Griechenland: Es war einmal ein kleiner überschuldeter Staat

21. Juli 2013 / Aktualisiert: 08. Februar 2017 / Aufrufe: 4.250

Bedauernswerter Irrtum

Die – wenn auch noch nicht vorherrschende – Frankfurter Lösung gewinnt in Deutschland alltäglich an Boden. Dies erklärt zum Teil einige der Statements des Herrn Schäuble und die allgemeinen „Geburtsschwierigkeiten“, die wir hinsichtlich des Memorandums 2 beobachten. (Ein weiterer Grund ist, dass vor der Enthüllung der dummen Politik gegenüber der griechischen Verschuldung die deutsche Führung einige Punkte gewinnt, indem sie sich zeigt, keine weiteren Milliarden in das konkrete Loch werfen zu wollen.) Niemand weiß, ob schließlich die Konservativität der Frau Merkel vorherrschen oder sich demnächst der Frankfurter Enthusiasmus über die Lösung der Amputation – Kauterisation durchsetzen wird. In den folgenden Zeilen, mit denen ich auch schließen werde, sei mir gestattet, sechs Gründe anzuführen, warum der Optimismus Frankfurts (dass also die Rettung der Eurozone mit dem Ausschluss zweier oder mehrerer Länder möglich ist) auf einem bedauernswerten Irrtum beruht.

Frankfurt geht davon aus, das zu kennen, was – zumindest vor der Katastrophe – per Definition unbekannt ist: die Kosten der Amputation. Die Vernetzungen der Banksysteme Griechenland, Frankreichs und Deutschlands, aber auch Portugals und Spaniens werden nur nach der Katastrophe an das Tageslicht gelangen – genau wie auch die Vernetzungen der relativ kleinen Lehman’s mit dem internationalen Banksystem nur erst nach dem Zusammenbruch wahrzunehmen waren.

Die massenhafte Bereitstellung frisch gedruckten Geldes an die Banken der Eurozone (nach der Amputation Griechenlands – Portugals) wird als eine kolossale Spritze Kortison an einen Krebspatienten fungieren: zwar wird es ihm für gewisse Zeit Linderung verschaffen, der Krebs macht jedoch derweilen seine Arbeit „im Inneren“, wird größer und noch bösartiger und letztendlich noch tödlicher. Kurz gesagt, so wie die Banken Spaniens während des Jahrzehnts 1990, gestärkt durch Flüsse der Liquidität, ihre „bösartigen Tumore“ verbargen und die Stagnation der realen Wirtschaft beschleunigten, wird etwas Entsprechendes auch in Ländern wie Frankreich, Italien, Belgien, Spanien geschehen.

Wenn also aus dem Schoß dieser selbigen Banken eine neue Krisenwelle ausbricht, wird die Amputation Griechenlands und Portugals auch Italien, Spanien und zuletzt und am schlimmsten auch Frankreich blühen. All jene Milliarden, die ausgegeben worden sein werden um die deutsch-französische Achse zu retten, werden den Bach hinunter gegangen sein. Und das Schlimmste? Es werden wenigstens drei Jahre wirtschaftlichen Wachstum verloren gegangen sein. Genug, damit Europa dauerhaft hinter den weltweiten Entwicklungen zurück bleibt.

Die Verluste der Steuerzahler in den Überschuss-Ländern durch die Pleiten in Griechenland und Spanien werden den Widerstand der Völker Deutschlands, Hollands usw. bei den neuen Rettungen von Mitgliedstaaten verstärken, die nicht nur mittels der Bereitstellung von Liquidität an ihre Banken gerettet werden können. In dem Moment wo sie mehr Geld für neue Kredite benötigen werden, werden die Steuerzahler des Nordens, die dafür zu bürgen haben werden, sich beharrlich weigern.

Die ausländischen Investitionen (z. B. Chinas, Russlands, der amerikanischen Unternehmen) in der Eurozone werden vor dem abscheulichen Anblick der Amputation – Kauterisation und der damit verursachten Unsicherheit bezüglich des zukünftigen Geschehens versiegen. In einer miteinander verknüpften Welt wird die Frankfurter Lösung in jedem Winkel der Welt die Unsicherheit säen und so die Winde der Rezession verstärken, die – da die Welt rund ist – noch heftiger zum alten Kontinent zurückkehren, die Rezession in den Ländern sowohl des Südens als des Nordens anwachsen lassen und das Unternehmen der Rettung dessen, was von der starken Eurozone übrig geblieben ist, unmöglich machen werden.

Der sechste Grund ist strukturell. Das Problem der Eurozone ist nicht Griechenland, dem – wie wir betrachteten – zwei Jahre auf den weltweiten Titelseiten erspart geblieben wären, wenn ihm gemäßigter begegnet worden wäre. Das Problem der Eurozone ist das Fehlen eines vereinheitlichtem, paneuropäischen regulativen Rahmens für die Banken, das unbefriedigte Bedürfnis einer Währungsunion nach einem Grad der Vereinheitlichung der öffentlichen Verschuldung und schließlich das Fehlen einer wirklich paneuropäischen Investitionspolitik, welche die Bankeinlagen (die wie ein ungerechter Fluch in der Welt herum geschoben werden) in Investitionen in den Regionen und Branchen leitet, die es am nötigsten haben (von Griechenland bis hin zu Ostdeutschland).

Mit der Methode der Amputation – Kauterisation wird kein Teil dieser Trilogie struktureller Probleme gelöst werden. Keiner. Um es auf einen Punkt zu bringen, wenn die Ansicht Frankfurts vorherrschen wird, werden in dem, was von der Eurozone verblieben ist, sehr bald die selben Phänomene des Zusammenbruchs erneut in Erscheinung treten

Epilog

Alle – außer einige unserer Politiker – haben ihre spitzenmäßige Dummheit verstanden, die uns in der Form der (als Memoranden, mittelfristige Rahmenprogramme usw. bekannt gewordenen) Kreditvereinbarungen ereilte. Sie erwiesen sich für die gesamte Eurozone als toxisch. Sogar auch in Frankfurt und Berlin haben sie verstanden, dass auch sie selbst untergehen werden, wenn diese Politik fortgesetzt werden wird. Bis dorthin sind sie sich einig (deswegen fürchtet sich auch der schlaue Herr Monti nicht, sogar auch vor den herrschenden Kreisen Deutschlands zu verkünden, „genug mit der Austerität!“).

Irgendwo dort beginnt jedoch die Meinungsverschiedenheit, die dazu neigt, die Form eines Streits anzunehmen: Während Frankfurt jüngst einen Optimismus erwarb, dass sich nichts ändern werden mag, wenn Griechenland und Portugal einfach aus dem Euro hinausgeworfen werden, wird in Berlin gezögert. Und das ist gut. Aber es reicht nicht: So lange das Zögern Berlins die Fortsetzung der toxischen „Therapie“ des Memorandums bedeutet, um so näher werden unsere Länder an die tatsächliche Gangrän gelangen und um so mehr rückt der Augenblick in die Nähe, in dem Frankfurt mit einem für alle katastrophalen Resultat vorherrschen wird: Norden und Süden, Osten und Westen (und ich beziehe mich nicht nur auf Europa).

Und wir? Indem wir seit Mai 2010 bis heute jeden Blödsinn ratifizieren, den sie uns vorlegen, lassen wir die Ansicht Frankfurts Boden gewinnen und nähern uns immer mehr unserer Amputation – Kauterisation. Hätten wir dagegen eine Führung mit dem Mut, nein zu den neuen Krediten zu sagen, bevor Frankfurt die Oberhand gewinnt, und parallel ausdrücklich zu erklären, dass Griechenlands Platz in der Eurozone nicht verhandelbar ist, würden wir Berlin (das ein Voranschreiten der Amputation nicht zulassen wird, solange es gegen die Ansicht Frankfurts bleibt) eine letzte Chance geben, die Eurozone vor der doppelten Bedrohung a) der dummen Memoranden und b) der absurden Politik Frankfurts zu retten.

(Quelle: Kouti tis Pandoras, Autor: Yanis Varoufakis)

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  1. Onasis
    21. Juli 2013, 02:38 | #1

    Ich habe noch nie einen so treffenden Artikel gelesen. Man kann das Problem nicht besser beschreiben. Genau so ist es. Amen

  2. Heinz2
    21. Juli 2013, 10:16 | #2

    Danke für diesen Artikel.

    Ja die Frankfurter Banke denken nur von heute auf morgen. Die wollen einfach das Kreditrad weiter drehen und „leistungslos“ Geld verdienen.

    Politiker und Banker gehen den Weg des langsamen und langen Sterbens, da sie eine Entschuldung und die damit verbundene Vermögensvernichtung verzögern wollen. Vielleicht sind sie auch so dumm und denken sie können es verhindern.

    Für alle westlichen Länder inkl. Japan wäre der schnelle und harte Weg der richtige: Währungsreform, Entschuldung, keine Kredite, solide Haushaltsführung, Neuaufbau – wer sagt dem Volk diese bittere Wahrheit?

  3. Heinz
    21. Juli 2013, 16:02 | #3

    Ich kann in Teilen den Ausführungen zustimmen, bin jedoch der Meinung, dass die Politiker nicht so dumm sind, zu glauben dass sie den Crash verhindern können. Sie wollen alle nur ganz einfach die nächsten Wahlen gewinnen. Es geht immer wieder vor allem um Macht, auch in Griechenland.

  4. Unioner23
    21. Juli 2013, 16:09 | #4

    Genauso ist es! Es ist so treffend und dem ist nix mehr hinzuzufügen! Amen

  5. Alexios
    21. Juli 2013, 18:55 | #5

    Die „Frankfurter Banken“ sind internationale Konzerne, die mehrheitlich in ausländischer Hand sind. Die BRD hat ein fundamentales Interesse, diese Banken zu stützen, indem sie sie bei der Ausplünderung Griechenlands unterstützt. Wo sollte Deutschland selbst Schulden aufnehmen, wenn die Kreditgeber auf einmal große Probleme hätten? Wer würde einen aufgeblähten Sozialstaat mitfinanzieren, den Aufbau Ost usw.? Nein, Deutschland hängt mitten drin in der Pampe.

  6. Roland Wolf
    22. Juli 2013, 09:54 | #6

    Hm, ich frage mich wirklich ob der Artikel on einem Wirtschaftswissenschaftler stammt oder aber schlecht wiedergegeben ist. Das die Hilfen der Troika in fast allen Fällen aus Krediten mit niedrigen Zinsen stammten die Griechenland sonst nicht hätte erhalten können dürfte bekannt sein. Das die Aufnahme neuer Kredite die Gesamtverschuldung nicht reduziert auch – weswegen die Aussage die Troika ist böse weil die Verschuldung nicht gesunken ist etwas deplaziert wird. Das der Schuldenschnitt der privaten Gläubiger Griechenland nicht weiter entlastet hat ist auch kein großes Wunder: ca. die Hälfte der griechischen Staatsschulden lagen bei griechischen Banken – und die haben kaum das sie den Schnitt mitgemacht haben neues Kapital erhalten weil sonst Pleite. Soviel zu „Wir retten nur die ausländischen Banken“

  7. GR-Block
    22. Juli 2013, 14:32 | #7

    Herr Varoufakis ist Professor für Ökonomie in Athen und Arlington, Texas. Seine Karriere ist durch seine langjährigen Aufenthalte an angelsächsischen Universitäten (in UK, USA, AUS) geprägt. Er war vorübergehend Berater des letzten Papandreou. Seine Beurteilungen eher kritisch gegenüber den deutschen Alleingängen innerhalb der EU.
    Natürlich hat er recht, wenn er feststellt, dass eine rechtzeitige Währungsreform den größten Schaden bei den EURO-Verzockern gelassen hätte, anstatt diese auf anraten von Merkozy auszuzahlen und die Schulden auf das doppelte anwachsen zu lassen. Übrigens waren daran zu 30% griechische Privatbanken beteiligt.
    Natürlich hatte Frau Troika gehofft, dass die griechische Wirtschaft diesen Kraftakt schafft und nicht kippt. Aber EURO-Verzocker leben ja immer von der Hoffnung. Denn wenn es schief geht, dann haben sie ja noch die EU mit ihren wohlhabenden Völkern in der Hand. Hauptsache Lobbyisten wie Merkel und Samaras halten durch. Wenn nicht, macht auch nichts. Es gibt immer Politiker, die sich um diese Jobs reisen.

  8. Roditisa
    24. Juli 2013, 08:05 | #8

    @Roland Wolf
    Die Aussage ist nicht „die Troika ist böse, weil die Veschuldung nicht gesunken ist“, sondern „die Troika ist dumm, weil sie anfangs die Möglichkeit einer schnellen Rettung verworfen hat,in der fehlerhaften Annahme, dies sei billiger“.

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