Eurotrauma, Dollartrauma – Die Welt ist nicht gerecht

16. Juni 2012 / Aktualisiert: 01. Juli 2013 / Aufrufe: 437

Eingereicht von: Griechenfan

Thema: Beunruhigender Anstieg rassistischer Gewalt in Griechenland

Früher sagten wir, illegal ist scheißegal. Aber es herrschten andere Umstände. Ich weine für jeden Flüchtling, gleich ob aus wirtschaftlichen, politischen oder anderen Gründen.

In Deutschland habe ich mit Flüchtlingen aus Eritrea gearbeitet. Viel mit Frauen. So viel Leid, so viele Vergewaltigungen, bis sie schließlich in Deutschland landeten. Ein „normaler“ Mensch kann sich das nicht vorstellen.

Jeder Mensch auf dieser Erde hat die Berechtigung, sich am Leben zu erhalten und zu reisen wohin er will. Ich bin sehr wütend auf diese Politik, auf Länder welche denken, ihren Wohlstand schützen und Grenzen dicht machen zu müssen, um weiterhin in ihrem Wohlstand zu leben und um andere Länder ausbeuten zu können. Mit welchem Recht?

Ist es rechtens, in anderen Ländern produzieren zu lassen, Kinder arbeiten und zu Krüppeln werden zu lassen für Waren, die wir hier dann zu Niedrigpreisen erhalten? Frauen, Kinder, die für Lidl, Aldi, Adidas und wer weiß wen sonst noch ihre Familien und ihre Gesundheit aufs Spiel setzen? Haben wir Mitleid mit all den Menschen dieser Welt, die flüchten müssen, weil sie von der sogenannten „Ersten Welt“ ausgebeutet werden? Könnt ihr Euch das Leid vorstellen, welches sie ertragen um zu überleben?

Hier in Griechenland landen so viele Flüchtlinge, von der EU im Stich gelassen. Es gibt immer wieder Meldungen, dass Gelder dafür fließen. Könnt Ihr Euch vorstellen, dass es egal ist, wie viel Stacheldrahtzaun um das Gebiet zwischen der Türkei und Griechenland gezogen wird, wie verzweifelt die Menschen sind? Mütter mit ihren Kindern überqueren selbst bei eisiger Winterskälte den Grenzfluss Evros. Es sind so viele gestorben, aber darüber lese ich in diesem Blog nichts, wenig. Griechenland wird auch hier allein gelassen.

Ich habe schon geschrieben, dass auch ich mit Etlichem nicht einverstanden bin. Aber … „mein Name ist Mensch“. Lassen wir uns nicht von Geld blenden, bleiben wir Mensch. Wie traurig muss ein Mensch sein, verlassen in der Fremde. Von Stacheldraht umgeben und ohne Perspektive, dem entrinnen zu können? Ich wünsche allen Zynikern, das mal am eigenen Leib zu erleben. Fern der Heimat, seiner Familie, und den Schleppern so viel Geld zahlen zu müssen, wofür wiederum alle Familien zusammengelegt haben um dann darauf zu warten, dass der „Auserwählte“ wiederum die Familien in der Heimat unterstützt.

„Mensch zu sein“ trifft auf immer mehr Menschen nicht mehr zu. Wenn ich hier einkaufen gehe, werde ich belagert. Wir leben von einer sehr kleinen Rente, aber es reicht. Schaut mit offenen Augen und kauft Nahrung auch für die hier lebenden Flüchtlinge. Wenn ich unterwegs bin, organisiere ich Essen für die Flüchtlinge. Ich bin fremd in diesem Land und weiß nichts anderes zu unternehmen.

Ich bin nicht zufrieden mit diesem Beitrag und würde gerne noch viel mehr schreiben. Ich komme aus der ehemaligen DDR und war als Kind auch einmal Flüchtling. Wir schliefen als Familie mit 5 Personen in einem Zimmer. Wir erhielten Decken und mein Vater fand schnell Arbeit. Das hier in Griechenland übertrifft jedoch alles.

Denkt mal nach Leute … es geht nicht immer nur um Geld um Politik … auch wenn das eine das andere nicht ausschließen muss. Aber wir Menschen müssen leben, und wir müssen unsere Kinder vor einen Alptraum schützen. Erhebt Euch und wehrt Euch, überall! Könnt Ihr damit leben, wenn in Afrika die Kinder an Hunger sterben? Ab und an zu Weihnachten mal zu spenden? Habt einen „ruhigen Schlaf“.

Ich möchte nur zum Nachdenken anregen, ein Rezept habe ich nicht. Ich möchte eine Träne für die Menschen, Kinder, Frauen, die beispielsweise den Evros, sprich den Grenzfluss zwischen der Türkei und Griechenland in der Hoffnung auf ein besseres Leben überqueren und dabei ertrinken oder erfrieren.

Eurotrauma, Dollartrauma. Die Welt ist nicht gerecht.

  1. klon 2
    16. Juni 2012, 16:41 | #1

    Hallo Griechenfan,

    vielen Dank für diese Schilderung, sie zerrt die menschliche Tragödie hinter Flüchtlingsschicksalen ans Licht, die allzu oft nur abstrakt, kaum erahnbar bleibt, wenn über das Thema berichtet wird.

    Im Artikel heißt es:

    „Erhebt Euch und wehrt Euch, überall! Könnt Ihr damit leben, wenn in Afrika die Kinder an Hunger sterben? Ab und an zu Weihnachten mal zu spenden? Habt einen “ruhigen Schlaf”.“

    Ich komme zu einem anderen Schluss, die Probleme heißen für mich:

    Kapitalismus und Nationalstaaten.

    Im Kapitalismus ist der Mensch nur dann etwas wert, wenn er der Profitmaximierung dient, also im Produktionsprozess gebraucht wird und konsumiert.
    Davon sind allerdings weltweit die meisten Menschen ausgeschlossen.
    Die Daten der ILO bestätigen, dass immer mehr Menschen ausgeschlossen werden. Und das ist nur logisch in diesem Wirtschaftssystem, denn es treffen mehrere Faktoren zusammen: 1. Produktionsprozesse müssen günstiger werden, damit Kredite („Investitionen“) bedient werden können und tatsächlich ein Wachstum („Profit“) zu verzeichnen ist. Erreicht wurde dies maßgeblich durch den technischen Fortschritt im Produktionsprozess, wodurch immer mehr teure menschliche Arbeit überflüssig wurde und mangels Produktinnovationen nicht mehr an anderer Stelle gebraucht wird.
    Dies bedingte 2. die Märkte brechen ein, weil ein weltweiter Kaufkraftverlust Folge dieser Entwicklung war. Jede Krise, die derzeit als isoliertes Ereignis dargestellt wird, ist genau darauf zurückzuführen und nicht auf einen Zusammenbruch des Immobilienmarktes in den USA, einer zu hohen Staatsverschuldung, einer Eurokrise, einer Bankenkrise, etc. alles Blendwerk um zu kaschieren, dass die Krise eine SYSTEMKRISE möglicherweise sogar die Mutter aller Krisen ausgehend von dem historisch Erlebten ist. 3. Die Ressourcen sind nicht unendlich ausbeutbar, was zu immer riskanteren Ausbeutungsmethoden selbiger führt und damit zu großen Umweltkatastrophen und zu Ressourcenkriegen.

    Aber der Kapitalismus schafft ja Wohlstand, mag man jetzt entgegenen. Dies ist richtig, aber gucken wir mal für wen:

    „Die UN-Universität hat sich dem Thema Ende 2006 angenommen ist zu folgenden Ergebnissen gekommen.

    Den reichsten 1 % der Welt gehören 40 % des weltweiten Vermögens. Den reichsten 10 % gehören schon 85 % des Reichtums.

    Umgekehrt gehört den ärmsten 50 % nicht einmal 1 % des Vermögens. Diese Ergebnisse sind wirklich erschütternd.“ (vgl. http://www.globalisierungsblog.de/17/die-ungerechte-verteilung-des-reichtums/)

    Problem Nr. 2:
    Nationalstaaten ermöglichen m.E. (unter anderem) erst die Trennung zwischen den Menschen. Erst wenn wir erkennen, was Griechenfan erkannt hat nämlich, dass Herkunft uns keinen Wert beimisst, der die eine Volksgruppe privilegiert und die andere größtenteils in Armut treibt, beginnen wir vielleicht endlich klar zu sehen, wer sich tatsächlich an „uns“ (den eher einkommensschwachen oder einkommenslosen Schichten) bereichert (s.o.).

    Daher halte ich das Anfangszitat für etwas verfehlt, wenn es heißt:

    „Könnt Ihr damit leben, wenn in Afrika die Kinder an Hunger sterben? Ab und an zu Weihnachten mal zu spenden? Habt einen “ruhigen Schlaf”.“

    Denn es wird suggeriert, dass die 50% die nur 1% des Vermögens auf sich konzentrieren, maßgeblich Schuld an der Misere sind, weil sie lediglich mal an Feiertagen spenden.

    Dass die 10% uns 50% aber ausbeuten, wird dabei vollkommen ausgeblendet.

    Deshalb komme ich zu einem anderen Schluss: Wer wirklich an der Wurzel des Übels ansetzen will, muss an der Verteilungsungleichheit ansetzen und das heißt nicht mehr den Kapitalismus zu unterstützen (was zugegeben ziemlich schwer ist, weil man sich nicht komplett den Zwängen der Wirtschaft entziehen kann und gerade dann nicht, wenn man kaum etwas besitzt).

    Das soll nicht heißen, dass Spenden nicht nötig wären um den ärmsten der Armen ein Überleben zu sichern, aber es kann nur eine flankierende Maßnahme sein und nicht die Lösung.

  2. Griechenfan
    16. Juni 2012, 23:10 | #2

    @klon 2
    Vielen Dank. Ich hatte das als Kommentar geschrieben und nicht in der Absicht, dass dies hier daraus wird. Es kam einfach heraus, voellig unreflektiert. Manchmal ueberkommt mich einfach das nackte Elend, wenn ich die Fluechtlinge hier bettelnd, heruntergekommen sehe, meine Arbeit frueher. Und ich fuehle mich hilflos und machtlos. Moechte gerne etwas unternehmen und weiss nicht wie. In Deutschland hatte ich mehr Moeglichkeiten als hier. Das Anfangszitat war verfehlt, aber wie gesagt, sollte nur eine Antwort sein und nicht viel nachgedacht. Das Letztere unterstreiche ich voellig. Es kann nicht die Loesung sein und es sollte sichergestellt werden, Hilfe zur Eigenhilfe zu leisten.

  3. admin
    17. Juni 2012, 00:17 | #3

    Griechenfan :

    … hatte das als Kommentar geschrieben … kam einfach heraus, voellig unreflektiert…

    Genau das inspierierte dann wohl einen der Moderatoren, kurzerhand einen „Beitrag“ daraus zu machen …

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