Leben, um zu arbeiten, oder arbeiten, um zu leben?

4. Juni 2012 / Aktualisiert: 01. Juli 2013 / Aufrufe: 1.392

Eingereicht von: Griechenfan

Thema: Griechen arbeiten mehr als Deutsche

Erfindergeist, Sparen an teuren Materialien, Kreativität. Daran mangelt es in den Industrieländern, es kann anders gehen. Genau das hat mich nach Griechenland geführt. Nichts ist gerade und nichts perfekt. Das ist das Leben. Oder ist das Leben in Deutschland so toll? Ist es nicht schön, ein Rad neu zu erfinden?

Ich war dabei, als in Patras vor Jahren Behindertenbusse in die Fähre sollten. Sie waren sehr niedrig und es war ein Problem, sie auf die Rampe zu bekommen. Alle haben mitdiskutiert und Lösungen vorgeschlagen. Es hat eine Stunde gedauert und dann geklappt. Damals war ich als Deutsche etwas genervt, war ich doch an die Zeiteinhaltung gewöhnt und Diskussionen um solche Dinge nicht gewöhnt. Eine wirklich arrogante Haltung. Hier waren Menschen wirklich ernsthaft dabei, eine Lösung zu finden, weil sie die modernen Geräte wie in Deutschland nicht hatten. Ich habe es später sehr bewundert, zumal es dann eine Lösung gab.

Wir haben eine alte Ruine gekauft, mit sehr viel Selbstarbeit. Der Elektriker kam und hat uns Leitungen verlegt. Jeder Deutsche hätte die Hände über den Kopf geschlagen. Da wurde ein Loch gehauen auf einer wackeligen Leiter (da würden die Behörden für Sicherheit in Deutschland Strafen verhängen), Gewerkschaft? Der Lehrling musste ein Holz suchen, was hinein gehauen wurde. Der Anschluss angebracht und Zement drauf. Und? Die Lampe hängt heute noch. Geht doch. Wenn Ersatzteile nicht da waren, wurde eben mit viel Kreativität Alternativen gesucht. Manchmal hat es lange gedauert, aber … es hat immer geklappt. Ist das nicht das Leben?

Es geht immer nur um Produktivität und um Profit, um auf den Märkten mithalten, nicht mehr um das Leben. Es wird gesagt … und ich denke, da ist etwas Wahres dran: “In Deutschland lebt man, um zu arbeiten. In Griechenland oder anderen Ländern arbeitet man um zu leben”.

In der Tat haben hier viele Menschen mehrere Jobs um sich über Wasser zu halten. Ich habe noch nie so viel arbeitende und fleißige Menschen gesehen. Klar, es ist oft nicht so produktiv und in den Behörden gibt es nicht so sehr qualitativ ausgebildete Menschen. Es kann nerven und nimmt viel Zeit in Anspruch. Griechenland hat immer hinterher gehinkt. Aber vergesst nicht, es ist ein kleines Land mit sehr viel weniger Einwohnern als Deutschland und mit sehr viel weniger Technologie. Weniger Arroganz wäre hier angebracht.

Ja, und die Griechen wissen es ihr Leben zu feiern und miteinander zu sein. So viel Großzügigkeit und Herzenswärme. Und wisst ihr was? Ich habe noch nie so gute Ärzte erlebt. Sie haben zwar keine Sprechstundenhilfe und die Räume sehen nicht so edel aus wie in Deutschland. Aber sie nehmen sich Zeit und sind sehr genau. Sehr gute Diagnostiker und schauen nicht auf die Uhr, ob der Patient zu viel Zeit in Anspruch nimmt, weil ja Zeit Geld ist. Nein. Sie schicken Dich auf eine Reise, die etwas unbequem ist, weil Du erst mal hierhin und dahin musst. Blutuntersuchungen etc. zur Krankenkasse, um das abzuklären. Viele Wege für ein wirklich gutes Ergebnis. Klar ist es nicht so gut organisiert wie in Deutschland, aber sehr effektiv. Hier ist der Patient noch ein Mensch und keine Massenware.

Ich höre jetzt auf zu schreiben, weil mir so viel einfällt, was ich nicht schreiben kann. Klar, Griechenland ist nicht perfekt, manchmal nervt es mich so unendlich, aber ich bin auch Deutsche, die die Wurzeln nicht so ganz abschütteln kann. Aber …. ich fühle mich hier so viel besser aufgehoben trotz aller Widrigkeiten. Mensch sein, Mensch sein dürfen. In die Landschaft pinkeln können, Kapern sammeln, den Garten verwildern lassen dürfen, ohne dass sich Nachbarn aufregen oder ich eine Verwarnung bekomme. Mein Haus anmalen kann, wie ich es will. Das ist Griechenland für mich. Nachbarn, die sich um mich kümmern und umgekehrt. Nicht anonym sein.

Okay, ich werde emotional, aber das ist Leben. Ich will nicht, dass sich das alles ändert. Es heißt nicht, dass ich mit Allem hier konform bin. Das steht mir auch nicht zu, denn ich bin Zuwanderin und habe meine Wurzeln woanders. Ob die gut oder schlecht sind …. ?? Aber mein Herz schlägt in Griechenland, es ist ganz bewusst mit allen Widrigkeiten gewollt. Ich stehe dazu und möchte nie etwas Anderes.

Ich wünsche mir für Griechenland ein Land voller Stolz. Mit Veränderungen, die effektiv sind, aber nicht die Mentalität verändern. Die stark sind, das griechische Volk zu schützen und die Eigenheiten zu bewahren. Ich hoffe sehr, dass Griechenland, das Volk sich erhebt und sich vor dem Eurotrauma schützen kann. Hier geht es um ein Exempel und da wird über Leichen gegangen. In dem Sinne … Griechenland den Griechen! Ich hoffe, dass SYRIZA die Wahlen am 17 Juni 2012 gewinnt. Weg mit ND und PASOK. Ist zwar auch etwas unsicher, aber es gäbe eine Chance.

  1. Holger Lippert
    4. Juni 2012, 20:30 | #1

    …bravo, es tut gut, einmal anderes zu hören als den ewigen Mist vom “Unsereins-darf-nur-zahlen“, unserer schrecklichen “Konsequenz“, unserer Kaelte und unserer Blindheit gegenüber den wirklich Schuldigen…zu denen auch wir gehören ….

  2. White Tower
    4. Juni 2012, 20:31 | #2

    @Griechenfan

    🙂

    Danke für den Beitrag …

  3. Franz
    4. Juni 2012, 20:55 | #3

    Traumhaftes Griechenland, oder doch nicht? Wohl doch weit weg………..

    Ich weiß nicht recht, was ich von dem Artikel mit der verklärten Sichtweise halten soll, es wirkt auf mich sehr träumerisch, an der Realität vorbei, irgendwie weit in der Vergangenheit. Also ich habe in Deutschland auch sehr viele arbeitende und fleißige Menschen gesehen und zumindest hier in Griechenland in den ländlichen Gebieten sehe ich auf den Feldern zumeist nur Bulgaren, Albaner, Rumänen und jetzt auch schon vereinzelt Pakistaner, meist Tagelöhner zu äußerst geringen Löhnen und nicht sozialversichert und sehr, sehr wenige Griechen.
    Ja, es geht auch in Griechenland um Produktivität, wie soll sich der Staat denn sonst finanzieren, im internationalen Wettbewerb bestehen, Schulden begleichen, alleine von der „Schönheit des Landes, von der Feierlaune und Geselligkeit der Bewohner“ wohl kaum. Griechenland ist nun mal abhängig von internationalen Warenströmen und ist nicht „AUTARK“, also müssen die Rohstoffe, oder allgemein die eingeführten Waren bezahlt werden (siehe Erdölprodukte usw.). Ja auch mir tun die Menschen hier in Griechenland leid, die sich momentan einen Arztbesuch nebst zusätzlichen Untersuchungen nicht leisten können, weil sie die entsprechenden Kosten vorstrecken müssen, die Ärzte, Physiotherapeuten, Apotheker und auch die Krankenhäuser wollen nun mal Bargeld sehen, weil die Krankenkassen ihre Rechnungen nicht bezahlen (sie sind schlichtweg pleite). Von ungerechtfertigten Renten möchte ich hier überhaupt nicht sprechen, ein Drama für sich und auch schon oft angesprochen. Dies ist aber nicht die Schuld der Troika wie es die Politiker hier gerne anführen, nein, es ist die jahrzehntelange Vettern- und Günstlingswirtschaft die dieses Land in den Ruin geführt hat, auch die Unfähigkeit zur konstruktiven Selbstkritik hat mit Sicherheit zu diesem Umstand beigetragen. Ein überbordender Verwaltungsapparat mit schier unendlichen und unübersichtlichen Verwaltungsvorschriften tut ein Übriges. Was wurde seit Beginn der Krise und seit dem ersten Rettungspaket umgesetzt? „NICHTS“, die entsprechenden Gesetze nebst Ausführungsbestimmungen wurden so verwässert, dass nichts mehr zu merken war von Änderungen, es wurde wie immer versprochen und jetzt auch noch bis nach dem 17. Juni ausgesetzt. In der Zwischenzeit nimmt die Armut dramatisch zu und natürlich auch die Kriminalität. Und wenn ich die vielen Bettler in den Städten und jetzt auch noch auf dem Land sehe beim Durchwühlen der Mülltonnen auf der Suche nach etwas Essbarem, dann ist es mit der Solidarität und Nachbarschaftshilfe wohl nicht so dolle. Vielleicht auch schon mal gehört, dass Familien ihre Kinder in Klöster abgeben, weil sie die Kinder nicht mehr ernähren können. Schon einmal in den Supermärkten die Einkaufswägen für Spenden gesehen? Anstatt das sich die griechischen Politiker an einen Tisch setzen und eine Regierung der nationalen Einheit bilden, jeder seine Verantwortung mit einbringt, kocht jeder wieder, wie seit der Militärdiktatur, sein eigenes Süppchen aus reiner Machtgier. Wenn man die verschiedenen Parteiprogramme aufmerksam gelesen hat, auch das der SYRIZA-KM, kann sich wohl jeder ausmahlen, dass diese Programme nicht umsetzbar sind, ja auch in keinster Weise finanzierbar, also getrost alles für die Mülltonne. Dies zur Ernsthaftigkeit der politischen Parteien das Land wirklich aus der Krise führen zu wollen, einen schlanken Staat zu formen und somit wieder Interessenten für Investitionen zu gewinnen, also Arbeitsplätze schaffen zu wollen.
    Ich lebe schon sehr lange hier in Griechenland und sicher bin ich um die Zukunft dieses Landes besorgt, aber solange die Politiker sich um klare Entscheidungen drücken, die Bevölkerung belügen, solange wird die Entwicklung stagnieren und „STILLSTAND IST AUCH RÜCKSCHRITT“. Sicher wünsche ich mir auch ein stolzes Griechenland, dass heißt aber auch seine Entwicklung mal endlich in die Hand nehmen, sich auf lange Sicht unabhängiger zu machen, dies alles gibt es aber nicht zum „NULLTARIF“, hier sind mal mehr Taten gefragt, nicht Träumereien und unrealistische Vorstellungen.

  4. Crosswind
    4. Juni 2012, 21:02 | #4

    … vielen Dank für diese ehrlichen Worte – ich (als Deutscher hier in der BRD GmbH) sehe das genau so – und dachte schon, ich bin hier draußen ganz allein mit meiner Meinung … . Die 50 eigens von Pasok und ND eingeführten (undemokaratischen) „Bonussitze“ werden ihnen nun hoffentlich endlich zum eigenen Verhängnis – ich wünsche allen Griechen die Kraft, sich bis zum 17. Juni von den Demoskopie-Berichten der Mainstream-Medien fernzuhalten und auch keine vermeintlichen „Wahlgeschenke“ anzunehmen – dann klappt´s auch mit dem Neuanfang. Kalo Risiko 😉

  5. Werner Ernst
    5. Juni 2012, 10:31 | #5

    Beim Bau meines Hauses in GR durfte ich Handwerker und Behörden von einer etwas anderen Seite kennen lernen als die blumige Verklärung in diesem Beitrag vermuten lassen würde.

    Beispiele?

    Strafzahlung wegen Ziegeln statt Schiefer auf dem Dach, zwecks der einheitlichen Orts-Optik (Bürgermeister und andere Honoratioren des Dorfes haben selbstverständlich günstigere Ziegeldächer).

    Der Wasserableser ist eines Tages mit den Einnahmen aus drei Jahren spurlos verschwunden. Wir gehörten zu den wenigen, der sich von ihm Quittungen über den vollen bezahlten Betrag ausstellen ließen und damit zumindest nach einigem Hin und Her auf dem Wasseramt nicht wie andere die drei Jahre nach Schätzung nachbezahlen mussten.

    Als ich seinerzeit das Grundstück kaufte, musste ich zunächst erst mal die Grundsteiuer des Vorbesitzers für die letzten 20 Jahre nachbezahlen. Hatte der irgendwie vergessen.

    Dass die Elektro- und Wassermonteure Pi mal Daumen Löcher und Schlitze hauen und äußerst kreativ bei der Bemaßung sind, mag man charmant finden, zumal es ja durchaus freut, wenn sie endlich (so um ein bis zwei Wochen nach dem vereinbarten Termin) überhaupt auftauchen. Dass man deswegen eine Heidenarbeit hat, z.B. Duschwanne, WC oder Kücheneinrichtung funktionierend zu verbauen, weil keinerlei „Norm“ oder „Maß“ eingehalten wird, ist dann nicht immer so wunderbar.

    Und so könnte es endlos weitergehen. Jeder, der in GR auch nur zeitweise lebt, kennt das alles zur Genüge.

    Nach vielem Hin und Her mit griechischen Facharbeitern erledigt mittlerweile sämtliche Arbeiten im Haus und auf dem Grundstück ein albanischer Handwerker, seit Jahren zu meiner vollsten Zufriedenheit und im Gegensatz zu seinen griechischen Vorgängern pünktlich, zuverlässig und akurat.

    Seit über 20 Jahren bin ich zu Gast in diesem wunderbaren Land und liebe es sehr, schätze die Menschen dort und ihre Mentalität. Es hat aber nichts mit „Deutscher Spießer“ zu tun, wenn man für sein Geld Planungssicherheit und rudimentär saubere Ausführung der Arbeit erwartet.

  6. oniro
    5. Juni 2012, 15:47 | #6

    @Werner Ernst
    Ich kann Ihnen nur zustimmen und könnte Ihre Liste um einiges erweitern.
    Ich kenne GR seit 30 Jahren u.spreche die Sprache.
    Lebe zeitweise dort u.dachte immer es wäre schön dort seinen Lebensabend zu verbringen.
    Ich habe auch eine Wohnung restauriert dort u.könnte ein Buch darüber schreiben, auch über meine sonstigen Erlebnisse dort.
    Ja ich bin inzwischen auch dafür dieses Land so zu lassen wie es ist, aber ohne die Finanzierung durch aussen.
    Denn für diese Lebensweise muss ich auch die Verantwortung übernehmen u.dazu stehen.

    Darum freiwilliger Ausstieg (wir sind ja so stolz !!!) und Verantwortung endlich.

  7. niki stavraki
    5. Juni 2012, 20:30 | #7

    Endlich mal was Positives.
    Ich bin Griechin, in Deutschland geboren und aufgewachsen, und lebe seit 22 Jahren in Griechenland. Am Anfang war vieles auch fuer mich schwer, aber hier ist meine Heimat.
    Gebt uns doch einfach noch eine Chance.

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