Griechenland: Mikis Theodorakis zieht sich aus Politik zurück

21. September 2013 / Aktualisiert: 15. Juli 2014 / Aufrufe: 2.497

Mikis Theodorakis gab bekannt, sich aus der aktiven Politik zurückzuziehen, und appelliert eindringlich, dem mörderischen Treiben der Neonazis in Griechenland einhalt zu gebieten.

In einem offenen Brief gab der inzwischen 88-jährige international berühmte griechische Komponist, Schriftsteller und Politiker Mikis Theodorakis seinen Entschluss bekannt, sich nach 70 Jahren politischer Aktivität nun aus der aktiven Politik zurückzuziehen.

Unter das Emblem der Bewegung Unabhängiger Bürger (Spitha) setzte ich auf ihrer Webseite das Wort ‚ENDE‘. Natürlich ‚ENDE‘ nicht für die Spitha, sondern für meine vollständige Abdankung als kämpfender Bürger, nach Kämpfen von 70 Jahren, zumal meine Ansichten schließlich weder dem Volk bekannt noch von den nächstverwandten politischen Führungen akzeptiert wurden.

In seinem Schreiben kommentiert Mikis Theodorakis die Begegnung, die er nach dem zu Ehren der Sängerin Maria Farantoura veranstalteten Konzert mit den Führern der Linken, sprich den Herren Alexis Tsipras (SYRIZA), Fotis Kouvelis (DIMAR) und Dimitris Koutsoumpas (KKE) hatte. Weiter spricht er auch über den in der Nacht des 17 September 2013 von einem Mitglied der Chrysi Avgi verübten Mord an dem für seine antifaschistischen Aktivitäten bekannten Rapper Pavlos Fyssas.

Der Text des offenen Briefs wird nachstehend in deutscher Übersetzung wiedergegeben.

Die Wahlen und die Knüppel

Wir fanden uns bei dem Konzert anlässlich des 50-jährigen Wirkens der Maria Farantouri ein. Alte Genossen wie Koutsoumpas, Kouvelis, Tsipras und meine „Erhabenheit“ nebeneinander sitzend. „Wir sind hier vier Generationen Linker„, sagte ich zu ihnen. „Wir versuchten immer wieder, an die Tür der Macht zu klopfen. Wir schafften es nicht. Nun klopft der Jüngste an …“ „Na und ???„, fragte jemand aus dem Grüppchen, das sich um uns herum gebildet hatte. „Hör, mein Freund„, entgegnete ich ihm, „ihr alle mögt eine Menge Dinge (und zu Recht) über uns denken, die griechische Linke ist jedoch ein Fluss. Der selbe. Wir gelangten vor Felsblöcken an. Wir trennten uns an Gabelungen. Wie auch immer. Nun klopft der Jüngste an die Tür …“ „Und was sollen wir wählen?„, brachte es jemand auf den Punkt. „Tsipras„, meinte ich zu ihm, „was sonst?“ Koutsoumpas lächelte verlegen. „Und natürlich KKE … .“ Eine Dame schaute mich vorwurfsvoll an. „Die KKE ist unser Fels„, sagte ich ihr. Dies ist meine erschöpfende Antwort. Also sowohl Tsipras als auch KKE.

Leider sind dies Worte, die in der lockeren Atmosphäre der Pause eines Konzerts geäußert werden. Dahinter verbirgt sich jedoch die rohe Realität und meine persönliche Tragödie – die größer wird, je weniger das Öl in meinem Lämpchen wird. Und da die „Avgoula“ (Anmerkung: gemeint ist die Zeitung „Avgi“) mir die Ehre erwies, mich in Ergreifung der Gelegenheit zu nennen, um einen Wahlkampf-Slogan zu präsentieren, denke ich, dass sie mir die Gelegenheit geben muss, meine Gedanken in Zusammenhang mit den politischen Entwicklungen und der Rolle der Linken vollumfänglich darzulegen.

Bei unseren Begegnungen im Rahmen der EL.LA.D.A.-Front wurde unsere grundsätzliche Abweichung (zwischen den Ansichten der SYRIZA und meinen) festgestellt, die auch weiterhin existiert: also ob die radikale Änderung (der das Land bedarf) innerhalb oder außerhalb des Machtsystems möglich ist. „Das „innerhalb“ würde eine Beteiligung an den Wahlen mit dem Ziel der Eroberung der parlamentarischen Macht bedeuten. Das „außerhalb“, dass wir alle zusammen unser Gewicht auf die Bildung einer panhellenischen Widerstandsfront legen.

Es ist wahr, dass mein politisches Denken sich ab Anfang 2011 radikalisierte. Warum?

  • Erstens, weil ich den Anfang des Endes des Zweiparteiensystems feststellte, was die Befreiung der großen Mehrheit unseres Volkes von der direkten ideologisch-politischen und parteilichen Kontrolle der beiden historischen Repräsentanten der Auslandsabhängigkeit bedeutet.
  • Zweitens, die Enthüllung mit der Unterzeichnung des Memorandums der nicht nur gegen das Volk gerichteten, aber auch antinationalen Rolle der Führungsfaktoren, die in der ersten Phase die Anhänger der PASOK-Partei und in der nächsten der Nea Dimokratia (ND) unter direkter Kontrolle hielten. Wir sprechen von ungefähr 80% der griechischen Wähler.
  • Drittens, die Masken, die das wahre abstoßende Gesicht unserer sogenannten ausländischen „Beschützer“ verbargen, sind endgültig zerfetzt, so dass es heute auch nicht einen einzigen Griechen gibt, der nicht glaubt, ihr Ziel bestehe darin, uns zu verelenden und zu terrorisieren, damit jede Möglichkeit unseres Volkes gebrochen wird und es sich wie ein „Schlachtschaf“ ihren wirtschaftlichen und strategischen Interessen ergibt. Speziell jetzt, nach der Enthüllung unseres Ölreichtums, ist ihr Ziel, diesen zu kontrollieren und davon zu profitieren und unserem Volk einige Krümel zu überlassen, da seine endgültige Unterwerfung unter ihren Willen sichergestellt worden sein wird.

Diese Feststellungen führten mich zu der Schlussfolgerung, dass diese riesige Dimensionen aufweisende Befreiung unseres Volkes von den Zwängen und den Selbsttäuschungen des Zweiparteiensystems in Kombination mit der Enthüllung der Rolle der Mächte der Auslandsabhängigkeit und ihrer lokalen Verbündeten und Organe (institutionelle, politische, wirtschaftliche, staatliche Faktoren, die alle zusammen das Geflecht des Machtsystems bilden) für unser Land eine seltene Chance schafft!

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