Ärzte kehren Gesundheitssystem in Griechenland den Rücken

25. Juni 2012 / Aktualisiert: 12. August 2017 / Aufrufe: 2.007

Da in Griechenland immer weniger private Ärzte mit dem staatlichen Gesundheitssystem kooperieren, müssen gesetzlich Versicherte die Arztkosten zunehmend selbst tragen.

Mit der Hand im Portmonee befinden sich die gesetzlich Versicherten des Nationalen Trägers für Gesundheitsleistungen in Griechenland (EOPYY). Außer ihren Medikamenten sind sie nun immer häufiger aufgefordert, auch das Honorar der Ärzte zu entrichten, welche wegen unbezahlter Vergütungen ihre Verträge mit dem EOPYY kündigen bzw. erst gar keine Zusammenarbeit mit dem Träger eingehen.

Schätzungen zufolge ist das „Reservoir“ der 9,5 Mio. Versicherten zu Diensten stehenden privaten Ärzte von 5.000 auf ungefähr 4.000 geschrumpft, und der Präsident des Panhellenischen Ärzteverbands (PIS) Michalis Vlastarakos vertritt, die Ärzteschaft hege Vorbehalte bezüglich der Zukunft der neuen Gesundheitskasse. Der Ärzteverband hat sogar davor gewarnt, zu Klagen und Sicherungsmaßnahmen nebst Pfändung von Vermögensteilen des Organismus zu schreiten, wenn die mit dem EOPYY liierten Ärzte nicht bezahlt werden.

Diejenigen, die letztendlich sowohl im wörtlichen als auch übertragenen Sinn die Zeche zahlen, sind auch in diesem Fall die Millionen Versicherten, deren Belastungsgrenzen jedes Mal getestet werden, wenn sie in ihrem Gebiet einen Arzt mit einem freien Termin zu finden versuchen. Häufig erinnert dieses Verfahren wegen des Plafonds bei den Arztbesuchen, die pro Arzt wöchentlich nicht mehr als 50 überschreiten dürfen, an eine … unmögliche Mission.

Lücken im Gesundheitssystem zwingen Versicherte in private Arztpraxen

Das Problem spannt sich noch mehr an wegen der Lücken auf der „Gesundheitskarte“ sowohl in Attika als auch den Peripherien bei konkreten Fachgebieten. Aufzeigend ist, dass es in großen Gemeinden wie Agia Paraskevi und Cholargos nicht einen einzigen mit dem neuen Gesundheitsträger kooperierenden Kinderarzt gibt. Entsprechend ist in dem Allgemeinen Krankenhaus – Gesundheitszentrum Kyparissia mangels Ärzten die Hals-Nasen-Ohrenpraxis außer Betrieb. Folglich ist für die Anwohner des Gebietes, aber auch Touristen der Weg in die Praxis des einzigen privaten Hals-Nasen-Ohrenarztes eine Einbahnstraße.

Gerasimos Voudouris, Präsident des Gesundheitsträgers, spricht bezüglich der Kooperations-Verweigerung der Ärzte von einem Ärzte-Kartell. Aufzeigend führt er das Beispiel der Stadt Drama in Nordostgriechenland an, wo keiner der vier frei praktizierenden Kinderärzte eine Zusammenarbeit akzeptierte. All dies hat zur Folge, dass die – im übrigen (gesetzlich Pflicht-) „Versicherten“ – analog zu dem nicht liierten Arzt für Praxisbesuche 30 – 40 Euro zahlen müssen. Immerhin sind auch die nicht mit dem EOPYY kooperierenden Ärzte berechtigt, Rezepte auszustellen, welche mittels des EOPYY auszuführen sind – womit also die Patienten für Medikamente die Selbstbeteiligung zahlen, sofern es sich natürlich um die immer weniger werdenden „verschreibungsfähigen“ Medikamente handelt und sie eine Apotheke finden, welche das Rezept über die Kasse abzuwickeln bereit ist.

Wie Herr Voudouris erklärt, wird in diesem Rahmen die Möglichkeit untersucht, die „unrentablen“, sprich jene Positionen zu prämieren, die nicht von konkreten Fachbereichen abgedeckt wurden. Zusätzlich könnte das Reservoir der Ärzte vergrößert werden, wenn die Einstellungen der zusätzlichen 5.000 Ärzte realisiert worden wären, die wegen der ausgedehnten Wahlkampperiode eingefroren worden sind. Bezüglich des Ausscheidens der Ärzte aus dem EOPYY fügt er jedoch an, dass die Anzahl der ausscheidenden Ärzte sehr viel geringer sei – er selbst habe in letzter Zeit Genehmigungen für gerade einmal 40 Ausscheidungen unterschrieben – und spricht von einem Trick der Ärzte, um ihr Honorar sofort von den Versicherten zu erhalten: sie behaupten, nicht mit dem EOPYY zusammenzuarbeiten, und werden sofort bezahlt.

Kassen schulden Ärzten weit über eine halbe Milliarde Euro

Es ist jedenfalls Tatsache, dass die Ärzte Verluste von 550 Mio. Euro verzeichnen – wobei es sich um die Verbindlichkeiten der Versicherungsträger bis einschließlich November 2011 handelt -, für die sie zwar besteuert worden sind, ohne jedoch das Geld jemals erhalten zu haben. Die Verzögerungen für das laufende Jahr bei der Begleichung der Arztbesuche, aber auch das „schwarze Loch“ des EOPYY geben ihnen zusätzlich zu denken. Beispielhaft ist der Fall des Kinderarztes Antonis Kontos, dem die im vergangenen Jahr in den EOPYY eingegliederte Kasse des Öffentlichen Dienstes 57.000 Euro schuldet. „Neulich wurde mir mitgeteilt, dass 4.000 Euro genehmigt wurden, die jedoch trotzdem nicht auf mein Konto überwiesen wurden. Die erhaltene Antwort war, dass der Betrag letztendlich für die Zahlung von Renten gebunden wurde.

Die niedrige Vergütung (10 Euro brutto pro Patient) ist ein zusätzlicher Grund, der die Ärzte dazu führt, der neuen Kasse die Tür zu schließen. Jedoch verlangen üblicherweise auch jene, die in den Listen der kooperierenden Ärzte enthalten sind, für die ärztlichen Handlungen von den Patienten bezahlt zu werden. Somit entgehen beispielsweise die Patienten den 10 Euro für den Praxisbesuch des Hals-Nasen-Ohrenarztes, zahlen jedoch aus eigener Tasche die 30 Euro für einen Hörtest, dem sie unterzogen wurden. Entsprechend fordert der Kardiologe wenigstens 50 Euro für eine Triplexsonographie oder einen Belastungstest, welchen Betrag die Versicherten niemals von ihrem Versicherungsträger erstattet bekommen werden.

(Quelle: Ta Nea)

  1. Athanasios Papapostolou
    25. Juni 2012, 11:46 | #1

    Die Headline „Ärzte kehren Gesundheitssystem in Griechenland den Rücken!“ ist doch wohl ein schlechter Witz. Griechische Ärzte haben nie etwas anderes getan als dem griechischen „Gesundheitssystem“ den Rücken gekehrt. Wer schonmal in einer griechischen Arztpraxis oder in einem Krankenhaus war wird schnell feststellen dass ohne „Fakelaki“ nichts funktioniert. Denn griechische Ärzte gehören, zumindest für mich, zum erbärmlichen Bodensatz der griechischen Gesellschaft. Darüber hinaus finde ich es bizarr dass bis heute niemand das Thema Korruption in den Mittelpunkt des politischen Diskurses stellt. Dabei ist die Korruption das mit Abstand grösste Problem Griechenlands. Alles andere resultiert genau daraus.

  2. Schnittlauch
    25. Juni 2012, 14:17 | #2

    Hallo Athanasios,
    manchmal kann ich bestimmte sachen irgendwie nicht nachvollziehen, oder frage mich woran das liegt… ob eventuell die aerzte von bestimmten leuten den umschlag verlangen und von anderen nicht.

    Ich jedenfalls bin versichert bei der OAEE und werde bis heute von allen aerzten ohne probleme mit sofortiger Terminvergabe (immer am selben tag oder am naechsten) ausgezeichnet behandelt.

    Ich wurde auch 2x im Krankenhaus ohne vorzeigen einer versicherung ausgezeichnet behandelt.

    Ich spreche fuer den Bereich Athen Centre.

    Woher kommst du?

  3. Helmut K.
    25. Juni 2012, 17:15 | #3

    Wer in den vergangenen 20 Jahren als Arzt immer gut verdient hat, der sollte im Notfall, wie er jetzt in Griechenland anzutreffen ist, sich an den Eid des Hippokrates erinnern und nicht nur seine Verwandten, sondern auch hilfsbedürftige andere Menschen in diesen Eid einbeziehen.

  4. V99 %
    25. Juni 2012, 20:29 | #4

    Das Thema ist nicht einfach differenziert zu behandeln. Mir ist es nicht verstaendlich, wie ein Staat weiterhin Milliarden in eine ueberfettete Armee und eine ueberfettete Verwaltung investiert, waehrend die Gesundheitsversorgung der Bevoelkerung kollabiert. Die Kassenaerzte, die fuer ihr Geld gearbeitet haben, haben auch ein Recht darauf bezahlt zu werden. Was die Fakelaki-Mafia und die Systemtrickser angeht („sie behaupten, nicht mit dem EOPYY zusammenzuarbeiten, und werden sofort bezahlt.“ Von wem eigentlich? Von den Patienten?), von denen wuerde ich es holen und in das Gesundheitssystem zurueckfuehren! Aber was soll das Gerede, Samaras und Rapanas sind ja erstmal selber Krankgeschrieben, und werden bestimmt von ihren Kassenaerzten gut versorgt 😀

  5. Griechenfan
    25. Juni 2012, 23:07 | #5

    @Helmut K.
    Papperlapapp. Hier helfen die Aerzte im Notfall, und warum wohl? Hippokrates. Ich weiss nicht, was hier los ist? Freunde von mir sind nicht versichert und werden trotzdem behandelt. Klar, dieses Land steht unter einer grossen Belastungsprobe. Kein Wunder. Es sind oft so grosse Toene mit grossem Echo. Das Echo schallt zurueck.

  6. Sauerfrau
    25. Juni 2012, 23:48 | #6

    @Athanasios Papapostolou
    Ich vermute mal, dass Sie Grieche sind, dem Namen nach. Und da Sie so gut Deutsch schreiben, vermute ich mal, dass sie entweder in Deutschland studiert haben oder dort leben und arbeiten.

    Ich moechte hier mal betonen, dass ich noch nie so gute Aerzte wie in Griechenland erlebt habe. Kein deutscher Arzt nimmt sich diese Zeit! Ich habe noch niemals hier ein Fakelaki rueberreichen muessen. In Deutschland ist Mensch eine Nummer. Bitte in Kabine 1, oder Kabine 2. Schnell abgehandelt, kommt darauf an, wie mensch versichert ist.

    Ich hatte immer so viel Aerger bei den Zahnaerzten. Fehlbehandlungen und viel Schmerzen. Ich habe noch nie so gute Zahnaerzte wie hier erlebt. Punkt und Basta! Keine Sprechstundenhilfen, es klappt auch so. Die Arztunterlagen muss mensch selbst sammeln. Klasse. Nach einer Fehlbehandlung in Deutschland musste ich auf Arztunterlagen klagen, die dann ploetzlich verloren waren. Hier habe ich sie, als Patient.

    Ein Kummer sind die Krankenhaeuser. Nicht vergleichbar und schlimm im Moment die Situation. Da muessen Patienten lange warten und greifen verzweifelt zu einem Fakelaki. Dann frage ich mich … koennen da nicht Deutschland oder andere Laender helfen? Da gibt es doch keinen Krankenhausnotstand. Sind wir in der EU oder nicht? Und kann es sein, dass die Aerzte in den staatlichen Kliniken nicht genug Geld erhalten haben und sich nur ueber Fakelakia aufrecht erhalten konnten? Bitte nicht falsch verstehen … ich bin im Prinzip dagegen, aber denke auch weiter. Es ist ein Rad, das sich dreht. Hilfeleistungen innerhalb der EU koennen auch noch anders aussehen, indem sie Kranke aus Griechenland, demnaechst aus Spanien, Portugal und anderen Laendern aufnehmen. Das waere doch mal eine Hilfsbereitschaft, anstatt die Banken wieder aufzupolieren. Aber klar, das geht nicht, weil es nicht darum geht dem „Menschen“ zu helfen. Das geht dann, wenn es Kriege gibt, Opfer und ein Image gehalten werden muss. Oder … welche Interessen muessen geschuetzt werden … wenn es um „Macht“ – „Oel“ – „Kapital“ geht, geht Alles. Dann werden Menschen skrupelos gefoltert, ermordet und hingerichtet. Es werden Feindbilder erschaffen, die nicht existieren. So wie es im Kleinen hier schon in diesem Blog existiert. He Leute, was geht ab. Macht Euch stark fuer eine Hilfe gegenseitig. Und wappnet Euch, egal wo Ihr lebt und arbeitet fuer die gleiche Situation, wie sie nun in Griechenland herrscht. Es geht doch darum, eine gemeinsame Loesung zu finden. Wie koennen wir kleinen Leute eine Loesung finden. Die Antwort ist: „Nicht aufgeben zu nerven“ Nicht aufgeben zu demonstrieren“. Nicht aufgeben „Mensch zu sein“ und „Teilen“ was wir haben. Hebt doch in allen Laendern der Welt Euere Sparguthaben ab, zeigt den Banken, dass sie keine Macht haben. Und gleichermassen denke ich, dass ich keine blasse Ahnung von diesem Scheiss habe. Es war mir immer so fremd … so bin ich nicht gross geworden. Banken, Aktien, Schiebereien und … dass Menschen davon leben, den Reichtum der Menschen zu vergroessern, je nach Kurs, oder verkleinern. Banker, in ihren edlen Anzuegen, mit Krawatten (das gefaellt mir hier in Griechenland, die laufen sogar in Jeans und T-Shirt rum). Das kann nicht rechtens sein. Es dient nicht dem Allgemeinwohl und nicht uns Menschen, es sei denn, wir gehoeren zu der Elite. Ich betone: Ich bin keine Kommunistin … wohl aber … und immer nur ein „Mensch“! Hier in Griechenland ist nicht alles immer „nur Scheisse“. Es gibt so viel „Gutes“ – „Liebenswertes“ – und … „ich bin nicht ohne Kritik“ aber … das war ich in Deutschland auch nicht.

  7. Sauerfrau
    26. Juni 2012, 00:03 | #7

    @Schnittlauch
    Danke, genauso habe ich es erfahren. Aber ich denke auch, dass es sich um Notfaelle handelt und lange Wartelisten und ich denke, dass je nach Krankenhaus die Aerzte auch nicht die Entlohnung bekommen, wie in Deutschland. Es kann sehr chaotisch sein. Ich weiss das von einer Freundin, die Krebs hat. Viele Telefonate, viele Freunde, viele Nervereien und nicht aufgeben. Und das in einer Situation, wo es um Leben oder Tod geht. Ausserdem muss mensch hier immer Freunde haben, die „einen“ pflegen. Wir „Auslaender“ sind eben nicht so gut ausgestatt, wie oftmals in den griechischen Familien. Und verwoehnt von Deutschland, obwohl es so toll da auch nicht sein soll. Aber zumindest hat man da ein sauberes Laken und wird von der Krankenschwester versorgt. So empfinden es jedenfall viele in diesem Land. Ich persoenlich schlafe gerne in einem schlechtem Laken, wenn ich weiss, dass ich gut operativ behandelt wurde. Beides waere noch Schoener, aber das ist viel verlangt bei diesen leeren Kassen. Danke fuer den Beitrag, es hat mir gut getan.

  8. Odysséas Oplítis
    26. Juni 2012, 00:08 | #8

    Die niedrige Vergütung (10 Euro brutto pro Patient) ist ein zusätzlicher Grund, der die Ärzte dazu führt, der neuen Kasse die Tür zu schließen.

    Nur als Info: Ein deutscher Hausarzt erhält 32 € pro Patient und Quartal, egal wie häufig der Patient in seiner Praxis aufläuft.

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