Alexis Tsipras – das absolute Böse in Griechenland

5. Juni 2012 / Aufrufe: 930

Autor: Katerina Angelidaki

Niemals zuvor wurde so viel Gift und Galle gespuckt. Fast niemand – nicht einmal Politiker mit einem langen und extrem zweifelhaften politischen Werdegang – konzentrierte jemals so viel Raserei auf sich wie der Vorsitzende der (sogenannten „linksradikalen“) SYRIZA-Partei. Alle, „innerhalb und außerhalb der Mauern„, haben sich auf ihn gestürzt um ihn lebendig zu fressen.

Tsipras ist der Feind No. 1 des Vaterlandes. Solltet Ihr in wählen, sind wir ruiniert. Lasst Euch nicht einfallen, ihn zu wählen, er wird uns auslöschen.“ Einschüchterungen, Drohungen, Beleidigungen, Ironie, Verhöhnungen – gegen jemanden gerichtet, der neuerdings das absolute Böse im Land verkörpert.

Und ich frage mich: Ist es möglich, dass heutzutage ein einziger Mensch in der Lage ist, eine ganze Nation zu vernichten? Ja, natürlich. Sofern er Tsipras heißt. Ist es möglich, dass alle, die ihn mit einem solchen Hass beschimpfen, nicht daran denken, im selben Moment einen Super-Volkshelden und das potentielle Idol einer ganzen Gesellschaft aufzubauen? Ja, natürlich. Sofern sie zu dem politischen und medialen Establishment zählen, welches den Ball verloren hat und dem Gegner ein Beinchen zu stellen organisiert, um wieder das Spiel zu übernehmen.

Ich hatte beschlossen, mich in dieser Rubrik über keine Partei zu äußern. Und ich tue es wieder nicht. Ich spreche ausschließlich über das Niveau der Polemik gegen den Vorsitzenden der SYRIZA, verärgert, weil sich fast alle darauf eingeschossen haben, sich seiner als Sündenbock für den Zusammenbruch Griechenlands zu bedienen.

Also, nein! Kein Tsipras ist Schuld daran, dass wir dort angelangt sind, wo wir angelangt sind. Nicht Tsipras ist Schuld daran, dass unsere Politiker unfähig sind. Nicht Tsipras ist Schuld daran, dass keins der beiden Memoranden erfolgreich war. Tsipras hat auch keine Schuld an unserer kannibalischen politischen Kultur, die frisches Blut gewittert hat und unverschämt Menschen frisst.

Der Vorsitzende der SYRIZA ist natürlich streng für seine Strategie in dieser kritischen Stunde zu beurteilen. Auf keinen Fall darf jedoch das gehetzte griechische Volk in Bezug darauf eingeschüchtert werden, wem es seine Stimme geben wird. Es wird sie nach eigenem Gutdünken abgeben.

Das absolute Böse ist niemals ein einzelner Mensch. Wer auch nur eine antike Tragödie gelesen hat, weiß, dass niemand die persönliche Macht weder für den absoluten Ruhm noch die düsterste Katastrophe inne hat. Es sind Viele nötig, damit ein Land zerstört wird.

Das absolute Böse ist heute die fürchterliche Lage Griechenlands, das Werk vor allem jener, die es regierten. Bei allem anderen handelt es sich um Tricks und schändliche Vorwände.

(Quelle: To Pontiki)

KategorienMeinungen
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  1. Griechenfan
    5. Juni 2012, 11:37 | #1

    Vielen Dank fuer diesen Beitrag. Treffend formuliert

  2. Leser
    5. Juni 2012, 11:58 | #2

    So ganz unberechtigt ist die Hetze gegen Tsipras ja nicht. Denn was passiert wohl, wenn die Griechen den Spinner Tsipras wählt?

    1. Tsipras erklärt das „Memorandum“ für nichtig.
    2. Troika stopt die Zahlungen.
    3. Griechenland bedient keine Schulden mehr,
    4. Drachme wird neue griechische Währung
    5. Griechenland fliegt aus der EU
    6. Game over. Energieversorgung bricht zusammen. Selbst Güter wie Medikamente werden knapp. Wirtschaft bricht zusammen. Soziae Unruhen.

    Irgentwo zwischen 2. und 6. wird Tsipras vom Amt geputsch.

  3. Griechenlandfreund
    5. Juni 2012, 13:25 | #3

    Zu Meinung von „Leser“:
    1. Freuen Sie sich darauf, dass „Tsipras vom Amt geputscht“ wird?
    2. Nach Ihrer Logik ist „die Hetze gegen Tsipras“, wenn sie „so ganz unberechtigt“ nicht ist, berechtigt, also richtig, also vollkommen in Ordnung? Hetze ist in Ordnung?
    Sollte SYRIZA eine Regierung bilden können, wäre sie das Ergebnis von Wahlen. Sollte man Wahlentscheidungen nicht respektieren?

  4. Leser
    5. Juni 2012, 16:59 | #4

    Antworten zu #3
    -Wenn es dazu kommen muss, dass Tsipras vom Amt geputscht werden muss, dann wird kaum jemand in Europa wohl Grund zur Freude haben. Dann regiert totales Chaos in Griechenland.

    -ja vollkommen in Ordnung. Tsipras ist ein Spinner. Er selbst ist zwar vielleicht harmloser Träumer, aber was danach kommen wird, ist gefährlich.

  5. Konstantin
    6. Juni 2012, 10:50 | #5

    Die Hetze gegen Tsipras ist reine Propaganda. Nea Demokratia und Pasok, mal einzeln, mal im Wechsel und mal zusammen sind ganz alleine verantwortlich für die Situation in Griecheland.
    Sie haben die Politik zum Selbstbedienungsladen gemacht und alles ruiniert.
    Würde man diese Parteien wieder wählen, so würde Griechenland zwar weiter Kredite erhalten, aber auch Stückweise verkauft werden und am Ende wenn es nichts mehr zu verkaufen gibt, bricht alles zusammen. Diese beiden Parteien sind für die Zustände im Land verantwortlich.
    Ich glaube das Griechenland zusammenbrechen muss, damit sich da langfristig was zum positiven ändert. Die fehlenden Systeme oder die Systeme die nicht funktionieren, sind Hauptursache für das derzeitige Chaos.

  6. Mikka
    6. Juni 2012, 10:50 | #6

    Der Kommentar offenbart extrem eindrücklich die eklatante Ahnungslosigkeit der griechischen Bevölkerung sowie die schon ins Lächerliche abgleitende Fehleinschätzung der Lage !

    1. NIEMAND hat Tsipras als das absolute Böse bezeichnet (Ich habe jedenfalls noch keinen einzigen Artikel gelesen wo dies geschehen ist), sondern lediglich als das was er ist, ein Politischer Hasadeur, Paradiesvogel und Spinner !

    2. Wer SYRIZA wählt, wählt nicht TSIPRAS, sondern einen Sack voller Flöhe ! SYRIZA ist KEINE Partei sondern ein Konglomerat aus zig winzigen Splitterparteien. Tsipras hat dort gar nichts zu sagen, geschweige denn zu entscheiden. Er wird von den einzelnen Parteifürsten nur geduldet, weil er so schön grinsen und das griechische Volk mit holen Phrasen einlullen kann.

    3. Hier mal eine Aufstellung der Parteien und Gruppierungen, welchen die Griechen Ihre Zukunft in die Hände legen wollen:

    die Koalition der Linken, der Bewegungen und der Ökologie
    die eurokommunistische und ökologische Erneuernde Kommunistische und Ökologische Linke
    die sozialistische Demokratische Soziale Bewegung
    die trotzkistische Internationalistische Werktätige Linke
    die aus einer Abspaltung der KKE entstandene Bewegung für die vereinte Aktion der Linken
    die maoistische Kommunistische Organisation Griechenlands
    die trotzkistische Gruppe Rot
    die Wählervereinigung Aktive Bürger um Manolis Glezos.
    die links-ökologischen Ökosozialisten Griechenlands
    die linksradikale Roza
    die Antikapitalistische Politische Gruppe APO
    die Radikalen

    4. In Deutschland zerfleischt sich gerade die LINKE, da die Differenzen zwischen WASG und PDS unüberbrückbar sind, aber in Griechenland wird natürlich der Maoist mit dem Trotzkisten, dem Antikapitalisten, den Ökos und noch zig anderen Spinnern an einem Strang ziehen.

    5. Jemand der ankündigt die Rückzahlung von Geldern zu verweigern, welche er geliehen hat ist ein DIEB nichts weiter, und wenn ein Volk diesen zu Ihrem Präsidenten wählt, ist er ein „Präsident der Diebe“ und da lasse ich auch keine Pseudosozialistischen Phrasen gelten ! Länder wie die Slowakei, die nun wahrlich nicht im Reichtum schwelgen haben den Griechen Milliarden geliehen. und Der Griechische Ministerpräsident in spe kündigt an dieses Geld zu STEHLEN ! PFUI Teufel !!

    Nein, falls SYRIZA tatsächlich die Wahl gewinnt, dann Gute Nacht Griechenland. Schon am 18.6 werden die anfangen sich zu zerlegen.

    Und allen die denken „Es kann doch sowieso nicht mehr schlimmer werden“ kann ich nur sagen:

    Ihr habt ja keine Ahnung ! Die meisten Griechen heulen zwar viel rum, wissen aber auch jetzt noch nicht was Hunger bedeutet, was wahre Anarchie und gesellschaftlicher Verfall bedeutet !

  7. Holger Lippert
    6. Juni 2012, 11:15 | #7

    … endlich das längst fällige „SO NICHT“ in Sachen Tsipras. Denn was tut Tsipras anderes, als in der Not den Spieß umzudrehen? Die Hetze gegen ihn und noch mehr die betulichen „Wir-sind-gerüstet“-Gesten zeigen, dass Tsipras uns besser kennt, als wir ihn. Wir kennen nur seine Gegner – und die haben Dreck am Stecken …

  8. Heinz
    6. Juni 2012, 19:03 | #8

    @Konstantin

    Im Artikel steht Folgendes:

    „Das absolute Böse ist niemals ein einzelner Mensch. Wer auch nur eine antike Tragödie gelesen hat, weiß, dass niemand die persönliche Macht weder für den absoluten Ruhm noch die düsterste Katastrophe inne hat. Es sind Viele nötig, damit ein Land zerstört wird.“

    Dem kann doch Jeder zustimmen. Aber das heißt auch, dass genau so wenig Parteien allein ein Land zerstören können, auch einzelne Regierungen nicht. Beteiligt ist das gesamte Volk, denn es sind VIELE nötig.
    Es gab viele Vorteile für fast ALLE und diese Vorteile kosteten und kosteten. Es hat niemand interessiert, wo das Geld herkommen soll. Jetzt kommt der Zahltag.

    Und jetzt will es natürlich niemand gewesen sein.

    Wie die Dinge sich immer wiederholen. Wir Deutschen hatten diese Vergesslichkeit nach Hitler, denn keiner hatte ihn gewählt, trotz annähernd 100% Zustimmung bei den Wahlen. So war es in der DDR, so war es bei Berlusconi und so wird es nach Griechenland auch bei Nordkorea usw. sein. Die Menschen sind, wie sie sind.

  9. Manfred
    7. Juni 2012, 15:25 | #9

    Hallo,

    ich denke, die meisten hier unterschätzen Herrn Tsipras und seinen Einfluss in der Eurozone gewaltig, weil sie nicht verstehen, was er für eine Strategie verfolgt. Um diese zu verstehen, muss man sich nur das Wahlprogramm und seine Forderungen ansehen. Über einen Punkt schreibt kaum jemand, nämlich die Verstaatlichung der Banken. Was bedeutet das?

    Wenn die Syriza an die Macht kommt, wird sie als erstes die Banken und die Zentralbank verstaatlichen. Damit bekommt die Regierung die Kontrolle über den Geldschöpfungsprozess. Wenn die Syriza also die Schulden eliminiert bzw. neu verhandeln will und sie nicht das bekommt, was sie will, wird sie den Schuldendienst einstellen und im Falle des Ausbleibens europäischer Zahlungen die Defizite einfach mit der Druckerpresse finanzieren. Und zwar gegen den Willen der EZB. Aufgrund des dezentralen Zentralbanksystems kann jedes Land, wenn es vertragsbrüchig wird und es will, seine eigenen Euros drucken. Und genau aus diesem Grund will Tsipras unbedingt im Euro bleiben. Er hat erkannt, dass es in den EU-Verträgen keinerlei Möglichkeit gibt, dass man Griechenland aus dem Euro werfen kann. Und wenn sie nicht freiwillig gehen, können wir auf EU-Ebene gar nichts machen. Tsipras wird dann fett grinsend mit gedruckten Euros alle Defizite und Wahlversprechen finanzieren und wir bezahlen das mit einer erheblich höheren Inflation (und geballten Fäusten in der Tasche).

    Unsere politischen Eliten wissen das natürlich, sagen es dem Volk aber nicht, denn wenn die Deutschen wüssten, was Griechenland könnte, wenn es wollte, wäre der Volkszorn kaum mehr beherrschbar. Daher wird man das Sparpaket Griechenlands aufschnüren und ihm geben, was er will. Und die Griechen werden ihn bejubeln.

    Wird er mit diesem Trick auf Dauer durchkommen? Wenn die Eurozone Eier in der Hose hat, dann nicht. Es gibt nämlich eine Möglichkeit, um die Griechen doch loszuwerden. Wenn er diese Möglichkeit kennt, wird er eine Verhandlungslösung mit der Eurozone suchen. Das ist sowieso der wahrscheinlichste Fall.

  10. Ottfried Storz
    8. Juni 2012, 11:28 | #10

    Da die EU und EZB Hauptgläubiger von Griechenland ist, kann man das Land aus dem Euro rausdrängen. Zudem kann die EZB über die Annahme oder Nichtannahme von Sicherheiten Griechenland Kredite und neue Mittel verweigern. Die Finanzierung funktioniert über die „Emergency Liquidity Assistance“ oder kurz ELA genannt. Sie sind der Dispokredit einer Geschäftsbank bei ihrer nationalen Notenbank.

    Sollte Tspiras an die Macht kommen, wird dies sofort geschehen, da man sich von den 11 Mio Griechen nicht den Euro noch weiter herunter ziehen lassen wird. Das jedoch würde geschehen, wenn man Tsipras Politik (Wwiterer Schuldenschnitt, Einstellung Zins- und Tilgungszahlungen über das ohnehin vereinbarte Maß hinaus, kaum Privatisierungen, keine Einsparungen an Beamten) gewähren lassen würde.

  11. mazu
    8. Juni 2012, 12:55 | #11

    @ Ottfried
    sehe ich genauso; übrigens bist Du einer der wenigen, deren Kommentare Hand und Fuss haben; Like it, würde man wohl auf Facebook sagen

    Notfalls kapt man halt die elektronischen Schnittstellen von der griechsischen Zentralbank zur EZB, und erkennt die Euro-Noten mit dem ‚Y‘ nicht mehr an. Punkt. Game over for GR.
    Dann kann man mit den gr. Euros nur noch in GR zahlen.

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