Ich will meine Oma zurück!

27. September 2012 / Aufrufe: 1.053

Autor: Nikos Orfanos

Thema: Altersarmut in Griechenland

Ich will nicht damit langweilen, dass auch ich über die Kürzungen bei den Löhnen verärgert bin. Über das zu Erwartende, nämlich dass das Geld ausgegangen und der Staat insolvent ist – also versuch mal, einem Nackten in die Tasche zu greifen – und darüber, dass diesen Kürzungen seit geraumer Zeit absolut keine jener Entwicklungsmaßnahmen folgt, die Geld und Arbeit bringen.

Das Thema ist ein anderes. Das Thema sind die Rentenkürzungen und die Alten dieses Landes. Ich übergehe die Tatsache, dass der griechische Staat zigtausend Bürger betrogen hat, indem er sie zur Zahlung höherer Versicherungsbeiträge ermunterte und damit bei ihnen das trügerische Gefühl kultivierte, auf Basis von Leistung und Gegenleistung auch eine höhere Rente zu erhalten. Ich übergehe die Tatsache, dass immer noch die teuren Versicherungsklassen gelten, obwohl sie keinerlei Gegenwert mehr haben – der staatliche Betrug sich also fortsetzt.

Und ich stehe hier, an der Metro-Station Evangelismos. An dem zum Park gelegenen Ausgang. Und plötzlich verrauchen alle meine Werte im Anblick der äußerst würdevollen alten Frau, die um 10 Cent bittet. Und mein gesamter Optimismus verfliegt. Und ich denke, welche Art von Land und was für ein Staat ist das, der unsere Großmütter und Großväter zu Bettlern macht? Jetzt, kurz vor ihrem Lebensende?

Beachten Sie, das Thema ist nicht wirtschaftlich. Es ist existenziell. Diese Menschen haben nicht mehr viel Zeit. Und als ob dieses unerbittliche Gefühl des auf sein Ende zugehenden Lebens nicht ausreichen würde, müssen sie in Armut leben, damit der Staat wieder auf seine Beine kommt? Zu einer gesellschaftlichen Last gemacht werden, jetzt an ihrem Lebensabend?

Ich bezweifle nicht die Tatsache, dass auch ihre Generation in Sorglosigkeit lebte. Und manchmal neugriechisch und untertänig. Na und? Das unvermeidliche Ende gestattet uns nicht, unerbittlich zu sein, wie vielleicht mit jüngeren Arbeitnehmern. Und weil ich mich mir nicht als den Enkel vorstellen möchte, der seinen Großvater sucht, während dieser draußen umherzieht und bettelt, rufe ich wie ein anderer Enkel: Ich will meine Großmutter und meinen Großvater zu Hause haben! Dass sie mir Märchen erzählen und mit mir spazieren gehen! Und für mich kochen, wenn meinen Eltern die Zeit dazu fehlt. Ich will sie so haben, wie es ihnen gebührt, jetzt wo sie alt sind.

Es ist ein Thema nationaler Würde! Anderenfalls zum Teufel mit dem Staat! Weil ihm mehr nicht gebührt.

Quelle: Protagon.gr
Deutsche Übersetzung: Griechenland-Blog

  1. Juls
    27. September 2012, 09:48 | #1

    Danke Niko,

    genau sehe ich es auch…….

    „“Es ist ein Thema nationaler Würde! Anderenfalls zum Teufel mit dem Staat! Weil ihm mehr nicht gebührt.““

  2. CYR
    27. September 2012, 11:52 | #2

    Point of no Return.

    Hier hilft nur noch eins.

    Ziviler Ungehorsam. Es ist Zeit für eine Revolution

  3. Moppel
    27. September 2012, 14:33 | #3

    Heute (27/09/2012) wurde bekannt gegeben, dass sogar auch die feudale Grundrente des OGA in Höhe von monatlich sage und schreibe etwa 360 Euro um 30 Euro gekürzt wird.

  4. Sauer
    27. September 2012, 23:14 | #4

    @CYR
    Ja, es ist Zeit. Es ist Zeit in ganz Europa. Menschen steht auf und wehrt Euch. Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt. Keine Atempause, Geschichte wird gemacht, es geht voran. Ob Spanien, Italien, Griechenland, bald auch noch andere Laender. Steht auf und wehrt Euch.

  5. Griechenlandfanin
    27. September 2012, 23:20 | #5

    Danke Niko. Aber das gilt fuer alle Laender und alle Muetter und Grossmuetter, fuer alle Vaeter und Grossvaeter und deren Enkel. Europa muss aufstehen und sich wehren. Die Menschen muessen dies tun, das war schon immer so. Es tut mir auch im Herzen weh, wenn ich alte Menschen vor den Apotheken sehe, die ihre Rezepte einloesen wollen und nicht koennen, weil Barzahlung angesagt ist. Ich kann Einen retten, aber mein Geld reicht auch nicht mehr so ganz aus. Danke fuer diesen Artikel, er sagt mehr aus als Vieles Andere.

  6. Christos
    10. Oktober 2012, 21:46 | #6

    Nur so am Rande: Allein In München leben etwa 2000 (!) Menschen auf der Strasse und müssen sich durch Almosen am Leben halten. Im Winter, wenn er denn richtig hart ist, sterben regelmässig dutzende von ihnen. Es ist durchaus kein griechisches Phänomen, dass Menschen weder Arbeit noch Einkommen noch eine Wohnung haben. Oma hin oder her.

  7. Götterbote
    11. Oktober 2012, 11:23 | #7

    @Christos
    In Deutschland muss niemand auf der Strasse leben, wenn er nicht will und bereit ist, ein Minimum an Bereitschaft zu zeigen. Jeder hat Anspruch auf Sozialleistungen. Diese gibt es in der Form in Griechenland nicht. Das ist dann wohl ein nicht unerheblicher Unterschied.

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