne zur Reduzierung der Emission von Kohlendioxid (und anderen Abgasen, die das Treibhaus-Phänomen verursachen) und erhöhte parallel die Energiekosten.

Unter anderem waren die Resultate der Abschaffung der Atomkraftwerke zwei: Erstens stiegen langfristig die Energiekosten (in einem Maß, dass die energieintensive deutsche Industrie heute die Energie doppelt so hoch wie die französische Konkurrenz bezahlt). Zweitens gingen die Pläne für die Reduzierung des Ausstoßes umweltschädlicher Emissionen den Bach hinunter, da Deutschland gezwungen ist, die Atommeiler durch neue umweltverschmutzende Kraftwerke zu ersetzen, die Kohle oder Erdgas verbrennen (das zwar weniger Schadstoffe erzeugt, jedoch die Abhängigkeit Berlins von Herrn Putin steigert).

Eine Geschichte mit vielen Lehren für die übrigen Europäer

Wenige Tage nach dem Beschluss der Frau Merkel tangierten Vertreter vieler kleiner und großer Industrieunternehmen das deutsche Ministerium für Industrie und Technologie mit dem folgenden einleuchtenden Vorschlag: „Wir haben die besten Ingenieure der Welt auf dem Sektor der grünen Technologien, speziell in Zusammenhang mit der Photovoltaik. Bis auf weiteres bleiben die Technologien im Vergleich zu Erdgas, Kohle und auch Kernkraft nicht wettbewerbsfähig und technologisch problematisch. Wenn wir jedoch mit staatlicher Unterstützung ein großes Forschungsprogramm ausarbeiten, glauben wir, in zehn Jahren nicht nur grüne Technologien erfunden haben zu werden, die das Problem lösen werden, das durch die Abschaffung der Atomkraftwerke entstand, aber auch einen neuen Zweig geschaffen zu haben, der (unter Überrundung der chinesischen Konkurrenz) den Weltmarkt erobern und unseren Exporten einen riesigen Schub verleihen wird, wenn unsere traditionellen Exporte wie z. B. bei Fahrzeugen zurückzugehen beginnen.

Das deutsche Ministerium für Industrie und Technologie sah den Vorschlag mit Sympathie und leitete ihn an das Wirtschaftsministerium und das Kanzleramt weiter – um die folgende entwaffnende Antwort zu erhalten: „Wegen der grundgesetzlichen Verpflichtung zur Reduzierung des öffentlichen Defizits auf 0,5% des BIP vermag die Bundesregierung trotz des Umstands, dass sie die Vorteile des in Rede stehenden Vorschlags anerkennt, sich an einem solchen Programm nicht zu beteiligen.

Diese Geschichte enthält viele Lehren für die übrigen Europäer, die – wegen der Eurozone – aufgefordert sind, mit Berlin über Themen zu kommunizieren und zu verhandeln, die sich auf ihre eigene Wirtschafts- und Investitionspolitik beziehen. Wenn Berlin einen solchen Vorschlag von deutschen Industriellen und dem Bundesministerium für Industrie und Technologie ablehnt (und zwar trotz der Tatsache, dass es anerkennt, die deutsche Industrie habe – ohne Korruptionsfälle – die Möglichkeit, Technologien zu schaffen, die Probleme der selbigen Bundesregierung lösen und neue langfristige Ressourcen des Reichtums für die deutsche Wirtschaft erschließen), können wir uns alle vorstellen, mit welcher Abscheu Berlin den Begehren der übrigen Europäer nach öffentlichen Investitionsprogrammen in der übrigen Eurozone begegnet.

Die Frage, die sich viele stellen werden, lautet: Warum eine solche „Verbohrtheit“? Warum weigern sie sich, sogar für sich selbst Geld zu Zinssätzen von unter 2% zugunsten von Investitionen zu leihen, die Deutschland ein Vielfaches an Vorteilen bringen? Die Antwort auf dieses „deutsche Rätsel“ mag vielschichtig sein, jedoch nicht besonders komplex. Das einzige Thema ist, dass sie zumindest anfänglich in den Tiefen des 19. Jahrhunderts zu suchen ist.

Das Bismarcksche „Wachstumsmodell“

Vor der Vereinigung Deutschlands durch Bismarck im Jahr 1871 hatte Preußen (der stärkste der deutschen Staaten) mit dem Modell des liberalen, dezentralisierten Kapitalismus (britischen Typs) experimentiert, so wie ihn als erster der Schotte Adam Smith in seinem Buch „Der Reichtum der Nationen“ präsentiert hatte. Es handelte sich um den Zollverein im Jahr 1833, der Bedingungen für einen freien Handel innerhalb der meisten deutschen Staaten schuf (unter Ausnahme von Österreich). Dieses Experiment war ein voller Reinfall (da es nicht die Industrialisierung brachte) und der Klerus drängte Bismarck, ein anderes „Wachstumsmodell“ zu probieren. Kurz gesagt wurde folgendes simples Modell gewählt, das auch speziell nach 1870 umgesetzt wurde:

  1. Forcierung der Bildung großer (fast monopolistischer) Oligopole privater Unternehmen in traulicher Kooperation eines jeden Unternehmens mit einer großen Bank der Region.
  2. Komprimierung der Lohnerhöhungen mittels staatlicher Intervention und Mithilfe unter den Rhythmus des Wachstums der Produktivität (also des produzierten Wertes, der jedem Arbeitnehmer entsprach). Das Ziel dieser „Komprimierung“ war eins: die Steigerungen der Exporte, die wegen der erhöhten Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrieprodukte erzielt werden würden (im Vergleich zu den übrigen europäischen Ländern, wo die Löhne schneller stiegen und die deutschen Exporte hinsichtlich des Preises konkurrenzfähiger machten).
  3. Export eines großen Teils der Gewinne der deutschen Industrie (aus den Exporten) ins Ausland (da ihr Verbleib im Land entweder ein Sinken der Zinsen – was die Verschuldung der Haushalte steigen lassen würde – oder, sofern sie ausgegeben würden, einen Anstieg der Preise bedeutet hätte) – mit dem Ergebnis, dass Deutschland den übrigen Europäern deren … Schulden an Deutschland leiht.

Dieses „Wachstumsmodell“ wäre in der Zwischenkriegszeit beinahe zusammengebrochen. Es erholte sich jedoch völlig nach dem Krieg unter dem Dach und Schutz des weltweiten Wirtschaftssystems, welches die USA (aus ihren eigenen Gründen) schufen. Zwanzig Jahre lang funktionierten mit der Hilfe der USA die drei Achsen des deutschen Modells (oligopolistische industrielle Organisation, Komprimierung der Löhne und Export von Kapital) einwandfrei und ohne jedes Problem.

Im August 1971 jedoch brach das von den USA nach dem Krieg aufgebaute internationale Wirtschaftssystem zusammen, plötzlich „zerbrach“ das System stabiler Kurse aller westlichen Währungen untereinander und jeder einzelnen zu dem Dollar. Deutschland bekam ein riesiges Problem. Warum?

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  1. Ökonom
    25. Januar 2014, 12:45 | #1

    Dass das deutsche Modell nur so lange funktionert, wie es die anderen nicht schaffen, so wie Deutschland zu werden ist richtig und falsch zugleich. Es ist ein Rattenrennen, indem es darum geht, immer noch billiger zu werden. Beim billigsten Jakob wird eingekauft. Wenn also Griechenland, Spanien, Italien und andere beginnen, billiger zu produzieren, wird Deutschland gezwungen sein, noch billiger zu produzieren. Das Ende des Billigseins setzt letzlich der Arbeitnehmer. Wenn er seine Arbeitskraft so billig verkaufen muss, dass er sich kein Brot mehr kaufen kann, stirbt er. Also werden die Arbeitskräfte knapp und daher steigt der Preis der Arbeit auf dem Arbeitsmarkt. Wie wir aus der Geschichte wissen, wurde dieses Verfahren in Deutschland schon einmal produziert. Durch KZ-Häftlinge in Lagern konnte der Preis für die Ware Arbeit so weit gesenkt werden, dass billigend in Kauf genommen wurde, dass diese Menschen dort starben. Der Film „Schindlers Liste“ von Spielberg beschreibt diese Situation sehr gut. Ob dies nun Häftlinge waren oder ob man bspw. das Modell heute auf Migranten aus aller Welt, die nach Europa streben, überträgt, ist völlig nebensächlich. Entscheidend ist der Output, den diese Menschen während ihrer Lebenszeit leisten. Menschlichkeit und Moral sind völlig nebensächlich. Es geht nur durch die Verwertung des Menschen und um seine Arbeitskraft. Wer diese am besten verwertet, ist am Schluß Sieger in diesem wirtschaftlichen Rattenrennen.

  2. Jupp
    25. Januar 2014, 13:54 | #2

    Nur wird in diesem Artikel ein klitzekleiner Fakt vergessen: Der Zug geht in Richtung „Vereinigte Staaten von Europa – USE“ und dieser Zug ist bereits abgefahren ( so wurden von ca. 24000 Gesetzesvorlagen des Bundestages in 2012 ca. 19000 Richtlinien der europäische Kommission in nationales, deutsches Recht übergeführt.) Per se ist die Denke der Nationalstaaten überholt. Es gibt weder Griechenland, noch Spanien, noch Deutschland, sondern nur Protektorate und Wirtschaftszonen der EU. Ergo sind die nationalen Parlamente nur noch Verwaltungseinheiten der EU. Dieser Umstand wird sich in den nächsten paar Jahren noch deutlicher zeigen. Die nationalen Entitäten fungieren nur noch als Folkloreeinheiten, haben aber sonst nichts zu sagen. Schön, dass über den Parlamenten noch die Fahnen wehen, die Griechische oder die Deutsche. Dies bedeutet aber soviel, wie die Bayernfahne in München. Und letztlich ist der Streit zwischen beispielsweise den Deutschen und den Griechen so zu bewerten, wie zwischen dem Bayer und dem Preußen, Folklore also. Schuahplatteln da, die Nazifahne dort, was soll’s, let it be. Letztendlich sind alle vom Atlantik bis zum Ural, vom Nordkap bis Nordafrika ein Volk. Das glaubt ihr nicht? Einfach mal bei der EU nachfragen oder das aktuelle politische Geschehen in der Ukraine beobachten.
    Der Roll-out der USE ist unterwegs und manche kapieren’s erst, wenn es zu spät ist.

  3. Antieuropäer
    25. Januar 2014, 20:06 | #3

    Der Gedanke Europa zu einigen, ist im Grunde genommen eine uneuropäische Idee. Europa ist vielfältig, national-bezogen, eher intolerant und kosmopolitisch. Heute ist Europa monoton, international, tolerant aber ignorant. Hat alles seine Vor- und Nachteile.

  4. Delta120
    26. Januar 2014, 03:20 | #4

    Kurz vor der Jahrtausendwende war Deutschland das kranke Kind in Europa. Schröder drückte nür die Löhne nach unten und Merkel hat diese Poletik einfach übernommen und weitergeführt. Da jedoch der Wirtschaft in Europa die Nachfrage fehlt und die Staaten gehalten sind keine Staatsdefizite mehr anzuhäufen laufen wir, wie in Japan, in die Deflationsfalle.

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