Griechenland: Es war einmal ein kleiner überschuldeter Staat

21. Juli 2013 / Aktualisiert: 08. Februar 2017 / Aufrufe: 4.250

Und nun?

Jetzt – natürlich sehr spät – haben sie ihre geniale Dummheit eingesehen. Sie nahmen sich eines Problems an, das mit einem Betrag von 40 oder 50 Mrd. Euro (z. B. einem Kredit im Januar 2010) hätte beigelegt werden können und verwandelten es in ein schwarzes Loch von – wenn wir die Memoranden des „gefallenen“ Irlands und Portugals und die heimlichen Memoranden des ins Stocken geratenen Italiens und Spaniens berücksichtigen – einer Billion und mehr.

Jetzt begriffen sie, etwas Entsprechendes auch bei den guten, jedoch fast gleichermaßen schwachen Schülern der Klasse erreicht zu haben: in Portugal und Irland, wo auch dort trotz der enthusiastischen Selbstgeißelung dieser Völker die Zahlen für die Frau Troika gleichermaßen verurteilend sind. Was Spanien und Italien betrifft, befinden sich auch diese auf genau dem selben Weg. Nur dass es für die Eurozone zu spät sein wird, wenn auch deren ein Vielfaches betragende Verschuldung und ihr nationales Einkommen in das Stadium des Strudels gelangen wird, in dem sich die kleineren Mitgliedsstaaten befinden. Es wird das Ende des Wegs erreicht sein werden und Deutschland wird gezwungen sein, eine neu Währungsunion östlich des Rheins und nördlich der Alpen zu schaffen – was den Verlust der asiatischen Märkte und eine Verdreifachung der Arbeitslosigkeit in Deutschland kosten wird.

Vor dieser Wahrnehmung ist praktisch ein Krieg zwischen Frankfurt und Berlin ausgebrochen. Auf der einen Seite haben wir den Finanzsektor, sprich Frankfurt, wo fast Einstimmigkeit herrscht: Die Kredite Griechenlands werden in den beiden kommenden – bis zu dem erhofften „erfolgreichen“ Ausgang der französischen Präsidentschaftswahlen – Monaten regulär bedient werden. Danach werden Griechenland und Portugal „amputiert“ und „kauterisiert“ werden, damit der Wundbrand sich nicht auf die übrige Eurozone ausbreitet. Auf der anderen Seite haben wir das Kanzleramt, wo eine einzigartige Dissonanz herrscht: Manche stimmen mit Frankfurt überein, andere beharren darauf, die einzige „Lösung“ sei das Ausscheiden Deutschlands aus dem Euro (und konkret die währungstechnische Abspaltung von Frankreich), diverse Dritte vertreten, die Eurozone sei wie gegeben zu erhalten, die insolvent gewordenen Länder müssen jedoch substantiell gestärkt werden. Vor dieser Bandbreite der Dissonanz neigt Frau Merkel – als Konservative – zu Gunsten des Staus quo. Also der Fortsetzung der derzeitigen Dummheit, bei der Staaten wie der unsrige hunderte Milliarden mit dem Ergebnis erhalten, dass … die Verschuldung ansteigt und das nationale Einkommen sinkt. Es ist nicht so, dass die deutsche Kanzlerin nicht begreift, dass der derzeitige Weg zu dem Niedergang der gesamten Eurozone führt. Die Unsicherheit der deutschen Führung reflektiert einfach nur, dass sie einerseits spüren, der politischen Unterstützung zu entbehren, der Krise rational zu begegnen (da etwas Derartiges eine dauerhafte Bindung Deutschlands an die Eurozone erfordert), während sie andererseits nicht (und zu Recht) der Frankfurter Lösung zustimmen – also dem, was ich als Amputation – Kauterisierung bezeichne.

Die Frankfurter Lösung

Vor einigen Monaten war ich zur Aufnahme einer Dokumentation für den englischen Channel 4 in Frankfurt. Im Rahmen der Dreharbeiten bot sich mir die Möglichkeit, mit drei Groß-Bankiers, dem Präsidenten der Börse und dem Leiter einer inländischen Schattenbank zu sprechen, Obwohl ich sie getrennt traf, war die Übereinstimmung zwischen ihnen imposant. Kurz gesagt nehmen sie sie (wie ich vorstehend schrieb), dass Griechenland und Portugal nach den französischen Wahlen zum Austritt aus der Eurozone geführt werden. Warum? Weil – wie sie eingestanden – Deutschland falsch lag. Weil sich die Therapie der beiden letzten Jahre als toxisch erwies (wie ich weiter oben schrieb). Anders gesagt gestehen sie die Dummheit der Memoranden nicht nur für Griechenland, aber auch die übrigen (Länder) ein. Sie meinen, die Memoranden haben Griechenland und Portugal „getötet“.

Sie wandelten sie zu Mitgliedern um, deren durch die falsche Therapie verursachter Wundbrand nicht mehr zu heilen ist, und es ist nötig:

  1. die toxische Therapie (also die strenge Austerität) bei den übrigen Mitgliedern zu stoppen, die noch nicht in der Phase des Wundbrands angelangt sind (Italien, Spanien und – mit etwas Anstrengung – Irland), und
  2. die Wunde auszubrennen, welche die Amputation Griechenlands und Portugals (also unser Ausscheiden aus dem Euro) hinterlassen werden.

Und wie werden sie ausgebrannt werden? Mit der Bereitstellung von ungefähr 2 Billionen Euro frischen Geldes von der EZB an die Banken der verbleibenden Mitglieder (speziell Italien und Spanien) und – parallel – der Streichung eines großen Teils der Verschuldung Griechenlands und Portugals, bei paralleler Stützung einiger unserer Banken, damit die beiden unter Amputation befindlichen Länder nicht völlig zusammenbrechen.

Artikel weiterlesen: Seite 1 Seite 2 Seite 3

  1. Onasis
    21. Juli 2013, 02:38 | #1

    Ich habe noch nie einen so treffenden Artikel gelesen. Man kann das Problem nicht besser beschreiben. Genau so ist es. Amen

  2. Heinz2
    21. Juli 2013, 10:16 | #2

    Danke für diesen Artikel.

    Ja die Frankfurter Banke denken nur von heute auf morgen. Die wollen einfach das Kreditrad weiter drehen und „leistungslos“ Geld verdienen.

    Politiker und Banker gehen den Weg des langsamen und langen Sterbens, da sie eine Entschuldung und die damit verbundene Vermögensvernichtung verzögern wollen. Vielleicht sind sie auch so dumm und denken sie können es verhindern.

    Für alle westlichen Länder inkl. Japan wäre der schnelle und harte Weg der richtige: Währungsreform, Entschuldung, keine Kredite, solide Haushaltsführung, Neuaufbau – wer sagt dem Volk diese bittere Wahrheit?

  3. Heinz
    21. Juli 2013, 16:02 | #3

    Ich kann in Teilen den Ausführungen zustimmen, bin jedoch der Meinung, dass die Politiker nicht so dumm sind, zu glauben dass sie den Crash verhindern können. Sie wollen alle nur ganz einfach die nächsten Wahlen gewinnen. Es geht immer wieder vor allem um Macht, auch in Griechenland.

  4. Unioner23
    21. Juli 2013, 16:09 | #4

    Genauso ist es! Es ist so treffend und dem ist nix mehr hinzuzufügen! Amen

  5. Alexios
    21. Juli 2013, 18:55 | #5

    Die „Frankfurter Banken“ sind internationale Konzerne, die mehrheitlich in ausländischer Hand sind. Die BRD hat ein fundamentales Interesse, diese Banken zu stützen, indem sie sie bei der Ausplünderung Griechenlands unterstützt. Wo sollte Deutschland selbst Schulden aufnehmen, wenn die Kreditgeber auf einmal große Probleme hätten? Wer würde einen aufgeblähten Sozialstaat mitfinanzieren, den Aufbau Ost usw.? Nein, Deutschland hängt mitten drin in der Pampe.

  6. Roland Wolf
    22. Juli 2013, 09:54 | #6

    Hm, ich frage mich wirklich ob der Artikel on einem Wirtschaftswissenschaftler stammt oder aber schlecht wiedergegeben ist. Das die Hilfen der Troika in fast allen Fällen aus Krediten mit niedrigen Zinsen stammten die Griechenland sonst nicht hätte erhalten können dürfte bekannt sein. Das die Aufnahme neuer Kredite die Gesamtverschuldung nicht reduziert auch – weswegen die Aussage die Troika ist böse weil die Verschuldung nicht gesunken ist etwas deplaziert wird. Das der Schuldenschnitt der privaten Gläubiger Griechenland nicht weiter entlastet hat ist auch kein großes Wunder: ca. die Hälfte der griechischen Staatsschulden lagen bei griechischen Banken – und die haben kaum das sie den Schnitt mitgemacht haben neues Kapital erhalten weil sonst Pleite. Soviel zu „Wir retten nur die ausländischen Banken“

  7. GR-Block
    22. Juli 2013, 14:32 | #7

    Herr Varoufakis ist Professor für Ökonomie in Athen und Arlington, Texas. Seine Karriere ist durch seine langjährigen Aufenthalte an angelsächsischen Universitäten (in UK, USA, AUS) geprägt. Er war vorübergehend Berater des letzten Papandreou. Seine Beurteilungen eher kritisch gegenüber den deutschen Alleingängen innerhalb der EU.
    Natürlich hat er recht, wenn er feststellt, dass eine rechtzeitige Währungsreform den größten Schaden bei den EURO-Verzockern gelassen hätte, anstatt diese auf anraten von Merkozy auszuzahlen und die Schulden auf das doppelte anwachsen zu lassen. Übrigens waren daran zu 30% griechische Privatbanken beteiligt.
    Natürlich hatte Frau Troika gehofft, dass die griechische Wirtschaft diesen Kraftakt schafft und nicht kippt. Aber EURO-Verzocker leben ja immer von der Hoffnung. Denn wenn es schief geht, dann haben sie ja noch die EU mit ihren wohlhabenden Völkern in der Hand. Hauptsache Lobbyisten wie Merkel und Samaras halten durch. Wenn nicht, macht auch nichts. Es gibt immer Politiker, die sich um diese Jobs reisen.

  8. Roditisa
    24. Juli 2013, 08:05 | #8

    @Roland Wolf
    Die Aussage ist nicht „die Troika ist böse, weil die Veschuldung nicht gesunken ist“, sondern „die Troika ist dumm, weil sie anfangs die Möglichkeit einer schnellen Rettung verworfen hat,in der fehlerhaften Annahme, dies sei billiger“.

Kommentare sind geschlossen