1 Million Arbeitnehmer in Griechenland unbezahlt

25. Dezember 2013 / Aufrufe: 941

Nur 4 von 10 Arbeitnehmern in Griechenland erhalten ihren Lohn fristgerecht, während die Anzahl der bis zu über 1 Jahr unbezahlten Arbeitnehmer 1 Million tangiert.

Geschichten drittweltlichen Irrsinns werden jeden Tag im Griechenland der Europäischen Union verzeichnet, wo die Arbeitgeber mit verschiedenen Tricks versuchen, die unbezahlte Beschäftigung zu „legalisieren“ und sogar auch das Weihnachtsgeld zu vermeiden.

Das Phänomen der Zügellosigkeit der Arbeitgeber hat dermaßen um sich gegriffen, dass als Ergebnis mehr als eine Million Arbeitnehmer ab einem Monat bis zu über einem Jahr unbezahlt bleiben. Viele versuchen sogar, mit lächerlichen Ausflüchten, faulen Argumenten und miesen Tricks nicht einmal das Weihnachtsgeld zu zahlen, in Zusammenhang mit dem das Gesetz im Fall der Nichtzahlung strenge Strafen vorsieht.

Arbeitsmarkt in Griechenland ist zu einem Dschungel geworden

Der griechische Arbeitsmarkt ist allgemein zu einem Dschungel gemacht worden, da auf dem privaten Sektor gerade einmal vier von zehn Arbeitnehmern ihren Lohn ohne Verzögerungen erhalten. Die übrigen üben sich in Geduld oder geben sich mit symbolischen Beträgen zufrieden, die den Monatslohn „substituieren“.

Was das Weihnachtsgeld betrifft, rufen – obwohl seine nicht fristgerechte Zahlung eine Verhandlung vor dem Schnellgericht herbeiführt (sechsmonatige Freiheitsstrafe, Geldstrafe usw.) – laut den Erklärungen von Gewerkschaftlern in diesem Jahr mehr Arbeitnehmer als je zuvor besorgt bei der GSEE an und fragen, was sie tun sollen, falls ihnen angesichts der Tatsache, dass ihnen bereits Lohnzahlungen geschuldet werden, auch das Weihnachtsgeld nicht gezahlt wird.

Gemäß von der gewerkschaftlichen Dachorganisation zusammengetragenen Fakten haben in den letzten vier Jahren die Beschwerden bezüglich des Weihnachtsgelds zugenommen und betreffen inzwischen im Durchschnitt ungefähr 300 – 350 Unternehmen und 4.000 – 5.500 Arbeitnehmer jährlich. Die üblichen Methoden, derer sich die Arbeitgeber bedienen, sind:

  • das Weihnachtsgeld in Sachleistungen (Lebensmittel, Benzin usw.) anstatt in bar zu zahlen,
  • die Arbeitnehmer davon zu überzeugen, das Weihnachtsgeld sei abgeschafft worden (weil es für öffentliche bedienstete gestrichen wurde),
  • um den Betrag zu feilschen und nur die Hälfte zu zahlen und dabei den Arbeitnehmer zu verpflichten, den Erhalt des gesamten Betrags zu quittieren.

Laut der GSEE gingen im Vorfeld des Auslaufens der Frist für die Zahlung des Weihnachtsgelds (21 Dezember) auch in diesem Jahr wieder Meldungen über „Feilschereien“ ein. Von Seite des Arbeitsministeriums wird wird das Thema jedenfalls heruntergespielt und unter anderem betont, dass bezüglich der rechtskonformen und fristgemäßen Zahlung des Weihnachtsgelds die Kontrollmechanismen in voller Bereitschaft stehen.

Unternehmen missachten die Arbeitsgesetzgebung

In der Praxis fordern immer mehr Unternehmen die Arbeitnehmer auf, „freiwillige“ (sprich unbezahlte) Arbeit zu leisten, und verteilen Versprechungen über die Begleichung der geschuldeten Zahlungen. Auf Basis der Daten des INE/GSEE haben die Zahlungsverzögerungen sich in letzten Zeit verdoppelt. Es ist inzwischen üblich, dass die Unternehmen Löhne eines halben Jahres schulden, wogegen der entsprechende Zeitraum drei Monate betrug. Es nehmen sogar auch die Fälle zu, in denen die Verzögerung ein ganzes Jahr erreicht oder übersteigt.

Die Verschärfung der Krise ist der große Anlass für die ausgedehnte Missachtung der Arbeitsrechte. Die Abwertung der Kontrollmechanismen und die Angst der Arbeitnehmer angesichts des Spektrums der Arbeitslosigkeit ausnutzend missachten die Unternehmen die Arbeitsgesetzgebung„, erklärte der Professor für Arbeitsrecht Giannis Kouzis.

Laut bei dem Institut für Arbeit, den Verbänden und den Zentren für Beschäftigung eingehenden Daten tangiert die Anzahl der Arbeitnehmer, die Verzögerungen bei ihren Lohnzahlungen haben, 1 Million. Die meisten Fälle werden im Tourismus, bei Security-Gesellschaften und auf dem Gebiet der Reinigungs-Dienstleistungen verzeichnet. Es gibt sogar Unternehmen, die mit dem öffentlichen Sektor „zusammenarbeiten“ und nicht zahlen oder EU-Mittel für Programme erhalten und anstatt eines Lohns eine „Ausbildungsvergütung“ zahlen.

Laut Angaben des Verbands der Beschäftigten in Tourismus und Gastronomie verzögern 80% der Hotels die Löhne um wenigstens einen Monat. Eins von zehn Unternehmen schuldet seinem Personal Löhne für wenigstens sechs Monate. Wie der Verbandsvorsitzende Panagiotis Proutzos erklärt, „ist dieses Jahr das schlimmste. Es gibt Hotels, die ihren Beschäftigten sogar Löhne für 15 Monate schulden„.

Bizarre Geschichten des alltäglichen Irrsinns

Auf die Auswirkungen dieses „Phänomens“ bezieht sich der wissenschaftliche Leiter des Instituts für Arbeit der GSEE, Sawwas Rompolis: „Außer der Unsicherheit, die es bei dem Fluss der Einnahmen in den Familienetat schafft, trägt es weiter zur Verschlimmerung der Inlandsnachfrage und des privaten Konsums bei. Dieser Umstand trägt zu dem Rückgang der Inlandsproduktion bei und verlängert die Rezession in der griechischen Wirtschaft.

Wie nachstehende Fälle enthüllen, sind die Geschichten manchmal bizarr:

  • Ein Supermarkt in Nordgriechenland schlägt den Beschäftigten vor, das Weihnachtsgeld in Lebensmitteln zu zahlen.
  • Eine Tankstelle in Patras wollte anstatt des Weihnachtsgelds Geschenkgutscheine für Heizöl oder Benzin ausgeben.
  • Ein Autohaus in Athen schlug dem Personal vor, geschuldete Löhne und das Weihnachtsgeld mit einem Gebrauchtwagen zu verrechnen.
  • Ein Handelsunternehmen in Korydallos / Attika bot seinen Beschäftigten Kleidung anstatt Geld an.

Dies sind nur einige der Anzeigen, die im vergangenen Jahr zu dieser Jahreszeit bei den Kontrollmechanismen eingingen. Intensiver sind die Probleme bei den Lohnverzögerungen, die keine strafrechtlichen Verfolgungen nach sich ziehen. Mit speziellen Bedingungen in Einzelarbeitsverträgen oder nur mit mündlichen Vereinbarungen werden die Arbeitnehmer aufgefordert, die Zahlung ihrer Löhne in … fernerer Zukunft zu akzeptieren.

Allein in letzter Zeit gingen bei den Gewerkschaften Informationen über neue Verträge ein, die in wenigstens sechs Fällen die quartalsweise Bezahlung einzuführen versuchen. Es gab sogar ein Inserat, in dem Unterkunft und Verpflegung anstatt eines Lohns geboten werden:

  • Ein Hotelkette suchte im April nach Personal und „versprach“, den Lohn im August zu zahlen.
  • Ein Hotel auf Kreta verlangte von den Beschäftigten, einer analog zu den Möglichkeiten des Unternehmens schrittweisen Zahlung der Löhne bis März zuzustimmen (was nach den Protesten aufgegeben zu werden scheint).
  • Eine Sicherheits-Gesellschaft legte den Beschäftigten einen Vertrag vor, der die Zahlung von Löhnen sogar auch nach 90 Tagen vorsah. Nach dem Getöse wurde er geändert.
  • Der Inhaber eines Hotelbetriebs auf der Insel Ägina suchte per Zeitungsinserat nach einem Zimmermädchen und bot anstatt eines Lohns nur kostenlose Unterkunft und Verpflegung an.

(Quelle: Imerisia.gr)

Relevante Beiträge:

  1. HJM
    25. Dezember 2013, 17:46 | #1

    Gut, Du kannst morgen anfangen … aber die ersten 2 (4) Wochen ohne Bezahlung … und dann sehen wir weiter …“ Das Ganze verbunden in der Regel mit nicht geringen Anfahrtskosten. Selbstverständlich aus eigener Tasche zu zahlen. Der (gewinnbringende) Sinn dieses wahrhaftig üblen Spiels liegt auf der Hand. Ich behaupte nicht, dass alle griechischen Arbeitgeber bzw. alle Arbeitgeber in Griechenland „so“ sind, aber es sind leider wohl ganz schön viele.

  2. Petroulla
    25. Dezember 2013, 19:06 | #2

    Dabei erscheinen die hier angeführten Beispiele noch relativ gemäßigt. Arbeitgeber, die Sachleistungen als Weihnachtsgeld anbieten, sind wenigstens noch gewillt, irgendetwas zu geben. Viele allerdings sehen es mittlerweile als Frechheit an, sollte ein Angestellter es wagen, überhaupt nach Lohn oder Weihnachtsgeld zu fragen. Da wird man übelst runtergeputzt, beschimpft und beleidigt.(„sowas geldgieriges hatten wir ja noch nie!“ – Manolada läßt grüßen) Und zum Schluß droht doch tatsächlich der Chef mir, mich anzuzeigen, weil er mich nur für 4 Stunden Tagesarbeitszeit (und 20 Tage pro Monat) angemeldet hat, ich aber in Wirklichkeit 7 Tage die Woche 10 bis 12 Stunden gearbeitet habe; weil ich ja das entsprechende Papierchen unterschrieben hätte (sicher nicht freiwillig, denn dadurch habe ich Arbeitslosengeld und Rente eingebüßt weil ich nicht auf die erforderlichen 100 Versicherungstage gekommen bin). Auf sowas muß man erstmal kommen. Der private Arbeitsmarkt ist wirklich sowas von verkommen – und die Regierung will es nicht wahrhaben. Die sind halt nur mit ihren eigenen Einkünften beschäftigt.

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