Griechenland, Ostern und der Fluch der Schokoladeneier

6. April 2012 / Aufrufe: 844

Menschen in – und im übrigen natürlich nicht nur – Griechenland, die auf der Ladefläche von Lastwagen vorfahren, sind nicht berechtigt, sich an Schokolade satt zu essen.

Dimitris Kampourakis wurde 1961 in der Stadt Chania auf Kreta in Griechenland geboren, lebt seit 1978 in Athen und absolvierte an der Wirtschaftsuniversität Athen (Οικονομικό Πανεπιστήμιο Αθηνών) das Studium der Wirtschaftswissenschaft. Seit 1986 verdient er sich seinen Lebensunterhalt, indem er als Journalist bei Zeitungen, Magazinen, Radiosendern und Fernsehstationen arbeitet, wie derzeit als (Ko-) Moderator des populären Morgenmagazins des Senders MEGA. Er ist Autor von sechs Büchern, drei geschichtlichen und drei Romanen. Sein Nachruf ist ihm völlig gleichgültig.

Ein neulich auf dem Portal Protagon.gr publizierter Beitrag von Dimitris Kampourakis wird nachstehend in deutscher Übersetzung wiedergegeben.

Verfluchte Eier

In jeder Karwoche brachte mein Vater ein Schokoladen-Ei nach Hause, eingewickelt in rotes Glanzpapier. Meine Mutter platzierte es an einer gut sichtbaren Stelle in ihrem altmodischen Büfett, und mein Bruder und ich saßen stundenlang darunter und schauten es an. Es war ein mittelgroßes Osterei, in den Schaufenstern der Konditoreien sahen wir immer viel größere Eier. Für zwei im Wachstum befindliche Jungen wie uns wäre es drei Bissen gewesen, jedoch konnte unser Vater mit seinen ärmlichen Mitteln nur dieses kaufen, also war dies unser Schatz.

Bis zum Ostersonntag blieb es im Büfett, weil wir während der Karwoche fasteten. Dann zerbrachen wir es, teilten es gerecht in Hälften und aßen es auf eine solche Weise, dass es tagelang anhielt. Wir kauten es nicht gierig, wie es uns unser Trieb drängte, sondern sorgten dafür, jedes Mal nur kleine Stücke der bitteren Schokolade in den Mund zu nehmen und den Genuss zu verlängern, indem wir sie genussreich am Gaumen schmelzen ließen. Das war unser Osterglück.

Als ich in die sechste Klasse der Hauptschule ging, fand sich unsere ganze Familie zu Ostern in Athen wieder, weil es ein gesundheitliches Problem zu bewältigen gab. Wir wurden von einem Verwandten beherbergt, der in – wie damals genannt – Nea Losia wohnte. Ich erinnere mich auch noch an den Namen der Straße, Tritis Orinis Taxiarchias. Am zweiten oder dritten Ostertag beschloss unser Gastgeber, uns mit seinem Kleinlastwagen spazieren zu fahren, damit auch wir etwas von der Landeshauptstadt zu sehen bekommen. „Wir werden nach Parnitha herauffahren, zum (Kasino) Mont Parnes“, sagten sie uns. „Es ist ein Ort, zu dem nur die sehr Reichen fahren.“ Ich hatte von dem Mont Parnes nie gehört, fragte mich jedoch, wie wohl ein Ort ist, an dem nur die ganz Reichen verkehren.

Drehtüren und gigantische Schokoladeneier

Die Erwachsenen zwängten sich in das Führerhaus des Lastwagens, wir Kinder stiegen auf die Ladefläche, in Gesellschaft mit Hobelspänen und ein paar halbfertigen Türen und Fenstern. Als wir bei dem Mont Parnes ankamen und ich von der Ladefläche sprang, war das erste, was mich beeindruckte, eine sonderbare Glastür im Eingang des palastartigen Gebäudes, die sich – anstatt sich zu öffnen und zu schließen – um ihre Achse drehte. Man ging in eine der durchsichtigen Kammern hinein, und sie brachte dich von allein in das Innere des Mont Parnes, das sich damals in seiner Glanzzeit befand. Ich hatte noch nie in meinem Leben eine Drehtür gesehen.

Wir zwängten uns alle zusammen hinein und schafften es, einzutreten. Und plötzlich, in der Mitte eines luxuriösesten grenzenlosen Raums, erschienen vor meinen verblüfften Augen zwei riesige Ostereier aus Schokolade. Sie waren höher als ich, und um ihren dicken Umfang umspannen zu können, hätten mein Bruder und ich uns sicherlich an den Händen fassen müssen.

Sie standen da, aufrecht und stolz, umrahmt von einem auf vier goldene Pfähle gestützten grauen Seil, als ob es sich um ein Denkmal für Kriegsgefallene handeln würde. Ihr Schokoladengeruch stieg mir in die Nase. Ich betrachtete sie sprachlos. Es war die Verkörperung des Überflusses, die Definition des grenzenlosen Genusses, der absolute Umsturz jeder Bedeutung der Einschränkung und Selbstbeherrschung. Es war der Reichtum höchstpersönlich.

Ich trat mit glotzenden Augen zwei Schritte auf sie zu, jedoch pflanzte sich in diesem Moment ein langer Herr in einer litzenbesetzten Uniform vor mir auf. Er blickte kühl auf die Schar der Hungerleider, die es gewagt hatte, in das Sanktuarium einzudringen, und forderte sie gebieterisch auf, umgehend zu verschwinden, da der Zugang „nur Mitgliedern“ gestattet sei.

Schokoladeneier sind nur für die Superreichen

Während der Rückfahrt malte ich mir ein Bild von den Plätzen aus, an denen die Superreichen verkehren. Sie haben kristallene Drehtüren, welche dich von allein in Gärten mit gigantischen Schokoladeneiern bringen. Du willst krankhaft diese dunklen Berge des Genusses umarmen, in ihnen schmelzen, eins mit ihnen werden. Und beginnen, sie – sozusagen – gierig zu verschlingen, nicht nur mit Deinem kleinen Mund, der nicht ausreicht, sondern mit allen nach der dunklen Befriedigung hungernden Poren Deines Körpers. Dies willst Du mit der ganzen Kraft Deiner Seele, wenn Du Dich dort wiederfindest, wohin nur die ganz Reichen gehen.

Sie lassen Dich jedoch nicht einmal näher treten. Weil in diesem Leben alle, die auf der Ladefläche eines Lastwagens ankommen und wegfahren, nicht berechtigt sind, sich an Schokolade satt zu essen.

(Quelle: Protagon)

  1. Holger Lippert
    6. April 2012, 19:41 | #1

    …nur wer selbst – bei mir waren es gegossene Zucker-Osterhasen- nur wer diese gelben, grünen und roten Hasen hinterm Fenster des Bäckerladens glänzen sah – hoffnungslos, mit einem warmgedrueckten Zehnerl in der Hand -, der weiß, was dieses Schokoldaden-Ostereier-Kind und sein Bruder leiden mussten …

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