Die politischen Delivery Boys in Griechenland

1. Dezember 2012 / Aktualisiert: 04. Juli 2013 / Aufrufe: 615

Autor: Jorgos Ch. Papasotiriou

Thema: 33 Prozent Arbeitslosigkeit auf Privatsektor in Griechenland

Lassen wir es klarstellen: in Griechenland hungern Menschen. Bezweifelt das etwa jemand? Die Kinder hungern, offiziell sind 20.000 unterernährt. Das ist die Substanz. Zweifelt vielleicht jemand daran?

Und trotzdem, einige fokussieren sich auf den Brief der Schulkinder aus Dendropotamos bei Thessaloniki und sprechen von … Populismus. Ist der Brief also gefälscht oder lügen vielleicht die Kinder, wenn sie sagen, ihnen wäre zu Hause der Strom abgeklemmt worden? Und doch ist der ganzen Welt bekannt, dass 30.000 Häusern der Strom abgeschaltet worden ist. Wo liegt also die angebliche Lüge? Oder war vielleicht die Veröffentlichung des Briefs der Kinder durch ihren Lehrer … Populismus?

Im Vorliegenden schauen manche auf den Finger und nicht auf den Mond. Aber was meinen die Herren, wenn sie von der Warte ihrer Sicherheit aus von Populismus sprechen? Bekanntlich ist Populismus die Verwendung von Klischees, welche den Dialog ausschließen, und aus dieser Sicht ist er eine Form der Gewalt. Populismus kann auch die Nutzung unwahrer Tatsachen oder die übertriebene Darstellung wahrer Zustände mit dem Ziel sein, bei der Bevölkerung eine emotionelle Ladung zu verursachen.

Wer jedoch behauptet, der Ruf der kleinen Kinder, die keinen elektrischen Strom oder nichts zu essen haben, sei eine Übertreibung, ist ein blinder und tauber Dickhäuter, der nicht sieht, nicht hört und auch nichts fühlt. Ich würde sagen, er ist ein Schwein, aber die unschuldigen Tiere haben an nichts Schuld. Jeder Versuch, dem Schrei der Empörten und Hungernden gehör zu verschaffen, ist deshalb nicht mehr als ein Versuch, das Zellophan der Heuchelei und Zensur zu zerreißen, welches das Drama der Menschen zu verbergen versucht.

Die ehemalige Bildungsministerin Anna Diamantopoulou zweifelte einmal an, die kleinen Schüler werden vor Hunger ohnmächtig. Später gestand sie ihren Fehler ein. Die selbe Anzweiflung betreiben jedoch jetzt andere. Und hier wird die Höflichkeit fortan zur Mitschuld. Und deswegen werden wir die Beschreibung des Kurt Vonnegut adoptieren, der alle Oberen und deren Herren als „psychopatische Persönlichkeiten, also Menschen ohne Gewissen, ohne Gefühl des Erbarmens oder der Scham …“ bezeichnete. Nur dass diese Persönlichkeiten gar nicht so psychopathisch, sondern völlig neoliberale Pragmatiker sind, die tatsächlich weder Herz noch Gefühle haben. Es handelt sich um die Taliban der Wall Street, der City, von Frankfurt, Berlin, Paris und Brüssel.

Die Absurdität der befolgten Politik der brutalen Austerität trifft letztendlich nur die „unten“, während sie für die „oben“ auf weltweitem Niveau profitabel ist. Auf nationalem Niveau ist sie – hauptsächlich für die peripheren Länder wie Griechenland – jedoch irrational, weil sie ein ganzes Land, ein ganzes Volk auslöscht, außer Einigen, die den Politiker und volkswirtschaftlichen „Delivery Boy“ der Finanzmetropolen spielen und glauben, davonkommen zu werden.

Quelle: Giorgos Ch. Papasotiriou – Die politischen Delivery Boys
Deutsche Übersetzung: Griechenland-Blog

KategorienMeinungen
Tags: ,
  1. CYR
    3. Dezember 2012, 15:33 | #1

    Es wäre interessant den Brief zu kennen, auf den sich der Autor bezieht, könnt ihr das übersetzten oder dazulinken?
    Was mich immer wieder erstaunt, sind die Zitate, hier von Kurt Vonnegut. In deutschen Kolumnen ist das selten. Irgendwie habe ich das Gefühl das dt. Journalisten weniger belesen sind.

  2. admin
    3. Dezember 2012, 16:35 | #2

    @CYR
    Schülerbrief aus Dendropotamos wegen Stromabschaltung

    Dendropotamos – Schule
    Freitag 23 November 2012 23/11/12

    Gestern stellten die Elektriker der unseren Häusern den Strom ab. Sie gaben uns nicht Bescheid und kamen am frühen Morgen mit der Polizei. Sie schalteten den Häusern der Kinder – Mitschüler unserer Klasse den Strom ab. Wir warfen alles Essen aus dem Kühlschrank weg. Es war nicht richtig … was sie getan haben. Es war nicht richtig, wie sie trickreich und gewaltsam in unsere Häuser eindrangen. Es war und ist UNGERECHT.
    Der elektrische Strom ist wie auch das Wasser ein Gut, und wenn wir es den Menschen vorenthalten, wird ihr Leben in Gefahr geraten.
    Am 20 November war der Tag des Kindes und alle redeten von den Rechten der Kinder. Uns schalteten sie den Strom ab und niemand kümmert sich um uns.
    Die Rechte wurden vernichtet.
    Das ist Heuchelei und Verhöhnung.
    Wir Kinder von der Schule

  3. CYR
    3. Dezember 2012, 18:26 | #3

    Danke das ist sehr aufschlussreich

Kommentare sind geschlossen