Immobiliensteuer in Griechenland: weiter Anzug für skelettierten Körper

6. Februar 2013 / Aktualisiert: 30. Juni 2013 / Aufrufe: 855

Autor: Giorgos Mavrotas

Thema: Immobilienbesitzer in Griechenland können Steuern nicht zahlen

Ich sage ja nicht, nicht zahlen oder nicht beitragen zu wollen, aber auch nicht, dass sie mir obendrein das Haus wegnehmen.“ Mein Freund Lukas war verzweifelt. Er bekam gerade den Bescheid über die FAP (Immobilienvermögen-Steuer, die an Stelle der ETAK – Einheitlichen Immobilienabgabe trat) für das Jahr 2010, und der Betrag, den er zahlen musste, belief sich auf das Fünffache des Jahres 2009.

Schau mal, das Haus meiner Frau (Erbschaft, erbaut in den 50er Jahren) war ein Einfamilienhaus in guter Lage, mit Garten, und die ETAK (= einheitliche Immobilienabgabe) des Jahres 2009 in Höhe von 1.400 € wurde zur FAP(a) („Backpfeife“) des Jahres 2010 in Höhe von 7.000 €! Wie Lukas beim Finanzamt beschieden wurde, an das er sich in der Hoffnung auf einen Fehler wendete, wird er – einerseits wegen der Streichung der Freibeträge, andererseits wegen der Anhebung der Steuersätze – um die 600 Euro „Miete“ pro Monat für sein eigenes Haus zu zahlen haben. Und zwar – wie er mir sagte – für ein Haus, das er an Erbschaftssteuern und neulich auch „Abzocken“ (sprich Sonderabgaben, s. EETIDE) an die Elektrizitätsgesellschaft (DEI) in Gold aufgewogen hatte.

Als der Leiter des Finanzamts Lukas obendrein mitteilte, demnächst auch die FAP-Bescheide für 2011 und 2012 erhalten zu werden, entging er nur knapp dem Schlaganfall. Seine Sünde war, die Immobilie nicht „auf Gegenleistungsbasis“ abgegeben zu haben, als dies noch möglich war, sondern romantisch gewesen zu sein. Er wollte einen Garten für seine Kinder und seine Frau hing sentimental daran. Also unzulässiger Luxus, selbst Schuld … . Hier mag mir nun eingewendet werden, andere verlieren ihre Jobs, andere gehen Pleite und sind „blank“, andere wandern aus: Du ziehst Dich an der FAP hoch? Wie zweitrangiger sie jedoch auch sein mag, stellt sie gleichzeitig ein Beispiel dafür dar, wie man den „braven Familienvater“ zum Steuerhinterzieher macht.

Lukas wird praktisch für etwas bestraft, das er nicht getan hat. Er hatte niemals in seinem Leben einen Kredit aufgenommen und seine Hände immer nur so weit ausgestreckt, wie er konnte. Zusammen mit seiner Frau muss er in den guten Zeiten 3.000 Euro im Monat verdient haben (jetzt etwas über 2.000), und es reichte ihnen aus, bestens unabhängig über die Runden zu kommen. Sie hatten keinen Jeep (Lukas fährt einen Citroen Saxo), kein Freizeitboot und auch keinen Swimming-Pool. Sie hatten keine Haushaltshilfe und auch keine Kindermädchen für ihre Kinder. Urlaub machten sie 10 Tage im Jahr, üblicherweise im Dorf seiner Frau oder an anderen „exotischen“ Zielen des Golfs von Argos. Sie hatten keine Schulden und ihnen wurde nichts geschuldet. Sie hatten jedoch einen Fehler: sie lebten dort, wo man vom Staat als reich angesehen wird! Der nach dem System der „objektorientierten Wertermittlung“ bestimmte Wert war höher als sie hätten auszuhalten vermögen. Und ich denke, Lukas ist nicht der Einzige in dieser Kategorie.

Seine Ersparnisse auf der Bank sind seit langer Zeit versiegt. Die Lösung ist also, das Haus zu verkaufen und irgendwo zu wohnen, wo sie es sich „leisten“ können (unter den heutigen Umständen ist der richtige Begriff wohl eher nicht „verkaufen“, sondern „auf den Kopf hauen“). Nicht, weil Lukas in seinem Leben irgendwelche falschen Entscheidungen traf und die Kredite platzten oder sein Unternehmen den Bach hinunter ging, sondern weil der Staat es so beschloss, um seine eigenen Fehler zu kaschieren. Der Staat verlangt von Bürgern wie Lukas, die Schwierigkeiten zu stemmen (Lohnsenkungen, Anhebung der Altersgrenzen, Erhöhung der Einkommensteuer) und sucht gleichzeitig in ihren Taschen nach, ob noch irgend etwas von einem älteren Vermögen übrig geblieben ist.

Es mag eingewendet werden, es sei ein Ausnahmezustand. Und ja, ich stimme zu. Abgesehen von den Steuermaßnahmen und Kürzungen habe ich jedoch nicht gesehen, dass irgend etwas anderes umgesetzt wird, damit die notwendigen Reformen erfolgen. Das politische System sucht bei der leichten Lösung Zuflucht und schiebt praktisch all das auf, was es beeinträchtigt.

Nun mag man mir sagen, es sei nicht der Weltuntergang, das Haus ihrer Eltern aufzugeben und irgendwo anders hinzuziehen, wo sie es sich „leisten“ können. Unter den heutigen Umständen wird es weder die erste noch die letzte Ungerechtigkeit sein. Deine Arbeit zu verlieren, ist tragisch. Das Wahrscheinlichste ist aber, dass Du in sechs Monaten, einem Jahr wieder eine Arbeit findest, wenn auch möglicherweise nicht die selbe. Wenn Du jedoch auf solche Weise das Haus verlierst, in dem Du groß wurdest, weil Du den Lasten nicht zu entsprechen vermagst, wirst Du weder in sechs noch in sechzig Monaten ein anderes und sicherlich nicht das selbe bekommen.

Was Lukas jedoch am meisten auf den Senkel geht, ist dass tausende luxuriöse Schwarzbauten (für die nichts gezahlt worden ist und auch nichts gezahlt werden wird) oder auf Offshore-Gesellschaften eingetragene Häuser existieren, die „Krümel“ abführen (wenn sie es überhaupt tun). Wenn somit jemand Steuern hinterzieht oder unterbesteuert wird, muss der Staat jemanden überbesteuern, um seine „Verluste“ auszugleichen. Da er Dir sagt, den Unredlichen kann ich nicht fassen, lasst uns also den Redlichen melken. Dies macht also die FAP für die natürlichen Personen. Und üblicherweise straft der Staat jeden ab, der „mit dem Evangelium in der Hand wandelt“, weil er das schwache Glied der Kette ist. Dieser Dummkopf, der alles deklariert hat, keine Schulden haben will und versucht, seinen Verpflichtungen nachzukommen, die kontinuierlich erhöht werden und Druck auf ihn ausüben bis er platzt.

Der Staat weiß, dass Lukas und ein jeder Lukas nichts machen kann. Streik? Besetzung? In Griechenland kommt leider Dein Recht zusammen mit dem Dir zur Verfügung stehenden Druckmittel auf die Waage. Du hast um so mehr Recht, je mehr Druck Du ausüben (oder „dienstbar sein“) kannst. Und das sehen wir permanent um uns herum. Somit befürchte ich sehr, dass die übertriebenen Beträge der FAP nicht nur einfach der Tropfen, der das Glas zum Überlaufen bringt, aber die „Ungeschicklichkeit“ seien werden, die das Glas vom Tisch stößt … .

Quelle: Protagon
Deutsche Übersetzung: Griechenland-Blog

  1. Ingrid
    6. Februar 2013, 18:41 | #1

    Nur ein Beispiel:
    Ein abgelegenes Dorf, die Jungen abgewandert, die alten Bauern meist in Rente. In den 60ern waren fast alle ein paar Jahre in Deutschland, um mit dem gesparten Geld ein Haus zu bauen. Altersvorsorge nennt man das. Nun kommt der Staat, kuerzt die Renten und verlangt Immobiliensteuer in einer sozial ungerechtfertigten Hoehe. Dann hat der Bauer noch ein Auto, da die Busverbindung sehr unregelmaessig ist. Fuer Haus und Auto wird der Bauer mit einem fiktiven Einkommen besteuert, das er nicht hat.
    Ich spreche von einem einfachen, ehrlichen Bauer. Was mich am meisten aergert – es gibt auch reiche Bauern. Die haben mehrere Haeuser, haben ihre Scheune illegal ausgebaut und beherbergen uebers Jahr Billigarbeiter aus Bulgarien. Die meisten ohne Papiere. Aber diese Bauern haben Beziehungen und machen weiter, wie bisher. Ohne belangt zu werden.
    FAZIT: Wer in Griechenland versucht ehrlich zu sein, wird bestraft.

  2. Catalina
    7. Februar 2013, 00:25 | #2

    @Ingrid:
    FAZIT: Wer in Griechenland versucht ehrlich zu sein, wird bestraft.

    Das muß ich leider bestätigen 🙁

  3. Moppel
    7. Februar 2013, 04:38 | #3

    @Ingrid
    Damit ist das Ende der Fahnenstange noch lange nicht erreicht:
    Gemäß der inzwischen verabschiedeten und in Kraft getretenen Novelle zum Steuergesetz ist fortan jeder Volljahrige zur Abgabe einer jährlichen Einkommensteuererklärung verpflichtet, auch wenn er keinerlei Einkommen, Vermögen usw. hat. Das Finanzamt wird ihn daraufhin – ebenfalls auf Basis der geltenden Einkommensteuerverordnung – allein wegen des Umstands, überhaupt (noch) zu leben, mit einem fiktiven persönlichen Einkommen von minimal 3.000 Euro veranlagen.
    Da dieses imaginäre „Einkommen“ weder einer Beschäftigung als Arbeitnehmer noch einer Rente entspringt, wird es ab dem ersten Euro (sprich ohne jeglichen Freibetrag) mit einem Satz von 26% (= minimal 780 Euro) besteuert. Diese „Steuerschuld“ wiederum wird drei Monate nach „Feststellung“ fällig gestellt, womit gemäß der geltenden Gesetzgebung automatisch die einschlägigen Sanktionen und Vollstreckungsmaßnahmen – bis hin zur „Schuld(ner)haft“ – eingeleitet werden!

  4. Willi F. Gerbode
    7. Februar 2013, 12:05 | #4

    Alle in den Kommentaren genannten Beispiele unterstreichen drei Kernaussagen des Protagon-Textes. Die ersten beiden sind analytisch und treffen ohne jede Abstriche zu. Die letzte betrifft die Zukunft des Landes. Hier ist von „Ungeschicklichkeit“ (der Entscheidungsträger) die Rede. Das dürfte eine Fehleinschätzung sein. Die Regierung hat sich schlichtweg verkalkuliert, indem sie meint(e), die breite Masse werde alles schlucken. „Unfähigkeit“ oder „Dummheit“ dürften also die treffenderen Begriffe sein, die zu einer Zerreißprobe für die griechische Gesellschaft geworden sind. Moppel hat recht, wenn er/sie von der Fahnenstange spricht, deren Ende noch nicht erreicht sei. Sicher ist, dass diese Regierung wohl – bildlich gesprochen – durch diese Stange erschlagen werden wird:

    1.: „Abgesehen von den Steuermaßnahmen und Kürzungen habe ich jedoch nicht gesehen, dass irgend etwas anderes umgesetzt wird, damit die notwendigen Reformen erfolgen. Das politische System sucht bei der leichten Lösung Zuflucht und schiebt praktisch all das auf, was es beeinträchtigt.

    2. „In Griechenland kommt leider Dein Recht zusammen mit dem Dir zur Verfügung stehenden Druckmittel auf die Waage. Du hast um so mehr Recht, je mehr Druck Du ausüben (oder “dienstbar sein”) kannst. Und das sehen wir permanent um uns herum.

    3.: „Somit befürchte ich sehr, dass die übertriebenen Beträge der FAP nicht nur einfach der Tropfen, der das Glas zum Überlaufen bringt, aber die “Ungeschicklichkeit” seien werden, die das Glas vom Tisch stößt … .“

  5. Konstantin
    7. Februar 2013, 12:36 | #5

    @ Moppel, davon habe ich letztens auch gehört, gibt es da eine Quelle wo ich das nachlesen kann? Wäre super lieb wenn Sie die angeben könnten.

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