Die griechische Botschaft an Merkel

10. Oktober 2012 / Aktualisiert: 10. Oktober 2012 / Aufrufe: 979

Artikel des Parteivorsitzenden der SYRIZA-Partei, Alexis Tsipras, im Guardian anlässlich des Eintreffens der Kanzlerin

Den Titel Die griechische Botschaft an Angela Merkel wählte der Guardian dem Artikel des Vorsitzenden der SYRIZA-Partei Alexis Tsipras zu geben, der in der britischen Zeitung angesichts des Besuchs der deutschen Kanzlerin in Griechenland publiziert wurde. „Europa kann die von der Austerität verursachte Krise überleben, jedoch nur, wenn es von seinen Völkern und für seine Völker neu geplant wird„, betont Alexis Tsipras unter anderem.

Wenn Angela Merkel am Dienstag Griechenland besucht, wird sie ein Griechenland vorfinden, welches das in Folge fünfte Jahr der Rezession durchmacht. 2008 und 2009 war die Rezession Ergebnis der Ausbreitung der weltweiten Wirtschaftskrise. Seitdem wurde sie von der Sparpolitik hervorgerufen und vertieft, welche Griechenland von der Troika und der griechischen Regierung aufgezwungen wurde„, merkt Herr Tsipras und fügt an:

Diese Politiken sind für das Volk und hauptsächlich die Arbeitnehmer, Rentner, Kleinunternehmer, Frauen und natürlich die jungen Menschen katastrophal. Die griechische Wirtschaft ist um mehr als 22% geschrumpft, die Arbeitnehmer und Rentner haben 32% ihres Einkommens verloren und die Arbeitslosigkeit präsentiert einen ungekannten Anstieg auf 24%, während die Arbeitslosigkeit der jungen Menschen 55% erreicht„.

Wirtschaftliche und politische Erpressung zugunsten neoliberaler Ziele

Die Austeritätspolitiken„, fährt Alexis Tsipras fort, „hindern die Wirtschaft daran, zu Rhythmen des Wachstums zurückzukehren. Die Austerität führt in einen Teufelskreis der Rezession und des Anstiegs der Verschuldung, was wiederum Griechenland und seine Gläubiger in die Katastrophe führt. All dies ist den europäischen und griechischen Politikern – darunter auch Frau Merkel – bekannt, die darauf abzielen, ähnliche Programme auch anderen europäischen Ländern aufzuzwingen, die Verschuldungsproblemen begegnen, wie Spanien, Portugal und Italien„, unterstreicht Tsipras und antwortet auf die Frage „warum beharren sie dermaßen dogmatisch auf dieser katastrophalen Politik?„:

Wir nehmen an, dass ihr Ziel nicht ist, die Schuldenkrise zu lösen, sondern einen neuen regulativen Rahmen in ganz Europa zu schaffen, der auf den billigen Arbeitskräften, der Liberalisierung des Arbeitsmarkts, den reduzierten öffentlichen Ausgaben und den Steuerbefreiungen des Kapitals basieren wird. Um dies zu erzielen, stützen sie ihre Strategie auf eine Form politischer und wirtschaftlicher Erpressung, um die Europäer zu überzeugen oder zu zwingen, die Sparpakete ohne jegliche Gegenreaktion zu akzeptieren. Die in Griechenland befolgte Politik der Angst und der Einschüchterung ist das beste Beispiel dieser Strategie.

Dies muss jetzt aufhören. Europa braucht einen neuen Plan, der die europäische Vollendung forciert. Dieser Plan muss den Neoliberalismus in Frage stellen und die europäischen Wirtschaften auf den Weg des Aufschwungs führen. Es ist den Bedürfnissen der Arbeitnehmer, Rentner und Arbeitslosen und nicht denen der Multis und der bankrotten Bankiers Priorität zu geben. Die SYRIZA-EKM hat sich verpflichtet, diesen Weg zu befolgen. Wir wissen, dass es schwer ist, aber es ist der einzige Plan, der die europäische Vision der gesellschaftlichen Gerechtigkeit, des Friedens und der Solidarität wiederherstellen kann„, unterstreicht er.

Abschließend unterstreicht Herr Tsipras: „Dieser Plan wird nur gelingen, wenn die Kämpfe des Volkes das Kräfteverhältnis radikal ändern. Diese Kämpfe haben bereits begonnen und führen zum Aufstieg der Linken und der Widerstandsbewegungen in ganz Griechenland. Sie halten die Demokratie, die Gleichberechtigung, die Freiheit und die Solidarität lebendig – die bedeutendsten Werte der europäischen politischen Tradition. Diese Werte müssen überwiegen, anderenfalls wird Europa in eine dunkle Vergangenheit zurückfallen, von der wir glaubten, sie sei unwiderruflich überwunden worden.

(Quelle: in.gr)

  1. Stipsi Fan
    10. Oktober 2012, 18:02 | #1

    Man kann sagen was man will. Der Mann hat zutiefst recht. Ich hoffe, dass er mal an die Regierung kommt. Das Argument, dass er nicht konkret sagt, was zu tun ist, ist ein Totschlagargument! Die anderen wissen es ja auch nicht. Ohne die 50 Sitze Vorsprung Regelung wäre er jetzt zweitstärkste Partei, mit ganz wenigen Prozenten hinter Samaras. Das wird alles immer ganz falsch dargestellt.

  2. Frank
    10. Oktober 2012, 19:45 | #2

    @Stipsi Fan

    Im Prinzip hätte Tsipras recht, wenn sein Vorschlag denn funktionieren würde. Das Problem ist nur, er würde nicht funktionieren. Die Austeritätspolitik aufgeben würde bedeuten, nicht sparen, sondern mehr Geld ausgeben. Aber niemand würde Griechenland dieses Geld mehr geben. Die einzige Alternative wäre: Zurück zur Drachme, davon könnte man so viel drucken wie man will. Was das bedeutete, weiß aber wohl jeder.

  3. Unglaublich
    10. Oktober 2012, 20:22 | #3

    Dies muss jetzt aufhören. Europa braucht einen neuen Plan, der die europäische Vollendung forciert. Dieser Plan muss den Neoliberalismus in Frage stellen und die europäischen Wirtschaften auf den Weg des Aufschwungs führen. Es ist den Bedürfnissen der Arbeitnehmer, Rentner und Arbeitslosen und nicht denen der Multis und der bankrotten Bankiers Priorität zu geben. Die SYRIZA-EKM hat sich verpflichtet, diesen Weg zu befolgen. Wir wissen, dass es schwer ist, aber es ist der einzige Plan, der die europäische Vision der gesellschaftlichen Gerechtigkeit, des Friedens und der Solidarität wiederherstellen kann“, unterstreicht er.
    Zitat Ende

    ..aha, was darf ich mir unter einer „europäischen Vollendung“ vorstellen?
    Ich frage nur deswegen, die Historie hat gezeigt dass aus einem einstigen Vielvölkerstaat des Heiligen römischen Reiches in die Überführung eines geinigten Deutschlands ca. 1000 Jahre und eine Menge innereuropäischen Kriege, Schlachten, Umstürze, Revolutionen gebraucht hat, um nur die heutigen Deutschen zu einen.
    Und sie sprachen schon damals ähnliche Sprachen, hatten ähnliche Kulturen, weitestgehend ähnliche Religionen.
    Noch heute gibt es Gefälle zwischen den Westdeutschen und den ehemaligen Ostdeutschen.
    In ca. 50 Jahren wird es sich angeglichen haben.
    Setze ich den gleichen Maßstab an eine „europäische Vollendung“ schaue ich im Jahr 3000 nochmals vorbei, bis dahin sollte gesundes Selbstvertrauen und Fremdvertrauen aufgebaut worden sein, denn jeder einzelne Mensch wird nicht zu etwas gezwungen, was er nicht will, sondern macht es mit sich selber im einzelnen aus, was für ihn und der Gesellschaft richtig und gut ist.
    Ist es richtig und gut, steht der europäischen Volleundung nichts entgegen.
    Das nennt man auch tragfähiges Fundament.
    Überflüssig zu erwähnen, Geldregen hin oder her, für wen auch immer – es kommt am langen Ende immer wieder auf den kleinsten Nenner zurück – Vertrauen.

  4. Götterbote
    11. Oktober 2012, 11:20 | #4

    @unglaublich
    Vielleicht ist das Ziel der europäischen Vollendung nicht das Angleichen von Sprache, Kultur usw. (ich hoffe es jedenfalls nicht), sondern einfach nur das friedliche Miteinander, mit gleichem Recht, gleichen Möglichkeiten und gleicher Ausgangslage für alle. Die Deutschen müssen nicht wie die Griechen werden und die Griechen nicht wie die Deutschen. Aber es wäre einfach nur schön, wenn Arbeit überall gleich viel Wert ist, die Besteuerung überall gleich fair oder unfair und die Menschen in Friede und Glückseligkeit in ihrer Heimat leben können. Die Unterschiede in Mentalität und Kultur, aber im Grunde mit der gleichen Wurzel und dem gleichen Stamm, das ist das, was Europa ausmacht.

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